Lortzing

Megastar

von Joachim Eberhardt

Gedruckt in: Heimatland Lippe 119 (2026) 4, S. 34-36.

Vor 225 Jahren geboren, vor 175 Jahren gestorben – doppeltes Jubiläumsjahr für einen der Großen in der lippischen Musik- und Theatergeschichte. Die Rede ist von dem Sänger, Schauspieler, Komponisten und Kapellmeister Gustav Albert Lortzing. Er gilt als Schöpfer der deutschen Spieloper, schrieb Werke wie „Zar und Zimmermann“, „Der Waffenschmied“ und „Der Wildschütz“ und war über 120 Jahre lang (!) der meistgespielte Opernkomponist auf deutschen Bühnen. Ein „Megastar“.

Von seinen fast 50 Lebensjahren verbrachte er etwas mehr als sieben im Dienst der Detmolder Hoftheatergesellschaft, nämlich von Oktober 1826 bis Ende 1833. Die Bühnenkarriere war ihm wohl in die Wiege gelegt. Die Eltern waren Laienspieler in der Berliner Theatergesellschaft Urania. Als Albert fünf Jahre alt war, stand er in einer Kinderrolle erstmals auf der Bühne. Von den Theaterfreunden der Eltern erhielt er eine erste musikalische Ausbildung. 1811 wurden die Eltern Profischauspieler und spielten seit 1817 für den Prinzipal Derossi im Rheinland, wo Albert dann auch seine ersten Sprechrollen hatte. In dieser Truppe lernte er die Schauspielerin Rosina Regina Ahles kennen, die aus Süddeutschland stammte. Das Paar heiratete im Januar 1824 und hatte bereits zwei Töchter, als es im Herbst 1826 am Detmolder Hoftheater engagiert wurden. Bis zum Ende des Engagements 1833 wuchs die Familie um fünf weitere Kinder. Von den 100 Talern monatliche Gage konnte man in Detmold gut leben, zumal hin und wieder der Erlös von sogenannten „Benefizen“ hinzukamen. Gespielt wurde weniger als die Hälfte der Zeit in Detmold; die Hoftheatergesellschaft trat auch in Münster, Pyrmont und Osnabrück auf.

Rosina hatte neben dem Familienmanagement in den sieben Detmolder Spielzeiten Gelegenheit für Auftritte in rund 150 Rollen; Albert trat während der Zeit in fast 100 musikalischen und rund 200 Schauspielrollen auf. In Detmold war Albert Publikumsliebling. Dafür sorgten seine einnehmende Gestalt, seine liebenswürdige Persönlichkeit und sein komödiantisches Talent. Dass er auch in tragischen Rollen nicht immer der Versuchung einer komischen Improvisation widerstehen konnte, merkten die Kritiker; ernste Rollen, schrieb ein Zeitgenosse, seien „eine Klippe, vor de(r) er sich zu hüten hat, wenn er sich die Gunst des Publikums erhalten will“.

Zum Jahresbeginn 1834 wechselten die Lortzings zur Bestürzung des Detmolder Publikums nach Leipzig an das Städtische Theater. Leipzig war zunächst ein gutes Pflaster. Hier entwickelte Lortzing seine künstlerische Handschrift und konnte mit „Zar und Zimmermann“ (UA 1837) seinen Durchbruch als Opernkomponist feiern. Zugleich wurde sein Aufgabenfeld vielfältiger; er hatte jetzt auch zu inszenieren. Er war Mitglied in der sogenannten „Tunnelgesellschaft“ und im Schillerverein sowie in der Leipziger Freimaurerloge – schon in Aachen und Detmold war er Freimaurer gewesen. In Leipzig fanden seine Kompositionen auch einen Verlag; viele Werke Alberts wurden dort bei Breitkopf & Härtel gedruckt. Gern hätte er die Bühne mit dem Dirigierpult vertauscht und wäre „Kapellmeister“ geworden, doch das gelang ihm erst 1844, unter einer neuen Hausleitung – und kaum ein Jahr später wurde ihm gekündigt. Angeblich wegen künstlerischer Mängel; doch dürfte ihm auch seine demokratische Haltung zum Nachteil ausgeschlagen sein, die in seinen meist selbstgeschriebenen Libretti durchschimmerte, selbst wenn Albert einen Märchenstoff behandelte.

