1. Kapitel

Leben und Werk

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Lortzing wurde in Berlin geboren und starb dort 1851 auch. Berlin war Großstadt, um 1800 mit rund 145.000 Einwohnern, um 1850 hatte sich die Einwohnerzahl fast verdreifacht. Lortzing wurde in einem Haus in der Breiten Straße geboren, das später dem Kaufhaus Rudolph Hertzog gehörte. — Ganz rechts am ersten Obergeschoss ist die Lortzing-Gedenktafel zu erkennen.

1
Berlin
kolorierter Aquatintastich auf Papier, London, Verlag R. Bowyer, 1815
23 x 32,7 cm (Motiv)
GA B 17,1

2
Breite Straße in Berlin
mit dem Kaufhaus Rudolph Hertzog, um 1920
farbige Druckgrafik nach Bild von Hans Rudolf Schulze
14,1 x 21,9 cm (Motiv), hier als vergrößertes Repro von
Mus-L 155-237

3
Lortzing erhielt ersten Musikunterricht bei Freunden seiner Eltern. Der Berliner Hofmusiker Johann Heinrich Griebel gab ihm Klavierunterricht; der spätere Direktor der Berliner Singakademie Carl Friedrich Rungenhagen dürfte musiktheoretische und kompositorische Grundlagen vermittelt haben. Mit dem Unterricht war es jedoch vorbei, als die Familie 1811 Berlin verließ. Es ist nicht bekannt, in welcher Zeit die Übung zu Akkordumkehrungen entstand.

Harmonieübung
Lortzing zugeschrieben
Noten auf Papier, Doppelbogen
Mus-L 1 a 1

4
Lortzing schrieb mit neun Jahren seinen Eltern zum 1. Januar 1810 einen gereimten Neujahrsgruß, der erhalten ist. Auf der zweiten Seite heißt es: „Ein guter Sohn und artger Knabe / Erfüllt mit Freuden seine Pflücht, / Drum bring ich heut zur Morgengabe / Ein freundliches Neujahrs:Gedicht./ Ich weih es meiner Eltern Liebe, die sorgsam wachet für mein Glück …“

Neujahrsgruß
Albert Lortzing: Theuerste Eltern! liebevoll …
Eigenhändige Handschrift, 1810
Mus-La 1 L 5

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Lortzing wurde evangelisch getauft und am 17. November 1818 in Aachen konfirmiert. Er bereitete sich mit einem – sicher im Zusammenhang mit dem Unterricht beim Pfarrer Peter Heinrich Grünewald entstandenen – selbstgeschriebenen religiösen Lehrwerk der „Haupt-Wahrheiten der christlichen Religion“ darauf vor.

Kurzer Inbegriff der Haupt-Wahrheiten der christlichen Religion.
(Eigenhändige Reinschrift zur Vorbereitung auf die Konfirmation)
Halbleder, 10 x 16,5 cm, vor 1818
Mus-L 165,1

6
Hochzeitsanzeige

7
Lortzing war ein Familienmensch durch und durch; der Umgangston in der Familie anteilnehmend und liebevoll. Dass von den elf Kindern fünf früh starben, schmerzte die Eltern sehr. Herzzerreißend ist der Brief Lortzings, in dem er seinen Eltern vom Tod der fast vierjährigen Tochter Julie berichtet.

