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LZ-Serie 2: Von weiblichen „Wärme-Vampiren“

Ein „Aufklärungsbuch“  für mittelalterliche Mönche

von Joachim Eberhardt

Druckfassung (redigiert) in: LZ Nr. 165 vom 19./20. Juli 2014, S. 18.

Titelkupfer von De secretis mulierum.
Signatur: 18.08.379.

Von den „Geheimnissen der Frauen“ handelt dieses dem Kirchenvater Albertus Magnus zugeschriebene Werk. Der echte Verfasser ist unbekannt. Ursprünglich ist es Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts entstanden und war gedacht als Handreichung für (mittelalterliche) Mönche, um diese in den „Geheimnissen“ der menschlichen Sexualität zu unterrichten. Denn ein Beichtvater muss ja Bescheid wissen über das ihm Vorgetragene. Der Buchtitel beschränkt die Aufmerksamkeit auf den weiblichen Teil der Sexualität – das macht den heutigen Leser misstrauisch, weil die Zielgruppe das Werk unter dem Gesichtspunkt der Sündhaftigkeit liest. Und das Misstrauen ist berechtigt. Die Darstellung beschränkt sich nämlich nicht auf das Geschehen des Geschlechtsakts, sondern erklärt, warum es zu diesem kommt: Männer, erfährt man, sind von Natur aus warm, Frauen von Natur aus kalt. Daher streben Frauen danach, an der Wärme der Männer teilzuhaben. Und das erreichen sie durch den Geschlechtsakt! Dabei entziehen Frauen den Männern ihre Körperwärme. Das bedeutet für den Mann den Verlust an Lebenskraft, während die Frau Kraft hinzugewinnt.

Diese krude Theorie des Wärmevampirismus erklärt – in Übereinstimmung mit der mittelalterlichen Deutung der Sündenfallgeschichte, die ja auch den Frauen den aktiven Part zuschreibt –, warum Frauen überhaupt nach dem (sündigen) Geschlechtsakt streben; zugleich gibt sie dem Leser ein starkes nichttheologisches Motiv, insbesondere Männer davor zu warnen. – Die Landesbibliothek besitzt das Werk in zwei Ausgaben, beide aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Man fragt sich unweigerlich, wieviel Schaden „De secretis mulierum“ auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter angerichtet hat – und warum es über 300 Jahre nach seiner Entstehung immer noch so stark nachgefragt war, dass es neu aufgelegt und gedruckt wurde!