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Kirche, Werkhaus, Heimlichkeit

Bauten des Detmolder Augustinerkanonissen-Klosters

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 111 (2018), 1, 4-5. 

Das Kloster an der Schülerstraße (Detail), Zeichnung von Johann Ludwig Knoch,um 1792. In der Bildmitte das Pforthaus mit den beiden Erkern. LAV NRW OWL D 72 Knoch Nr. 17.

Als die spätgotische Kirche des ehemaligen Detmolder Klosters Marienanger in der Schülerstraße im Jahre 1832 abgebrochen werden sollte, wandte sich der Kanzleirat Johann Christian Althof († 1857) an den Fürsten Leopold II. Er beklagte, dass damit „ein noch ganz festes, schönes und in hiesiger Stadt einziges Monument aus dem Alterthum“ verloren ginge, das „Bildungsort für so viele  berühmte Männer gewesen“ sei; wegen seiner „antik-schönen Bauart“ müsse es erhalten bleiben. Althof schlug vor, das Gebäude umzubauen und „als Local für die öffentliche Bibliothek“ herzurichten. Die Argumentation des Kanzleirats war zumindest bedenkenswert, denn außer der Marktkirche verfügte die Stadt über kein weiteres Gotteshaus aus dem Mittelalter und nach diversen Umbauten diente die Klosterkirche seit 1602 als „Provinzial- und Landesschule“, der Vorgängerin des Gymnasiums Leopoldinum. Auch der Hinweis auf die „Öffentliche Bibliothek“ kam nicht von ungefähr, denn diese war von 1614 bis 1822 im nachträglich eingezogenen Obergeschoss der Klosterkirche untergebracht und befand sich mit anderen Büchersammlungen seit 1824 im östlichen Pavillon der fürstlichen Reithalle. Und es war nur eine Frage der Zeit, wann diese schon damals knapp bemessene Räumlichkeit erschöpft sein würde. Erfolg war Althofs Offensive nicht beschieden, denn mit dem Bemerken, es handele sich um „eine alte unfreundliche Klosterkirche, von Ställen und Kloaken umgeben“, wurden seine Vorschläge abgewiesen. Die Kirche fiel der Spitzhacke zum Opfer, noch brauchbare Werksteine und Ziegel fanden Zweitverwendung beim Neubau des Gymnasiums in der Leopoldstrasse (heute Stadtbücherei).

Ort geistlicher Reformbewegung

Das Kloster in Detmold wurde 1453 im Kontext der geistlichen Reformbewegung der devotio moderna als Haus der Schwestern vom Gemeinsamen Leben („Süsterhaus“) auf dem Wirtschaftshof einer Adelsfamilie zunächst als Filiale des Schwesternhauses in Lemgo gegründet und mit landesherrlichen und städtischen Privilegien versehen; bis 1476 standen beide Häuser unter gemeinsamer Leitung, dann trennte man Ämter und Vermögen. Mit der Annahme der Augustinerregel 1456/59 wurden die Schwestern in den Pfarr- und Diözesanverband integriert. Der bis zu 40 Personen starke Konvent rekrutierte sich im Wesentlichen aus Detmold und dem näheren und weiteren Umland. Er stand unter der Leitung einer mater genannten Vorsteherin und eines Geistlichen (rector, pater), der die Funktion des Seelsorgers und Beichtvaters wahrnahm. Aufgrund florierender Wollweberei und Tuchherstellung gelangte das Kloster zu einem gewissen Wohlstand, der es ihm gestattete, den Klosterbezirk zu erweitern, Bauten zu errichten und eine überschaubare klösterliche Grundherrschaft aufzubauen. Der landwirtschaftliche Besitz lag überwiegend im Norden und Nordosten der Stadt um Hohenloh und Herberhausen. Im Zuge der Reformation nach 1538 dünnte der Konvent aus, verlor dadurch und durch Verteuerung der Rohstoffe zunehmend an Wirtschaftskraft und war seit 1560 gezwungen, Grundbesitz und Gebäude abzustoßen. 1577 hob Graf Simon VI. das Kloster auf, landesherrliche Deputate sicherten den Unterhalt der verbliebenen Schwestern. Mit dem Tod der letzten Nonne 1615 erlosch der Konvent.

