„Habe mich selbst zu allerhand gemacht!“
Ernst von Bandels Selbstdeutung in den Briefen an Hermann Uhde
von Christine Rühling
Druck in: Heimatland Lippe (2025), 4. S. 7-10
Ernst von Bandel deutet in den Briefen an seinen Freund Uhde im Rückblick sein Leben. Dabei entwickelt er eine Erzählung, in der er als unabhängig Handelnder, als freier Künstler im Dienst Gottes und für das deutsche Volk das Hermannsdenkmal vollendet. In dieser Selbstbeschreibung wird die Eröffnung des Denkmals zum Beweis eines gelungenen Lebens.
Bandels Briefe an Uhde in der Lippischen Landesbibliothek
Am 29. März 1875 schreibt Ernst von Bandel (1800–1876) an seinen Freund, den Journalisten und Literaturhistoriker Hermann Uhde (1845–1879), über die Arbeit an seinen Lebenserinnerungen:
„Ich wollte zuerst wörtliche Auszüge aus meinen Briefen aus Italien – 1825–1827 machen; was gehen Anderen aber unser briefliches Zusammenleben an, Thatsachen erzählend ist doch besser. Ich bin auch Gefühlsmensch, behielt das Gefühl aber stets für mich u[nd] meine Allernächsten, weitres mußte es im Hintergrunde verbleiben.“ (Ba H 6/18)
Eine Haltung in großer Distanz zur heutigen Zeit, in der jede und jeder noch die intimsten Aktivitäten auf Social Media teilt. Bandel hält die Zurschaustellung von persönlichen Beweggründen und Gefühlen für „schöngeistige Eitelkeit“ (ebd.). Der zeitliche Abstand erlaubt jedoch den Blick ins Private: Da die Briefe im Bestand der Landesbibliothek noch existieren, sind sie eine hervorragende Quelle, um sich der
Person Ernst von Bandel zu nähern. Im Jubiläumsjahr „150 Jahre Hermannsdenkmal“ ist das Konvolut mit der Signatur Ba H 6 besonders von Interesse: 44 umfangreiche Briefe, die meisten von Bandel an seinen Freund Uhde, geschrieben zwischen April 1872 und Juli 1876. Zeitlich umfassen sie also die letzte Bauphase der „Arminsäule“ (wie Bandel selbst das Hermannsdenkmal gern nennt), die große Einweihungsfeier am 16. August 1875 sowie Bandels letzte Reise nach Italien. Er starb auf seiner Rückreise am 25. September 1876 im Alter von 76 Jahren.
Diese Briefe an den Freund berichten von allem, was Bandel in seinen letzten Lebensjahren beschäftigt: von den Schwierigkeiten bei der Aufstellung der Hermannfigur, Ärger mit den Arbeitern, Geldknappheit, aber auch der Erleichterung, als die letzten Arbeitsschritte in luftiger Höhe ohne Unfälle der Handwerker abgeschlossen werden konnten. Bandel erzählt über sein Leben „auf dem Berge“, lässt an den Vorbereitungen der Denkmalseinweihung und der Feier selbst teilhaben und berichtet von den erhaltenen Ehrungen und seinem Abschied aus Lippe: Viel Material, um sein Leben während seiner letzten Jahre zu rekonstruieren. Besonders spannend wird die Lektüre, wenn man den „Gefühlsmensch[en]“ Bandel in den Blick nimmt: Er arbeitet in den 1870er Jahren an
seinen Lebenserinnerungen und sortiert dafür seine Unterlagen. Uhde soll daraus eine Biografie machen. Auch deshalb schreibt Bandel an den Freund von Vergangenem. Seine Briefe haben resümierenden Charakter, sind gespickt mit Erinnerungen und Anekdoten. Sie drehen sich auffallend häufig um die Frage erfolgreichen Kunstschaffens. Bandel entwirft das Bild von sich, das er der Nachwelt bieten möchte, reflektiert sein Kunstverständnis und Lebensleistung, die Vollendung des Hermannsdenkmals.
Bandels Selbstentwurf als freier Künstler
In Briefen inszeniert Bandel sich als unabhängiger Freigeist: Er sei Zeit seines Lebens nur künstlerischen Streben gefolgt, nie der Schüler eines bestimmten Meisters und stets frei von den Begrenzungen einer festen Anstellung gewesen. Häufig illustriert er dies mit Anekdoten, in denen er sich an – zum Teil deutlich erfolgreicheren – Zeitgenossen abarbeitet, etwa an dem Vertreter des deutschen
Klassizismus Christian Daniel Rauch (1777–1857) oder dem dänischen Künstler Bertel Thorvaldsen (1770–1844). Letzteren charakterisiert er etwa als Bildhauer, der nicht in Marmor arbeiten könne, und beschreibt ihn als Geizhals. Thorvaldsen habe seine Arbeiter nie gut bezahlt und zugleich seine Kunstwerke unter unredlichen Bedingungen verkauft.
