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Lebenszeugnis eines außergewöhnlichen Lippers

Engelbert Kaempfer und sein Stammbuch

von Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Heimatland Lippe 109 (2016), 11, S. 294-295.

Kaempfers Stammbuch (Mscr 124), ein persischer Eintrag.
Foto: LLB / Inga Hellmich

Als seine Eltern, der Lemgoer Pfarrer Johannes Kemper und seine Frau Christina, ihren Engelbert 1651 als zweiten Sohn aus der Taufe hoben, konnten Sie noch nicht ahnen, dass er der „bedeutendste deutsche Weltreisende des 17. Jahrhunderts“ (Lothar Weiß) und der größte Sohn ihrer Heimatstadt werden würde. Vor genau 300 Jahren, am 2. November 1716, starb Engelbert Kaempfer auf dem Steinhof in Lieme.

Schon früh zeigte sich Kaempfers Begabung. Seine Ausbildung setzte er nach dem Besuch des – heute nach ihm benannten – Lemgoer Gymnasiums in Hameln, Lüneburg und Danzig fort. Anschließend studierte er Philosophie und Medizin in Thorn, Krakau, Königsberg, schließlich 1681 im schwedischen Uppsala. Unter „Philosophie“ verstand man damals die forschende Beschäftigung mit der Welt, und zwar immer weniger in einer spekulativen, abstrakten und von der schriftlichen Überlieferung geleiteten Weise, sondern zunehmend empirisch: an den Erscheinungen und Erfahrungen orientiert. Kaempfer lebte in einer Zeit der Entdeckungen. Kepler und Galilei hatten ihre bahnbrechenden Überlegungen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts publiziert, Descartes zur gleichen Zeit das „ich denke“ in den Mittelpunkt seiner Metaphysik gestellt. Newton und Leibniz waren, eine Generation später, Zeitgenossen Kaempfers.

Aber während beispielsweise Newton sein Geburtsland England nie verließ, zog es den Pastorensohn aus Lemgo in die weite Welt, und zwar, wie er an den Naturforscher Olof Rudbeck 1683 schrieb, um im Orient „die vielgepriesenen Ruinen der Antike ... mittels Autopsie zu erforschen“ und sodann Indien und China kennezulernen. Als Sekretär der schwedischen Gesandtschaft an den persischen Schah Sulaiman reiste er von Stockholm über Moskau in die persische Hauptstadt Isfahan, wo er Jahre blieb und reiche Studien betrieb. Dort wechselte er als Arzt in die Dienste der holländischen Ostindien-Kompanie (VOC). Es folgten Aufenthalte in Südindien, Sri Lanka, Java und Siam, bevor er es ihm 1690 gelang, als Arzt der VOC in das für Ausländer verschlossene Japan zu gelangen. Rund zwei Jahre verbrachte er auf Deshima, der Insel der holländischen Enklave vor Nagasaki, und besuchte den japanischen Hof in Tokyo.

Ankunft der holländischen Schiffe im Hafen von Bandar Abbas. Bild aus den "Amoenitates" (K 943).

1693 reiste er über Südafrika nach Europa zurück. Er promovierte an der Universität Leiden 1694 zum Dr. med. mit einer Arbeit über Beobachtungen von seiner Reise. Im Oktober des gleichen Jahres ließ er sich im Steinhof in Lieme nieder und eröffnete eine medizinische Praxis. Von seinen Reisen hatte er eine Fülle von Beobachtungen und Erkenntnissen der verschiedensten Wissensgebiete mitgebracht – politische, geographische, botanische, zoologische –, die der Auswertung und Veröffentlichung harrten. Doch zu Lebzeiten gelang ihm nur die Veröffentlichung eines Vorgeschmacks, der „Amoenitates Exoticae“, der „exotischen Köstlichkeiten“, die 1712 bei der Meyerschen Hofbuchdruckerei in Lemgo mit fast 1000 Druckseiten erschienen.

