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Kostbares Zeugnis für Ehre und Prestige

Lippische Landesbibliothek hat Wappenbuch aus dem 15. Jahrhundert digitalisiert 

von Christine Rühling

Druckfassung in: Heimatland Lippe 111 (2018) 3, 54-55.

Mscr 3 a. Bild: Inga Hellmich

Bis zu tausend Jahre alt sind die Bücher der Lippischen Landesbibliothek, die sie in ihren Magazinen aufbewahrt. Zu den bedeutendsten Beständen gehören ihre Handschriften, darunter 18 im Mittelalter geschriebene Werke. Das älteste überlieferte Blatt stammt aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Um diesen besonderen Bestand besser sichtbar und benutzbar zu machen, werden die Handschriften nach und nach gescannt und online gestellt. Den Anfang hat die Bibliothek mit einigen außergewöhnlichen Stücken gemacht, unter denen eine französische Handschrift wegen ihrer aufwändigen Gestaltung auffällt: Dabei handelt es sich um eine Kopistenhandschrift des Wappenbuchs Beyeren (Mscr 3a). Das niederländische Original liegt in der Königlichen Bibliothek in Den Haag (KB, 79 K 21). Es wurde 1405 von Claes Heinenzsoon de Ruyris (ca. 1345 – 1414) vollendet. Er stand als Herold in den Diensten der Wittelsbacher, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts auch Grafen von Holland und Zeeland waren, und trug den Amtsnamen Herold „Beyeren“.

Die in der Landesbibliothek aufbewahrte Abschrift wird auf das ausgehende 15. Jahrhundert datiert. Es handelt sich um eine Pergamenthandschrift mit 1095 farbig ausgemalten Wappen. Sie lässt sich, wie das niederländische Manuskript, in fünf Abschnitte gliedern: in die Wappen von Teilnehmern an den Ritterturnieren in Compiègne (1238) und in Mons (1310), an einem Zug gegen die Friesen (Kuinre, 1396) und an der Belagerung von Gorinchem (1402) sowie in eine Serie der Wappen der „drei Besten“. Über den Wappen steht jeweils der Namensträger. Abgesehen von den einleitenden Überschriften und den Namensnennungen enthält das Buch keinen weiteren erklärenden Text.

Wozu brauchte man aber ein Wappenbuch? Und wer brauchte es? Herolde waren im ausgehenden 15. Jahrhundert zentrale Träger ritterlich-höfischer Kultur. Bei Turnieren etwa kamen ihnen zeremonielle Funktionen zu, sie konnten Ritter anhand ihrer Wappen identifizieren und ihre Erfolge (und Misserfolge) verkünden. Zudem übernahmen sie diplomatische Aufgaben und Botentätigkeiten in der Kommunikation zwischen verschiedenen Höfen und Herrschaftsträgern. Herolde waren also Experten für Zeichen und Wappen. Ihr Expertenwissen speicherten und organisierten sie in zum Teil umfangreichen Wappensammlungen - Wappenrollen, Wappenbüchern oder Turnierbüchern. Lange Zeit hat man diese Zusammenstellungen als Sammlungen zur täglichen Verwendung angesehen. Doch warum wurden sie dann immer wieder abgeschrieben bzw. abgemalt, ohne Rücksicht auf die lange Zeit, die seit den dokumentierten Ereignissen verstrichen war – und das mit großem Aufwand? Von Heinenzsoons Wappenbuch existieren mindestens sechs Abschriften, die bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts hergestellt wurden, also fast 400 Jahre nach dem Turnier in Compiègne und zu einer Zeit, in der seit Langem die Drucktechnik Einzug gehalten hatte. Die Forschung erklärt dies mit der sozialen Funktion der Wappensammlungen: In der höfisch-adeligen Kultur stellte Ehre eine zentrale Norm dar, und Herolde hätten als „Monopolisten der Ehrzuteilung“ (Werner Paravicini) dabei eine Schlüsselrolle innegehabt. Im Anschluss daran versteht die neuere Literatur Wappen- und Turnierbücher als Dokumente der Ehr- und Prestigezuteilung, die Standeszugehörigkeit dokumentierten und beglaubigten. Symbolisch seien sie als „imaginäre Adelsversammlungen“ (Torsten Hiltman) zu verstehen. In der Folge hätten sie demnach genealogisch-legitimierende Funktion gehabt. Zwar weiß man insgesamt noch wenig über den genauen Gebrauchskontext einzelner Wappen- und Turnierbücher, doch zeugt die Verbreitung der Abschriften etwa des Wappenbuchs Beyeren von der Beliebtheit der Gattung.

