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„Über den Patriotismus die Menschlichkeit!“
Ferdinand Freiligrath und Julius Wolff

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Michael Vogt (Hg.), Karriere(n) eines Lyrikers: Ferdinand Freiligrath. Referate des Kolloquiums aus Anlaß des 200. Geburtstags des Autors am 17./18. September 2010 in der Lippischen Landesbibliothek, Detmold (Vormärz-Studien, 25). – Bielefeld: Aisthesis, 2012, S.109-150.

Über den am 18. März 1876 in Cannstatt nicht ganz 66jährig verstorbenen Ferdinand Freiligrath schreibt ein ihm nahestehender Dichter in einem Brief  „[er] war mir Vorbild, Freund und Berather, sein Wort und Urtheil stand[en] mir hoch über allen anderen, [er] hat mich geläutert und ermuthigt, und nie vergesse ich, aber schmerzlich entbehre ich die innige, für mich ganz unschätzbare Theilnahme, die er stets meinem Schaffen und Streben gewidmet hat.“  Der Brief datiert vom 6. Dezember 1876 und ist gerichtet an die Witwe Ida Freiligrath, geborene Melos. Verfasser dieser so warmen Zeilen war Julius Wolff, Erzähler, Dramatiker und Versepiker aus Berlin, der, um noch einmal den Brief zu bemühen, „dem geliebten Entschlafenen“ in „innige(r) Anhänglichkeit“ verbunden war, und sich sogar zu der Annahme verstieg, dass „außer seinen allernächsten Lieben [...] sich wohl kein Lebender rühmen [dürfe], ihn mehr geliebt zu haben, als ich.“ Vorausgegangen waren neben einem Kondolenzschreiben an die Familie und einem Briefwechsel mit Freiligraths Tochter Katharine („Käthe“) Kroeker zwei Nachrufe Wolffs auf den Verstorbenen vom 19. und 30. März in der National-Zeitung.  Mit einigem Zeitverzug hatte ihm Ida Freiligrath geantwortet und ihren Dank abgestattet; das hatte Wolff nun seinerseits veranlasst, ihr zu schreiben. Die „unbekannte Freundschaft“ zwischen Ferdinand Freiligrath und Julius Wolff ist vor geraumer Zeit und an eher versteckter Stelle bereits einmal Gegenstand einer bescheidenen Untersuchung gewesen.  Ausgehend von zwei Briefen Wolffs an Ida Freiligrath wurden gewisse Parallelen im Werdegang der beiden Schriftsteller sowie das recht vielschichtige und bisweilen gegenläufige Urteil durch die Zeitgenossen und die Rezeption des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts knapp beschrieben. Alles in allem lag jedoch nur eine schmale Quellenbasis vor, so dass es sicher lohnend ist, den freundschaftlichen Beziehungen anhand des nahezu vollständig erhaltenen Briefwechsels noch einmal intensiver und mit anderer Schwerpunktsetzung nachzugehen.  Vorrangig werden neben den erforderlichen biographischen Informationen zu Julius Wolff die Interaktionen zwischen beiden Dichtern vom ersten persönlichen Kennenlernen über Wolffs Kriegslyrik, sein Erstlingswerk „Till Eulenspiegel“ hin zu einer vorläufigen Einschätzung verfolgt.

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