Am Rande der Stadt

Das Kloster lag an der östlichen Peripherie der Stadt nahe der Stadtmauer, wo die Schwestern 1453 von Angehörigen der von dem Bussche den Steinhof und das Vorwerk erwerben konnten. Die Familie zählten zu den sieben adligen Burgmannen Detmolds, die für ihren Dienst als Verteidiger der Burg vom Grafen mit Adelshöfen und zugehörigen Wirtschaftsbetrieben belehnt worden waren; der Adelshof der von dem Bussche lag in der Exterstraße. Da Anschauungsmaterial aus dem Mittelalter fehlt, ist man auf urkundliche Nachrichten sowie auf jüngere Stiche, Handzeichnungen und Pläne angewiesen. Recht aussagekräftig sind der vom Archivar Knoch um 1792 gezeichnete Grundriss des Klosterareals und der Aufriss der Gebäude, die die Schülerstrasse säumten. Danach bildeten Steinhof und Vorwerk das von Schüler- und Adolfstraße gebildete große Eckgrundstück. Mitverkauft wurde noch eine angrenzende Fläche, die de iodenstede genannt wurde und auf ehemalige jüdische Einwohner hinweist. Noch 1481 wurde die heutige Schülerstraße „Judenstraße“ (ioden strate) genannt. Bis etwa 1488 gelang es den Schwestern, das Areal durch gezielte Ankäufe nach Süden bis hin zur Exterstraße um den sog. „Kloster-Baumhof“ zu arrondieren und mit einer Mauer zu umgeben.

Bau der Klosterkirche

Zu den Gebäuden, die die Niederlassung prägten, zählte vor allem die eingangs genannte Klosterkirche. Baufälligkeit einer älteren Kapelle und das stete Anwachsen des Konvents hatten einen Neubau erforderlich gemacht, so dass Graf Simon V. zur Lippe 1511 gestattete, eine Kirche mit bescheidenem Glockenturm und zwei oder drei Altären zu errichten. Mit dem Bau der einschiffigen spätgotischen Kirche mit  Dachreiter dürfte unverzüglich begonnen worden sein. In den Innenmaßen von 23 x 9 m verfügte sie über drei querrechteckige Joche und einen dreiseitigen gebrochenen 5/8 Chorabschluss, 12 wuchtige Strebepfeiler und spitzbogige Fenster mit zweiteiligem Maßwerk in jedem Joch und zwei ebensolche Portale gliederten den schlichten unverputzten Bruchsteinbau. Leider weiß man über die Innenausstattung nichts mehr, auch sucht man an die Kirche anschließende Kapellen oder einen Kreuzgang vergeblich, nicht ungewöhnlich für Schwesternhäuser. Die um ein Joch kürzere, mehrfach umgebaute, aber noch erhaltene Kirche der Augustinerkanonissen in Lemgo im Rampendal (heute Stadtarchiv) gibt einen ungefähren Eindruck vom einstigen Aussehen der Detmolder Klosterkirche. Beide Kirchen sind typische Zeugnisse der schlichten spätgotischen Sakralbaukunst Nordwestdeutschlands.

Woll- und Tuchproduktion

Vermutlich bietet der vom Archivrat Knoch um 1792 festgehaltene Aufriss noch ein einigermaßen authentisches Bild der Klosteranlage. Namentlich der mächtige Konventsbau, ein traufseitiges, wohl auf den früheren Steinhof zurückgehendes Bauwerk mit seitlicher Toreinfahrt bildete den Nordflügel. Dieser und der Westflügel waren im Erdgeschoss zweischiffig mit Kreuzgratgewölben versehen und dürften u.a. Dormitorium, Remter, Kapitelsaal und andere Konvents- und Wirtschaftsräume beherbergt haben. Die Einwölbung ist bisher nicht datiert. Das daran anschließende Werkhaus im Südflügel dokumentiert die prosperierende Woll- und Tuchmanufaktur; dort wurde die Schafwolle aufbereitet, wurde gesponnen und arbeiteten mehrere Webstühle. 1485 konnte das Werkhaus durch einen Fachwerkanbau erweitert werden und noch 1524 fanden umfangreiche Baumaßnahmen statt, wie ein erhaltener Türsturz mit profiliertem Gewände, Jahreszahl, lippischer Rose und  Steinmetzzeichen belegt. Die ausführende Werkstatt ist zeitgleich auch in Lemgo nachweisbar.

