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Über Freiligrath, Detmold und die Begründung einer Sammlung

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Grabbe-Jahrbuch 28/29.2009/2010 (2011), S. 158-170.

Vortrag, gehalten am 3. Februar 2010 in der Lippischen Landesbibliothek Detmold. Auf Einzelnachweise wurde verzichtet, die Vortragsform beibehalten.

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Von seinem Wohnort Barmen aus, wohin ihn sein Beruf als kaufmännischer Angestellter geführt hatte, schrieb Ferdinand Freiligrath am 12. August 1839 einen inhaltsreichen Brief an seinen Freund, den Schriftsteller und Publizisten Levin Schücking; der wohnte damals in Münster. Darin teilt er ihm, neben vielen anderen Dingen, mit, dass man ihm just von offizieller Seite die Bibliothekarstelle in Detmold angetragen hätte. Er habe diese Offerte ausgeschlagen; u.a. mit Rücksicht auf die diesbezüglichen Avancen des Freundes. Auch die nahe liegende Vermutung, dass Schücking mit hannoverischer Staatsangehörigkeit – und damit Ausländer (er war gebürtig aus dem Emsland) – ohnehin nicht für diesen Posten im Fürstentum Lippe in Betracht käme, änderte nichts an seiner ablehnenden Haltung, allerdings schloss er tröstend an:

„Es könnte Dir, bei einiger Assiduität und wenn man sieht, daß ich bestimmt renoncire, doch vielleicht noch glücken! – Und wenn Dir nicht, warum sollt’ ich am Ende gar dem ehrlichen kleinen Preuß mich in den Weg stellen? – Ich schlage mich sonst schon durch, und gehe zuletzt doch noch lieber irgend ein, meine äußere Stellung sicherndes und in der Wahl von Wohnort und Lebensweise nicht beschränkendes, Engagement mit Cotta ein, als daß ich mich durch eine Duodezresidenz und ihre kleinlichen Verhältnisse binden lasse. – Hübsch ist’s freilich in Detmold, und ordentliche Kerls sind auch drin, aber - - Versuche Du Dein Glück, Levin; ich stehe ab.“

Bei der Bibliothekarstelle in Detmold handelte es sich natürlich um die Stelle des Direktors der Fürstlichen Öffentlichen Bibliothek. Das ist die heutige Lippische Landesbibliothek. Und bei dem „ehrlichen kleinen Preuß“ handelt es sich um den Justizassessor Otto Preuß; dem hatte man am 12. Dezember 1838 nebenamtlich die Leitung der Bibliothek übertragen. Als Freiligrath die zitierten Zeilen schrieb, war Preuß gerade 23 Jahre alt, Freiligrath war sechs Jahre älter, für ihn daher der „kleine Preuß“. Und aus der Tatsache, dass man schon ein gutes halbes Jahr nach dessen Ernennung die Fühler nach einer prominenten Persönlichkeit für die Leitung der Detmolder Bibliothek ausstreckte, wird zweifellos deutlich, dass mit Preuß wohl zunächst nur eine Interimslösung angestrebt worden war. Diese währte dann immerhin bis 1890 und damit 52 Jahre, denn Freiligrath orientierte sich anders und auch Schücking kam – wie erwartet – in Detmold nicht zum Zuge. Ob er sich überhaupt ernsthaft bemüht hat, weiß man nicht. Ferdinand Freiligrath und Otto Preuß dürften sich, nachdem sie im Sommer 1839 in Detmold zusammengetroffen waren, erst 30 Jahre später wieder von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden haben.

