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Detlev Hellfaier zum 65. Geburtstag. Vorwort der Herausgeber

von Axel Halle, Harald Pilzer, Julia Hiller von Gaertringen und Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Das historische Erbe in der Region. Festschrift für Detlev Hellfaier. Hg. von Axel Halle, Harald Pilzer, Julia Hiller von Gaertringen, Joachim Eberhardt. Bielefeld: Aisthesis, 2013, S. 15-19.

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Es kommt nur sehr selten vor, dass der Direktor einer großen alten Bibliothek so jung berufen wird, dass er sein Amt ganze 30 Jahre lang ausübt. In Lippe weiß man den Gewinn eines so langjährigen Direktorats zu schätzen: Wenn Detlev Hellfaier zum Jahresende 2013 aus dem Amt des Leitenden Direktors der Lippischen Landesbibliothek scheidet, hat er ihr mehr als 30 Jahre lang vorgestanden, hat diese altehrwürdige und zugleich sehr moderne Institution immer auf der Höhe ihrer Möglichkeiten geführt, sie vorangetrieben, in Schwung gehalten und sie zugleich durch schwierige Zeiten manövriert. Mit seinem Amtsvorgänger Otto Preuß, der das Haus von 1838 bis 1890 insgesamt 52 Jahre lang leitete, kann er nicht ganz mithalten – aber der hatte, wie noch sein Nachfolger bis 1918, die Detmolder Bibliothek im Nebenamt geführt, und davon kann bei Detlev Hellfaier nicht die Rede sein: Er hat sich seinem Amt bedingungslos verschrieben und, ohne jemals nachzulassen, seine ganze Tatkraft, Leidenschaft, Begeisterung und Courage in die Entwicklung seiner Bibliothek investiert.

Am 15. August 1983 trat Detlev Hellfaier im Alter von 35 Jahren das Amt des Direktors der Lippischen Landesbibliothek an. Die Bibliothek kannte er gut. Am 15. Mai 1948 in Quedlinburg geboren, war er 1959 mit seinen Eltern und seiner Schwester Annette aus Halle an der Saale nach Bonn übergesiedelt und 1966 über Dortmund nach Detmold gekommen, wo sein Vater die Direktion der Lippischen Landesbibliothek übernommen hatte. 1969 bestand er am Gymnasium Leopoldinum das Abitur, nach dem Wehrdienst studierte er in Gießen und in Göttingen die Fächer Geschichte, Geographie und Historische Hilfswissenschaften. 1977 legte er in Göttingen das Magisterexamen ab, seine Magisterarbeit Studien zur Geschichte der Herren von Oberg bis zum Jahr 1400 erschien im Folgejahr in den „Veröffentlichungen des Instituts für historische Landesforschung der Universität Göttingen“ im Druck. Es schloss sich in den Jahren 1977-1979 das Referendariat für den höheren Bibliotheksdienst an der Universitätsbibliothek Münster und am Bibliothekar-Lehrinstitut in Köln an. Hellfaiers Assessorarbeit Bibliographien zur Geschichte und Landeskunde der Rheinlande. Ein annotiertes Verzeichnis wurde 1981 veröffentlicht. In den Jahren 1979-1983 arbeitete er als Fachreferent für Geschichte und Volkskunde und als Direktionsassistent für Öffentlichkeitsarbeit an der Bibliothek der FU Berlin.

Während des Studiums und des Referendariats publizierte Detlev Hellfaier über Sammlungsobjekte der Lippischen Landesbibliothek; als Berliner Referent nutzte er ihre Bestände für eine Ausstellung zu Christian Dietrich Grabbes Berliner Studienaufenthalt 1822/23. Nun war er zurück in Detmold. Er fand eine Bibliothek vor, die baulich und organisatorisch kaum noch funktionsgerecht und wettbewerbsfähig war. Obwohl er in den Anfangsjahren in der Leitung des Hauses fast ganz auf sich allein gestellt war, erarbeitete Hellfaier ein umfassendes Modernisierungs- und Entwicklungskonzept und packte die Neustrukturierung sogleich beherzt an. In den letzten 30 Jahren hat er die Landesbibliothek ambitioniert und innovationsfreudig geführt und ihr Profil als attraktive Dienstleistungseinrichtung ganz entscheidend geprägt. Kundenfreundliche Öffnungszeiten, die passgenaue Orientierung des Literatur- und Medienangebots an den Kundeninteressen, die Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit der elektronischen Dienstleistungen und die weltweite Vernetzung sind sein Verdienst.

