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Die digitalen Sammlungen der Lippischen Landesbibliothek Detmold

von Joachim Eberhardt

Erstveröffentlichung in: Rosenland: Zeitschrift für lippische Geschichte, 13 (2012), S. 51-54 (pdf).

Einleitung
Die Anlass-Perspektive
Die Bestands-Perspektive
Die Qualitäts-Perspektive
Wo geht es hin?

Einleitung

Institutionen des Kulturellen Gedächtnisses wie die Lippische Landesbibliothek Detmold sehen sich in der besonderen Verantwortung, ihre Bestände nicht nur für die Nachwelt zu bewahren, sondern diese auch für die Gegenwart zu erschließen und nutzbar zu machen. Früher geschah dies mit Zettelkatalogen und durch die Bereitstellung des Originals im Lesesaal. Aber inzwischen hat das Internet unser Denken darüber, was Öffentlichkeit ist und wie Mediennutzung stattfinden könnte, nachhaltig verändert. Heute handelt fahrlässig, wer für seine Recherchen das Internet nicht nutzt, und Bibliotheken als Informationsdienstleister sehen sich auf einmal verglichen mit im Web global präsenten Anbietern wie Google, Amazon und anderen. Frei nach Brecht möchte man sagen: „Wirklich, wir leben in spannenden Zeiten!“

Die Lippische Landesbibliothek stellt etwa seit Mitte des letzten Jahrzehnts eigene Bestände digital zur Verfügung. Das ist, im Vergleich zu manch anderer Bibliothek, recht spät: Die Digitalisierungszentren der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen und der Bayerischen Staatsbibliothek München wurden bereits 1997 – mit DFG-Mitteln – ins Leben gerufen. Das Projekt der Handschriftendigitalisierung der Kölner Diözesan- und Dombibliothek begann schon im Jahre 2000 – mit DFG-Mitteln – und erzeugte rund 130.000 Images; während meiner Ausbildung im München 2004 gab die Bayerische Staatsbibliothek an, bereits 11 Terabyte an Daten durch Digitalisierung erzeugt zu haben. Ist die Lippische Landesbibliothek also spät dran?

Nein, das kann man so nicht sagen. Denn erst in den letzten Jahren ist die Digitalisierung in Bibliotheken von einem ressourcenintensiven Experimentierfeld für technisch beschlagene Entwickler zu einer dem Routinebetrieb zugänglichen Tätigkeit geworden. Beispielsweise haben kommerzielle Anbieter inzwischen Programme entwickelt, die die Erstellung und Verwaltung von Digitalisaten mit einer Reihe von Automatismen unterstützen. Die Landesbibliothek bedient sich hier nicht ohne Grund einer Software-Lösung, die „scan-to-web“ heißt, die also in ihrem Namen verspricht, dass der Weg zwischen der digitalen Aufnahme und der Veröffentlichung im Web möglichst einfach und kurz ist. Auch die Hardware, das heißt, die Scanner, hat bzw. haben Qualitätssprünge gemacht – nicht nur in der Qualität der Scanleistung, sondern auch in der Bedienungsfreundlichkeit. Und schließlich wurden zwischenzeitlich bibliothekarische Standards und Normen entwickelt, was etwa die „Metadaten“ oder die Präsentation eines Digitalisats im Web angeht.

Verstehen Sie mich recht: Digitalisierung ist immer noch ressourcenintensiv. Ein guter Scanner kostet den Gegenwert einer Limousine. Man braucht Personal sowohl zum Scannen als auch zum Ein- und Aufarbeiten der Scans. Man braucht Software, um die Scans und die zugehörigen Metadaten zu verwalten. Sicherer Speicherplatz für die dauerhafte Aufbewahrung der Digitalisate kostet ein Vielfaches von dem, was Privatleute für die Festplatten des eigenen PCs ausgeben müssen.

Wenn etwas so kostspielig ist, soll sich der Aufwand lohnen. Darum verbietet es sich fast von selbst, Medien zu digitalisieren, die bereits anderswo digital vorliegen, und der wichtigste Drittmittelgeber, die DFG, fordert längst in jedem Antrag einen entsprechenden Nachweis. „Anderswo“ ist allerdings ein unbestimmter Begriff, denn an ein im Web präsentiertes Digitalisat haben Bibliothekare gewisse Mindestanforderungen; fehlen diese, wird durchaus ein eigenes Digitalisat erstellt. Unverzichtbar ist, beispielsweise, eine dauerhafte Webadresse (ein „persistent identifier“, wie das im Fachjargon heißt), weil sie das Digitalisat referenzierbar, zitierbar macht und damit seine wissenschaftliche Verwendung ermöglicht. Ohnehin betrifft die Frage „Anderswo?“ nur Bücher, Schallplatten und Ähnliches, das heißt: Medien, die in Exemplaren von Ausgaben veröffentlicht sind. Eine Handschrift ist immer ein Unikat und damit erst einmal digitalisierungswürdig.

