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Ein rastloser Wissenschaftler im Dienste Grabbes

Am 23. Juli 2012 wäre Alfred Bergmann 125 Jahre alt geworden

von Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Heimatland Lippe 105 (2012) 7, 202-204.
Auch unter dem Titel „Ein rastloser Bibliothekar im Dienste Grabbes – 2012 wäre Alfred Bergmann 125 Jahre alt geworden“ in: ProLibris 17 (2012) 4, 176-179.

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Alfred Bergmann (1887-1975)
Slg 12 Nr 940

Im Annenrealgymnasium in Dresden saß am 25. Februar 1904 ein Schüler und hörte seinem Englischlehrer Otto Erler aufmerksam zu. Erler war ein Literaturbegeisterter, der es liebte, seinen Schülern aus den Dramen seiner Lieblingsdichter zu zitieren. Er führte sie als Beispiele an, wann immer es ihm möglich war, und war soeben dabei, die Leistungsfähigkeit der „Metapher als poetisches Stilmittel“ mit Zitaten aus Kleists Prinz Friedrich von Homburg zu belegen. Dann zitierte er, so erinnert sich der Schüler,  um das höchste Maß an Kühnheit, ja Gewagtheit zu belegen, eine Stelle aus dem großen Monologe des Herzogs Theodor von Gothland, der darin aufschreit:

„Ha Sonne! könnt’
Ich dich einmal bei deinem Strahlenhaare packen –
Am Felsen wollt’ ich dein Gehirn zerschmettern,
Und dich, was Schmerz heißt, fühlen lassen!“

Für den Schüler wurde „jene Schulstunde Otto Erlers zur Schicksalsstunde“, so beschreibt er das in seinen Erinnerungen; Gothlands Worte hätten ihn „so stark getroffen, ja so im Innersten durchschauert, daß er davon nicht wieder loskommen konnte“. Nach der Stunde fragte er seinen Lehrer nach dem Dichter dieser starken Worte. Im Anschluss eilte der Schüler zum nächsten Buchhändler und erwarb für 40 Pfennige das Reclam-Bändchen des „Herzog Theodor von Gothland“ –: der Grundstein einer Grabbe-Sammelleidenschaft, die zeitlebens nicht endete.

Dieser Schüler war Alfred Bergmann, und was in dieser „Schicksalsstunde“ begann, wurde schließlich die größte und bedeutendste Grabbe-Sammlung überhaupt. Als Bergmann Mitte der 30er Jahre erkannte, dass seine Sammlung, sollte sie zu etwas Dauerhaftem werden, in öffentliche Hand gehörte, war es ein Glücksfall, dass er schon Kontakte nach Detmold hatte. Er verkaufte seine Sammlung dem Land Lippe und folgte ihr 1938 als Bibliothekar an die Lippische Landesbibliothek Detmold. Als Grabbe-Forscher, Sammler und Bibliophile führte er dort seine Arbeit fort. Er krönte seine ungeheure Lebensleistung mit der Herausgabe der voluminösen Göttinger Akademie-Ausgabe der Werke Grabbes, deren letzter Band 1973 erschien, und mit der Grabbe-Bibliographie aus dem gleichen Jahr.

Vor 125 Jahren, am 23. Juli 1887, wurde Alfred Bergmann in Waldheim (Sachsen) geboren. Sein Vater besaß eine Fabrik für Feinseifen und Parfüms und sah Alfred bereits in seine Fußstapfen als Fabrikant treten. Doch als sich herausstellte, dass der Sohn keinen Geruchssinn besaß, war der Weg für ihn frei, seinen Neigungen zu folgen. Im Oktober 1907, nach seinem Wehrdienst, trat er ein Studium in München mit dem festen Vorsatz an, über Grabbe zu promovieren und seine Sammlung zu erweitern. Das Vermögen seiner Eltern half ihm zu Beginn ebenso wie seine Sparsamkeit, das nötige Handgeld aufzubringen, und sein Studium der Literaturgeschichte sorgte für den unverzichtbaren Überblick. Goedekes Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung aus ihren Quellen wurde zu Bergmanns erstem bibliographischem Bezugspunkt. Denn schon in diesen frühen Jahren sah Bergmann als Ziel seiner Arbeit neben der Beschäftigung mit den Texten des Dichters selbst die Erstellung einer Bibliographie, und so sammelte er neben allen Grabbe-Drucken (Erstdrucke, Übersetzungen, Gesamtausgaben) auch systematisch alle Forschungsliteratur, derer er habhaft werden konnte.

