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Grabbes Abhandlung Über die Shakspearo-Manie als literarisches Traditionsverhalten

von Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Grabbe-Jahrbuch 33 (2014) 2015, S. 196-200.

Grabbe gilt heute den Literaturhistorikern, neben Büchner, als der Erneuerer der Dramatik in der Zeit nach Goethe und Schiller. Das ist ein Urteil im Rückblick, auf der Grundlage von verlässlichen Textausgaben und von vielen Inszenierungen. Wissen Sie, was die Zeitgenossen von Grabbe wussten, als 1827 seine Dramatischen Dichtungen in zwei Bänden erschien? Die Antwort ist: So gut wie nichts. Kein Drama war bis dahin auf irgendeiner Bühne zu sehen gewesen. Die paar veröffentlichten Theaterkritiken, ohnehin zum Teil anonym erschienen, reichten nicht aus, um dem literarischen Deutschland ein Begriff zu sein. Gewiss: Einigen galt Grabbe als Talent; so hat bekanntermaßen sein bereits als Schüler begonnenes Stück Herzog Theodor von Gothland Tiecks Beifall – und nach Heines bekannter Erinnerung Rahel Varnhagens Missbehagen – auf sich gezogen; in Berlin hatte Grabbe unter anderen Heine und Köchy kennengelernt. Auch in seiner kleinen Heimatstadt Detmold war Grabbe eine bekannte Persönlichkeit – wenngleich nicht unbedingt als Dichter.
1827 ist also das Jahr, in dem er, fast aus dem Nichts, mit zwei Bänden Dramatische Dichtungen in das literarische Rampenlicht tritt. Diese beiden Bände sind seine dichterische Visitenkarte. Den ganzen ersten Band nimmt der Gothland ein; Nanette und Marie, Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung sowie das Fragment Marius und Sulla bilden den zweiten – und dann noch jene umfangreiche Streitschrift namens Über die Shakspearo-Manie. Worum geht’s?

Vordergründig handelt es sich um Grabbes Kritik der übertriebenen Shakespeare-Bewunderung seiner deutschen Zeitgenossen, weil diese Bewunderung den Fortschritt der dramatischen Literatur behindere. Doch dahinter geht es noch um mehr, nämlich, wie Grabbe selbst gelesen werden möchte. Mit Pierre Bourdieu würde ich sagen, Grabbes Streitschrift ist eine Stellungnahme am Avantgarde-Pol des literarischen Feldes. Sie ist entzifferbar als „Traditionsverhalten“ (Wilfried Barner). Oder weniger theoretisch ausgedrückt: Der unbekannte Dramatiker Grabbe markiert sein Revier.
Das macht er bereits in seiner Einleitung deutlich, wenn er Byron als Zeugen dafür herbeizitiert, Shakespeare sei zur „Fashion“, also zur Mode geworden. Das hat Byron hat das nicht auf das literarische Deutschland gemünzt. Was schert das Grabbe! Er ist damit bei seinem Thema: Die modische Orientierung an einem großen Vorbild hindert die originelle Entwicklung eigener Dramatik. Hier muss man lesen: Vor welchem Hintergrund schreibe ich, Grabbe, eigentlich selbst?

Die dann folgenden Seiten des Shakespeare-Aufsatzes malen diesen Hintergrund aus: Goethe und Schiller wäre Originelles noch gelungen, aber den Romantikern nicht. Seit Schlegels Shakespeare-Übersetzung hat „außer Goethe, Schiller und einigen wenigen anderen Bevorzugten die deutsche schöne Literatur nichts Bedeutendes hervorgebracht“. Das heißt also: In den 30 Jahre zwischen 1797 und 1827 ist für Grabbe nichts Nennenswertes veröffentlicht worden (Schlegel und Tieck ein wenig ausgenommen)! 
Der zweite Schritt in Grabbes literarischer Stellungnahme ist die Auseinandersetzung mit dem – ja allgemein bewunderten – Vorbild: Verdient Shakespeare überhaupt die ihm von den Romantikern entgegengebrachte Bewunderung? Dieser Frage räumt Grabbe den meisten in seinem Aufsatz ein. Seine negative Antwort muss überraschen, weil er ihr die Feststellung voranstellt, wie großartig er Shakespeare finde: „Niemand wird dem Shakespeare wahrhaftiger huldigen als ich es thue“, schreibt er. Shakespeare habe „umfassendes Genie“, „Schöpfungskraft“, seine Figuren „inneres wirkliches Leben“, seine Phantasie sei „vielseitig und genial“, er habe „Humor und Ironie“. Allerdings habe er auch „Schattenseiten“. Wer die nicht sieht, so die von Grabbe nahegelegte Folgerung, versteht nichts von Literatur. Damit erfüllt die Kritik an Shakespeare in jeder Einzelheit eine Doppelfunktion: Sie belegt zugleich die Kompetenz des Kritikers Grabbe und die Inkompetenz der Shakespeare-Bewunderer.