Abort auf der Mauer

Zum Vorwerk gehörte auf der Ostseite die große Scheune mit giebelseitigem Tor. Sie erstreckte sich längs der Stadtmauer und diente vorrangig der Einlagerung von Feldfrüchten und als Stallung für Zugtiere. Von dort aus erreichbar war die neue Abortanlage (parfate) auf der Stadtmauer, die Graf Bernhard VII. 1485 angesichts der gewachsenen Personenzahl im Einvernehmen mit dem Rat der Stadt Detmold genehmigt hatte. Um den überbauten Erker zu erreichen, musste die Gasse „Hinter der Mauer“ (heute Adolfstraße) überbrückt werden, ohne dabei die Passanten zu behindern; eine ähnliche Konstruktion ist für ein privet aus dem Lübecker Johanniskloster bekannt und wurde 1468 auch dem Blomberger Kloster zugestanden. Seit 1478 hatte man sich in Detmold mit einer vergitterten Gossenrinne beholfen, die aus dem Kloster durch die Stadtmauer führte. Über diese Rinne wurden die Abwässer in den Stadtgraben geführt. Für die mittelalterliche Stadt bedeutete die Entsorgung von Unrat und Abwässern ein ernsthaftes Problem, das man im Kloster Marienanger auf diese Weise zu lösen versuchte.

Leider abgerissen

Rückfassade des ehemaligen Pforthauses des Klosters. Foto: Bettina Rinke, 2018

Westlich des Konventsgebäudes an der Schülerstraße schloss sich das Kloster-Pforthaus an. Es handelte sich dabei um ein zweigeschossiges Fachwerkhaus, das von zwei Erkern eingerahmt wurde. Das zwar umgebaute, aber weitgehend erhaltene Gebäude konnte um 1980 ausgiebig erforscht werden. Da das Bauholz dendrochronologisch mit 1506/07 bestimmt werden konnte, bedeutete das Gebäude   den ältesten Fachwerkbau der Stadt. Das Pforthaus besaß einen Kamin und verfügte über gepflasterte Kellerräume. Bedauerlicherweise wurde dieses noch intakte Zeugnis aus der Klosterzeit bis auf die Rückfassade 1982 abgebrochen. Während sich weitere Wirtschaftsgebäude, wie Viehhaus, Knechtehaus und Backhaus einer räumlichen Zuordnung entziehen, lag das Haus des Beichtvaters (paterhus) südlich vom Chor der Kirche und wurde später vom (Schul-)Rektor bewohnt; zur Schuldentilgung musste es 1565 an die Stadt abgegeben werden. Überhaupt war der Restkonvent aus wirtschaftlichen Gründen seit 1575 gezwungen, den Kloster-Baumhof, das Vorwerk und den Steinhof an den lippischen Landdrosten Adolf Schwartz auf Braunenbruch zu veräußern. Dieser ließ in der Folgezeit den Westflügel zu einem repräsentativen Adelshof im Stil der Weserrenaissance mit Erker und Treppenturm ausbauen. Zwei Jahre später gaben die Schwestern auf und übertrugen dem Landesherrn Simon VI. zur Lippe ihren landwirtschaftlichen Besitz und die „beschwerliche Haushaltung“. Nach mehrfachem Wechsel der adligen Eigentümer dienten die ehemaligen Klostergebäude zuletzt als Pflegeanstalt und als Lehrerseminar. In den 1890er Jahren wurden sie abgerissen. An den früheren Standort des Detmolder Augustinerkanonissen-Klosters erinnert heute nur noch die Rückfassade des einstigen Pforthauses, die 1983 unter Denkmalschutz gestellt wurde.