Mit welchen Digitalisierungsvorhaben beschäftigt sich also die Lippische Landesbibliothek, welches Regal der Großen Digitalen Weltbibliothek wird sie füllen? Dies lässt sich in unterschiedlichen Perspektiven betrachten.

Die Anlass-Perspektive

Die technische Ausstattung erlaubt es der Bibliothek inzwischen, Digitalisierung als Dienstleistung anzubieten. Immer wenn ein Kunde die Komplettdigitalisierung eines Mediums in Auftrag gibt, eignet sich das erstellte Digitalisat auch zur Aufnahme in die Digitale Sammlung der Landesbibliothek und vergrößert damit unser Angebot. Aus Bibliotheksperspektive ist das ein Idealfall, da die Kosten des teuren Digitalisierens zumindest zu einem Teil von Dritten getragen werden. Die Bibliothek hat also ein Interesse daran, dass Kunden eher eine Komplettdigitalisierung in Auftrag geben als Auszüge einzelner Seiten aus einem Medium. Daher hat sie ihr Gebührenmodell entsprechend angepasst und die „Serienaufnahme“ eingeführt: Bestellt ein Kunde Scans von 20 oder mehr aufeinanderfolgenden Seiten, sinkt der Seitenpreis von 1,- € auf 25 Cent pro Seite. Dies soll zugleich gewährleisten, dass Digitalisate größeren Umfangs für die Kunden bezahlbar bleiben.

Solche Auftragsdigitalisierung (oder „Digitization on Demand“) trägt zum Digitalen „Bestandsaufbau“ bei, auch wenn die Richtung dieses Aufbaus dem Zufall bzw. dem Interesse der Kunden überlassen bleibt. Dabei darf die Bibliothek davon ausgehen, dass nicht alle ihre Bestände für Kunden gleichermaßen interessant sind, vielmehr ist zu vermuten, dass die Bestände, die einen Kunden interessieren, auch andere ansprechen; ebenso liegt auf der Hand, dass sich mehr Interesse auf die Bestände richtet, in denen die Bibliothek ihre eigenen Stärken sieht, weil sie besonders seltene oder kostbare Medien besitzt. Die Erfahrung macht deutlich, dass Ausnahmen diese Regel bestätigen. Generell zeigt sich an den Auftragsanfragen, wie wertvoll eine gute Erschließung des Bestandes ist: je mehr insbesondere aus dem Altbestand in den überregionalen Katalogen nachgewiesen ist, desto eher kommt eine Bestellung zu uns, die (vom Bestandsprofil der Bibliotheken her) auch genausogut an eine andere Bibliothek mit Altbestand hätte gehen können.

Während die Auftragsdigitalisierung durch die Kundenbrille einen eher zufälligen Blick auf den Bestand wirft, nimmt sich die Digitalisierung in Projekten aussagekräftige Bestandsgruppen vor, definiert also eine bestimmte Bestandsgruppe, deren vollständige Digitalisierung einen deutlichen Mehrwert gegenüber der Digitalisierung von Einzelstücken bringt. Solcher Mehrwert kann sich formal beispielsweise darin begründen, dass eine bestimmte historische Sammlung dokumentiert wird, oder inhaltlich beispielsweise darin, dass eine Gruppe aussagekräftiger Inhalte zur Verfügung gestellt wird. Die Lippische Landesbibliothek hat in dieser Form bisher unter anderem die Lippischen Intelligenz- und Anzeigenblätter zugänglich gemacht, weil sie eine einzigartige historische Quelle für die Region bedeuten, ihre Theaterzettelsammlung, für die dasselbe gilt, und mit dem Grabbe-Portal ihren Bestand an Grabbe-Autographen und Erstdrucken.