Eigenhändiger Brief an die Eltern in Leipzig, 30.3.1833
Papier
Mus-La 2 L 72

Transkription:

Meine theuern Eltern!
Heute Morgen um halb sechs Uhr habe ich die irdischen
Ueberreste meines Lieblings zur Ere bestattet.
Was muß der Mensch alles erleiden und wie viel
kann er ertragen —! Ich habe früher oft geäußert,
„wenn mir das Kind stürbe, ich wüßte nicht
was ich anfienge“ weil (ich gestehe meine Schwach-
heit) seine zunehmende Liebenswürdigkeit und
Anhänglichkeit mich unwiderstehlich anzog. Jetzt
ist der fürchterliche Schlag geschehen; ich hätte in den
ersten Augenblicken der Verzweiflung mögen mit
dem Kopf wider die Wand rennen und muß
wieder an mein Geschäft gehen muß mich zwingen
den Schmer zu zu ertragen und – kann es auch, wenn
gleich schwer. Dieses ist nun das vierte Kind, das
wir verlieren und welch ein Kind!, meine
ganze Seele gieng auf, wenn ich es nur von fern
erblickte. Was habe ich wohl in meinem Leben
begangen, das eine solche Bestrafung verdiente?
Ich bin mir nichts bewußt, und doch!!!

Leipzig

8
Leipzig war Schauplatz der größten Erfolge Lortzings. Hier lebte er von 1833 bis 1846.

Leipzig von Norden
Aquarell mit Deckfarben von Johann Friedrich Franz Bruder, vor 1838
19,1 x 27 cm, Papier
GA B 100

9
Wohnhaus Lortzings in Leipzig zwischen 1844 und 1846 in der Großen Funkenburg – die Behauptung der Postkarte ist also falsch; den Zar und Zimmermann komponierte er im Naundörfchen.

Albert Lortzing Haus Leipzig
auf dem Areal der Großen Funkenburg, abgerissen November 1897
Postkarte, farbig, 9,1 x 14 cm; Verlag von Ludwig Fischer, Leipzig, um 1920 (?)
Mus-L 155-195,3

Vor Tiktok und Insta, vor Werbespots bei Youtube oder im Lokalradio, vor Plakaten und Zeitungsanzeigen warb das Theater mit sogenannten „Theaterzetteln“ um sein Publikum. Das war im 19. Jahrhundert in Detmold das wichtigste Medium der Werbung.

Theaterzettel wurden oft am Tag vor der beworbenen Aufführung gedruckt und lagen dann in der Vorstellung dieses Tages zum Mitnehmen aus. Am Tag der Aufführung selbst wurden sie von einem Theaterboten in der Stadt in die Privathaushalte und zur Auslage in Lokalen verteilt.

10
Hoftheater in Detmold: Czaar und Zimmermann
Mittwoch den 18. März 1840
Theaterzettel, Lithografie auf Papier, etwa 16,5 x 23 cm
Mus-L 42 p1

11
Großes Vocal- und Instrumental-Conzert
im Fürstlichen Schauspielhause, Zum Besten der hinterlassenen Familie Lortzing
Donnerstag den 6. März 1851
Theaterzettel, Druck auf Papier, 16,5 x 31 cm
Mus-L 42 p2

12
Philipp Düringer, um 1845
Schauspieler, Regisseur, Autor, Freund Lortzings
Repro eines zeitgenössischen Stichs
Druck in: Georg Richard Kruse: Albert Lortzing, Berlin 1899.
Mus-Lb 5K1, S. 46

13
Lortzing wirkte in Leipzig als CMO (chief musical officer) für verschiedene Gesellschaften, so für die Freimaurerloge, den Geselligkeitsverein „Tunnel über der Pleiße“ und die jährlichen Schillerfeiern, aus denen der Leipziger Schillerverein erwuchs. Alle diese Vereine waren demokratisch gesinnt. Für das erste Leipziger Schillerfest am 9./10. November 1840 komponierte Lortzing Schillers Lied an die Freude für gemischten Chor und Orchester auf die damals bekannte Melodie von Carl Friedrich Schulze als schlichten Satz – gedacht zum Mitsingen für das Publikum.