1909 setzte er in Leipzig sein Studium fort. Dort hatte er erstmals Gelegenheit, eine Grabbe-Handschrift zu erwerben. Aufmerksam geworden war Bergmann auf einen Grabbe-Brief, der vom Antiquariat Boerner zur Versteigerung angeboten wurde. Als der Student sich diesen vorlegen ließ, erfuhr er, dass bei der gleichen Versteigerung ein ganzes Werkmanuskript angeboten werden sollte, nämlich Grabbes Aufsatz Über die Shakespearo-Manie. Und obwohl dieses Autograph den Gegenwert „einer schönen Reise“ kostete, hatte Bergmann sich genug erspart, um es erwerben zu können. Von da an galt „die Leidenschaft des Sammlers auf Jahre hinaus dem Erwerb von Handschriften“, mit dem unbescheidenen Ziel, „alles Erreichbare an [s]ich zu bringen“. Aber da Grabbe zu diesem Zeitpunkt noch kein gefragter Dichter war, konnte der junge Student bald eine beachtliche Zahl von Handschriften und Briefen in seinen Besitz bringen.

Weltkrieg und Wirtschaftskrise setzten dann der Sammlungstätigkeit erstmal ein Ende. Aber Bergmann hatte Glück, denn nachdem er 1923/24 bereits dabei war, das Bankgeschäft zu lernen, erhielt er 1925 bei dem Leiter des Insel-Verlages und berühmten Goethe-Sammler Anton Kippenberg eine Stelle in Leipzig. Von da an sollte er der Wissenschaft treu bleiben können. Kippenberg übte als Sammlervorbild zudem Einfluss darauf aus, wie Bergmann seine Sammlung nun zuschnitt. Neben Drucken und Handschriften begann er Ortsansichten zu sammeln, Porträts, Materialien zum Umfeld „seines“ Dichters. Zugleich wuchs seine wissenschaftliche Arbeit, so dass er im März 1930 mit einer Arbeit über „Die Glaubwürdigkeit der Zeugnisse zum Lebensgang und Charakter Christian Dietrich Grabbes“ an der Universität Leipzig promovierte. Mittlerweile war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Thüringischen Historischen Kommission und zugleich Bibliothekar am Goethe- und Schillerarchiv in Weimar.

Im Laufe der 30er Jahre wurde Bergmann klar, dass seine Sammlung, sollte sie als Lebenswerk von ihm unabhängig werden und nach seinem Tode weiterbestehen, in die öffentliche Hand gehörte. Das kam Eduard Wiegand, dem damaligen Direktor der Lippischen Landesbibliothek in Detmold zu Ohren, der daraufhin sofort den Kontakt zu Bergmann suchte. Zum Grabbe-Jahr 1936 stellte Bergmann – auf Einladung von Gauleiter Alfred Meyer – Teile seiner Sammlung im Landestheater in Detmold aus. 22 Vitrinen, 6 Schränke, 80 Wechselrahmen wurden benötigt. Die reichsweite Beachtung dieser Ausstellung in der Presse half sicher Bergmann und Wiegand dabei, den Boden für den Verkauf der Grabbe-Sammlung an das Land Lippe zu bereiten. Für Bergmann war dabei zweierlei von Bedeutung: Erstens sah er in der Lippischen Landesbibliothek den naheliegenden Bestimmungsort seiner Grabbe-Sammlung. Zweitens wollte er aber nur verkaufen, wenn sichergestellt wäre, dass er selbst zeitlebens mit seiner Sammlung arbeiten könnte. Daher bemühte sich Wiegand darum, beim Land Lippe die Genehmigung für eine Personalstelle zu bekommen, damit Bergmann als Bibliothekar seiner Sammlung nach Detmold folgen könne. Dies gelang schließlich, nach einigem Hin und Her, zum 15.5.1938.

