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Detmolder Theatergeschichte um 1930

Landesbibliothek digitalisiert Theaterzettel

von Kevin Sommer

Druckfassung in: Heimtland Lippe 106 (2013), 311-312.

Die Lippische Landesbibliothek hat ihre online verfügbare Sammlung Detmolder Theaterzettel erweitert. Neu hinzugekommen sind 288 weitere Theaterzettel, die aus den Jahren zwischen 1922 und 1932, d.h. aus der Zeit des Lippischen Landestheaters unter Intendant Emil Becker, stammen. Sie ergänzen die bisher in der Regionaldokumentation Lippe (Zugang unter: http://www.llb-detmold.de/webOPACClient_lippe/start.do) enthaltenen rund 1000 Theaterzettel, die vor allem den Zeitraum des Detmolder Hoftheaters (1825-1919) abdecken.

Theaterzettel sind Werbeblätter, die unter Nennung von Ort und Datum, eine, oft auch mehrere, Theateraufführung(en) ankündigten und am Tag der Aufführung von Austrägern an private Haushalte verteilt und an öffentlichen Orten angebracht wurden. Da sie zudem die Autoren und Regisseure der Stücke, musikalische Leiter sowie die Schauspieler und ihre jeweiligen Rollen nennen, stellen Theaterzettel eine wichtige kulturhistorische Quelle dar, besonders für die regionale Theatergeschichte. In ihrer Flüchtigkeit passen sie viel besser zum vergänglichen Charakter der Inszenierung – im Zuschauer-Applaus vergehend und mit dem Fall des Vorhangs verweht –, als die vielseitigen Programmhefte, die bereits ab dem Ende des 19. Jahrhunderts die Aufgaben der Zettel zu übernehmen begannen. Theaterzettel sind eher mit Schnappschüssen zu vergleichen, mit Fotografien, die (im Vorhinein) einen theatralen Moment einfangen, der vor langer Zeit vorübergegangen ist. Der Inhalt der Zettel ist dabei auf ein zerbrechliches (immerhin leicht digital fassbares) Stück Papier beschränkt.

Die Detmolder Theaterzettel geben Aufschluss über die tägliche Praxis und das Selbstverständnis des Lippischen Theaterbetriebs. Insbesondere die Spielpläne der Jahre 1930/31 lassen sich nun beinahe vollständig rekonstruieren. In der Datenbank Regionaldokumentation Lippe sind für das Jahr 1930 rund 100 Aufführungen, für das Jahr 1931 rund 150 Aufführungen recherchierbar. Die Theaterzettel sind im Volltext erschlossen und als digitales Faksimile auf den Bildschirm zu holen. Diese aufwändige Erschließung bietet so jedem die Möglichkeit, in die Unmittelbarkeit der theatralen Welt ein- und aus ihr wieder herauszutreten. Die Zettel verweisen auf Beginn und Ende der Vorstellung, nennen die Eintrittspreise (Kindervorstellungen zu besonders „kleinen“ Preisen), Straßenbahn-Fahrgelegenheiten zum und vom Theater und die Titel zukünftiger Stücke (oft nur mit dem Hinweis „In Vorbereitung“ versehen).

Geheimer Intendanzrat Emil Becker. Aus: Lippischer Kalender für das Jahr 1930, Tafelteil: (Lz 2, 1930).

Auch die Merkmale der Beckerschen Intendanz treten nun deutlicher hervor.

Emil Becker, der, Albert Berthold beerbend, das Lippische Landestheater von 1921 bis 1934 leitete und auch den Theatern in Bad Salzuflen und Paderborn, in denen das Detmolder Ensemble gastierte, als Geheimer Intendanzrat vorstand, pflegte – so zeigt es sich – vor allem die Komödie. Die Zettel verweisen vorwiegend auf viel belachte Erfolgs-Lustspiele und -Schwankschlager wie etwa Arnolds „Das öffentliche Ärgernis“ (1931), Mahner-Mons’ „Hasenklein macht in Politik“ (1931) oder Hopwoods „Der Mustergatte“ (Tz 1089: „Der größte Lacherfolg der Spielzeit“, 1930). Es sind glücklich ausgehende, derbkomische Stücke, in denen Konflikte nur entstehen, um gelöst zu werden. Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick“ (1931) und Pagnols „Zum goldenen Anker“ (1931) bieten mit ihrem geistreicheren Humor immerhin vereinzelte Ausnahmen.

Becker war jedoch den kontroversen und gesellschaftskritischen Dramen nicht gänzlich abgeneigt. Man beachte etwa Ibsens „John Gabriel Borkmann“ (1931), Wedekinds „König Nicolo“ (1928) oder Hauptmanns Künstlertragödie „Michael Kramer“ (1928). Noch dazu verschrieb man sich in der Spielzeit 1930/31 – mit Schillers „Wallensteins Tod“ (1930) und „Goethes Faust in ursprünglicher Gestalt - Der Urfaust“ (1931) – wieder vermehrt klassischen Dramen. Zudem hielt Becker unbeirrt an regelmäßigen Bernard-Shaw- und Hermann-Sudermann-Abenden fest, an denen etwa Sudermanns „Das Glück im Winkel“ (1930/31) und Shaws „Pygmalion“ (1930) zur Aufführung kamen.

