08. April 2026 | Blog | Christine Rühling

Die Geschichte der Bücher

Heute ist der Internationale Tag der Provenienzforschung. Warum ist er uns wichtig?
NS-Provenienzforschung fragt nach der Geschichte eines Kunstwerks oder eines Buches. Wer hat es wann und wo gekauft, wem hat es zwischen 1933 und 1945 gehört, wie kam es in die Bibliothek? Bei der Beantwortung dieser Fragen helfen Namenseinträge und Stempel im Buch, oder Akten aus dem Bibliotheksarchiv. Die Lippische Landesbibliothek prüft im aktuellen Projekt ihre Bestände auf NS-Raubgut. Damit sind Objekte gemeint, die ihren rechtmäßigen Eigentümer*innen zwischen 1933 und 1945 entzogen wurden. Objekte, die durch die Gestapo beschlagnahmt wurden, zählen ebenso dazu wie Eigentum, das unter Wert verkauft werden musste, um eine Flucht zu finanzieren.

Doch warum ist NS-Provenienzforschung heute überhaupt noch aktuell? Über 80 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus, sind die rechtmäßigen Eigentümerinnen längst verstorben – sofern sie die NS-Zeit überlebt haben. Im Falle von Büchern sind die materiellen Werte in der Regel gering. Bücher können jedoch ein Fenster in vergangene Zeiten öffnen. Handschriftliche Widmungen zum Geburtstag oder dem jüdischen Feiertag Chanukka, kunstvolle Exlibris und Lesenotizen erzählen vom Leben der Bücher. Diese Spuren sind noch heute sichtbar und lassen sich entschlüsseln. So kann über die Geschichte der Bücher, die Geschichte ihrer Eigentümerinnen nachgezeichnet werden. Bücher speichern Erinnerungen. Erinnerungen an Menschen, deren Leben allzu oft in Gefängnissen und Konzentrationslagern endeten. Ihre Dinge lebten jedoch weiter. Sorgfältig inventarisiert, gestempelt und mit Signaturen versehen, wurden sie fein säuberlich in Bibliotheksregalen aufgereiht. Dort stehen sie zum Teil bis heute. Ob Kommunistisches Manifest oder Buddenbrooks, ob Gebetbuch oder Kinderreim. Äußerlich betrachtet, verrät meist nichts die Herkunft des Buches. Wer seine Geschichte erfahren will, muss genau hinsehen.

Letztlich geht es der Provenienzforschung nicht um die Dinge. Es geht um die Menschen, die eine persönliche Beziehung zu diesen Dingen hatten. Es geht darum, die Geschichte dieser Menschen zu erzählen und an sie zu erinnern. Nicht nur am heutigen Tag der Provenienzforschung.

Foto: Signatur soz 13/20, neben dem Stempel der “Zeitgeschichtlichen Sammlung” und der gestrichenen Zugangsnummer 1939/62 ist ein weiterer, getilgter Besitzstempel zu sehen.

(Beitrag von: Antonia Reck)

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