Grabbes Shakespeare-Kritik entwickelt sich vom Allgemeinen zum besonderen. Allgemein betrachtet, sei Shakespeare nicht originell denn so wie Shakespeare hätten auch andere Engländer geschrieben (Marlowe, Fletcher). Seinen historischen Dramen mangele es an einem „dramatischen Mittelpunkt“ und einem „Endziel“, sie seien „weiter nichts als poetisch verzierte Chroniken“. Außerdem seien die historischen Stücke voll von Anachronismen. Dass diese Kritikpunkte zueinander in einem Spannungsverhältnis stehen, wenn sie historische Treue (und daher undramatische Gliederung) und historische Untreue (in den Anachronismen) beklagen, zeigt nur umso deutlicher, dass es Grabbe nicht in erster Linie um akkurate Shakespearekritik geht.

An einzelnen Dramen hat Grabbe noch mehr auszusetzen:

Cäsar, „in der Geschichte der einfachste, scharfsinnigste, liebenswürdigste der aller Menschen ist im Shakspeare zu einem Phrasen machenden Rennomisten geworden“, also zu einem Angeber. Im König Johann sei die Sprache bombastisch und unnatürlich. Im Heinrich IV. fehlten Mittelpunkt und Schluss, und die Falstaff-Szenen sind nicht organisch eingebaut. Heinrich V. habe wenig Dramatisches, Heinrich VI. sei voll von falschem Pathos; in Richard III. seien alle Nebenfiguren „marionettenmäßig“. Im Hamlet wechselten die genialsten Gedanken mit den trivialsten, und die Nebenpersonen seien „wahre Nullen“, auch der König „nur ein Phrasenmacher“. „Alles ruht im Hamlet, das Reden ist die Hauptsache, die Handlung ungelenk und schleppend“, ja „der Dichter scheint an der Handlung im Hamlet Langeweile gehabt zu haben“. Starker Tobak!

Shakespeare beginne seine Dramen oft mit kraftvollen Szenen, aber „hinter diesen Phantasiebildern pflegt die eigentliche Exposition nur um so sicherer daher zu hinken, wie das denn in allen genannten Stücken der Fall ist“. Und selbst wenn der Anfang eben kraftvoll ist, ist das eigentlich auch falsch, schreibt Grabbe, „wenn man aus langer Erfahrung weiß, wie wenig auf dem Theater gleich beim ersten Aufziehen des Vorhangs große Schläge auf den Zuschauer wirken“. Auch hier muss man sich vor Augen halten, dass Grabbbe seine „lange Erfahrung“ hier nur behauptet, und diese sich – wenn überhaupt vorhanden – auf das Zuschauen beschränkt. Grabbe ist gerade erst 27 Jahre alt und geht also vielleicht seit zehn Jahren ins Theater. Schließlich: Romeo und Julia habe keine „Charaktere“ sondern bloß „verliebte junge Leute“. Und die Sprache! „Shakspeares Vers ist im Ganzen nicht der beste und besteht aus hinkender Prosa“, ja Grabbe sieht sogar Grammatikfehler im englischen, womit er seinen Lesern zugleich sagt, dass er Shakespeare im Original liest, nicht bloß in der Schlegelschen Übersetzung.

Worauf läuft das alles hinaus? Drei Momente möchte ich hervorheben. Zum ersten ist dies, leicht zu erkennen, Grabbes literarischer Vatermord, oder Grabbes Ödipus. Denn der am meisten kritisch hervorgehobene lebende Autor ist Ludwig Tieck, sein früher Förderer. An seinen Freund und Verleger Kettembeil schrieb Grabbe, der Aufsatz sei auch geeignet, dem Tieck „den Todesstoß zu geben“ (V, 176) – über den dahinter stehenden Theaterstreit Tiecks mit anderen gehe ich jetzt hinweg.