Friedrich Schiller, An die Freude,
gesetzt für die Leipziger Schillerfeier 1840
Kompositionspartitur mit zahlreichen Korrekturen
Mus-L 79a1

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Die Partitur der Oper „Wildschütz“ ist die einzige, die zu Lortzings Lebzeiten als Druck vervielfältigt wurde (von Lortzings Hausverlag Breitkopf und Härtel in Leipzig), „um die in Masse eingehenden Bestellungen … sofort befriedigen zu können“, wie die „Theaterchronik“ notierte. Ansonsten erfüllte Lortzing, der seine Partituren selbst vertrieb, eine Bestellung, indem er die Partitur von einem Kopisten abschreiben ließ. Ein empfangendes Theater ließ dann seinerseits die Stimmen für das Orchester und die Sänger aus der Partitur ausschreiben, um das Stück aufführen zu können.

Die Praxis wirft ein Schlaglicht auf das erst im Entstehen begriffene deutsche Urheberrecht und die Verdienstmöglichkeiten für Kreative zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit dem Erwerb der Partitur und eines Textbuchs erwarb nämlich ein Theater ein zeitlich unbeschränktes Aufführungsrecht, und Lortzing gestaltete seine Preise nach der finanziellen Leistungsfähigkeit und Größe der anfragenden Theater.

Erst gegen sein Lebensende etablierten sich langsam Honorarmodelle, u.a. in Hamburg und Berlin, die die Bühnenwirkung eines Stücks berücksichtigten und bei Erfolg weitere gestaffelte Zahlungen vorsahen (Tantieme). Wäre das früher und deutschlandweit eingeführt worden, hätte Lortzing nach dem Erfolg von Zar und Zimmermann wohl keine wirtschaftlichen Schwierigkeiten mehr gekannt.

Der Wildschütz, Partitur im Steindruck,
Leipzig, Breitkopf und Härtel, 1843
Mus-L 58 n1

Von der Inspiration zur Bühne

Den Stoff zum „Waffenschmied“ lernte Lortzings spätestens in seiner Detmolder Zeit kennen, als er 1830 die Rolle des Grafen Liebenau übernahm. Für seine Oper schrieb Lortzing das Libretto selbst. Er komponierte das Stück 1845; es erlebte seine Uraufführung am 30. Mai 1846 in Wien, gefiel dort aber nicht. Ein Rezensent schrieb boshaft: „Es ist diese Oper weiter nichts, als ein hübsch unerquickliches Gemengsel von sehr ordinären Melodien vermischt mit einer Anzahl nicht eben feiner veralteter Witze“. Am Hoftheater in Detmold spielte man das Stück erstmals im April 1847.

15
Lortzings Oper „Der Waffenschmied“ beruht auf dem Lustspiel „Liebhaber und Nebenbuhler in einer Person“ von F. W. Ziegler, das 1790 in Wien uraufgeführt wurde. Lortzing kannte das Stück spätestens von seiner Mitwirkung bei den Aufführungen 1829/30 in Detmold und Osnabrück; Lortzing spielte Graf Liebenau.

Liebhaber und Nebenbuhler in einer Person.
Ein Lustspiel in vier Aufzügen von F. W. Ziegler. Wien: Kaiserer, 1791.
KA 514 Nr 5

16
(Theaterzettel) Der Waffenschmid zu Worms,
oder: Liebhaber und Nebenbuhler in einer Person.
Lustspiel in 4 Acten, von Ziegler.
Hoftheater in Detmold. Vierte Vorstellung im zweiten Abonnement.
Freitag, den 8. Januar 1830
Mus-L 70 p 1

17
Zum Vertrieb wurde ein Textbuch gedruckt, aus dem dann ein Theater die Rollen ausschreiben ließ. Das Detmolder Exemplar trägt auf dem Umschlag den handschriftlichen Vermerk „Soufleur“.

Gedrucktes Textbuch, 1846
Der Waffenschmied. Komische Oper in drei Akten. Musik von Albert Lortzing. O.O.,
Mus-L 70 t 2 (3. Ex.)