Es folgte eine Zeit großer materieller Sorgen. Zwar hatte Albert inzwischen einige weitere theatralische Kassenschlager geschaffen, doch deren Erfolg nutzte ihm finanziell wenig – nur das Hamburger Theater und die Berliner Hofoper hatten als erste deutsche Theater nach französischem Vorbild Mitte der 1840er Jahre ein Tantième-System eingeführt. Ansonsten verdiente der Komponist nur an den Partituren, die er direkt an Theater verkaufen konnte. Dafür hatte er zunächst zu investieren, denn die Noten musste er handschriftlich kopieren lassen. Manche Theater kamen auf andere Weise in den Besitz einer Partitur und führten Alberts Werke ohne Skrupel auf; darum existieren es aus den 1840er Jahren einige Briefe, in denen er um pünktliche Bezahlung nachsuchte. In der Theaterchronik ließ er sogar im Januar 1846 eine Anzeige erscheinen, in der er androhte, die Theaterdirektoren namentlich zu nennen, die ihm noch Honorar schuldeten. Ein Jahr musste Lortzing als „Privatier“ ohne Anstellung über die Runden kommen, dann war er vorübergehend in Wien engagiert. Aber die Gage war schlecht und die Umzüge fraßen auch die finanziellen Reserven auf.

Als im März 1848 in Wien die Revolution ausbrach, schien sich das Blatt zu wenden. Die Zensur wurde aufgehoben; seine Revolutionsoper „Regina“ war jedoch nicht rechtzeitig fertig, bevor die Reaktion wieder die Oberhand gewann. Im September des Jahres wurde ihm gekündigt.

Seine letzte Stelle trat er zum 1. Mai 1850 in Berlin an, als Kapellmeister des neu eröffneten Friedrich-Wilhelm-Städtischen Theaters. Er war dem Versprechen gefolgt, dort als Kapellmeister eine Opernabteilung aufbauen zu dürfen. Doch es dauerte nur ein paar Monate, dann war klar, dass der Opernbetrieb für das kleine Theater auf Dauer zu ambitioniert und zu teuer war.

Albert starb an einem Schlaganfall am Morgen des 21. Januars 1851 in seiner Wohnung in Berlin. Bei der Beerdigung drei Tage später waren „fast alle Kunstnotabilitäten Berlin’s“ dabei, wie es in einer zeitgenössischen Beschreibung heißt. Das zeigt seine Beliebtheit und den künstlerischen Respekt, den er unter den Kollegen genoss. Da Rosina als Witwe mit unmündigen Kindern nun materielle Not zu befürchten hatte, riefen Künstler- und Musikerfreunde zu Spenden auf, mit großem Erfolg. Bis zum Oktober des Jahres kamen 9.100 Taler zusammen, was etwa acht Jahresgehältern entsprach. Das ermöglichte Rosina ein sorgenfreies Leben. Sie starb etwa dreieinhalb Jahre später.

Der Komponist Ernst Krenek ordnete 1926 Lortzings musikhistorische Bedeutung mit Hochachtung ein: „(Seine) Bedeutung liegt darin, dass er die Webersche Linie der deutschen Volksoper entschieden verfolgt und fortgesetzt hat – … Er wird uns stets das Muster eines deutschen Theatermeisters sein, der wusste, was seine Zeit verlangt, und es ihr zu geben verstand, ohne sich etwas zu vergeben.“ („Festschrift zur Albert-Lortzing-Feier“, Detmold 1926.)

Die Lippische Landesbibliothek erinnert ab Ende Juli mit einer Ausstellung an Leben und Schaffen des Komponisten.