Und wie kommt die Abschrift des Wappenbuchs in die Landesbibliothek? Schon 1882 leitete der Detmolder Bibliothekar Otto Preuß die Herkunft der Handschrift aus dem niederländischen Adelsgeschlecht Brederode her. Durch Amalie zur Lippe (1645–1700), verheiratet mit Graf Simon Henrich, kamen nach dem Tod ihres Bruders Carl Emil zu Dohna Ende des 17. Jahrhunderts Besitzungen aus der Erbmasse des Hauses Brederode in lippische Hand, darunter möglicherweise das Wappenbuch. Das Wappen des Namensträgers Brederode findet sich auf Seite 37 der Detmolder Handschrift. Wann genau das Wappenbuch in den Besitz der öffentlichen Bibliothek übergegangen ist, lässt sich hingegen nur näherungsweise ermitteln. In den älteren Bücherverzeichnissen von 1597, 1665 und 1707 ist es nicht enthalten. Der seit 1771 mit der Bibliothek betraute Konrektor der Detmolder Provenzialschule Franz Wilhelm Wellner erwähnt das Wappenbuch 1774 in seiner „Fortgesetzte[n] Anzeige der auf der Hochgräfl. Lipp. öffentlichen Bibliothek befindlichen Pergamen und anderer Handschriften“. Es befand sich also spätestens zu diesem Zeitpunkt im Haus. Die Handschrift wurde in der Folge sowohl vom lippischen Landesarchiv als auch von der Bibliothek beansprucht, sodass die für beide Häuser zuständige Verwaltung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über den weiteren Verbleib des Stücks entscheiden musste. Das Votum fiel zugunsten der Bibliothek aus, wie die Eintragung von Otto Preuß im Manuscripten-Katalog dokumentiert: „Dieses M[anuscript] der öffentl[ichen] Bibl[iothek] war nach d. J. 1774 auf nicht bekannte Veranlassung in das Landesarchiv gekommen u[nd] wurde erst im Nov. 1881 in Folge Antrags des zeitigen Bibliothekars durch Verfügung Fürstlicher Regierung an die Bibliothek zurückgegeben.“ Ein solcher Vorgang war zu dieser Zeit nicht unüblich, auf Antrag des jeweiligen Funktionsträgers kam es wiederholt zu Umverteilungen einzelner Bestände zwischen Bibliothek und Archiv.

Ein 1882 von Preuß im „Deutschen Herold“ veröffentlichter Artikel stellt das Wappenbuch dann einer breiteren Öffentlichkeit vor, ohne es jedoch dem niederländischen Original zuordnen zu können. Im 20. Jahrhundert erfolgten einzelne Nennungen und die eindeutige Identifizierung als Kopie des Wappenbuchs Beyeren. Durch ihre Digitalisierung macht die Landesbibliothek die Handschrift nun einem breiten Publikum zugänglich.

Literatur:

  • Werner Paravicini: Die ritterlich-höfische Kultur des Mittelalters.
    3. Aufl. München 2011
  • Torsten Hiltmann: Spätmittelalterliche
    Heroldskompendien. Referenzen adeliger Wissenskultur in Zeiten gesellschaftlichen Wandels. München 2011