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[Rezension zu:] Literaturwissenschaft und Bibliotheken

Hg. von Stefan Alker und Achim Hölter. – Göttingen: V & R Unipress, Vienna Univ. Pr. 2015. – 198 S. (Bibliothek im Kontext, Bd. 2) – ISBN 3-8471-04454-4. € 30,00. Online: http://www.v-r.de/de/literaturwissenschaft_und_bibliotheken/t-0/1038170/ (Open Access)

von Joachim Eberhardt

Druckfassung in: ABI-Technik 36 (2016) 2, 142-144.

Literaturwissenschaft wird betrieben mit dem, was Bibliotheken bewahren – vielleicht unterscheidet sich daher das Verhältnis der Literaturwissenschaft zur Bibliothek von dem anderer Disziplinen? Stefan Alker und Achim Hölter haben sich vorgenommen, dieser Frage einmal nachzuspüren, und dafür Beiträger aus beiden Sphären gewonnen. Dass ihr Sammelband sich keinem konkreten Anlass verdankt, hat zwei Folgen: einerseits wirkt der Themenzuschnitt der einzelnen Beiträge wie auch der Titel des Bandes „Literaturwissenschaft und Bibliotheken“ handbuchartig und verspricht jeweils eine systematische und überblicksartige Darstellung. Andererseits versäumen es die Beiträger in ihren Texten, sich aufeinander zu beziehen, und haben auch keine gemeinsame Grundlage für das, was sie jeweils als „Bibliothek“ bezeichnen. Der Band leistet daher zugleich mehr und weniger, als er könnte.

Die neun Beiträger sind alle studierte, sechs von ihnen auch lehrende Literaturwissenschaftler, wie die biographischen Bemerkungen am Schluss des Bandes verraten. Vier Beiträger haben zugleich eine bibliothekarische Ausbildung, drei davon sind derzeit auch im Bibliotheksbereich tätig. Das Vorwort von Stefan Alker und Achim Hölter stellt alle Beiträge kurz vor (S. 7-11), dämpft dabei aber (meine) Leselust, weil man nur an im literaturwissenschaftlichen Jargon sattelfeste Leser gedacht hat. So heißt es etwa zum Thema Klassifikation, dass „die klassifizierten Artefakte […] auf dem Sektor der Poetologie und Generologie zugleich metasprachliches Ordnungsinstrument und gegenständliches Produkt der literarischen Evolution sind“ (S. 9). Gemeint ist, dass die literarischen Genrebegriffe sowohl vorschreibend wirken (z.B. für Schriftsteller) als auch beschreibend verwendet werden (z.B. von Literaturwissenschaftlern); dieser Umstand erschwert ihre Klassifizierung. Mit den Worten der Herausgeber: „Jede Form der Selbstreflexion“ von Literaturwissenschaft macht „das zugrundeliegende Produktionsdispositiv“ sichtbar, zumal wenn an der „wissenspoetologischen und vor allem praxeologischen Aufarbeitung des Konzepts Bibliothek“ gearbeitet wird (Zitate ebd.); offenbar glaubt man vor allem Literaturwissenschaftler daran interessiert. – Meine folgende Zusammenfassung präsentiert die Beiträge in einer Reihenfolge zunehmender Bezogenheit auf die bibliothekarische Praxis.

Daniel Syrovy, Literaturwissenschaftler, schreibt über das „Berufsfeld Bibliothek: Literaturwissenschaftler und Schriftsteller als Bibliothekare“ (S. 153-166), so der Titel seines Beitrags. Er widmet in seinem Überblick den bibliothekarisch tätigen Grillparzer, Musil, Huch oder Borges und anderen Autoren ausführlichere Bemerkungen zum Einfluss des Berufes auf ihr Schreiben, um schließlich die Perspektive zu wechseln: nämlich wie in der öffentlichen Wahrnehmung von Bibliothekar-Schriftstellerviten (Beispiel Borges) ein „Mythos Bibliothekar“ (S. 164) seine Ausprägung findet.
 