Grundsätzlich weist Bandel zurück, sich je einer fremden künstlerischen Leitung untergeordnet zu haben. Dies habe ihn weiteren Erfolg gekostet:
„Adonis – diese Figur hatte der Kronprinz Ludwig, später König von Bayern, bei Thorwaldsen bestellt, kurz ehe ich nach Rom reiste :/ ich kam im Herbst 1825 nach Rom /: Ich sollte eben diesen Adonis in Marmor fertig arbeiten als Schüler Thorwaldsens, ich hatte aber weder Lust Thorwaldsens Schüler zu sein, noch sein Marmor Arbeiter zu werden und kam deßhalb bei König L[udwig] stark in Ungnade.“ (Ba H 6/16)
Zu recht, möchte man sagen, denn immerhin hat König Ludwig ihm seine Romreise ermöglicht.
In seinen Anekdoten gefällt Bandel sich in der Rolle desjenigen, der Fehler und Unzulänglichkeiten
anderer klar benennt. Selten kommen die anderen gut weg. In einer Anekdote etwa führt Bandel den klassischen Philologen Friedrich Wilhelm von Thiersch (1784–1860) vor, charakterisiert ihn gar als „boshafte Kröte“. Er bemerkt dazu: „Solche Geschichten begegneten mir oft im Leben, könnten gut erzählt gar Manches klar stellen; solche Wahrheiten lauten boshaft und man fürchtete mich weil ich solch Wahrheiten nicht todschwieg. und habe ich mich meiner Haut stets rücksichtslos gewehrt.“ (Ba H 6/16)
Ähnlich kritisch gibt Bandel sich auch in der Begegnung mit Fürsten und Mäzenen. Besonders stolz ist er etwa auf sein unnachgiebiges Auftreten gegenüber dem König von Hannover im Jahr 1837, als er trotz dessen Verbots um die Genehmigung zur Ausstellung seines Hermannsdenkmal-Modells im Hannover’schen Schloss wirbt. Auch die Auseinandersetzungen mit Ludwig I. von Bayern führt Bandel mehrfach an. Es geht ihm darum, zu zeigen, dass er auch gegenüber Autoritäten stets seine Unabhängigkeit bewahrt und Adel und Geld ihm gleichgültig sind: „Mir war und ist König und Bettler gleich, ich schaue nur den Menschen […]“ (Ba H 6/16). Stolz stellt er fest, dass er um seiner (künstlerischen) Freiheit willen stets auf eine feste Anstellung und ein gesichertes finanzielles Einkommen verzichtet habe: „Ich wurde Künstler nicht des Geldgewinnes wegen, sondern aus Liebe zur Kunst u[nd] weil ich wußte auch durch sie Gutes leisten zu können. Ich hielt mich strenge frei von allen Banden, in denen die Menschenkinder sonst sich fortleiern lassen, weil der freie Künstler nur seinen Kräften nach wirken kann. Ich wußte und weiß, daß ich dadurch einen Weg eingeschlagen, auf dem ich mit meiner festen Stirn Viele vor den Kopf rannte u[nd] man mich u[nd] mein Thun meist falsch beurtheilte. […] Ich sehe nie mehr im Rockeingehüllten, als eben nur den Menschen, das konnte ich alles nur als freier Mann.“ (Ba H 6/33)
So liest sich das im Rückblick aus der Erinnerung des alten Mannes – durchaus im Widerspruch
zu Äußerungen in frühen Briefen. In denen schreibt Bandel von der Suche nach einer Anstellung und Aufträgen an verschiedenen Höfen, denn die vielköpfige Familie wollte ernährt werden. Das Hermannsdenkmal kann schließlich dank einer Spende des deutschen Kaisers vollendet werden, und Wilhelm bedenkt Bandel zudem noch mit einer jährlichen Rente, die alle materiellen Zwänge aufhebt. Das kann Bandel nur dann überzeugend als Erfolg seiner früheren Kompromisslosigkeit werten, wenn er außen vorlässt, wie sehr die Zeitläufte, der Sieg gegen Frankreich und die Gründung des Deutschen Reiches, ihm da entgegenkommen. Es ist vor allem Selbststilisierung, wenn Bandel schreibt: „Bin so aber auch nichts geworden als, immer heiter, Meister und Alter vom Berge, damit bin ich reichlichst
zufrieden und mag auch nicht mehr werden.“ (Ba H 6/16)
Die Denkmalsvollendung: ein gelungenes Leben
In den Uhde-Briefen gibt Bandel der Abfolge seiner biographischen Stationen und Entscheidungen
einen teleologischen Zug: Zwar verschweigt er auch Hürden und Schwierigkeiten nicht, seinen Lebenslauf deutet er jedoch vom Erfolg am Ende her: „In meinem Leben haben sich alle Ereignisse auf einander fussend entwickelt, ich ließ immer den lieben Hergott walten und mit ihm gieng es allerwege gut – nach meinen Begriffen – […]“ (Ba H 6/16). Der Vollendung des Hermannsdenkmals kommt
dabei die Rolle des Schlusssteins in der Lebenserzählung zu: „Was ich gewollt ist erreicht, was
ich immer u[nd] immer gewünscht ist herrlicher in Erfüllung gegangen als ich gehofft, O! daß
der Herr mich so beglückt!“ (Ba H 6/28) Die Euphorie im glücklichen Augenblick ist nicht zu
überhören.
