29. Juli 2022 | Blog Bestandsgeschichten | Joachim Eberhardt

Lola auf der Tribüne – mit und ohne Bart

Fundstück: Georg Weerth landete bekanntlich im Gefängnis für die Frechheit seines auf den Fürsten Lichnowsky gemünzten Schnapphahnski-Romans. Im Bestand unserer Weerth-Sammlung ist eine bekannte Karikatur Lichnowskys, die “Lola auf der Tribüne” betitelt ist und Lichnowsky als Lola Montez mit Peitsche und Hermelinmantel zeigt. Da Lichnowsky einen markanten Bart hat, ist er recht gut zu erkennen.

Hier sind ein Porträt Lichnowskys und die genannte Karikatur.

Unsere Fassung der Karikatur scheint eine weitere Bearbeitung zu sein, denn sie zeigt Lichnowsky halbrechts vor dem Pult stehend. Mithilfe einer Bildersuche findet man jedoch schnell, z.B. hier bei den Kolleg*innen der British Library, die spiegelverkehrte Fassung. Dass in beiden Fällen auf dem Rednerpult ohne Mühe der Zettel mit der Beschriftung “hat kein Datum nicht” zu lesen ist, zeigt, dass es sich tatsächlich um zwei verschiedene Fassungen desselben Motivs handelt (statt z.B. einer spiegelverkehrten Wiedergabe).

Zu meiner Überraschung fand ich beim weiteren Einarbeiten von Grafiken aus der Freiligrath-Sammlung in die Bilddatenbank, dass wir noch eine Fassung der Karikatur besitzen:

“Lola auf der Tribüne”, Karikatur, FrS B 40a, 164

Nur dass Lola hier keinen Bart trägt und damit nicht ohne weiteres als Fürst von Lichnowsky zu erkennen ist. Die Karikatur hat aber das gleiche Setting mit dem Rednerpult und den gleichen Titel “Lola auf der Tribüne”. Ist hier noch jemand anders gemeint?

In der Online-Sammlung des Wien-Museums scheint man sich entschieden zu haben, dass es sich trotz glatter Rasur um Lichnowsky handelt. (Im Bayerischen Literaturportal hingegen, wo man eine Fassung der Karikatur aus dem Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek zeigt, scheint man ohnehin der Meinung, dass es sich in der gezeigten Person um einen Bayern handeln muss.)


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