Achim Hölter, Literaturwissenschaftler, stellt in seinem „Forschungsbericht“ „Das Bibliotheksmotiv im literaturwissenschaftlichen Diskurs“ (S. 167-193) dar, wie die Bibliotheksmotivik in der literaturwissenschaftlichen Forschung seit den 1980er Jahren behandelt wird. Er zählt kenntnisreich eine Fülle von Arbeiten auf und teilt eine Reihe von zusammenfassenden Beobachtungen mit, etwa zum „Basistopos Selbstreferenz“ (S. 174), oder zu den wenigen kanonisch gewordenen literarischen Bibliothekstexten (S. 172). Auch wenn Literaturwissenschaftler „bis heute so gerne über Bibliotheken schreiben“ (S. 187), kommt Hölter nicht umhin, eine gewisse Ermüdung in der Behandlung des Themas festzustellen. Seine ausführliche Bibliographie regt zum Weiterlesen an.

Wolfgang Adam, Literaturwissenschaftler, orientiert buch- und bibliothekshistorisch in seinem dem Andenken Paul Raabes gewidmeten Beitrag „Bibliotheksforschung als literaturwissenschaftliche Disziplin“ (S. 67-92) über Typen privater und öffentlicher Büchersammlungen, um dann im längeren zweiten Teil am Beispiel der Privatbibliothek Montaignes zu zeigen, welche Erkenntnisse über das Schreiben eines konkreten Autors sich aus dessen Büchersammlung gewinnen lassen.

Bernhard Dotzler, Medienwissenschaftler, gibt vor, sich an einer „Literaturwissenschaftlichen Mediologie der Bibliothek“ zu versuchen (S. 49-65). Dabei schmückt Dotzler seinen Text mit einer ganzen Reihe von funktionslosen Verweisen und Abschweifungen, etwa indem er seinen 5. Abschnitt „Inherent vice“ überschreibt – der Titel des letzten Romans von Thomas Pynchon –, oder indem er mit der Christa-Wolf-Anspielung „Keine Bibliothek, nirgends“ schließt. Der 3. Abschnitt „Die totale Bibliothek“ gilt der bekannten Borgesschen Fiktion der Bibliothek von Babel und stellt dessen ebenfalls bekannte Paradoxien dar. – Dotzlers Leitfaden ist die „Erzählung“ Friedrich A. Kittlers über Alain Resnais Film über die französische Nationalbibliothek; Dotzler erzählt also die Analyse einer Filmerzählung nach. Die „zeitgemäße[n] Termini“ seiner „Mediologie“ der Bibliothek sind Kittlers Computerbegriffe der 70er Jahre, und es bleibt Dotzlers Geheimnis, inwiefern diese überholte Technik als Bildspender etwas konzeptuell Erhellendes über das moderne Bibliothekswesen zu sagen vermag – von Irrtümern, beispielsweise darüber, was ein OPAC ist (S. 53), einmal abgesehen. Die im Vorübergehen ausgesprochene Bewertung, „immer mehr ganze Bibliotheken [gingen] dem Netz in die Falle“ (S. 64), wäre nur dann interessant, wenn sie denn begründet würde; da dies fehlt, bleibt die theoretische Fallhöhe der Schlussfolgerung „Keine Bibliothek, nirgends“ für die Zukunft nach dem Medienwandel mediologisch auf der Höhe des Meeresspiegels.