Das wichtigste Vorhaben Hellfaiers war der vollständige Umbau des 1843 als Privathaus errichteten Bibliotheksgebäudes an der Hornschen Straße. Erst durch diesen Umbau wurden die Voraussetzungen für durchgreifende infrastrukturelle Verbesserungen geschaffen. Ab Mitte der achtziger Jahre vorbereitet, wurde die Baumaßnahme in den Jahren 1992/93 durchgeführt. Das bis dahin düster und kalt wirkende Haus wurde weitgehend entkernt und durch Verwendung von Glas überall transparent gemacht; die historische Gebäudestruktur wurde akzentuiert, der Raum durch Einzug von Emporen optimal ausgenutzt. Seither präsentiert sich die Landesbibliothek in hellen und ansprechenden Räumen als ein zeitgemäßes und zukunftsorientiertes Dienstleistungszentrum. Die aktuellen Buch- und Medienbestände aller Fachgebiete sind in großzügiger Freihandaufstellung für jedermann schnell greifbar, für die Kunden bestehen hervorragende Arbeitsmöglichkeiten in anregender Atmosphäre.

Parallel zur Planung des Bibliotheksumbaus betrieb Hellfaier im Rahmen seines Entwicklungskonzepts ein zweites Bauvorhaben, um dem Lippischen Literaturarchiv eine repräsentative und seiner Bedeutung angemessene Behausung zu verschaffen und gleichzeitig im Hauptgebäude mehr Platz für die aktuellen Bestände zu gewinnen. Das Literaturarchiv mit weltbedeutenden Handschriften-, Graphik- und Druckschriftenbeständen zu den lippischen Autoren Grabbe, Freiligrath und Weerth sowie mittlerweile sechzig weiteren Autoren der Region zog 1990 in Christian Dietrich Grabbes Geburtshaus in der Detmolder Bruchstraße. Hellfaiers Vorstellung eines Literaturhauses in Hausgemeinschaft mit der Grabbe-Gesellschaft, dem Landestheater und dem Café im Erdgeschoss hatte keinen Bestand. 2001 wurde der Standort aus betrieblichen Gründen wieder aufgegeben. Auch solche Rückschritte gehören zu den Erfahrungen eines langjährigen Direktorats.

Unermüdlich betrieb Hellfaier allerdings den weiteren Ausbau dieser bedeutenden Sondersammlung. Auf Auktionen, aus Antiquariaten und Privatbesitz erwarb er laufend Werkmanuskripte und Briefe. Spektakulär war gleich 1983 der Kauf der 58 Stücke umfassenden Korrespondenz Ferdinand Freiligraths mit dem Schriftsteller Levin Schücking oder 2001 die Berliner Auktion, bei der Hellfaier mit Hilfe von Spendengeldern 90.000 DM für bis dahin unbekannte Grabbe-Handschriften aufwenden konnte. Zuletzt hat der Bibliotheksdirektor mehrere Lortzing- und Freiligrath-Briefe sowie ein Lemgoer Stammbuch für die Sammlung erworben. Die Aufgabe, solche Neuerwerbungen seines Hauses publik zu machen, übernahm Hellfaier immer gern. Wissenschaftlich fundierte Beiträge zu den Beständen aus seiner Feder sind ebenso zahlreich wie seine Aufsätze zur Geschichte des Hauses, seine Abhandlungen zu Landesbibliotheksfragen und Praxisberichte zur Weiterentwicklung der Lippischen Landesbibliothek.

Sehr früh schon interessierte sich Hellfaier für die Automatisierung der Geschäftsgänge seines Hauses. Es gelang ihm, die Bibliothek im engen Anschluss an die informationstechnische Entwicklung zu halten und die Betriebsorganisation auf die technische Infrastruktur abgestimmt zu optimieren. Für die elektronische Verwaltung sämtlicher Buch- und Mediendaten sowie der Kunden- und Ausleihdaten führte Hellfaier 1992 das integrierte Bibliothekssystem SISIS ein – eine kluge Entscheidung, denn dieses System hat sich über die Jahre bewährt, wird ständig weiterentwickelt und integriert inzwischen zahlreiche weitere Dienstleistungen. Über Internet und Intranet verfügt die Landesbibliothek seit 1996. Datenbank- und Online-Dienste werden bedarfsorientiert immer weiter ausgebaut.