Freiligraths Lebensweg in diesen drei Jahrzehnten war gewiss nicht mit dem in der Tat beschaulichen Alltag in einer „Duodezresidenz“ zu vergleichen, in der er 1810 als Sohn des Lehrers Johann Wilhelm Freiligrath im Haus Unter der Wehme Nr. 5 geboren worden war; in unmittelbarer Nachbarschaft also zu Grabbes Sterbehaus und nur einen Steinwurf über die hohe Mauer zur Generalsuperintendentur, dem Geburtshaus Georg Weerths – die Entfernungen sind eben klein im Detmold des frühen 19. Jahrhunderts, wie wir wissen: „Duodezformat“ eben. Der Vater stammte aus Kettwig im Ruhrtal, war 1806 auf Empfehlung des Generalsuperintendenten und Reformpädagogen Johann Ludwig Ewald an die Bürgerschule nach Detmold berufen worden. Das galt für viele Verwaltungsfachleute, Pädagogen und Militärs unter der Fürstin Pauline zur Lippe, die bestrebt war, das kleine Fürstentum nach den Maximen der Spätaufklärung in die Moderne zu führen. Die Mutter Luise war gebürtig aus Mülheim am Rhein; sie starb bereits 1817 mit 33 Jahren. Ferdinand Freiligrath verließ das Detmolder Gymnasium 1825, 15 Jahre alt, begab sich nach Soest, um dort eine Kaufmannslehre beim Bruder seiner Stiefmutter anzutreten. Neben der Ausbildung zum Bank- und Handelskorrespondenten beschäftigte er sich intensiv mit modernen Fremdsprachen und deren Literatur, gefördert von seinen Verwandten nahm er Sprachunterricht, übersetzte englische und französische Lyrik. Fremdsprachen lernte er leicht. Früh begann er mit eigenen literarischen, meist lyrischen Versuchen, die er  in regionalen Feuilletons und Almanachen veröffentlichte. Ernst Fleischhack ist diesen frühen und verstreuten Werken akribisch nachgegangen. 1832 ging er als „Kommis“ (=kaufmännischer Angestellter) eines Großhandelshauses nach Amsterdam, der europäischen Handelsmetropole schlechthin, die ihn ebenso abstieß wie faszinierte. Diesem „Tor zur Welt“ verdankte er wesentliche Anregungen für seine literarische Entwicklung. Fünf Jahre später wechselte er nach Barmen; dort schuf er sich in kurzer Zeit einen engen Freundeskreis aus jungen Kaufleuten, Lehrern, auch Ingenieuren, Intellektuellen im weitesten Sinne, die mit ihm oder durch ihn die Liebe zur Literatur, zur Lyrik vor allem, teilten; die dort geschlossenen freundschaftlichen Verbindungen sollten viele Jahre später noch einmal ihre besondere Bewährung finden. In Karl Immermann, Landgerichtsrat, Schriftsteller und Theaterdirektor aus Düsseldorf, fand er einen wohlwollend-kritischen Förderer; nicht nur er, sondern zeitgleich waren bereits andere namhafte Literaten auf den jungen Lyriker aufmerksam geworden.

1838 erschien im Stuttgarter Cotta-Verlag seine Sammlung „Gedichte“, ein eher bescheidenes Buch. Doch es machte ihn mit einem Schlage im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus bekannt und berühmt; die erste Auflage mit 1.250 Exemplaren war binnen Kurzem vergriffen: „Seit dieser hier zu singen angefangen hat, sind wir alle Spatzen“, beschied Adalbert von Chamisso, Mitherausgeber des „Deutschen Musenalmanachs“, einen verdutzten Debütanten. Versehen mit einem Hauch später Romantik und gezielter Hinwendung zum Realismus revolutionierte Freiligrath mit seiner „Wüsten- und Löwenpoesie“, aber auch mit einfühlsamen Balladen, kraftvoller Sprache, variierender Versform  und exotischen Motiven den Geschmack des Publikums der Biedermeierzeit: vorgelesen enthüllte seine Poesie ästhetischen Genuss. In der heterogenen Literaturszene des Vormärz verschaffte er sich damit geradezu unwiderstehliche Beachtung. Selbst die ihm reserviert begegnende Annette von Droste-Hülshoff musste einräumen: „Hier in Norddeutschland sind die Leute ganz wie betrunken von seinen Gedichten; schön sind sie auch, aber wüst“.

Der literarische Erfolg veranlasste ihn, sich von 1839 an als Schriftsteller am Rhein niederzulassen. Angesichts des sozialen Elends und der sich wieder verschärfenden politischen Unterdrückung gab er spätestens seit 1842 seine politische Neutralität auf. Noch kurz zuvor hatte er in seinem politischen Gedicht „Aus Spanien“ den Satz geprägt: „Der Dichter steht auf einer höheren Warte als auf den Zinnen der Partei!“ Das hatte ihm literarische Fehden mit den Vertretern des liberalen und vor allem des republikanischen Lagers, allen voran Georg Herwegh, eingebracht; der forderte natürlich die eindeutige Positionierung des Dichters. Nach Verbot des Gedichts „Trotz alledem“ und dem überwältigenden Nachhall der 1844 erschienenen Gedichtsammlung „Ein Glaubensbekenntnis“ verzichtete er auf die ihm vom preußischen König gewährte Ehrenpension von 300 Talern jährlich. Zur „persona non grata“ geworden, verließ er Deutschland, begab sich über Belgien und die Schweiz ins Exil nach England. In der kleinen Gedichtsammlung mit dem aufrührischen Titel „Ça ira!“ propagiert er erstmals radikal den revolutionären Umsturz zur Republik und damit das Ende der Fürstenmacht; eine Demokratie nach amerikanischem Vorbild kam seinem Ideal recht nahe.