18
Auch der Klavierauszug wurde gedruckt vertrieben und diente dazu, die Musik bei interessierten Theatern bekannt zu machen und Proben zu unterstützen. Unser Exemplar stammt aus dem Nachlass Hans Lortzings (1845-1907), des jüngsten Sohns von Albert und Rosina, der Schauspieler am Berliner Schauspielhaus wurde und unverheiratet blieb.

Clavierauszug von F[ranz] L[ouis] Schubert, 1846
Der Waffenschmied, Komische Oper in drei Akten von Albert Lortzing.
Leipzig: Breitkopf & Härtel
Mus-L 70 n 1

Devotionalien

19
Becher aus Lortzings Besitz
versilbertes Messing
Mus-Lo 5

20+21
„Taktierstöcke“ aus Lortzings Besitz
mit Provenienz-Bestätigung Georg Richard Kruses
Holz, um 1844
Mus-Lo 2 und Mus-Lo 1

22
Haarbukett der Familie Lortzing
Echthaar auf Draht
zum Blumenstrauß geflochten
Mus-Lo 3

23
Gedenkmedaillon mit Porträt im Profil
ohne Jahr
Mus-Lo 7

24
Gedenkplakette
ohne Jahr
Mus-Lo 6

25
Klischee des Wappens
der Familie Lortzing
ohne Jahr
Mus-Lo 8

Tod Lortzings

Lortzing starb am Morgen des 21. Januar in Berlin. Seine Frau Rosina beschrieb seinen Tod in mehreren Briefen. Wer ihm die Totenmaske abnahm, ist nicht bekannt.

Die Beisetzung war drei Tage später auf dem Sophienkirchhof in Berlin unter großer Anteilnahme der kulturellen und musikalischen Welt. Da die Familie kaum Vermögen hatte, wurden Spenden organisiert. Der Spendenaufruf der Berliner Kapellmeister und weiterer vom 10. Februar 1851 brachte schließlich über 9.000 Taler ein bis zum Jahresende.

1859 wurde Lortzings Grab mit einem Grabdenkmal geschmückt.

26
Brief von Rosine Lortzing an Christine Kupfer, Berlin 12.2.1851
2 Blatt, Papier
Mus-La 7 L 2

Transkription

Liebes gutes edles Mädchen!
Der harte Schlag, der uns alle getroffen, den edelsten, besten Gatten und Vater
verloren zu haben drückt mich tief, sehr tief zu Boden mein Schmerz um ihn, der
das beste Herz besaß ist nicht zu beschreiben und manchmal denke ich, es kann nicht
       daß ich ihn (nicht) mehr habe für diese Welt,
seyn, ach muß ich rufen. ach Gott! Gott! erhalte mir die Sinne, damit
ich meinen Kindern beystehen kann, und was mir so weh tut daß er die letzten
Wochen so viel Sorge zu tragen hatte, unsere Verhältnisse wurden immer
mißlicher, durch die großen Umzüge, haben wir immer zusetzen müssen
und das aller kränkendste haben wir in Leipzig erfahren müssen, ach
mir schnitt es in Herz, und wie ich hoffte hier, wo er so allgemein beliebt
war, würden auch unsere pekuniären Verhältnisse sich freundlich gestalten,
bricht nun das aller schwerste auf uns herein, ja du hast wohl recht er
war zu gut für diese Welt, darum hat ihn der Allmächtige Gott
zu sich gerufen …

27
Totenmaske Lortzings, Abguss.
Mus-Lo 9

28
Spendenaufruf für die Familie Lortzing,
faksimilierter Druck auf Papier
Mus-L 8 L 3

29
Lortzing-Büste eines unbekannten Künstlers
Bronze
Mus-Lo-4

30
Lortzing-Grabdenkmal auf dem Sophien-Friedhof in Berlin
erbaut 1859
Fotografie 11,7 x 17,7 cm auf Karton
von Emil Tiedemann, Bremen und Braunschweig
Mus-L 155-233-4

31
Statistik

Statistik

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