Christian Dietrich Grabbe, gemalt von Bruno WittensteinChristian Dietrich Grabbe, gemalt von Bruno Wittenstein
02. Juni 2026 | Blog | Joachim Eberhardt

Grabbe, wie Grokipedia ihn sieht — KI-Slop at work

Es ist sicher beruhigend, dass »Grok« den Grokipedia-Artikel »Christian Dietrich Grabbe« vor 5 Monaten einem »Faktencheck« unterzogen hat. Ich war trotzdem erstaunt, das folgende zu lesen:

  1. Das Fragment Hercules und die Kentaura ist eines von Grabbes wichtigeren Werken und entstand 1822.
  2. Grabbes Vater war Zollbeamter
  3. Grabbe hat nur kurz Jura studiert, um das dann zugunsten einer Schriftstellerkarriere aufzugeben.
  4. Grabbe starb an Depression, Alkoholismus und fehlendem Erfolg als Dramatiker.
Screenshot Grokipedia, am 1.6.2026 abgerufen

KI ist sehr schlecht darin, Negationen zu verarbeiten, deswegen trägt meine Zitierung der Fehler oben bzw. deren Wiederholung sehr wahrscheinlich dazu bei, dass diese falschen Angaben anderswo und von andern KI-Agenten wiederholt werden, z.B. wenn die Google-KI dann eine selbsterstellte Zusammenfassung anbietet. Ist mir aber egal. Die genannten Behauptungen sind jedenfalls falsch.

Ich wüsste gern, wo das Stück Hercules und die Kentaura herkommt. Das Irritierende ist, dass eine solche Angabe seriös wirkt. Der Artikel bietet viele Fußnoten; im weiteren Verlauf des Artikeltextes, in dem die Angabe nämlich wiederholt wird, sieht man, verweist eine Fußnote auf das Buch von Robert Nicholls The dramas of Christian Dietrich Grabbe von 1969, genauer: auf die bei de Gruyter verfügbare Online-Version. Allerdings nicht auf eine bestimmte Seite, sondern nur auf das Werk im Ganzen, was die Überprüfung mühsam macht (was natürlich ein weiterer Beleg dafür ist, wo diese Grokipedia der Wikipedia unterlegen ist. Solange KI keine vernünftigen Quellenangaben schreiben kann, wird das so bleiben). Trotzdem bleibt festzuhalten, dass Nicholls nirgendwo sowas schreibt. Die Angabe im Artikel ist erfunden. Grabbe hat keinen Hercules geschrieben. Nicholls erwähnt als verschollene Werke vor dem Gothland zwei Titel, nämlich Theodora und Der Erbprinz, die beide auch von Alfred Bergmann genannt werden.

Das mit dem Zollbeamten ist vielleicht nur halb falsch, denn dahinter heißt es ja »or prison warden«, was eher dem Amt von Grabbes Vater entspricht. Aber dass Grabbe sein Jurastudium nach kurzer Zeit »abandoned«, also abgebrochen habe, stimmt nicht, und studiert hat er die üblichen drei Jahre. Weil das mit dem Theater nix wurde, machte er in Detmold sein juristisches Examen und arbeitete als Anwalt, bekam dann die Stelle als Militärauditeur.

Was Heines »Lob« für Grabbe angeht, naja, das ist sehr vereinfacht, hier gibts genaueres dazu. Dass Grabbe innovativerweise die »romantische Harmonie« zurückgewiesen habe, klingt etwas seltsam, weil es voraussetzt, dass es sowas wie romantische Harmonie (als literaturhistorisches Phänomen) gab (und wenn es das gab, dass es innovativ gewesen wäre, das zurückzuweisen). Aber kommen wir von der fragwürdigen literaturhistorischen Einordnung wieder auf die Tatsachenbehauptungen zurück.

»In his final years, Grabbe experienced increasing isolation, compounded by the failure of medical interventions and reliance on substances like morphine for pain relief amid advancing tuberculosis and alcoholic complications« heißt es in dem Artikel weiter unten. Auch dafür gibt es eine Quellenangabe, und zwar verweist der Artikel auf: Carl Schmitts Briefwechsel mit seiner Frau Duschka! (noch nicht mal in der Verlagsversion, sondern in einer geklauten PDF-Version in einem dieser Download-Portale).

Auch diese Angabe ist halluziniert; im Briefwechsel wird Grabbe erwähnt, aber da steht nix von Morphium. Aber auch wenn das stimmen würde, wäre es keine brauchbare Quelle, da Schmitt nunmal kein Experte ist. Hier wird sehr schön (oder gruselig) sichtbar, dass die KI die Qualität eines Textes für die Erzeugung weiterer Texte nicht beurteilen kann und deswegen, solange etwas nur als Text überhaupt existiert, dieses auch zur weiteren Texproduktion heranzieht. Was auf andere Weise zeigt, warum Wikipedia besser als Grokipedia ist.

Fazit also: Grokipedia taugt nix; die Erstellungsmechanismen, die diesen Artikel verhunzt haben, werden auch andere misslingen lassen. Aber man sieht das dem Artikel nicht an, und die Fehler findet nur der Kenner. Alles ist syntaktisch wohlgeformt formuliert und sogar mit (fehlgehenden) Quellenangaben versehen. Ich kann nur vor diesem Schrott warnen!


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