23. Februar 2024 | Blog | Joachim Eberhardt

Ein später Brief der Malwida von Meysenbug

Mitte Mai 2021 hatten wir bei einer Auktion unter anderem ein kleines Konvolut von Schriftstücken aus der Hand Malwida von Meysenbugs erworben. Darüber berichte ich →hier. Das Konvolut haben wir mit der Signatur Autogr 534 in den Bestand aufgenommen und auch in den Digitalen Sammlungen an dieser Stelle sichtbar gemacht. Das Konvolut stammte aus dem Besitz von Dr. Franziska Heyde, einer Ururenkelin der Fanny Birkenruth, an welche Malwidas adressiert waren. In der Folge entstand auch ein freundlicher Kontakt zu Frau Heyde. Frau Heyde hat übrigens die Biographie ihrer Ururgroßmutter in einem lesenswerten Buch dargestellt.

Kürzlich hat mir Frau Heyde geschrieben mit einigen Erläuterungen zu dem Konvolut, insbesondere zu dem von uns als »Autogr 534, Beilage 4« bezeichneten Billet, das sich damit als eigenständiges Billet herausstellt. Die digitale Darstellung beginnt hier:

https://digitale-sammlungen.llb-detmold.de/llb_transkript/content/pageview/8448012

(Durch Klick auf Textsymbol über dem Bild kann man sich eine Transkription anzeigen lassen.)

Ich gebe nachfolgend einmal die vier Seiten in zeilengenauer Transkription wieder, ergänzt um die Erläuterungen von Frau Heyde. Einige Wörter sind am Ende erläutert. Bemerkenswert ist auch die späte Datierung auf Oktober 1902, die sich aus einer Textzeile auf der vierten Seite ergibt.

Mittwoch
Noch einmal 2 Bitten an
Eu. Exzellenz übermenschliche
Güte:
1.) Einliegendes von Nast, wenn
noch Consul, beglaubigen zu
lassen. Auf’s Datum kommt es
hierbei nicht an, nur Okt. Und
bitte es mir dann aufzuheben
bis ich komme.
2.) Noch einmal in die Polveriera
zu gehen u. zwar in das Zimmer

|

des Mädchens um zu sehen
wie es mit dem Bett bestellt
ist. Natürlich muss es ein anständiges Bett sein, aber
doch nicht gerade die besten
Matrazen u. 2 oder gar 3,
wie die holde Lisetta sich auf-
gethürmt hatte.
Ferner der Giovanna (die
nicht lesen kann) zu sagen
dass sie Sonnabend Brodo
machen soll, ein gebratenes

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Huhn und Kartoffeln. Sie
muss gleich Carbone in’s Haus
bringen lassen, da man das doch
alsbald braucht. Auch die Lampen
bereiten für den Abend.

Leider geht jetzt nur 1 Express
4 Uhr Nachmittag u. so werden
wir erst um 6 ungefähr nach
Haus kommen, also das Essen
spät gegen 7.

Auch müsste Dawino mit
einem Karren an der Bahn

|

sein um Rollstuhl etc. in Empfang
zu nehmen.

Unverschämt aber ehrlich diese
Sovrana!

Was sagen Sie zu Zola?

Wetter düster, Meer toll, Aus-
länder der furchbaren Catas-
trophe in Sicilien!

Sehne mich zur Ruhe in mein
kleines Heim.

Mit 4 Millionen Dank und
auf Wiedersehen
Sovrana

Frau Heyde erläutert:

Mittwoch: Dieser Brief hatte einen Zettelvermerk meiner Großmutter: „Letzter Brief M.v.M.“, er ist nicht mehr in Sütterlin Schrift verfasst, zeigt aber deutlich Malwidas bekannten Schrifttypus und stammt vermutlich vom Oktober 1902. Die Monatsangabe Okt. steht unter 1.). Die Jahresangabe ist aus dem Hinweis auf Zolas plötzlichen unerwarteten Tod am 29.September 1902 rekonstruierbar.

Die Anrede „Eu.[ Euer] Eccelenz“ ist eine Anrede, die Malwida für Fanny ab Mitte der 90iger Jahre bis zum Schluss, damit auch in ihrem letzten Brief an sie, verwendete. Eccelenza war der Titel, den sie Fanny als ihrer „Finanzministerin“ gegeben hatte, wodurch Fanny sozusagen eine Stufe höher in der Anerkennungsleiter aufgestiegen war. Zuvor hatte Malwida sie mit dem „Epitheton“ „La fioraia“ d.h. Blumenbinderin, Blumenhändlerin, Floristin als Dank für die Blumensträuße betitelt, die Fanny ihr aus der „Campagna, dem Park der Villa Borghese und dem Park der Villa Pamphili“ (an der Via Aurelia Antica gelegen) mitzubringen pflegte.

