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»Vivat! Vivat!«
Völkerschlacht und Thronjubiläum

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 106 (2013), 306-308.

1. G. Rudolph, Deutsche Nationaldenkmäler, Postkarte, 1913.
Slg. Mellies, ME-PK-3-2A

Die mörderische Schlacht bei Leipzig am 16. bis 19. Oktober 1813, die mit einem Sieg der verbündeten Preußen, Russen und Österreicher über die Truppen Napoleons, darunter die der assoziierten Rheinbundstaaten und damit auch des Fürstentums Lippe, galt bereits bei den Zeitgenossen als „la bataille des géants“ (Der Kampf der Giganten). Sie war die bis dahin größte Schlacht der Weltgeschichte, und der sich bald etablierende Begriff der „Völkerschlacht“ beschreibt einmal die Vielzahl der beteiligten Ethnien, doch wird damit zugleich der um nationale Einheit ringenden Völker Europas Ausdruck gegeben. Der Ausgang der Schlacht hat die nationalstaatliche Entwicklung forciert und den Grundstein für eine lebendige Erinnerungskultur gelegt. Insbesondere die Feierlichkeiten zur hundertjährigen Wiederkehr der Schlacht im Jahre 1913 in politisch hochbrisanter Zeit, die das Kaiserreich auf der Höhe imperialer Macht sah, ließ alles bisher Dagewesene verblassen. Seinen Kulminationspunkt fand das Jubiläum in der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals im Südosten Leipzigs. Nach den Entwürfen des Berliner Architekten Bruno Schmitz (1858-1916) zwischen 1898 und 1913 errichtet, stellte jener 91 m hohe erratische Block Siegesmonument und überdimensioniertes Denkmal eines heroisierten Totenkultes dar; von „sakralem Monumentalismus“ ist wiederholt die Rede. In der Reihe mit dem Hermannsdenkmal (1875), dem Niederwalddenkmal (1883), dem Kyffhäuserdenkmal (1896) sowie den diversen Kaiser-Wilhelm-Denkmälern (Porta Westfalica, Deutsches Eck, Hohensyburg, 1896-1902) bedeutet es das jüngste und letzte der wilhelminischen Nationaldenkmäler. Überdies bot das Jahr 1913 Anlass zu diversen patriotischen Festlichkeiten, denn neben dem Jubiläum der Völkerschlacht wurde die Befreiung Preußens von der napoleonischen Armee ebenso gefeiert wie das 25jährige Thronjubiläum Kaiser Wilhelms II.; mehr regionalen Bezug hatte der feierliche, aber vor allem öffentlichkeitswirksame Einzug des frisch verheirateten Herzogspaares Viktoria Luise und Ernst August in Braunschweig im November desselben Jahres; denn immerhin handelte es sich um die Tochter des Kaisers.

2. Sonderstempel zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals, 18.10.1913.
Privatbesitz

Neben der durch das Denkmal in Leipzig unverrückbar in Stein gehauenen Memoria produzierten die Jubiläen des Jahres 1913 eine von Fülle von Devotionalien: Bierkrüge und Becher, Münzen und Medaillen, Plaketten, Schmuckblätter, Postkarten und vieles andere mehr wurde deutschlandweit feilgeboten, wobei Völkerschlacht und Regierungsjubiläum des Kaisers gern in Text und Bild miteinander verknüpft wurden. Die Erinnerung an diese beiden Gedächtnisfeiern kombiniert auch ein sogenanntes Vivatband, eine besondere Form des Schmuckbandes, die einst beliebt, heute aber weitgehend vergessen ist. In zwei Exemplaren ist im Lippischen Landesmuseum (Inv.-Nr. 1101/1993) und in der ehem. Kriegssammlung der Lippischen Landesbibliothek (Slg. 59, Nr. 1) ein solches Vivatband überliefert. Das ockergelbe, im Landesmuseum rosafarbene, atlasbindige Band in den Maßen 28,6x5,4 cm besteht aus einem Mischgewebe mit Seidenkette und Baumwollschuss mit gewirkter Seitenborte. Das Band ist bedruckt: in den beiden zentralen Medaillons befinden sich die Porträts Kaisers Wilhelms II. mit Adlerhelm und Friedrich Wilhelms III. von Preußen, darunter in drei kleineren, lorbeerbekränzten Medaillons die Porträts Scharnhorsts, Blüchers und des Freiherrn vom Stein. Das Medaillon mit dem Porträt des Kaisers schmückt die Kaiserkrone, das des preußischen Königs der gekrönte preußische Adler. Der zwischengeschaltete Text liest sich folgendermaßen:

3. Vivatband „1813*1913“, Völkerschlacht u. Thronjubiläum.
Lipp. Landesbibliothek, Slg. 59, Nr. 1

„1813*1913 / Vivat! / Vivat! / Dem Kaiser Heil! Seit fünf / undzwanzig Jahren / Hat er regiert mit starker Hand / All Deutschland, halt’ in Mü- / hen und Gefahren / So treu wie er zum Vaterland! / Denk’ an die Helden, die uns / einst befreiten, / Ihr alles opferten der Pflicht, / Und zage nicht, selbst in den / schwersten Zeiten, Denn Gott / verlässt die Deutschen nicht! / Vivat!“

Es folgt das Impressum: „Herausgeg[eben] v[on] G[ustav] G[otthilf] Winkel, Reg[ierungs-]R[at] / Gräfe & Unzer Verlag, Berlin, / Breslau, Königsberg. Ges[etzlich] gesch[ützt]“.

