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Episoden aus Dichterleben.

Kurt Müller legt einfühlsame Erzählungen vor.

Von Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Heimatland Lippe (2012) 12, S. 324.

Kurt Müller: Gestorben in Badenweiler. Episoden aus Dichterleben.
Emsdetten : First minute Taschenbuchverlag, 2012.
ISBN 978-3-932805-65-3. 14,90 Euro.

Der Bad Salzuflener Autor Kurt Müller (*1933) hat im First Minute Taschenbuchverlag Emsdetten einen neuen Band mit Erzählungen vorgelegt, der jeden an der Literatur der Region Westfalen-Lippes Interessierten ansprechen wird. Sieben „Episoden aus Dichterleben“ enthält das schmale Bändchen mit dem Titel „Gestorben in Badenweiler“.

Badenweiler liegt zwischen Freiburg und Basel im Schwarzwald. 1904 starb in dem Luftkurort der russische Erzähler und Dramatiker Anton Tschechow, gerade einmal 44 Jahre alt. Tschechow war mit seiner Frau zur Behandlung seiner Tuberkulose nach Badenweiler gereist. Müller zeichnet Tschechows letzte Tage in schmuckloser, unaufgeregter Sprache nach und füllt die bekannten Überlieferungen – etwa die letzten Worte Tschechows, die Olga in ihren Memoiren wiedergibt – mit seiner eigenen Vorstellungskraft aus. Ähnlich wie über Tschechow schreibt Müller auch über seine anderen Dichter. Annette von Droste-Hülshoff folgt er 1837 in „Das Dorf B.“ – gemeint ist sowohl Bökendorf im Kreis Höxter als auch der Schauplatz der Judenbuche-Handlung. Dort beschließt die Droste, die Arbeit an dem Judenbuche-Stoff wiederaufzunehmen, dem sie bereits in ihrer Jugend begegnet war. Die Episode endet daher, folgerichtig, mit dem Ausblick auf das Jahr 1842, als die Veröffentlichung der Novelle die Droste berühmt machte. Wie bei Tschechow behandelt die Erzählung kein Ereignis, auf das hin sie zugespitzt wäre, sondern zeichnet sacht eine Entwicklung nach, die zugleich Raum lässt für die Gestaltung typischer Züge der Dichterin und ihrer Zeit.

Darauf liegt das Interesse Müllers, wie er in seinem Vorwort schreibt: den „damaligen Zeitgeist“ und die „jeweilige Persönlichkeit“ nachempfinden zu lassen. Ernst Moritz Arndt begleitet Müller in der Episode „Reise nach Bonn“ 1817 nach Berlin und 1818 nach Bonn, wo Arndt zum Professor berufen, 1819 aber bereits wieder suspendiert wurde. Müller zeigt Arndt als freundlichen, aber unnachgiebigen Patrioten, der Freunden und Neidern begegnet und dessen private Sorgen (Verlobung!) sich mit den Zeitläuften (Karlsbader Beschlüsse! Demagogenverfolgung!) mischen.

Ferdinand Freiligrath erscheint in der Erzählung „Der Kuss in Unkel“ im Jahr 1840 im Moment seiner Verlobung mit Ida Melos, die für Freiligrath neben dem persönlichen Problem des noch bestehenden Eheversprechens mit Lina Schwollmann auch die Frage nach dem Lebensunterhalt als Familienvorstand (und freier Schriftsteller) bedeutete. Daher wirft Müller in raschen Worten auch einen Blick auf den weiteren Lebensweg des Paares.

Dass Kurt Müller in seinen Erzählungen die Fiktion mit dem Dokumentarischen vermischt und sich der historischen Quellen bedient, merkt man am deutlichsten in der seinem Namensvetter Wilhelm Müller gewidmeten Erzählung „Am Brunnen vor dem Tore“. Hier überlässt Müller an entscheidender Stelle den Quellen im Wortlaut das Feld, wenn er Theobald und Justinus Kerner vom letzten Besuch Wilhelm Müllers im Kernerhaus, kurz vor dessen Tode, berichten lässt. – Christian Dietrich Grabbe tritt in gleich zwei „Episoden“ vor den Leser. Die erste behandelt Rahel Varnhagens bekanntes Urteil, sie könne nicht schlafen, solange das Manuskript des Gothland in ihrem Hause sei, von dem Heine in seinen Erinnerungen erzählt. Die zweite heißt „Eine flüchtige Erscheinung“ und fasst das Lebensende Grabbes zusammen, übrigens mit einer typisch Detmolder Volte, indem sie zunächst Freiligrath einblendet, als er die Todesnachricht im Feldlager erhält – erschüttert von den fühllosen Reaktionen seiner aus Lippe stammenden Kameraden schrieb Freiligrath bekanntermaßen das Gedicht „Bei Grabbes Tod“. Dieser Episode fügt Müller ein resümierendes Urteil über Grabbes Leben hinzu, in der sich sein Mitgefühl mit dem unglücklichen Dichter Grabbe ausspricht.

„Episoden“ nennt Müller seine Texte, und das ist treffend. Der Dichtertod bestimmt drei der sieben Texte und enthüllt damit das gemeinsame Thema der Erzählungen: was Um- und Nachwelt von den Dichtern halten. Müllers einfühlsame Erzählungen tragen sicher dazu bei, ihr Bild lebendig zu halten.