Paul Lincke dirigiert 1931 seine eigene Operette „Grigri“ (Tz 1040).


„Der Herr Senator“ 1929: Emil Becker in der Titelrolle (Tz 994).

Die Zettel weisen auch (mit gewissem Stolz) darauf hin, dass einige namhafter Schauspieler auf der Detmolder Bühne als Gäste auftraten. So etwa Traute Carlsen in Artsybashevs Eifersuchtsdrama „Eifersucht“ (1928), Otto Gebühr als „Friedrich der Grosse“ in Töpfers „Des Königs Befehl“ (1929) oder die japanische „Nachtigall“ Hatsue Yuasa in Puccinis „Madame Butterfly“ (1930). Doch damit nicht genug: Am 7. August 1930 stand der Komponist Paul Lincke, der „Vater der Berliner Operette“, bei der Aufführung seiner Operette „Grigri“ (Tz 1040) selbst am Dirigentenpult; am 13. November 1931 saß der Bestsellerautor Walter von Molo bei der Erstaufführung seines Volksstückes „Friedrich Staps“ selbst im Publikum.

Und Becker – als ob er sich einreihen wolle in die Riege der berühmten Gäste – setzte sich in seinen Paraderollen „Herr Senator“ (Tz 994; Schönthan/Kadelburg, 1929) oder „Onkel Bräsig“ (Reuter, 1930), immer wieder höchstpersönlich in Szene. Mag er das Publikum auch wie ein Magnet angezogen haben, so konnten diese, von den Zetteln überschwänglich beworbenen, Verkörperungen allenfalls kurz über die schwierige finanzielle Lage hinwegtäuschen, in der sich das Landestheater (auch inflationsbedingt) befand. Ein schwerer Schlag war die Schließung des Musiktheaters 1925. Eine Wunde, die die ab 1929 regelmäßig erfolgenden Operetten-Gastspiele des Kurtheaters Bad Oeynhausen – auf der Detmolder Bühne wurden unter anderem Johann-Strauß-Operetten („Der Zigeunerbaron“ oder „Die Fledermaus“, 1930) erlebbar gemacht – nicht gänzlich zu schließen vermochten.

Auch der eigens eingerichtete Kinobetrieb, die Landestheater-Lichtspiele, in dessen Rahmen an theaterfreien Tagen ab 1927 auch Tonfilme gezeigt wurden, konnte die klammen Theaterkassen nur mäßig aufstocken. Immerhin verweisen die Zettel, sie nennen etwa Fritz Langs „Spione“ (1928) oder den Antikriegsfilm „Westfront 1918“ (1931) von G.W. Pabst, auf einen Hauch Kinogeschichte, der in der Lippischen Theaterlandschaft aufflimmerte.

„Der größte Lacherfolg der Spielzeit“ ist 1930 „Der Mustergatte“ (Tz 1089).

In dieser schweren Phase nutzte Becker die Form des Theaterzettels 1931 auch, um die bisherigen Abonnenten – in verzweifelt anmutender Weise – aufzufordern, ihre bisherigen Abonnementsplätze zur Winterspielzeit wieder zu belegen. Es gehe um nichts weniger, als um den Fortbestand des Theaters, das sich in einem „verschärften Existenzkampf“ (Tz 1184) befinde. Ein Existenzkampf, der vor allem dank des ökonomischen Talentes Otto Will-Rasings (Intendant von 1934 an) letztlich gewonnen wurde. Ab 1950 ging es mit dem Landestheater wieder bergauf.

Bemerkenswert ist, dass der „Heldenvater“ Will-Rasing, der das Musiktheater so erfolgreich wieder aufbaute, zuvor – unter der Beckerschen Intendanz – vorwiegend Kinder-Vorstellungen wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ inszenierte. Und doch, am Ende der lustigen Märchen-Komödie (ein Bild, das in geradezu prophetischer Weise auf die Situation des Theaters selbst übertragbar scheint) steht Schneewittchens Erlösung und Brautzug. Dass die Theaterzettel dieses Ende vorher schon festgelegt, auf ihrer Papierfläche lesbar gemacht haben, das ist beruhigend. Das ist ähnlich beruhigend wie der kleine Hinweis von 1931: „Die Besucher werden gebeten, sich durch die Vorgänge im Zuschauerraum während des 5. Bildes [des Stückes „Kean, oder Genie und Leidenschaft“ – Tz 1192] nicht stören zu lassen.“

Der Autor:
Kevin Sommer studiert Komparatistik im Master-Studiengang an der Universität Paderborn. Im September/Oktober absolvierte er ein Informationspraktikum an der Lippischen Landesbibliothek / Theologischen Bibliothek.