Im Revolutionsjahr 1848 kehrte er nach Deutschland zurück, wurde in Düsseldorf wegen seines Gedichts „Die Todten an die Lebenden“, das „wie kein anderes seinen Ruhm als Dichter einer demokratischen Erneuerung begründete“, wegen publizistischer Aufrührerschaft und der Majestätsbeleidigung angeklagt, jedoch unter triumphalen Umständen freigesprochen. Man wollte damit einem Aufruhr aus dem Wege gehen, wie schon der konservative lippische Kanzler Friedrich Ernst Ballhorn-Rosen in einem Brief an seinen Sohn Georg vom 28. Oktober 1848 lakonisch urteilte:

„Deine Zufriedenheit über Freiligraths Arretirung wird sehr durch die Nachricht getrübt seyn, daß ihn die Düsseldorfer Geschworenen frei gesprochen haben und daß er, mit den ihm schon vor dem Spruche von den Damen Düsseldorfs gewundenen Blumenkränzen geschmückt, aus der Haft entlassen ist. So urtheilen Geschworene, die sich dem Hasse ihrer Mitbürger ausgesezt haben würden, wenn sie das ‚schuldig!’ ausgesprochen hätten!“ 

Vorübergehend – gemeinsam mit Georg Weerth – als Redakteur der von Karl Marx geleiteten „Neuen Rheinischen Zeitung“ in Köln tätig (die Zeitung wurde im Mai 1849 verboten), wandte er sich 1851 mit seiner Familie wieder nach England und entging damit drohender Verhaftung aufgrund seiner aufrührerischen „Neueren politischen und socialen Gedichte“ und seiner Mitgliedschaft im „Bund der Kommunisten“, arbeitete in London zunächst wieder als Handelskorrespondent bei einer deutschen Firma, dann als Repräsentant der „General Bank of Switzerland" in deren Londoner Filiale. Bemüht um eine neutrale Stellung zwischen den rivalisierenden Gruppen der politischen Emigration entfremdete er sich von Marx und Engels. Deren theoretischem Ansatz des Historischen Materialismus hatte er als „Sozialist vom Gefühle her" ohnehin nie so recht zu folgen vermocht. Der „Partei“ – also dem Kommunistenbund – hatte er schon seit 1852 fern gestanden, keine Versammlungen mehr besucht und auf deren Beschlüsse und Agitationen nicht mehr reagiert. Schließlich 1860 brach er endgültig mit Marx und sagte sich von allen parteilichen Zwängen los:

„Meiner, und jedes Poeten tut die Freiheit Not! Auch die Partei ist ein Käfig, und es singt sich, selbst für die Partei, besser draus als drin. Ich bin der Dichter des Proletariats und der Revolution gewesen, lange bevor ich Mitglied des Bundes und der Redaktion der ‚Neuen Rheinischen Zeitung’ war! So will ich denn auch ferner auf eigenen Füßen stehn, will nur mir selbst gehören, und will selbst über mich disponiren!“

Er belegt damit, was manche Zeitgenossen seit jeher vermutet haben, dass er im Grunde seines Herzens ein unpolitischer Mensch gewesen ist; ein Mitläufer allenfalls, hin und her gerissen zwischen echter Empörung und dem Bemühen um Ausgleich, und dabei immer noch die Sorge des auf Publikumsgunst angewiesenen Poeten um das Nachlassen seiner Beliebtheit. Seinen Idealen hielt er jedoch zeitlebens die Treue.

