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[Rezension zu] Subject Access: Preparing for the Future

Eds. P. Landry, L. Bultrini, E. T. O'Neill, S. K. Roe
Berlin: de Gruyter, 2011 (IFLA Series on Bibliographic Control, 42). 250 S. – ISBN 3-11-023443-5. € 99,95.

von Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Abi Technik 33 (2013) 1, 63-64.

Im Rahmen der IFLA Series on Bibliographic Control bei De Gruyter Saur erschien 2011 als Band 42 der Band „Subject Access. Preparing for the Future“. Herausgegeben haben diesen Band Patrice Landry (Schweiz), Leda Bultrini (Italien), Edward T. O’Neill und Sandra K. Roe (beide USA), er versammelt Beiträge einer Konferenz in Florenz 2009. Laut Klappentext bietet das Buch eine „einzigartige Gelegenheit für Bibliothekare und andere, mit neuesten Stand der Methoden und Techniken in der Sacherschließung bekannt zu werden“. Von den 14 Beiträgen sind immerhin 4 aus Italien, 3 aus Skandinavien, 2 aus den USA; der Rest entfällt auf Berichte aus Tschechien, Estland, Deutschland und Polen sowie von einem englischen Consultant.

Wie diese vielfältige Beiträgerschaft befürchten lässt, sind ihre „Zukunftsvorbereitungen“, die hier in Projektberichten vorgestellt werden, jeweils national orientiert, da Sacherschließung bekanntermaßen meist ein sprachlich gebundenes, auf national gepflegten Normdaten oder Klassifikationen beruhendes Geschäft ist. Die finanziellen und technischen Möglichkeiten der durch die Beiträger vertretenen Institutionen sind unterschiedlich, so dass des einen Blick in die Zukunft alte Hüte für den andern vorstellt. Von der Lektüre des Buches werden darum vor allem Spezialistinnen und Spezialisten etwas haben (zu denen ich mich nicht zähle) – wenn sie es bald lesen. Denn was die Autorinnen und Autoren 2009 oder früher beschäftigte, ist zum Teil jetzt schon überholt. So schreibt etwa Harriet Aagaard von der Stockholmer Öffentlichen Bibliothek über die Web 2.0-Möglichkeiten der 2008 aufgesetzten Webseite ihrer Bibliothek. „Very few users set tags“, fasst sie 2009 zusammen, und vielleicht sind darum diese Möglichkeiten 2012 auch schon wieder abgestellt und keine Tags im Stockholmer OPAC zu sehen.

Die meisten Beiträge lesen sich zäh, da sie sich auf die Darstellung des eigenen Projekts beschränken, ohne verallgemeinerbare Aspekte herauszuarbeiten. Beispielsweise berichtet Sirje Nilbe von der estnischen Nationalbibliothek über ein Projekt der Zusammenführung zweier Schlagwort-Thesauri, welche die Universitätsbibliothek Tartu und die estnische Nationalbibliothek in Talinn seit Ende der 90er Jahre parallel gepflegt hatten. Der Projektbericht enthält keine Überraschungen: man hat die enthaltenen Termini, ihre Bedeutungen sowie die Relationen zwischen ihnen analysiert, einen gewissen Prozentsatz an Überschneidungen festgestellt und eine Methodik entwickelt, die Widersprüche und Schwierigkeiten auszufiltern sowie manuell nachzubearbeiten. „Conclusion: The project … could be considered successful“. Wie schön! Von einem Misserfolg berichtet (implizit) nur der italienische Beitrag über Subject search in italian OPACs, wenn dort unter anderem festgestellt wird, dass die 2003 veröffentlichten Empfehlungen einer Arbeitsgruppe zu OPAC-Recherchemöglichkeiten bis 2008 von kaum einer Bibliothek umgesetzt wurden.

Magdalena Svanberg von der Schwedischen Nationalbibliothek erläutert den Entschluss der Bibliothek, von der schwedischen Klassifikation SAB zur DDC zu wechseln. Das ist hierzulande zum Teil ein Déjà lu: nach 87 Jahren nationaler Eigenbrötlerei treibt der Wunsch nach leichterer internationaler Kooperation dazu, den Wechsel zu einer international verbreiteten Klassifikation zu erwägen: „We can use classification data in foreign bibliographic records. This will save a lot of resources“. Im Unterschied zur heterogenen Situation in Deutschland gibt man in Schweden allerdings eine weit verbreitete nationale Klassifikation auf, so dass Fragen zum Mapping zwischen der schwedischen Klassifikation SAB und DDC entstehen. Wieviele Ressourcen tatsächlich gespart werden, also ob das Projekt hält, was man sich versprochen hat, erfahren Leserin und Leser aber nicht. In einem zweiten Beitrag teilen Svanberg, Joan S. Mitchell und Ingebjoerg Rype ihre Überlegungen zu „mixed translations for the DDC“ mit, geschärft an norwegischen und schwedischen Übersetzungsversuchen. Das mag eine interessanter Denkanstoß sein für Kolleginnen und Kollegen in Ländern, die ein solches Projekt noch planen.

Am spannendsten ist für mich die Frage, mit der sich der Beitrag des Italieners Claudio Gnoli beschäftigt, nämlich wie der in Klassifikationen stets implizit oder explizit enthaltene kulturelle Hintergrund sozusagen herausgerechnet werden könnte, um ihre Übersetzbarkeit zu gewährleisten. Sein Vorschlag besteht in der Entwicklung einer „neutralen“ Klassifikation, die kontextsensitive, „deiktische“ Facetten als handhabbare Abkürzungen von „neutralen“ erlaubt. Dass es überhaupt möglich ist, einen neutralen Standpunkt einzunehmen, kann Gnoli dafür allerdings nur behaupten.

Das Inhaltsverzeichnis des Bandes findet man im Katalogdatensatz der  DNB verlinkt http://d-nb.info/1009308629, daher spare ich mir hier eine Auflistung der übrigen Aufsätze, die den hier berichteten im Charakter ähnlich sind. Es bleibt abschließend die Frage, warum die Beiträge nicht zeitnah zur Konferenz im Open Access auf der IFLA-Webseite veröffentlicht wurden. – Allen an der Sacherschließung allgemein Interessierten würde ich statt dieses Werkes die Festschrift für Magda Heiner-Freiling New perspectives on subject indexing and classification (Frankfurt am Main u.a.: DNB, 2008) <http://d-nb.info/98943513X>  ans Herz legen, die kaum weniger aktuell ist, aber inhaltsreicher und – das ist nicht das schlechteste – deutlich billiger.