Dirk Werle, Literaturwissenschaftler, widmet seinen Text der „Literaturtheorie als Bibliothekstheorie“ (S. 13-26). Der Aufsatz krankt an seiner fragwürdigen Voraussetzung, „die Literaturtheorie“ habe den Bibliotheksbegriff bisher vermisst, zumal Werle zu erläutern versäumt, welchen literaturtheoretischen Kontext er der „Bibliothek“ zudenkt. Immerhin begründet Werle sein theoretisches Vorhaben, wenn auch mit der allzu ambitionierten These, „erst verstanden als auf die Bibliothek bezogener Gegenstand lässt sich Literatur […] angemessen verstehen“ (S. 14). Das schmeichelt den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren; wahr ist es aber nicht. Werles definitionsähnliche Setzungen, die literaturtheoretisch fruchtbar gemacht werden sollen, scheinen unhinterfragt vom Paradigma der frühneuzeitlichen Gelehrtenbibliothek regiert – mit denen Werle sich auskennt – und damit von beschränkter Aussagekraft. „Die Bibliothek ist unabgeschlossen und in ständigem Wachstum begriffen“ (S. 14) gilt sicher für die Büchersammlung von Personen, solange diese leben, nicht aber nach deren Tod, wie Adams schon erwähnte Abhandlung über Montaignes Bibliothek im gleichen Band belegt. In Werles Setzung „In der Bibliothek stehen Bücher verschiedenster Provenienz nebeneinander“ ist ein bestimmter Typ der Erwerbungsgeschichte einer Büchersammlung imaginiert, die eben nur auf manche Bibliothekstypen zutrifft. Selbst dort, wo die Bibliotheksaussagen allgemeiner sind, wirkt die literaturtheoretische Anwendung übergestülpt: „Die Bibliothek besteht aus vielen Büchern […] Literatur ist nicht als Einzeltext […] zu haben; der Begriff der Literatur basiert auf dem Prinzip der Fülle“ (S. 14), schreibt Werle beispielsweise, erklärt aber nicht, warum allein im Bibliotheksbegriff das Prinzip der Fülle literaturtheoretisch angemessen ausgedrückt wäre. – Im Verlauf seiner Darstellung streift Werle naheliegenderweise Intertextualitäts- und Memoria-Diskussion und endet schließlich mit einer für eine bestimmte Schule der Literaturwissenschaft typische enge und beschränkte Definition von Literatur als „auf Wissen bezogene Ausdrucksform“, die es ermögliche, in der Literaturtheorie „das Konzept, die Institution, den Begriff der Bibliothek als zentral“ zu setzen (S. 24). Der ganze Gedankengang lässt mich ratlos zurück, das von Werle ausgemachte theoretische Defizit sehe ich nicht. Literaturwissenschaftlich erscheint mir außerdem seine Verengung auf die am Wissensbegriff orientierte Perspektive der Bibliothek problematisch, aber damit macht man ohnehin ein größeres Fass auf.

Die von Bibliothekaren verfassten Beiträge treten – insbesondere im Vergleich zu den Beiträgen von Dotzler und Werle – mit weniger theoretischer Ambition auf.

Stefan Alker, Bibliothekar, betrachtet „Die Bibliothek in literaturwissenschaftlichen Einführungen“ vor allem der letzten 15 Jahre (S. 27-48). Sein Überblick genügt sich darin, zu beobachten und zu sortieren; die Zusammenfassung gerinnt zu der wenig überraschenden Feststellung, die Bibliothek (=ganz konkret Institutsbibliothek oder Unibibliothek) sei in den Einführungen „ambivalent“ gezeichnet. Der Aufsatz stellt durchaus aufschlussreich die Blickrichtung der Literaturwissenschaft auf ihre Bibliotheken dar; wenn Alker am Ende für „gegenseitige[s] Verständnis“ (S. 48) wirbt, hat er jedenfalls für die eine Seite einen Beitrag geleistet.

Michael Pilz, bibliothekarisch ausgebildeter Literaturwissenschaftler, behandelt „Wissenschaftliche Bibliotheken und Literaturvermittlung aus literaturwissenschaftlicher Sicht“ (S. 93-113). Da Pilz mit dem, was vermittelt werden soll, tatsächlich „Belletristik als ‘Literatur im engeren Sinne’“ (S. 98) meint, wundert die Erkenntnis wenig, dass Universitäts- und Institutsbibliotheken sich kaum berufen fühlen, dazu systematisch beizutragen, so dass auch das Fehlen einer bibliotheksfachlichen Reflexion über Literaturvermittlung in diesem Sinne nicht wirklich erstaunt. Damit der Beitrag sich aber nicht in der Fehlanzeige erschöpft, erkennt Pilz auch in der Bereitstellung bibliographischer Information – wie etwa der BDSL, die von der UB Frankfurt erarbeitet wird – und der Digitalisierung von Primärliteratur Arbeitsfelder der Literaturvermittlung, deren sich Bibliotheken dankenswerterweise angenommen haben.