Seit Januar 1993 arbeitet die Lippische Landesbibliothek im Nordrhein-Westfälischen Katalogverbund mit. Sie profitiert dabei von anderwärts geleisteter Vorarbeit und unterstützt ihrerseits die Arbeit der anderen Bibliotheken durch ihre Leistung. Nach Abschluss der Datenerfassung für sämtliche im Freihandbereich aufgestellten aktuellen Bestände ließ Hellfaier im Jahr 2000 mit der elektronischen Erfassung der im Magazin aufgestellten Altbestände ab Erscheinungsjahr 1501 beginnen, die überregional bis dahin nicht recherchierbar waren. Von Oktober 2007 bis September 2011 konnte ein dreiköpfiges Sonderteam Retrokatalogisierung die Arbeit effektiv vorantreiben, seither kann nur noch mit festangestellten Mitarbeiterinnen stark verlangsamt weitergearbeitet werden. Eine Vorreiterrolle übernahm die Lippische Landesbibliothek mit der Erfassung von Provenienzen: Die Vorbesitzer- und Widmungseinträge der vorhandenen Bücher werden miterfasst und ermöglichen die Beantwortung auch weitergehender Fragen zur Herkunft der Bände und zu ehemals fürstlichem oder privatem Buchbesitz.

Ein besonderes Anliegen war für Hellfaier, der schon 1979 seine Assessorarbeit einem regionalbibliographischen Thema widmete, die spezifisch landesbibliothekarische Aufgabe der Dokumentation des regionalen Schrifttums und des regionalen Quellenmaterials. Für die Literatur über Lippe, die bis dahin in gedruckten Jahresbibliographien erschlossen wurde, führte er schon 1987 die elektronische Erfassung ein. 1998 präsentierte sich die Lippische Bibliographie als erste Regionalbibliographie bundesweit auf CD-ROM. Seit 2002 ist die Datenbank, ständig wachsend, mit tagesaktuellem Datenstand im Internet frei verfügbar. Auch hier wird das ältere Titelmaterial der gedruckten Bibliographie sukzessive elektronisch nacherfasst. Doch nicht nur Literatur wollte Hellfaier in diesem Online-Portal nachgewiesen wissen – seit 2004 werden elektronische Volltexte, biographische Nachschlagewerke, aber in großem Umfang auch in der Landesbibliothek befindliche Bildmaterialien zu lippischen Motiven in der Datenbank digital erschlossen. Rund 20.000 Fotos, Graphiken und Plakate sind derzeit in der Lippischen Bibliographie als Image verfügbar. Landeskundliche Quellen und Teilsammlungen aus dem Bestand werden seit 2009 systematisch digitalisiert und im Internetportal der Digitalen Sammlungen der Bibliothek präsentiert. Den Anfang machten 2008-2009 die Lippischen Intelligenz- und Anzeigenblätter; zugleich etablierte Hellfaier Digitalisierung als Dienstleistung im eigenen Haus. Den nicht unerheblichen finanziellen Aufwand der Hard- und Softwareausstattung sieht er als lohnende Investition. Gleichwohl bemühte er sich immer wieder erfolgreich um Drittmittel und Kooperationen, so zuletzt beim 2011 eröffneten Grabbe-Portal, einem Joint Venture des Düsseldorfer Heine-Instituts, des Trierer Kompetenzzentrums und der Detmolder Bibliothek, welches die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziell unterstützte.

Mit unermüdlicher Energie hat Hellfaier zum Ende seiner Amtszeit weitere Vorhaben angepackt. Seit 2007 warb er für einen Magazinneubau, um die erschöpften Stellflächen zu ersetzen und den kostbaren Altbeständen und Sondersammlungen konservatorisch einwandfreie Aufbewahrungsbedingungen zu schaffen. Errichtet wurde der Bau schließlich 2011-2012 mit großzügiger Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen.

Der gewonnene Stellplatz ist zugleich Voraussetzung für die Fusion mit der Theologischen Bibliothek der Lippischen Landeskirche. 2013 werden deren Medienbestände an den Standort Hornsche Straße überführt und das Personal in den Betrieb der Lippischen Landesbibliothek integriert. Wichtige Weichen hat Hellfaier auch schon für eine weitere Bibliothekskooperation gestellt: Mit den Bibliotheken der Hochschule für Musik Detmold und des Musikwissenschaftlichen Seminars der Universität Paderborn in Detmold wird der jüngere Musikbestand der Landesbibliothek zusammen in einem der Landesbibliothek benachbarten Neubau aufgestellt. Ein Zwischentrakt wird beide Gebäude zu einer funktionalen Einheit zusammenfassen, die den Bibliothekskunden eine gemeinsame Leihstelle, einen gemeinsamen Katalog und schließlich eine gemeinsame Benutzerverwaltung bieten wird. Die Eröffnung dürfte 2015 sein. Das „Wissenschaftliche Bibliothekszentrum Detmold“, an dem Hellfaier schon seit den 2000er Jahren arbeitet, wird damit schließlich Wirklichkeit.
Auch jenseits des eigenen Hauses hat Detlev Hellfaier sich in bibliotheksfachlichen Diskussionen scharfsinnig und weitsichtig zu Wort gemeldet. Als leidenschaftlicher Regionalbibliothekar und erfahrener Kollege wird er in Fachkreisen überregional geschätzt. Seit 1997 arbeitete er im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Regionalbibliotheken mit, deren Vorsitz er in den Jahren 1999/2000 innehatte. Seit seinem turnusmäßigen Ausscheiden aus dem Vorstand 2003 übte er bis Ende 2010 das Amt des Schriftführers aus.
Die Lippische Landesbibliothek, ihre bauliche Situation, ihre Leistungsfähigkeit als Informationseinrichtung, ihre Bestände und deren Erschließung im Zeitalter der digitalen Transformation, ihre Rolle als Kulturinstitution in der Region, aber auch ihre innere Organisation und äußere Vernetzung sind im umfassenden Sinne das Werk ihres Direktors Detlev Hellfaier. Wir hoffen und wünschen, dass dieses Werk nach seiner Pensionierung das Niveau halten und sich in seinem Geiste fortentwickeln kann.