Als dritter Anlass neben Auftrag und Projekt muss das Fehlen eines besonderen Anlasses betrachtet werden, also die Routine- oder Auslastungsdigitalisierung. Gerade für diesen Fall lohnt sich die Formulierung einer Digitalisierungsrang- oder Prioritätenliste, die den beteiligten Kräften im Haus sagt, was als nächstes an der Reihe ist. Prioritär sind, wie das dem Profil und dem Auftrag der Lippischen Landesbibliothek entspricht, Medien aus der und über die Region. So wurden beispielsweise eine ganze Reihe lippischer Adressbücher digitalisiert und online bereitgestellt, die sich reger Nachfrage erfreuen. Ebenfalls wächst die Sammlung der Digitalisate der Lemgoer Drucke als Grundstock einer Dokumentation der regionalen Buchproduktion, wobei viele dieser Drucke zugleich auch regional bezogenen Inhalt haben. Weitere Kandidaten sind die amtlichen Serienschriften der Region, wie Gesetze und Verordnungen, amtliche Berichte etc., das Personalschrifttum (Leichenpredigten, Huldigungsgedichte, Grußadressen etc.), oder Stücke aus bedeutenden Sammlungen der Landesbibliothek, etwa aus dem Fürstlichen Altbestand oder aus der Feldzeitungssammlung.

Die Bestands-Perspektive

Man sieht schon an diesen letzten Überlegungen, dass die Routinedigitalisierung sich der Bestands-Perspektive nähert. Digitalisierung lohnt sich da, wo eine Bibliothek besondere Bestände hat, die sie von anderen unterscheiden. Für die Lippische Landesbibliothek sind das die Bestände ihrer Sondersammlungen, also die Lippe-Sammlung, das Literaturarchiv, die Musiksammlung, die Sozial- und zeitgeschichtliche Sammlung und der wertvolle Bestand an Handschriften und Alten Drucken. Das Besondere an diesen Bestandsgruppen ist nicht nur, dass sie selten oder wertvoll sind, sondern dass sie auch bibliothekarisch besonders zu behandeln sind. Die Lippiaca etwa werden tief und in einer eigenen Datenbank erschlossen. Autographe und Nachlassmaterialien des Literaturarchivs werden ebenfalls in einer besonderen Datenbank und nach besonderen Regeln verzeichnet. Für die Noten, Handschriften, Theaterzettel etc. der Musiksammlung gilt ähnliches. Das heißt, diese Bestände können bibliothekarisch nicht über den gleichen Kamm geschoren werden wie der Standardfall „Normales Buch“ oder „Normale Zeitschrift“. Auch beim Digitalisieren erfordern sie intensivere Behandlung.

Grundsätzlich ist es erstrebenswert, Digitalisate an der Stelle nachzuweisen, an der auch das Primärmedium, die Digitalisierungsvorlage, nachgewiesen ist. Denn so wird das Digitalisat auch von allen gefunden, denen es gelingt, die Vorlage zu finden. Solcher Nachweis könnte beispielsweise als zusätzlicher Link auf das Digitalisat in der Trefferanzeige im Katalog geschehen. Bibliothekarisch besteht jedoch auch die Möglichkeit, ein Digitalisat als eigenes Medium zu betrachten, das dementsprechend einen eigenen Katalognachweis braucht. Ein solch eigener Katalognachweis hat Vorteile, beispielsweise erlaubt er es, die Metadaten des Digitalisats an andere interessierte Bibliotheken automatisch weiterzugeben. Darum beispielsweise haben die Lippischen Intelligenz- und Anzeigenblätter in ihrer von der Landesbibliothek erstellten digitalen Form einen eigenen Katalogeintrag in der zentralen Zeitschriftendatenbank. Wäre das Digitalisat nur als Link im Eintrag der gedruckten Ausgabe nachgewiesen, würden Bibliotheken, die die Druckausgabe nicht besitzen, die elektronische Ausgabe nicht in ihren Katalog aufnehmen können.

Solche Überlegungen betreffen natürlich nur Medien, die – diese Unterscheidung spielte oben schon eine Rolle – Exemplare von Ausgaben sind. Digitalisate von Einzelstücken wie Handschriften und Autographe bedürfen hingegen eines solchen Extra-Nachweises nicht; hier ist mehr damit gewonnen, wenn das Digitalisat als „Kataloganreicherung“ fungiert. Entsprechend sind beispielsweise die Fotos des Lippe-Bildarchivs per Link im Katalogeintrag in die Regionaldatenbank integriert; auch die Theaterzettel sind in dieser Weise digital zur Verfügung gestellt. Digitalisate von Briefen werden zukünftig ebenfalls direkt in der Datenbank des Literaturarchivs verlinkt.

