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[Rezension zu] Maurice Edwards: Christian Dietrich Grabbe : his life and his works

von Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Lippische Mitteilungen 85 (2016), 268-269.

Online-Fassung zum Download (pdf).

Maurice Edwards: Christian Dietrich Grabbe : his life and his works.
New York; QCC Art Gallery, 2015.
343 Seiten, 4 Abbildungen, Hardcover.
ISBN: 978-1-936658-28-2
65 $

Mit „Christian Dietrich Grabbe. His Life and His Works“ liegt ein neuer Gesamtüberblick über Leben und Werk des in Detmold geborenen und gestorbenen Dichters vor. Dafür war es an der Zeit; die letzten vergleichbaren Werke waren Jörg Aufenangers erzählende Biographie von 2001 und Ladislaus Löbs Forschungsüberblick von 1996. Das Buch von Maurice Edwards, erschienen bei QCC Art Gallery Press in New York im letzten Jahr, ist allerdings für einen anderen Leserkreis geschrieben als die zuvor genannten. Edwards’ Monographie soll, nach dem Willen ihres Verfassers, weitere Übersetzungen und Aufführungen von Grabbes Werken im englischen Sprachraum stimulieren. Sie richtet sich also an eine literatur- und theaterinteressierte Leserschaft vor allem im englischsprachigen Raum, und ist mehr als Einführung in diesen Autor gedacht denn als Forschungsüberblick und -diskussion.

Maurice Edwards (* 1922) ist ein guter Kenner der Grabbeschen Texte. Nach dem zweiten Weltkrieg als GI in Deutschland, erwarb er sich vermutlich dort die Liebe zum Grabbeschen Werk – und seine exzellenten Deutschkenntnisse. Nach Studium an der New York University und der Columbia University und Abschluss in Philosophie und Komparatistik war er unter anderem als Direktor des Cubicolo-Theaters in New York und des Brooklyn Philharmonischen Orchesters tätig. Seine Übersetzung von Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung erschien bereits 1966; auch Don Juan und Faust übertrug er teilweise ins Deutsche Im Text werden alle Grabbe-Zitate zweisprachig deutsch/englisch präsentiert, so dass man sich leicht von der Qualität der Übertragungen selbst überzeugen kann. (Kleine Irrtümer sind verzeihlich, etwa wenn das Wort „Hüne“ mit „Huhn“ verwechselt wird, S. 40.)

Edwards Darstellung ist gut lesbar und mit Einfühlung geschrieben, sein Urteil entschieden und oft eingängig, nicht ohne Eleganz formuliert. Hin und wieder verführt ihn seine gute Kenntnis der Quellentexte dazu, diese bei der Darstellung von Lebensabschnitten für bare Münze zu nehmen, etwa wenn Grabbes mühevolle Aufnahme der Advokatur 1824 mit seinen angeberischen, übertreibenden Worten im Brief an Kettembeil 1827 dargestellt wird (S. 68).
Dem biographischen Überblick (S. 39-109) folgen im zweiten Teil (S. 113-260) Einzeldarstellungen zu 11 Dramen. Die Fragmente „Alexander der Große“ und „Kosziuczko“ sind nicht berücksichtigt; man vermisst zudem die Behandlung der kritischen Schriften als eigene Werkgruppe. Die Dramen werden ausführlich inhaltlich beschrieben und jeweils in Grabbes Schaffen eingeordnet; Edwards zeigt Beziehungen auf und beurteilt die Texte aus profunder praktischer Theatererfahrung. Ein dritter Teil (S. 279-333) präsentiert einige Grabbe-Texte: von Edwards selbst stammen extra für diese Veröffentlichung angefertigte Übersetzungen des Librettos „Cid“ und des Essays „Über die Shakespearo-Manie“; von Longfellow ein Auszug aus Aschenbrödel (der 1845 zuerst erschien).

An einigen Stellen ist zu spüren, dass sich Edwards seine Kenntnis der Sekundärliteratur sehr früh erwarb, so dass die jüngste Grabbe-Forschung kaum Berücksichtigung gefunden hat (kein einziger Beitrag aus dem Grabbe-Jahrbuch!). So ist die beigegebene Bibliographie der schwächste Teil des Buches. Erstaunlich, dass kein einziges Werk von Alfred Bergmann, ja nicht einmal dessen Materialsammlungen oder seine Bibliographie, dort angegeben sind; ebenso bedauerlich, dass Edwards versäumt, auf das Grabbe-Portal (www.grabbe-portal.de) hinzuweisen: hier sind Texte und Kommentare von Bergmanns kritischer Ausgabe mit der Präsentation der Handschriften und Erstdrucke online frei zugänglich – das möchte für eine der deutschen Sprache kundige angloamerikanische Leserschaft (oder für deutschsprachige Leser zumal) nützlicher sein als der Hinweis auf die frühen Gesamtausgaben von Gottschall (1870) oder Grisebach (1902). Davon abgesehen ist das Buch insgesamt eine ausgewogene, runde Darstellung, die Grabbe mit deutlicher Sympathie, aber auch nicht ohne die nötige kritische Distanz vorstellt.