Der 65. Geburtstag Detlev Hellfaiers am 15. Mai 2013 ist Anlass für uns, unseren hochgeschätzten (ehemaligen) Chef mit einer Festschrift zu ehren und ihm damit ein wenig von dem Dank abzustatten, den wir ihm schuldig sind. Denn zu seinen Tugenden gehört auch, dass er uns, als seine Stellvertreter seit 1988, neben sich hat wachsen und gedeihen lassen und dass er uns hat ziehen lassen, als es so weit war und wir neue Aufgaben in anderen großen Bibliotheken übernehmen sollten. Seiner Uneigennützigkeit und Großzügigkeit, seinem Vertrauen in uns und seinem partnerschaftlichen Führungsstil verdanken wir vieles.

Wir freuen uns, dass wir Kollegen und Weggefährten Detlev Hellfaiers dafür haben gewinnen können, ihre Verbundenheit mit ihm und ihre Wertschätzung für ihn durch einen Beitrag zu dieser Festschrift zum Ausdruck zu bringen. Der Titel „Historisches Erbe in der Region“ entspricht dem speziellen Tätigkeits- und Interessenspektrum des Jubilars. Die Beiträge spiegeln dabei die zahlreichen Facetten dieses Spektrums – sie behandeln die Theorie, Praxis und Geschichte von Regionalbibliotheken, ihrer Bestände und Sammlungen ebenso wie die Buch- und Bibliotheksgeschichte im weiteren. Sie gelten der Literaturgeschichte, mit deren Detmolder Exponenten Grabbe und Freiligrath Detlev Hellfaier sich immer wieder selbst beschäftigt hat. Und sie widmen sich Themen der lippischen Landes- und Kulturgeschichte, deren Bearbeitung ohne die Quellen- und Forschungsliteratur der Lippischen Landesbibliothek kaum zu denken wäre.
Beteiligt haben sich disziplinübergreifend Kollegen aus Bibliotheken, Archiven und Museen, Weggefährten von lippischem und außerlippischem Territorium. Die Vielfalt der Themen, zu denen sich Detlev Hellfaier selbst geäußert hat, ist seiner Personalbibliographie abzulesen, die an den Schluss dieses Bandes gestellt ist. Wir danken allen Beiträgern sehr herzlich für ihre Mitwirkung!
Die Festschrift wäre nicht zustande gekommen ohne das besondere Engagement von Joachim Eberhardt, der das Lektorat für alle Beiträge übernommen und den Kontakt zu den Beiträgern gepflegt hat. Und weil Bibliothekare Bücher machen, in denen der Leser auch erfolgreich suchen kann, hat er zuletzt auch das Erstellen des Registers übernommen. Dafür gebührt ihm der herzliche Dank seiner Mitherausgeber. Und Dank gilt auch Michael Vogt, dem Verleger, dem es ein Herzensanliegen war, diesen Band im Aisthesis Verlag zu veröffentlichen und der auf alle unsere Wünsche bereitwillig eingegangen ist. Für Druckkostenzuschüsse danken wir der Lippschen Landes-Brandversicherungsanstalt, der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Lippischen Landesbibliothek e.V., privaten Geldgebern und der Sparkasse Detmold-Paderborn.

Diese Festschrift ist ein Geschenk an Detlev Hellfaier, den wir alle schätzen und ehren, dem wir Dank sagen für viele Jahre guten Zusammenwirkens in der Vergangenheit und dem wir noch viele Jahre freudiger und beschwingter Arbeit wünschen für die Zukunft. Das „Historische Erbe in der Region“ wird ihm noch viel zu verdanken haben.

Kassel, Bielefeld, Karlsruhe, Detmold
Axel Halle, Harald Pilzer, Julia von Hiller und Joachim Eberhardt