Nach Kaempfers Tod erwarb der englische Sammler und Arzt Sir Henry Sloane seinen Nachlass, der darum heute in der British Library liegt. Sloane veranlasste die Veröffentlichung der „History of Japan“ (1727), und sorgte so für Kaempfers dauerhaften Nachruhm. Schnell verbreitete sich das Werk im gelehrten Europa, erschienen Übersetzungen z.B. ins Französische (1729) und Niederländische (1733), und – allerdings erst 50 Jahre später – auch eine deutschsprachige Ausgabe (1777).

Engelbert Kaempfer ist mit dem Reichtum und der Vielfalt seiner Erfahrungen und der Qualität seiner wissenschaftlichen Arbeit eine Ausnahmegestalt, die über seine Heimat, die kleine Grafschaft Lippe, weit hinausreicht. Leider sind in unserer Region kaum schriftliche Zeugnisse seines Wirkens erhalten, bis auf eine Ausnahme: sein Stammbuch war nicht Teil Teil des nach England verkauften Nachlasses, sondern gelangte später in den Besitz der Lemgoer Familie Dohm. Christian Dohm hatte 1777 als Schwiegersohn des Meyerschen Verlegers Helwing die erste deutsche Ausgabe der „Geschichte und Beschreibung von Japan“ besorgt. Das Stammbuch verblieb in der Familie, bis es 1867 als Geschenk an die heutige Lippische Landesbibliothek nach Detmold kam. Dort befindet es sich noch heute.

Die Huldigungsreise der Holländer zum japanischen Hof; Kaempfer in der zweiten Reihe von unten (Nr. 15). Bild aus dem Japanwerk. (K 979.2°)

„Stammbücher“ sind die Poesiealben und Freundschaftsbücher früherer Zeiten. Ihre Besitzer luden Verwandte und Freunde, oft auch Kommilitonen und Lehrer, dazu ein, sich dort mit einer Devise oder einer  Lebensweisheit einzutragen, um ihr Andenken zu bewahren. Kaempfers Stammbuch allerdings geht über ein Erinnerungsdokument an seine Studienzeit weit hinaus. Seit 1674 führte er es mit sich und sammelte darin Einträge auch von Begegnungen während seiner Reise. Der erste Eintrag stammt von einem polnischen Richter, der letzte 1694 in Holland von einem englischen Glücksritter. Das kleine Buch enthält auf 140 Seiten Einträge aus 20 Jahren Studium und Weltreise, aus (nach heutigen Grenzen) 15 Ländern auf 3 Kontinenten, von Europa über Persien, Südasien bis Japan und Südafrika, in 26 identifizierten Sprachen (und noch 5 unbekannten). Es finden sich Einträge von Gelehrten, Geistlichen mehrerer Religionen, Diplomaten, Kaufleuten, Beamten, Dolmetschern, sogar von einem König im Exil.

Nur einmal wurde bisher der Versuch unternommen, dieses Stammbuch zu edieren. Im Jahre 1952 veröffentlichte Karl Meier-Lemgo eine Bearbeitung, wie sie die Umstände erlaubte; seine Fassung enthält – dem damaligen Kenntnisstand geschuldet – zahlreiche Lücken und Fehler und musste viele Einträge unbearbeitet lassen. Nun hatte vor einigen Jahren der Kaempfer-Kenner und -Enthusiast Lothar Weiß die ersten Schritte zu einer Neuedition in Zusammenarbeit mit der Landesbibliothek unternommen, das Jubiläum dieser Tage vor Augen. Seine Krankheit und sein allzu früher Tod haben ihn gehindert, doch erlauben seine umfangreichen Vorarbeiten, den Faden aufzunehmen. Und so hoffen wir, in einem, vielleicht in zwei Jahren dieses einmalige Dokument und Lebenszeugnis eines außergewöhnlichen Lippers der Öffentlichkeit präsentieren zu können.