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LZ-Serie 4: Leser-Service anno 1840

Lehrbuch aus dem 19. Jahrhundert: Bibliotheksnutzer haben Pflichten, aber auch Rechte

von Joachim Eberhardt

Druckfassung (redigiert) in: LZ Nr. 177 vom 2./3.8.2014, S. 26.

Titelblatt der „Bibliothekonomie“ von Léopold-Auguste Constantin, 1840.
Signatur: Bc 23.

Im 19. Jahrhundert nimmt die „Bibliothekswissenschaft“ als Fachdisziplin, die sich mit allen Aspekten der Bibliotheksverwaltung beschäftigt, einen ungeheuren Aufschwung. Das ist der Not geschuldet, auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren zu müssen. Zwei Faktoren sind ausschlaggebend. Zum einen erfährt die Buchproduktion gegen 1850 ihre eigene industrielle Revolution. Mit der Erfindung des auf Holz basierenden Papiers (Patent 1844) steht auf einmal viel mehr bedruckbares Material zur Verfügung. Dem korrespondiert die Entwicklung des Rotationsdrucks (1843), der die Druckgeschwindigkeit vervielfacht. In der Folge vervielfacht sich die Buchproduktion; die Druckerzeugnisse werden zudem billiger. Der Bestand der Bibliotheken wächst deutlich – der der Landesbibliothek etwa zwischen 1800 und 1900 um gut 500 Prozent.

Doch das Bibliothekswesen ist vorbereitet. Denn schon zu Beginn des Jahrhunderts sorgte die Säkularisierung für ein ungeheures Bestandswachstum. Der Bestand der Königlichen Bibliothek in München etwa verzehnfachte (!) sich innerhalb weniger Jahre durch die Übernahme der Klosterbibliotheken in Bayern nach 1803. Um als Bibliothek diese Massen zu bewältigen, brauchte man eindeutige Katalogisierungsregeln und eine straffe Betriebsorganisation. Die Folge ist eine deutliche Professionalisierung des Berufsstandes, die sich in zunehmender Fachkommunikation niederschlägt. Ab 1838 erscheint „Serapeum“, die erste deutsche bibliothekarische Fachzeitschrift. Lehrbücher der „Bibliothekswissenschaft“ erscheinen auf deutsch seit den 1820er Jahren, zum Teil in Übersetzung aus den europäischen Nachbarländern.

Das ausgestellte Stück, Constantins „Bibliothekonomie“, ist eine solche Übersetzung aus dem französischen. Im Unterschied zu seinen deutschen Pendants von Autoren wie Martin Schrettinger oder Friedrich August Ebert hat das Werk einen eminent praktischen Charakter und erschloss sich damit seine eigene Leserschaft; schon zwei Jahre später erschien die zweite, überarbeitete Auflage. Besonders bemerkenswert ist, dass Constantin empfiehlt, eine Bibliothek möge in ihrer Benutzungsordnung nicht nur die Pflichten, sondern auch die Rechte der Benutzer festhalten – ein kundenorientierter Ansatz, dem Bibliotheken wie die Landesbibliothek sich auch heute noch verpflichtet fühlen.