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In Farbe. Neues Lortzing-Bildnis der Leipziger Zeit in der Landesbibliothek

von Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Heimatland Lippe 108 (2015)3, 56-57.

Gustav Albert Lortzing (1801-1851) ist heute zweifellos die berühmteste Persönlichkeit der Detmolder Theatergeschichte. Als er von 1826 bis 1833 am Hoftheater beschäftigt war, war dies jedoch noch nicht abzusehen. Einerseits schildern uns die Biographen Lortzing auch damals schon als echtes Theatertier, das gern auf der Bühne improvisierte. Andererseits erkennt die eine oder andere Besprechung durchaus Mängel seines künstlerischen Auftretens. „Ohne eigentliche ausgeprägte Stimme“ sei er gewesen, meinte schon sein erster Biograph Philipp Düringer, der mit Lortzing seit 1837 befreundet gewesen war, und bezog sich damit auf den Gesangsvortrag. Auch als Schauspieler habe Lortzing in der Tragödie „niemals die wahre Wirkung hervorbringen“ können. Sein komisches Talent, sein „sprudelnder Humor“ wird ihm dabei im Weg gestanden haben: „Wenn ihm ein Witz auf der Zunge saß, so musste er ihn anbringen“, resümiert Georg Richard Kruse.

Vermutlich war Lortzing gerade darum in Detmold Publikumsliebling, zumal er auch gut aussah. Freund Düringer beschreibt ihn aus der Erinnerung 1851:

„Sein liebenswürdiges, einnehmendes Äußere kam ihm auf der Bühne sehr zu statten. Eine schlanke Mittelfigur mit dunkellockigem Haare, freundlich schönem Angesichte; seine hübschen dunkeln Augen waren von gutmüthigem schelmischen Ausdruck, heiter lebendig; seine ganze Erscheinung, sein ganzes Wesen voll Frohsinn und Laune, gewandt und gefällig so auf der Bühne wie im Leben, verfehlte da wie dort niemals den angenehmsten Eindruck“.

Auch Kruse kommentiert in seiner fast 50 Jahre später erschienenen Biographie Lortzings elegantes Äußeres, nicht ohne anekdotischen Hinweis auf sein Modebewusstsein und seinen Schneider. So wird Lortzing im kleinen Detmold eine stadtbekannte Erscheinung gewesen sein – zum überregional bekannten „Star“ nach heutigen Maßstäben wurde er nicht, auch nicht durch die regelmäßigen Auftritte in den anderen Spielorten der Hoftheatergesellschaft in Münster, Osnabrück und Pyrmont. Erst der Ruhm als Erfolgskomponist der Spielopern Zar und Zimmermann (1837), Der Wildschütz (1842) oder Der Waffenschmied (1846) dürfte jenes öffentliche Interesse befeuert haben, das es interessant machte, Porträts des Komponisten fertigen und dann auch vervielfältigen und vertreiben zu lassen.

Welche Form haben solche Porträts? Lortzing ist zu früh gestorben, um auf vielen Fotos verewigt zu sein. Um 1840 brauchte ein Porträtfoto noch acht bis zehn Minuten Belichtungszeit, und das Zeitalter der „technischen Reproduzierbarkeit“ von Fotos beginnt erst zaghaft mit der Erfindung der Mehrfachabzüge um 1850. Das Mittel der Wahl in der Mitte des 19. Jahrhunderts sind daher gestochene oder lithografierte Porträts, die als Einzelblätter oder als Illustrationen in Büchern und Zeitschriften gedruckt werden. Natürlich entstehen solche Porträts nicht, indem der Porträtierte dem Stecher Modell sitzt, sondern nach einer „flüchtigeren“ Vorlage, beispielsweise einer Zeichnung oder einem Gemälde – darum tragen viele Porträtstiche eine doppelte Signatur. So zeigt das von Andrew Duncan in Leipzig gestochene Porträt Lortzings den Hinweis auf den Maler Johann Heinrich Schramm (1810-1865).