Das Band verbindet geschickt die beiden Ereignisse, wobei der im „Dreikaiserjahr“ 1888 auf den Thron gehobene Wilhelm II., als Silberjubilar mit lobpreisenden Versen überschüttet, dem preußischen König Friedrich Wilhelm III., seinem Urgroßvater und Sieger von 1813, gegenüber gestellt wird. „Treu gegenüber dem Vaterland“ bewahrt er das Vermächtnis Blüchers als des erfolgreichen Generals bei Waterloo sowie der beiden Reformer vom Stein und Scharnhorst als Wegbereiter des modernen Preußen. Als textiles Zeugnis der Erinnerungskultur zeichnet das Vivatband damit schlaglichtartig die Entwicklungslinie des preußischen Selbstverständnisses von den Befreiungskriegen zum Vorabend des Ersten Weltkriegs nach.

Die Anfänge der Vivatbänder sind im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts zu suchen. In den Sieges- und Friedensbändern des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) wurde ein nie wieder erreichter „Höhepunkt in Vielfalt und Gestaltung“ erzielt, und auch im privaten Bereich erfreuten sich diese Schmucktextilien, die man am Hut oder am Revers trug, allseits großer Beliebtheit. Um so mehr überrascht, dass sie während der Biedermeierzeit und auch danach zunächst keine bedeutende Rolle mehr gespielt haben. Das gilt auch für militärische Ereignisse, denn weder die Völkerschlacht selbst noch die preußischen Siege 1864/66 und der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 verbunden mit der Reichsgründung haben einen nennenswerten Niederschlag in Gestalt von Vivatbändern gefunden. Eine überraschende Wiederbelebung erfuhren sie jedoch im Vorfeld des mehrfachen Jubiläumsjahres 1913. Zuzuschreiben ist diese im Wesentlichen dem leidenschaftlichen Engagement des Geheimen Regierungsrates Gustav Gotthilf Winkel (1857-1937), einem preußischen Verwaltungsjuristen aus Königsberg, der neben allerlei Curiosa vor allem Vivatbänder sammelte und am Ende seines Lebens über die größte Sammlung der Welt verfügte. Wie aus dem Impressum hervorgeht, hatte er im Zusammenwirken mit dem seit 1722 in Königsberg ansässigen Verlag Gräfe & Unzer das Detmolder Vivatband, das dem Jubiläum der Völkerschlacht und dem kaiserlichen Thronjubiläum gewidmet ist, herausgebracht und sich gewünscht, dass es „zugleich als Vivatband für alle patriotischen und Vereinsfeste des ganzen Jahres dienen“ möge. Daneben hatte Winkel noch sieben weitere Vivatbänder auflegen und, da er sogleich Nachahmer fand, mit einem Copyright-Vermerk versehen lassen.

4. Postkarte zum Thronjubiläum Wilhelms II., 1913.
Slg. Mellies, ME-PK-3-60.

Für die Gestaltung der Vivatbänder konnten dank der vielseitigen Kontakte des Verlages zu Buchgestaltern und Illustratoren namhafte Künstler gewonnen werden; diese haben dazu beigetragen, dass die Textilien zu einem begehrten Sammelobjekt geraten konnten. Das in Detmold in zwei Ausfertigungen erhaltene, sich nur farblich unterscheidende Vivatband wurde von dem Maler, Gebrauchsgraphiker und Heraldiker Emil Doepler d.J. (1855-1922) entworfen. Dieser als Professor an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin tätige Künstler hatte sich vor allem durch Wappenentwürfe, Werbegraphiken, Exlibris und Buchillustrationen einen Namen gemacht. Während des Ersten Weltkrieges entwarf er u.a. ein Vivatband für Hindenburg, den Sieger von Tannenberg, und schuf 1915 in höchstem Auftrag die Farblithographie zum „Gedenkblatt für die Angehörigen unserer gefallenen Helden“; das Blatt zeigt einen Todesgenius über einem sterbenden Soldaten und wurde, mit Namen, Einheit und Sterbedatum versehen, der Familie des Gefallenen zugesandt. Das Vivatband „1813*1913“ verkaufte sich mit den weiteren Bändern des Verlages Gräfe & Unzer in einer gemeinsamen Gesamtauflage von 1,25 Millionen Exemplaren, und da mit jedem abgesetzten Stück eine Abgabe zu karitativen Zwecken verbunden war, konnte sich Gustav Gotthilf Winkel später rühmen, mit dem Verkauf 21.000 Reichsmark für die „Veteranenspende“ eingespielt zu haben. Der enthusiastische Regierungsrat aus Königsberg hatte die weitgehend vergessene Tradition der Vivatbänder wieder aufgegriffen und erfolgreich umgesetzt. Er wurde damit zum Wegbereiter der Vivatbänder, die nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine ungeahnte Nachahmung fanden und von mehreren Verlagen in hoher Stückzahl und in z.T. erstaunlicher Qualität „zum Besten des Roten Kreuzes“ vertrieben wurden. Mit den Vivatbändern liegt eine Quellengruppe zur Kulturgeschichte vor, die noch nicht in vollem Umfang ausgeschöpft ist und daher zu näherer Beschäftigung einlädt.