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[Ausstellung „Wunder Roms“] Nr. 130. Daktyliothek

von Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Wunder Roms im Blick des Nordens von der Antike bis zur Gegenwart. .... Katalog zur Ausstellung im Erzbischöflichen Diözesanmuseum Paderborn. Hg. von Christoph Stiegemann. Petersberg: Imhof, 2017, S. XXX.

Lippertsche Daktyliothek. SW 344.2°. Foto: Erzbischöfliches Diözesanmuseum, Ansgar Hofmann
Lippertsche Daktyliothek. SW 344.2°. Foto: Erzbischöfliches Diözesanmuseum, Ansgar Hofmann

Philipp Daniel Lippert: Dactyliothecae Universalis ... Chilias Milliarium Primum / Secundum / Tertium.
Drei Kästen und lateinischer Textband (Leipzig: Breitkopf) 1755-1762: Lippische Landesbibliothek (Detmold), SW 344.2°.
Deutscher Supplementband (Leipzig, Crusius) 1776: Lippische Landesbibliothek (Detmold), SW 374.4°.

Philipp Daniel Lippert (*1702, †1785) prägte den Begriff „Daktyliothek“ zur Bezeichnung einer „Sammlung geschnittener Steine der Alten aus denen vornehmsten Museis in Europa zum Nutzen der Schönen Künste und Künstler in [...] Abdrücken ediret“, so der Titel der deutschen Ausgabe seiner Daktyliothek (1767). Er transformierte damit den antiken Begriff, der ursprünglich eine Sammlung von geschnittenen Steinen mit erhöhtem oder vertieftem Relief bezeichnete, vom Original zum Abdruck derselben. Das erstarkende Interesse an Kunst und Kultur der Antike in der Aufklärungszeit – Lippert war mit Johann Joachim Winckelmann (*1717, †1768) befreundet – bestärkte die Nachfrage nach Beispielen möglichst originalgetreuer antiker Kunst. Die Gemmensammlungen erüllten diese in ausgezeichneter Weise: a) die Gipsabdrücke von antiken Sigelsteinen sind „originale“ Abdrücke, denn sie zeigen das „wahre Bild“ (Christ) so, wie der Künstler es gedacht hat: als erhabenes Relief, ohne Qualitätsverlust. b) Hatte der Herausgeber die Sammlung kundig zusammengestellt und auch kommentiert, so ermöglichte er es, größere zeitliche oder thematische Bögen zu erfassen. Lippert etwa trennt mythische und historische Darstellungen in der Präsentation. – Für solche Zusammenstellung interessierten sich daher nicht nur die von Lippert ausdrücklich angesprochenen schaffenden Künstler, sondern auch Universitäten, Akademien, Schulen und Kunstinteressierte aller Schichten.
Vor Lippert war die Verbreitung solcher Abdrucksammlungen in Kästen oder Schränken üblich. Lippert fand eine neue Form, indem er die Kästen wie Bücher gestalten ließ. Damit präsentierte er weniger eigenständige Kunst denn Wissen zwischen Buchdeckeln, angeboten weniger zum Genuss als zur Information. Dass er der dreibändigen lateinischen Ausgabe (1755-1762) eine gekürzte deutsche Ausgabe (1767) und dann noch ein Supplement-Kasten (1776) folgen lassen und erfolgreich vertreiben konnte, belegt zudem wachsendes Interesse außerhalb eines gelehrten Publikums.

Das Detmolder Exemplar der lateinischen Ausgabe stammt vermutlich aus dem Besitz des Grafen Simon August zur Lippe (*1727, †1782). Eine – weiter nicht in Erscheinung getretene – Lemgoer Frömmigkeitsgesellschaft schenkte das vollständige Werk am 16. Juli 1763 ihrem Landesherrn für seine „von den Sorgen um die Staatsangelegenheiten freien Mußestunden“, wie aus der gedruckten Widmung auf dem eingeschossenen Vortitelblatt hervorgeht.

Literatur

  • Christina Kerschner: Philipp Daniel Lippert (1702-1785) und seine Daktyliothek zum „Nutzen der Schönen Künste und Künstler“. In: Daktyliotheken (2006), S. 60-68.
  • Christina Kerschner, Valentin Kockel: „Die Editionsgeschichte der Lippertschen Daktyliotheken. In: Daktyliotheken (2006), S. 69-75.
  • Daktyliotheken : Götter und Caesaren aus der Schublade ; antike Gemmen in Abdrucksammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Hg. von Valentin Kockel und Daniel Graepler. München: Biering & Brinkmann, 2006.
  • Helge C. Knüppel: Daktyliotheken. Konzepte einer historischen Publikationsform. Ruhpolding, Mainz: Rutzen, 2009 (Stendaler Winckelmann-Forschungen 8).