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Kinder zur Härte erziehen

Ein Ratgeber für Eltern aus dem Jahr 1935

von Joachim Eberhardt

Druckfassung (redigiert) in: LZ Nr. 189 vom 16./17.8.2014, S. 20.

Signatur: Mm 30.

Johanna Haarers Erziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ ist, wie Erscheinungsdatum und die Betonung des „deutschen“ im Titel argwöhnen lassen, ein von der nationalsozialistischen Ideologie geprägtes Buch. Haarer (1900-1988) war promovierte Ärztin, in Österreich geboren, aber in Deutschland tätig. 1939 veröffentlichte sie das Kinderbuch „Mutter, erzähl von Adolf Hitler!“, das die Landesbibliothek ebenfalls besitzt. Dort heißt es im Vorwort: „Wir müssen [die Kinder] bekannt machen mit der harten und oft bitteren Wirklichkeit dieser Welt“. Wie man Kinder zur Härte erzieht und zu „gemeinschaftsfähigen Lebensgewohnheiten“, erläutert auch der Ratgeber. Im Unterschied zu dem, was das Umschlagbild suggeriert, entsprechen Zärtlichkeit und Zuwendung nicht diesem Ziel. Beispielsweise empfiehlt Haarer, Babys von Anfang an an einen Vier-Stunden-Stillrhythmus zu gewöhnen und sie zwischendurch schreien zu lassen. Wenn man Babys auf den Arm nimmt, möge man sie so weit weg halten, dass ihre Augen nicht auf das mütterliche Gesicht fokussieren können. Damit würde die Bindung an die Mutter schwächer und die spätere Einbindung in die Gemeinschaft stärker.

Haarer (siehe Wikipedia-Artikel) ist vielleicht ein typisches Beispiel der Nachkriegsaufarbeitung der NS-Vergangenheit: Die Autorin bekam zwar nach dem Ende des Dritten Reichs keine Zulassung als Ärztin mehr, arbeitete aber in Gesundheitsämtern im öffentlichen Dienst bis zu ihrer Pensionierung 1965. Ihr Ratgeber, der 1943 schon eine Auflagenhöhe von 500.000 Exemplaren erreicht hatte, erschien 1949 erneut, leicht bereinigt. Erkennbar ist das auch am neuen Titel, in dem das Adjektiv „deutsch“ fehlt: „Die Mutter und ihr erstes Kind“. Die Erziehungsgrundsätze blieben allerdings die gleichen, beispielsweise die Empfehlung zum Intervallstillen. Noch 1987 erschien eine „völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage – insgesamt wurden über 1,2 Mio Exemplare gedruckt. Inzwischen ist – glücklicherweise! – das auch an der Druckgeschichte dieses Werks sichtbare Fortwirken nationalsozialistischer Erziehungsgrundsätze über das Ende des Dritten Reiches hinaus selbst Gegenstand der wissenschaftlichen Aufarbeitung geworden.