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Carl Louis Bargheer: eine Wiederentdeckung

von Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Heimatland Lippe 106 (2013) 5, 128-129.

Portraitfotografie von Hoyer aus Göttingen, ca. 1855
Mus-h 1 B 184

Der Musiker Carl Louis Bargheer (1831-1902) dürfte den wenigsten in Lippe ein Begriff sein. Keine Straße ist nach ihm benannt, kein Denkmal erinnert an ihn. Das ist wenig erstaunlich, denn als Geigenvirtuose und Dirigent war er vor allem ein Künstler des Flüchtigen.

Erst jüngst, zu Beginn des Jahres 2013, wurde Bargheer den Musikliebhabern auch wieder als Komponist in Erinnerung gerufen, als seine „Fiedellieder“ nach Texten Theodor Storms öffentlich zu hören waren.  Künstler der Hochschule für Musik hatten eine Komposition erklingen lassen, die Studierende und Lehrende des musikwissenschaftlichen Seminars zuvor nach wissenschaftlichen und textkritischen Maßstäben ediert hatten. Diese Erstveröffentlichung liegt nun „hybrid“ vor, das heißt: im Druck und online – ein bemerkenswertes Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit von bestandhaltender Institution, Wissenschaftlern und Künstlern!

Carl Louis Bargheer wurde 1831 in Bückeburg (im niedersächsischen Landkreis Schaumburg) geboren als Sohn des Oboisten Christian Bargheer. Bei seinem Vater und dann beim Bückeburger Konzertmeister Lübcke erhielt eine solide musikalische Ausbildung, die 1848-1851 durch Studien bei den „Stargeigern“ Louis Spohr, Joseph Joachim und Ferdinand David vertieft wurde. Spohr bescheinigte Bargheer in einem Zeugnis, er habe sich dank seiner „bedeutenden Naturanlagen“ durch „ausdauernden Fleiß“ zu einem „bedeutenden Sologeiger“ ausgebildet. Vor allem die Zeit bei Spohr ist in Bargheers fragmentarischem Tagebuch der Jahre 1848/49 bezeugt.

Glücklich für Detmold traf es sich, dass der Spohr-Schüler und Kapellmeister der Detmolder Hofkapelle, August Kiel, 1850 einen Geiger für die Hofkapelle suchte. Spohr empfahl ihm Bargheer als vielversprechenden Schüler. Bargheer wurde in Detmold freundlich aufgenommen, insbesondere auch vom musikliebenden Fürsten Leopold III., der den Virtuosen in den  Folgejahren immer wieder mit Aufmerksamkeiten bedachte. So steuerte er – über die gewöhnliche Besoldung hinaus – Geld zur Neubeschaffung einer Geige bei und beförderte Bargheer nach Kiels Ausscheiden 1862 zum Kapellmeister der Hofkapelle. Seinem Chefdirigenten gewährte Leopold jährlich Sondermittel für Konzertreisen durch ganz Deutschland.

Bargheer blieb Detmold treu bis zur Auflösung der Hofkapelle nach Leopolds Tod 1876. Dann zog er nach Hamburg als Konzertmeister für die Hamburger Philharmonie und unterrichtete am Konservatorium bis 1887 Geigen- und Quartettspiel. Bargheer starb 1902 in Hamburg.

Carl Louis Bargheer: Fiedellieder von Th. Storm für Baryton, Violine und Pianoforte. Eigenhändige Reinschrift der Geigenstimme.
Mus-h 1 B 5

Schon diese kurze Lebensbeschreibung macht deutlich, dass Bargheer wesentlich als Instrumentalist und Interpret zu begreifen ist und wenig Zeit auf das Komponieren verwandte. Formal hatte er auch hier – durch Unterricht bei Otto Kraushaar in Kassel 1850 – eine Ausbildung erhalten; Kraushaar schrieb ihm ins Zeugnis, er werde „bei fortgesetzten Studien [...] dereinst Erfreuliches leisten“. Bargheers Tochter Frieda listete 1932 in einem Schreiben an Willi Schramm, der aufgrund seines Interesses für die Geschichte der lippischen Hofmusik den Kontakt zu ihr gesucht hatte, gerade einmal 5 Kompositionen auf, die sie noch besäße. Keine einzige seiner Kompositionen scheint Bargheer selbst zum Druck befördert zu haben. Daher sind seine Werke in den deutschen Bibliothekskatalogen nicht zu finden.

Schramms Sammeltätigkeit verdanken wir es, dass in der Musiksammlung der Lippischen Landesbibliothek ein Teil des Bargheerschen Nachlasses gelandet ist (Signatur Mus-h 1B). Dort liegen auch Bargheers „Fiedellieder“ nach Texten von Theodor Storm, von denen einleitend die Rede war. Das Interesse der Musikwissenschaftler erregte diese Komposition als Grundlage einer editorischen Etüde zur Einübung in elektronische Publikationsverfahren; genutzt wurde dafür die unter Leitung von Prof. Joachim Veit in Detmold entwickelte Software Edirom. Das Quellenmaterial war allerdings deutlich komplexer als erwartet, denn im Bargheerschen Nachlass lagen Kopistenabschriften mit und ohne Korrekturen ebenso wie zum Teil mehrere eigenhändige Fassungen. Eine Herausforderung also. Das Ergebnis der Forschungsarbeit kann sich sehen lassen; es ist weit mehr als nur eine Präsentation des kritisch edierten Notentextes im Druck und im Netz: Die Projektwebseite www.edirom.de/llb-bargheer stellt neben den Primärquellen für die Edition im Faksimile auch das vorhandene biographische Material (Briefe, Zeugnisse, Aktenvermerke, Tagebuch, Fotos) – vor allem aus den Beständen von Landesbibliothek und Landesarchiv, aber auch anderer Besitzer – als Digitalisat und als Transkription vor. Ein besonderes Schmankerl ist schließlich die auf der Webseite zum Hören einladende Einspielung der Lieder durch Markus Köhler (Bariton), Julia Parusch (Violine) und Peter Kreutz (Klavier). Die Webseite lädt alle Musikbegeisterten dazu ein, Carl Louis Bargheer, diesen beinahe unbekannten lippischen Hofkapellmeister und Violinvirtuosen wiederzuentdecken.

Derzeit erinnert die Lippische Landesbibliothek Detmold in einer Kabinettausstellung an Carl Louis Bargheer.