Diese Überlegungen geben auch Antwort auf die Frage, über welche Plattform die Digitalisate der Bibliothek nachgewiesen und zugänglich sind: das ist abhängig davon, wo das jeweilige Primärmedium nachgewiesen ist. Alles, was gedruckt ist, gehört in den Online-Katalog; die Digitalisate sind dort verlinkt und über das Portal „Digitale Sammlungen“ der Lippischen Landesbibliothek zu finden. Mit dem RSS-Feed kann man sich über Neues auf dem Laufenden halten. Alles übrige ist in der Datenbank Regionaldokumentation verlinkt oder in der bisher nicht webfähigen Datenbank des Literaturarchivs.

Die Qualitäts-Perspektive

Wer digitalisiert, muss sich Gedanken machen über die Qualität seiner Arbeit. Dabei gibt es mehrere Aspekte. Die erste Frage ist vielleicht, welche Art von Digitalisat angestrebt ist. Denn der Ausdruck „Digitalisat“ ist durchaus unscharf und meint erst einmal nur, dass zu einem physischen Medium eine elektronische Sekundärform erstellt wird. Der Vorgang heißt „digitalisieren“ und das Ergebnis eben „Digitalisat“. Ziel des Digitalisierens ist es in der Regel, den Inhalt der Primärform auch in der Sekundärform zugänglich zu machen. Als Standardverfahren hat sich dafür die Abbildung eingebürgert: da wir Texte und Bilder aus Büchern und Handschriften gewöhnlich visuell aufnehmen, liegt es auf der Hand, auch eine visuell zugängliche Sekundärform anzubieten. Je älter die Vorlage, desto mehr Wert legt man auf die Wiedergabe von Details bei der Digitalisierung, daher werden Bilddigitalisate von älteren Stücken gern farbig und in höherer Auflösung erstellt, während für jüngere Texte, deren Primärformen wenig individuelle Züge tragen, oft ein Schwarzweißbild in geringerer Auflösung genügt.

Eine ganz andere Möglichkeit der Digitalisierung eines Textes ist das Abtippen. Das Ergebnis ist dann ein elektronischer Text, der zwar nicht mehr die visuellen Eigenheiten der Vorlage sichtbar macht, dafür aber die Annehmlichkeiten elektronischer Texte bietet, beispielsweise die schnelle Durchsuchbarkeit, oder die Möglichkeit, Textteile zu kopieren. Ein ähnlicher Effekt kann auch durch die Technik der „OCR“, der Optical Character Recognition oder zu deutsch: der optischen Buchstabenerkennung, erzielt werden. Dazu untersucht ein OCR-Programm das vorher erstellte digitale Bild der Vorlage. In diesem Fall kann das digitale Bild um die Textdaten ergänzt werden.

Leider ist die Qualität von OCR insbesondere bei älteren Frakturschriften noch so schlecht (und das Verfahren so teuer), dass sich eine computergestützte Volltexterkennung für viele ältere deutsche Texte derzeit nicht lohnt. Also: Zur Zeit leider keine Volltexterkennung für die Lippischen Adressbücher und andere unserer Digitalisate. – Das Abtippen im sogenannten Double-Keying-Verfahren ist da weniger fehlerträchtig. Die Internet-Ausgabe des Grimmschen Wörterbuches ist vielleicht das prominenteste Beispiel im Web für den Erfolg dieses Verfahrens. Es wurde vom Kompetenzzentrum für geisteswissenschaftliche Erschließungs- und Publikationsverfahren der Universität Trier erarbeitet, und das Kompetenzzentrum hat sich auch beim Grabbe-Portal um die Volltexterstellung gekümmert.

Wo geht es hin?

In den nächsten Jahren wird sich die Struktur unseres Angebots nicht großartig verändern. Von der Bibliotheksseite her wünschen wir uns Drittmittel, um weitere interessante Digitalisierungsprojekte auf den Weg bringen zu können. Die Hard- und Software-Ausstattung hat ein gutes Niveau erreicht. Man könnte, natürlich, immer mehr tun, wenn man mehr Personal zur Verfügung hätte. Den Fortschritt der Technik verfolgen wir mit Aufmerksamkeit, um den Moment zu erkennen, an dem OCR leistungsfähig genug und bezahlbar ist, um unsere Frakturschrift-Digitalisate im Volltext durchsuchbar zu machen. Bei der Langzeitsicherung von Digitalisaten setzen wir auf kooperative Lösungen und beobachten die Aktivitäten des Landes Nordrhein-Westfalen auf seinem Weg zu einem „Digitalen Archiv NRW“. Aber bis dies alles Wirklichkeit wird, fließt sicher noch einiges Wasser die Berlebecke runter.