Lortzing
Bild 1: Lortzing-Porträtstich von Andrew Duncan nach Vorlage von Johann Heinrich Schramm. Signatur: Mus-L 155-27

Die Signatur lautet „J. H. Schramm del[ineavit]. A Duncan sculp[sit] Leipzig“; das bedeutet: Schramm hat ein Porträt gezeichnet, Duncan hat es dann nachgestochen. Wer Düringers Biographie aufschlägt, erkennt das Porträt wieder, denn auch dort ist es schon zu sehen – allerdings spiegelbildlich abgedruckt und mit mehr Details in der Kleidung, während die Darstellung den ganzen Rumpf umfasst.

Lortzing
Bild 2: Lortzing-Porträtstich nach Vorlage von Schramm, seitenverkehrt abgedruckt in Düringers Biographie. Signatur: Mus-Lb 4 D 2.

Die Vermutung liegt nahe, dass die deutlich detailreichere Fassung bei Düringer (Knopflöcher im Kragen, Stuhllehne etc.) näher am Original von Schramm ist. Trotzdem bleibt die Frage, welches Porträt von beiden Lortzing sozusagen „richtigrum“ zeigt. Glücklicherweise gibt es ein anderes Porträt, das etwa zur gleichen, das heißt: der Leipziger Zeit Lortzings entstanden ist, nämlich denjenigen nach einer Vorlage von Caspar Scheuchzer (1808-1874). Scheuchzer war ein Schweizer Maler und Lithograph, der für einen Zürcher Verlag ein Porträt „zeichnete“. Die Bibliothek besitzt auch einen Abzug dieses Porträts, das z.B. in Hermann Webers Erinnerung an Lortzing 1869 veröffentlicht wurde.

Lortzing
Bild 3: Porträtlithographie von Caspar Scheuchzer. Signatur Mus Lb 1 W 1.

Auf diesem Bildnis trägt Lortzing den Scheitel auf derselben Seite wie auf Duncans Stich, daher liegt die Vermutung nahe, dass dies die „richtige“ Ansicht ist. Kleidung, Schmuck und auch Gesicht und Frisur sind in Schramms und Scheuchzers Porträts recht ähnlich – ja es sieht beinahe so aus, als habe der Komponist auf dem gleichen Stuhl Modell gesessen. Allerdings ist das Halstuch anders geschlungen, und auf der Hemdbrust prangt ein anderes Schmuckstück.

Ist denn Scheuchzers Lithographie richtig orientiert? Dies ist eindeutig zu bejahen im Vergleich mit der Vorlage, welche die Landesbibliothek kürzlich erwerben konnte. Es handelt sich um eine unsignierte Gouache-Malerei, die mit Bleistift mit „Leipzig 1840“ datiert ist. 

Bild 4: Gouachemalerei von Caspar Scheuchzer. Mus-L 155-14.

Dass Scheuchzer das Porträt gefertigt hat, folgt auch aus der Signatur der gedruckten Lithographie – dort findet man nämlich nur eine Angabe zur Herstellung: „Gez. v. C. Scheuchzer – Druck von Joh. Lier, Zürich“. Da also nicht zwischen Vorlage und Abdruck bzw. zwischen Porträtist und Lithograph unterschieden wird, gilt der Hinweis auf den Künstler beiden, und das passt zu dem, was man über Scheuchzer weiß, der beider Verfahren mächtig war.
Mir ist keine Studie bekannt, welche die sämtliche überlieferten Lortzing-Porträts gemeinsam betrachtete. Es wäre interessant, sie ins Verhältnis zueinander zu setzen und insbesondere ihre Altersreihenfolge und ihre Authentizität zu bestimmen, selbst wenn nicht immer etwas über ihre Entstehungsgeschichte bekannt ist. Klar ist, dass wir mit Schramms und Scheuchzers Porträts den „mittleren“, den Leipziger Lortzing vor uns haben – und die Neuerwerbung versetzt uns erstmal in die glückliche Lage, ihn in Farbe kennenzulernen.