Sie befinden sich hier: Startseite » 


Lippische Landesbibliothek – Musik als Dauerthema

von Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Heimatland Lippe 107 (2014) 8 (Sonderheft: 65 Jahre Landesverband Lippe), S. 194.

Artikel in der Freien Presse am 17.5.1957:
Größte Musikbücherei ganz Westfalens 

Die Lippische Landesbibliothek ist mit ihrem Bestand von 177 000 Bänden die zweitgrößte Bibliothek Westfalens, heißt es in den Vorbetrachtungen. Über den lippischen Raum hinausgewachsen, ist es eine ihrer besonderen Aufgaben, Schrifttum der westfälischen und lippischen Landeskunde für die wissenschaftliche Forschung an den Universitäten und Akademien bereitzustellen. Die Bibliothek unterhält daneben bedeutende Sammlungen, wie das Grabbe-Archiv Alfred Bergmanns, die Freiligrath-Sammlung und die Musikabteilung mit Lortzing-Archiv.
Die Musikabteilung ist nach wissenschaftlichen Bestand und in bezug auf „musica practica“ die größte Musikbücherei Westfalens. Da die Bibliothek durch den Krieg keinerlei Verluste erlitt, spielt ihr Bestand bei der Vermittlung wissenschaftlichen Schrifttums durch den Zentralkatalog der wissenschaftlichen Bibliotheken NRW eine bedeutende Rolle. Der auswärtige Bücherverkehr ist seit 1952 um 300 Prozent gestiegen. (WL) 

Das Palais der Lippischen Landesbibliothek

Dem heutigen Leser bietet der Zeitungsartikel einiges Vertraute – und auch ein paar Überraschungen. Seltsam mutet es beispielsweise an, die Lippische Landesbibliothek als zweitgrößte Bibliothek Westfalens genannt zu finden, haben wir uns doch an die Bindestrichregion „Westfalen-Lippe“ gewöhnt, die zweifellos auch hier gemeint ist. Deren größte Bibliothek war 1957, vor den Gründungen der Universitäten in Bielefeld, Paderborn, Dortmund oder Bochum, die Universitätsbibliothek Münster, die allerdings im zweiten Weltkrieg bedeutende Verluste hatte hinnehmen müssen.

Die Informationen des Artikels stammen aus den „Vorbetrachtungen“ zum Haushalt und dürften damit eigentlich den Journalisten in kaum veränderter Form alle Jahre wieder vorliegen. Heute würden wir die besonderen Sammlungen der Bibliothek in ähnlicher Weise nennen: die Lippe-Sammlung, das Literaturarchiv mit Grabbe- und Freiligrath-Sammlung, die Musiksammlung mit Lortzing-Archiv. Man vermisst nur der Hinweis auf den historischen Altbestand, der nicht zu einer eigenen Sammlung oder Abteilung vereinigt ist, und heute dürfte die →Theologische Bibliothek und Mediothek in der Aufzählung nicht fehlen.

Warum hat es die Musiksammlung in die Überschrift des Artikels geschafft? Möglicherweise hat es dem Autor „W.L.“ der Superlativ angetan; die Rede von der „größten“ Musiksammlung. Das ist vielleicht auch deshalb bemerkenswert, weil die Musiksammlung als eigene Abteilung der Bibliothek 1957 noch nicht einmal zwanzig Jahre alt ist – auf 1939 datiert Willi Schramm den Beginn des Aufbaus, als er in den →Mitteilungen der Gesellschaft für Musikforschung 1948 Werbung für die Benutzung der Sammlung macht. Zwei Jahre zuvor hatte die Gründung der Nordwestdeutschen Musikakademie in Detmold dem Musikleben einen Aufschwung verschafft und auch in der Landesbibliothek für ein vermehrtes Engagement in diesem Fach gesorgt – sowohl was die Sammlung von Noten, als auch, was die Beschaffung musikwissenschaftlicher Literatur anging. Im Frühjahr 1978 richtete die Universität Paderborn den Studiengang Musikwissenschaft in Detmold ein, ein Joint Venture zusammen mit der Hochschule für Musik Detmold. Inzwischen wächst auf dem der Landesbibliothek benachbarten Gelände Hornsche Str. 39 ein →Neubau für die Bibliotheken der Hochschule und des Musikwissenschaftlichen Seminars empor, der in weiteren Räumen auch die Lehrenden der Musikwissenschaft aufnehmen soll. Das neue Gebäude wird baulich mit dem historischen Hauptgebäude der Landesbibliothek verbunden. So entstehet ein Gebäudeensemble, das 2015 den Bibliotheksnutzern von Landesbibliothek und der Hochschulen eine gemeinsame, integrierte Benutzungserfahrung bieten kann: mit einem zentralen Eingang mit einer Ausleihe, einer Benutzerkarte und einem Bibliothekskatalog für alle Bestände. Bis dahin ist noch ein gewisser Weg zu gehen: die Katalogdaten müssen zusammengeführt und die Bestände physisch abgeglichen und umgestellt werden. Danach wird die Zeitung aber auch von der „größten Musikbücherei“ vermutlich ganz Nordrhein-Westfalens schreiben können.

Ein letztes: Während 1957 die Fernleihen innerhalb von fünf Jahren um 300 Prozent zugenommen hatten – ein erstaunlicher Wert, der sich dem Erfolg des Zentralkatalogs verdankt –, stellen wir für die letzten fünf Jahre einen Rückgang der gebenden Fernleihe um fast 30% fest. Hier zeigt sich wohl der Medienwandel der letzten Jahrzehnte, denn insbesondere Fernleihbestellungen auf historische Bestände werden heute oft durch den Hinweis auf Digitalisiertes überflüssig. Das gilt natürlich auch für die Bestände der Landesbibliothek, die verstärkt seit 2009 (mit der Digitalisierung der Lippischen Intelligenzblätter, von Adressbüchern und Karten sowie weiterer Lippiaca) ihre Bestände auch im Netz nicht nur auffindbar, sondern auch gleich lesbar macht.