„Nast“, Adolf von Nast-Kolb (1839-1921), war seit 1858 als Adolf Nast bei seinem kinderlosen Onkel, Karl von Kolb in Rom, Bruder seiner Mutter Henriette Nast, in dessen Bank als Bankier tätig. Nach dessen Tod 1869 übernahm er diese Banca Nast. Er ließ im geänderten Firmennamen Nast-Kolb & Schumacher den Namen des Firmengründers mitbestehen. 1915 im 1.WK wurde die Bank vom italienischen Staat beschlagnahmt und 1916 aufgelöst, die Familie nie entschädigt. Bis dahin war sie die größte Privatbank Roms gewesen. Von ihrer Sommerfrische 1915 in Tölz kehrten die Nast-Kolbs nie mehr in ihr römisches Leben zurück. Von seinem Onkel hatte er auch das Amt des württembergischen Konsuls übernommen und war zudem von 1864 bis 1902 Konsul des Deutschen Reiches in Rom, d.h. im Herbst 1902 dürfe er für Malwida noch zur Verfügung gestanden haben. Seine Frau, Elisabeth von Nast-Kolb (1843-1829) mit der er seit ihrer Heirat 1870 in Rom lebte, war übrigens Gründungsmitglied 1885 des evangelischer Frauenvereins Roms unter Pfr. Roenneke viele Jahre Vorsitzende und jahrelang prägend das Herz des ev. Frauenvereins (s. 124 Jubiläumsschrift S. 66/ S. 94). In dem Fanny in ihren letzten Lebensjahren aktives Mitglied gewesen war und in diesen aristokratischen Kreisen verkehrt hatte. Roennecke war übrigen verheiratet gewesen mit eine Nichte von Alexander Humboldt.

Polveriera: Malwida war seit 1874 wechselnd in Rom ansässig, ab 1877 endgültig in der Via Polveriera no.6.

Brodo: Brühe

Carbone: Kohlen

Sovrana: Der Brief ist nicht mit Malwida unterschrieben, sondern mit „Sovrana“, einem Namen, den ihr Fanny im Alter gegeben hatte. Es ist zu vermuten, dass Fanny klug und bedacht mit diesem erhabenen Titel spielerisch ihre Unterordnung dieser Souveränen, ihrer Sovrana, bezeichnen wollte. Zu Malwidas „Finanzministerin“ ernannt, betrachtet sie dies zurecht als eminenten Vertrauensbeweis und als große Ehre, dieser bekannten Persönlichkeit damit dienen zu dürfen. De facto hatte sie natürlich eine gewisse Macht durch diese Entscheidungsbefugnis über Malwidas Geldangelegenheiten. Und genau das wird sprachlich geschickt abgemildert. Gemeint war Sovrana „im schönsten Sinne des Wortes als Hohe und Edle und Gute…“. Durch Fannys finanzielles Geschick erfreute sie sich bei Malwida „höchster Gunst und Zufriedenheit“ (Zitate aus Feuilleton des österreichischen Morgenblatte Die ZEIT Wien, Mittwoch, den 6.Mai 1903 Nr.216).

Zola: Am 29. Sept. 1902 war Zola an einer Monoxyd-Vergiftung auf Grund eines verstopften Kamins in seinem Pariser Haus zu Beginn der Heizperiode erstickt und gestorben. Das Gerücht, er sei durch absichtliches Verstopfen des Kamins ermordet worden, konnte nie richtig entkräftet werden. War er doch 4 Jahre zuvor mit seinem öffentlichen „J’accuse…“ in der Dreyfuss-Affaire vom 13.1.1898 zu einer kurzen Gefängnisstrafe verurteilt worden und nach London für fast 1 Jahr geflohen. (s. Brief Olga Monod–Herzen an Fanny Birkenruth). Auf Grund der Erwähnung Zolas ist sowohl Anfang Oktober und die Jahresdatierung dieses Briefes mit 1902 sehr wahrscheinlich. Hinzu kommt die Erwähnung der „Carbones“, d.h. Beginn ihrer Heizperiode (Oktober). Die Rede vom Rollstuhl weist ebenfalls auf ihre fortgeschrittene Erkrankung und Geheinschränkung hin; denn bereits ein halbes Jahr später am 26.4.1903 verstirbt M.v.M.


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