Zum zweiten ist dies ein Verhalten zur literarischen Überlieferung, das allein aus der Negation lebt. Wie die Forschung hervorgehoben hat, verliert Grabbe in seiner Shakspearo-Manie auch ein paar Sätze darüber, was eigentlich ein gutes Drama ausmacht: aber diese Sätze ergeben keine kohärente Theorie. Wenn er Schillers Räuber lobt, oder den Geschichtsdramen Shakespeares Mittelpunkt und Konzentration abspricht, oder hervorhebt, dass die alten Griechen anspruchsvolle Tragödien schrieben, besser als alle heutigen – dann kann man daran zwar Einzelheiten eines Dramas erkennen, die Grabbe gefallen. Ein klar erkennbares Programm, wie gute Dramen seiner Meinung nach auszusehen hätten, ergibt sich daraus aber nicht. Und noch weniger trifft es zu, dass sich darin Grabbes eigene Dramatik wiederfände, denn seine Stücke haben mit den geäußerten Ansichten kaum etwas gemein. Das war Grabbe auch bewusst: Der Aufsatz verhalte sich zu seinen eigenen Stücken „ganz curios“, schrieb er an Kettembeil. (V, 171) Man bedenkie, dass er hier noch über seine frühen Stücke schreibt, also lange bevor es Napoleon, Hannibal oder die Hermannsschlacht gab, die noch viel weiter weg sind von den Normen der aristotelischen Dramenpoetik.

Zum dritten bezeichnet Grabbe die Verehrung Shakespeares ganz bewusst als „Manie“. Das heißt im 19. Jahrhundert: als chronische Geisteskrankheit. Er spricht den andern die Zurechnungsfähigkeit ab.


Wozu hat Grabbe diese großen Geschütze aufgefahren? Die Antwort liegt auf der Hand: Das ist Werbung nach dem Motto „Jede Publicity ist gute Publicity“. Grabbe wollte den literarischen Skandal, er wollte die öffentliche Diskussion. An Kettembeil schreibt er die Hoffnung, der Aufsatz würde „guten Effekt“ machen. (V, 182) Daher lässt sich auch die Frage ganz leicht beantworten, ob sein Kalkül eigentlich aufgegangen ist: Das ist es nicht. Zwar wurden die beiden Bände Dramatische Dichtungen „in rund einem Dutzend der führenden literarischen Zeitschriften“ besprochen, wie Ladislaus Löb in seinem Forschungsüberblick zusammenfasst, aber nicht wegen des Aufsatzes, sondern wegen des Gothlands.

Bleibt abschließend die Frage, ob Grabbe, wenn es um den „Effekt“ ging, ehrlich über Shakespeare schrieb. Fand er Shakespeares Werke tatsächlich insgesamt ziemlich mangelhaft?

An vielen Stellen in Grabbes Briefen lässt sich ablesen, dass er sich stets bewusst ist, mit wem er gerade kommuniziert. So schreibt er Kettembeil, er wolle Tieck zertrümmern; Tieck selbst schreibt er „verehrter Herr und Meister“ an. Man wird also davon ausgehen dürfen, dass die auf den Effekt berechnete Schrift eine deutliche Übertreibung darstellt. Auf der anderen Seite wird man aber auch nicht die brieflichen Äußerungen aus der Jugendzeit allzu ernst nehmen dürfen. Grabbe schrieb nämlich seinen Eltern im Februar 1818, Shakespeare sei „Gott“, ihm habe „Deutschland seine Bildung zu verdanken“, „nur durch Shakespeares Tragödien kann man lernen gute zu machen“; wer Schriftsteller werden wolle, müsse sie studieren. (V, 13f.) Da wird Shakespeare so überhöht, wie Grabbe es den Romantikern neun Jahre später vorwirft. Aber auch das hat seinen guten Grund. Denn er wollte von seinen Eltern das nachträgliche Einverständnis für den Kauf von Shakespeares Werken. Und da die Eltern nicht eben wohlhabend waren, war der Buchkauf eine Ausgabe, die gerechtfertigt werden musste, und die sich umso leichter rechtfertigen ließ, je toller und wichtiger das Gekaufte ist.

Grabbes eigentliches Verhältnis zu Shakespeare wird daher zwischen der jugendlichen Überhöhung und der skandalorientierten Verdammung der Shakespearo-Manie liegen. Auf jeden Fall hat er die Dramen gut gekannt. Und die gründliche Kenntnis spricht sicher auch dafür, dass er sie intensiv und gern gelesen hat. 

Anmerkung

Dieser Text entstand als Einleitung zu Peter Schützes Vortrag „Brush up your Shakespeare. Die Deutschen und ‚ihr‘ Shakespeare (ebenfalls veröffentlicht im Grabbe-Jahrbuch 2014) und zur Ausstellung Shakspearo-Manie in der Lippischen Landesbibliothek am 3. April 2014. Gegenüber dem mündlichen Vortrag ist der Text leicht verändert. – Literaturangabe: Ladislaus Löb: Christian Dietrich Grabbe. Stuttgart, Weimar 1996, S. 22.