In Detmold arbeitete Bergmann an seinem Lebenswerk fort. Da man es von ihm nun erwartete, trat er in die NSDAP ein; seine persönliche Distanz zur Partei zeigt sich in den Akten an den Entschuldigungsschreiben, mit denen er so mancher Parteiversammlung fernblieb. Das fiel auch anderen auf, und so wurde er im Herbst 1944 – aus erzieherischen Gründen, wie er vermutete – zum „Schippen“ an den Westwall nach Holland beordert. Vorher war es ihm gelungen, sowohl für sein Grabbe-Archiv als auch für den historischen Altbestand der Landesbibliothek die Auslagerung in ein Bergwerk bei Grasleben zu organisieren.

Von den fünf Wochen anstrengender Tätigkeit am Westwall, die er besser als mancher Jüngere überstanden zu haben sich rühmte, brachte er ein offenes Bein mit zurück nach Detmold, das lange nicht heilen wollte. Als die Engländer 1945 in Detmold einrückten, wurde Eduard Wiegand, der ein engagiertes NSDAP-Parteimitglied gewesen war, sofort aus seinem Dienst entfernt; Bergmann übernahm kommissarisch die Leitung der Bibliothek. Zwei Aufgaben widmete er sich besonders: Erstens suchte der die Bibliothek im Auftrag der Engländer durch Aussondern des unerwünschten nationalsozialistischen Schrifttums wieder publikumstauglich zu machen, zweitens arbeitete er hart daran, die ausgelagerten Bestände nach Detmold zurückzuholen. Beides gelang ihm, so dass er guten Gewissens sein Leitungsamt zu Beginn des Jahres 1946 an Erich Kittel übergeben konnte. Kittel, Archivar von Hause aus, übernahm neben der Leitung des Landesarchivs auch die der Bibliothek, bis 1949, als das Land Lippe im Land NRW aufging und das Landesarchiv folglich vom Bundesland übernommen wurde; die Lippische Landesbibliothek gelangte in die Trägerschaft des neu geschaffenen Landesverbandes Lippe.
Als Bergmann 1952 in Ruhestand ging, fand er endlich die Muße, seinen Lebenstraum in die Tat umzusetzen: die Grabbe-Ausgabe mit nach textkritischen Grundsätzen verlässlich ediertem Text. Zwischen 1960 und 1973 erschienen die sechs Bände, herausgegeben im Auftrag der Göttinger Akademie der Wissenschaften. Bergmann hatte sie in unermüdlicher Arbeit tatsächlich völlig allein besorgt; seine Vorbereitungen reichen bis zum Kauf der ersten Handschrift zurück. Mit dem Erscheinen der Ausgabe wuchs die öffentliche Anerkennung. Schon 1963 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. 1967 erschien eine Personalbibliographie – das bibliothekarische Adelspatent; Ernst Fleischhack verzeichnete darin 182 Publikationen des rastlosen Wissenschaftlers und Bibliographen.

Alfred Bergmann starb 1975 in Detmold nach einem nicht immer einfachen Leben. Der Ertrag aber war reich, und im nach ihm benannten „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ der Lippischen Landesbibliothek Detmold lebt seine Arbeit fort. 

Die Bibliothek wird Alfred Bergmann im September mit einer Ausstellung zu Leben, Werk und Sammlung ehren. Eröffnung ist am 12.9.