Je häufiger Bandel von den Feierlichkeiten, der Aufnahme des Denkmals von der Öffentlichkeit und den Ehrenbezeugungen anderer berichtet, desto mehr rücken Reflektionen über seine Motivation und seine Rolle als Erbauer in den Mittelpunkt. Anlässlich zahlreicher Geburtstagsgrüße im Jahr 1875 schreibt er: „Was machen die Leute doch ein Leben daraus, daß ich, nach dem der liebe Gott mir einen guten
Gedanken eingegeben, ich ihn auch treu durchgeführt, es war ja nichts weiter als eine Pflichterfüllung. Nun kommen die Leute auch mit allerhand Geschnacke von Dank und Belohnungs Verpflichtung, was
man mir schulte; habe ich doch nie an solches gedacht und habe ich mein Werk nicht allein für die Jetztlebenden gemacht und die ich aus ihrem Michelschlaf früher aufgerüttelt damit, sind meist nicht mehr.“ (Ba H 6/21) Nicht finanzieller Erfolg sei Ziel seines Wirkens gewesen. Den Bau des Denkmals deutet er unter Verwendung von Begriffen aus dem Feld der protestantischen Ethik: er habe aus Pflichtbewusstsein, im Dienst für Gott, Volk und Vaterland gearbeitet: „Gott, der der Menschen
Gedanken leitet, hat gewollt, daß ich unserem Volke ein Mal setze zur Erstarkung brüderlicher
Einigkeit, Er hat mir die Kraft zur Vollbringung seines Willens gegeben. Ihm allein die Ehr! Möge deutsches Volk immer erkennen wodurch es des Allmächtigen Schutz und Gnade erhalten kann und möge meiner Hände Werk nie mehr zu einem Mahnzeichen herabsinken.“ (Ba H 6/26). Solche Begründung wirkt heute befremdlich und ist nur in einem historischen Kontext zu verstehen: Bandel ist geprägt durch seine Kindheitserfahrungen zur Zeit des Kampfes gegen Napoleon und der Befreiungskriege (1813-1815); darauf gründen seine antifranzösischen Ressentiments. Er erlebt das Erstarken eines deutschen Nationalbewusstseins in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und schließlich die Reichsgründung 1871. Vor diesem Hintergrund versteht er sein Denkmal als „Mal“, als „Mahnzeichen“ und Aufruf der Deutschen zur nationalen Einheit. (Vgl. Barmeyer 2001) In Bandels Selbstdeutung laufen nun die Motive des freien, unabhängigen Künstlers und des nationalen Patriotismus zusammen:
„Meine Geschichte ist die einfachste von der Welt, mein guter Vater erzog mich als freier Junge, da blieb ich ein freier Mann, ich that nur was mich freute, hatte für mein Volk allein Liebe, darin einen guten Einfall durch meinen himmlischen Beschützer empfangen und habe den ausgeführt, trotz Franzosen und Schaafsköpfe, die wähnten ich sei ein Schulbube oder Regierungsschreiber und sonst nichts. Ich bin nichts geworden, weil ich nichts werden wollte und was ich bin, dazu habe ich mich selbst gemacht.“ (Ba H 6/13)
Und: „Mein Lebensbild ist das eines Menschen, der immer und gerne allein stehend seinem Wollen lebte und keine Einwirkung, keine Unterstützung Hebung u[nd] Haltung Anderer für sich suchte. Eines Menschen, der mit Leib und Seele seiner Kunst und dem lebte, was er damit löbliches u[nd] praktisch wirken konnte, der nur eines Wunsches Erfüllung lebte, seinem Volke helfen zu können. Ich war ein eigensinniger, eigenmächtige[r] Kerl in all diesem, der alles hintanließ, was Anderen zum Wohlleben unendbehrlich ist.“ (Ba H 6/40)
Das in früheren Briefen als Krise reflektierte Scheitern bei der Suche nach einem Auskommen, das Austragen persönlicher Konflikte und die Überwindung der Widerstände, die es in den verschiedenen Bauphasen des Denkmals gegeben hat, werden im Nachhinein als heroischer Akt gedeutet. Die immer wieder gebrauchte Selbstbezeichnung als kauziger „Alte vom Berge“ ist dabei Teil der Selbstinszenierung.
Gelegentlich lässt Bandel allerdings erkennen, dass der fremde Blick vielleicht nicht immer mit der eigenen Wahrnehmung übereinstimmt: „Je mehr ich Zeit habe über mich u[nd] mein Treiben
zurück zu denken, je mehr sehe ich, daß ich ein gar absonderlicher Kerl mein Leben lang war – und daß es solcher nur wenige giebt; die meisten Menschen werden mich aber nach ihrem Maaße messen u[nd] für einen albernen Narren bezollmessen.“ (Ba H 6/39)
Für den späten Bandel ist der „absonderliche[] Kerl“ sicher eine Ehrenbezeichnung, Ausdruck der eigenen Besonderheit und der Auszeichnung. Die Vollendung des Hermannsdenkmals ist für ihn Beweis eines gelungenen Lebens.