Peter Blume, Bibliothekar, untersucht „Bibliothekarische Systematiken und Fachsystematik(en) der Philologien – eine vielschichtige Beziehung“ (S. 139-152). Leider hält der Aufsatz nicht, was der Titel verspricht, da Blume keine konkrete „Fachsystematik der Philologien“ als Vergleich mit den herangezogenen RVK, DDC oder GHBS anführt. Ich hätte lieber mehr direkt Vergleichendes gelesen als „Thesen“, die sich nicht entscheiden können, ob sie normativ gemeint sind oder als Beobachtungen mit Nachweisen unterfüttert werden sollten. Bemerkungen zur Zeitgebundenheit von Wissensordnungen und zur Diskrepanz zwischen den Geschwindigkeiten, mit der sich Fachsprache und Terminologie einerseits, Fachsystematik andererseits entwickeln, gehören ohnehin zum Standardrepertoire der bibliothekarischen Fachdiskussion. Wenn Blume schließlich seinen letzten Abschnitt „Lösungsansätzen und Perspektiven“ widmet, dann hofft man auf mehr als, z.B., die altbekannte Feststellung, „die starre[ ] lineare[ ] thematische[ ] Ordnung von physischen Buchbeständen in einer Bibliothek“ (S. 151) sei ein Problem; und in der Standortungebundenheit von E-Books kann ich auch keine zukunftsgewandte „Perspektive“ erkennen, ja nicht einmal einen echten Gedanken, da dies für die Titeldaten aller Medien immer schon galt.

Andreas Brandtner, Bibliothekar, schreibt über „Bibliotheken als Laboratorien der Literaturwissenschaft? Innenansichten analoger, digitaler und hybrider Wissensräume.“ (S. 115-138). Er bietet eine kleine Bibliotheksgeschichte der „Labor“-Metapher, die aus der Literaturwissenschaft stammt, und richtet seinen kritischen Blick auf den jüngst in der bibliothekarischen Diskussion wieder Konjunktur gewinnenden Begriff der „Forschungsbibliothek“ (S. 127-129). Der behagt ihm als Direktor der UB Mainz vermutlich darum nicht, weil die Regionalbibliotheken, die sich damit identifizieren, keinen institutionellen Bezug zur Forschung haben, durch den ihr Handeln korrigiert werden könnte, im Unterschied etwa zu seiner UB. Zwar leuchtet es ein, wie Brandtner vorschlägt, den Begriff als Beschreibung einer Funktion zu verstehen, die dann auch anderen Bibliotheken zugeschrieben werden könnte, allerdings nimmt sich diese Korrektur vom Vertreter einer multifunktionalen Universitätsbibliothek wie der Neid der Reichen auf die Armen aus. Als – offene – Zielfragen stellt Brandtner heraus, ob Bibliotheken „geisteswissenschaftliche Forschungsprozesse konstruktiv“ unterstützen und ihrem Wesen nach anarchische Forschung das streng strukturierte Bibliotheksangebot fruchtbar machen könne(n) (S. 138), andernfalls liefen beide Welten auseinander; Fazit: „es bleibt spannend“ (ebd.).

Naheliegend wäre es, spätestens an diesen Beitrag die Frage anzuschließen, inwiefern es gerade jenen Bibliothekaren ge- oder misslingt, eine Kluft zwischen Forschung und Dienst zu überbrücken, die ihrem Selbstverständnis nach Literaturwissenschaftler (geblieben) sind. So bleibt die Perspektive des ganzen Bandes entschieden institutionsbezogen: Bibliothek und Literaturwissenschaft: ja, Bibliothekare und Literatur: nein, was angesichts des Tätigkeitsprofils der Beiträger schade ist. – Der Band unterlässt es auch an anderen Stellen, Verknüpfungen herzustellen, etwa im Kapitel über die Autorenbibliotheken zum Forschungsprojekt Autorenbibliotheken im (bibliothekarisch-archivisch geprägten) Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel.

Trotz aller Einwände bietet der Band in den meisten Beiträgen einen gründlichen Überblick und in manchen für mich als Bibliothekar neue Beobachtungen. Er ist allemal einen Blick wert, auch wenn nicht alle Beiträge der durch den allgemein gehaltenen Titel geweckten Erwartung zu entsprechen vermögen. Als zweiter Band der Reihe „Bibliothek im Kontext“ ist er als Open Access-Publikation (unter der Lizenz CC-BY-NC-ND 4.0) als PDF auf den Seiten des Verlags V&R zu finden. Mit seinem festen Einband, dem klaren Satz und der sorgfältigen Bindung ist das gedruckte Werk durchaus zur Anschaffung zu empfehlen.