Sein poetisches Oeuvre blieb während der Zeit des Exils überschaubar: meist Gelegenheitsgedichte („Zur Schiller-Feier“, „Auf Johanna Kinkels Tod“), kleinere literarische Essays im „Athenaeum“, meist anonym veröffentlicht und bis heute von der Forschung kaum beachtet, und vor allem aber eine Fülle von Übersetzungen englischsprachiger Lyrik (Scott, Burns, Tennyson, Coleridge, Walt Whitman, Felicia Hemans u.a.) Er selbst litt unter dieser literarischen Unproduktivität. Sah London nur als Zwischenstation an, nie als sein Zuhause. Anfangs hatte er sogar mit dem Gedanken der Auswanderung in die Vereinigten Staaten geliebäugelt. Viele 48er hatten diesen Schritt längst vollzogen. Die Hoffnung auf die Änderung der politischen Verhältnisse und damit auf die baldige Rückkehr, aber auch der Einfluss seiner Frau haben ihn davon abgehalten. In Briefen und auch in einzelnen Gedichten bricht immer wieder die Sehnsucht nach seiner Heimat durch: nach dem Rhein mit seinen Burgruinen und Rebhängen, nach der weiten Bördelandschaft des Hellweges und vor allem nach den Hängen, Tälern und Bächen des Teutoburger Waldes, nach der so eigenwillig-stimmungsvollen Senne ebenso wie nach der bizarren Felsformation der Externsteine und anderen Stätten seiner Jugend.

Das war die Situation, als ihn in London im Jahre 1862 der Sohn des lippischen Kammerdirektors Caspari aufsuchte, um ihm einen Brief oder eine mündlich vorgetragene Bitte des Geheimen Justizrates und Bibliotheksdirektors Otto Preuß zu übermitteln; der war ja in Detmold noch immer in Amt und Würden. Aus der erhaltenen Antwort Freiligraths wissen wir, dass der Bibliothekar diesen um Autographen seines lyrischen Oeuvres für die Fürstliche Bibliothek ersucht haben muss. Ebenso detailreich wie warmherzig schreibt der Emigrant am 30. Juli 1862 an den „lieben alten Freund“ aus Jugendtagen in Detmold:

„Habe herzlichen Dank für die ehrenvolle Auszeichnung, derer Du mich würdigen willst! Was könnte mir angenehmer und willkommener sein, als die ersten Handschriften einiger meiner Gedichte in der Dir anvertrauten Bibliothek niederlegen zu dürfen, - in derselben Bibliothek, der ich mit meine frühesten Anregungen verdanke und, als ‚Bibliothekspage’ des guten alten Clostermeier auf ihren Leitern hangend, bald in jenes rothgebundene Exemplar der ersten Ausgabe von Vossens Odyssee, (...) bald in die bildervollen Quartanten des Hawkesworth´schen Reisewerkes mich vertiefte, statt die mir zum Aufstellen angewiesenen Bücher von Repositor zu Repositor zu schleppen.

So möge denn der Strom zur Quelle zurückkehren! Mit anderen Worten: Ich schicke Dir hiermit (...) die nachstehend verzeichneten Manuskripte, (sämmtlich aus meiner früheren Zeit, 1831-36): - Der Blumen Rache; Der Scheik am Sinai; Der Alexandriner; Gesicht des Reisenden; Der Tod des Führers; O säh ich auf der Haide dort; - Übersetzung nach Burns; Das Lever; - Übersetzung nach Alfr. de Musset; Bei Grabbe’s Tod; -

Alles wie Du sehen wirst, Brouillons, erste Niederschriften; die eine mehr, die andere weniger durchcorrigirt; hin u. wieder mit Abweichungen von den Drucken; zum Theil von der komisch contrastirenden Folie sonstiger Scripturen sich abhebend, (…), u. dadurch deutlich genug verrathend, dass sie hastig zwischen anderer Arbeit hingeworfen wurden. Du hast hier eben die Werkstatt: Staub u. Gehämmer und Hobelspäne! Und ich denke mir, dass es Eurer Theilnahme an den Bestrebungen des Landsmanns u. Jugendgenossen vielleicht am liebsten so ist. Jedenfalls wirst Du mir zugeben, daß ich nicht eitel bin. Nicht mancher Poet, glaub’ ich, ließe sich bei der Arbeit so belauschen, nicht mancher über die Schultern so aufs Blatt sehn!

Nun, lieber Freund, habe nochmals den herzlichsten Dank für alle Güte und laß die armen grauen Blätter Deiner Nachsicht empfohlen sein! Ich will nur gestehen, dass ich sie gestern Abend nicht ohne eine gewisse Beklemmung aus uraltvergrabenen Convoluten für Dich hervorgesucht habe. Und jetzt entlasse ich sie mit einer Art von väterlicher Zärtlichkeit, über die mich selbst ein Lächeln anwandelt (...)“

Ein in Diktion und Stil sicher bewundernswerter Brief! Leider kennen wir den Inhalt der Nachricht, die Preuß in London überbringen ließ, bisher nicht, und so erfährt man nicht unmittelbar die Motive, die den Bibliothekar bewogen haben, den Jugendfreund um Autographen zu bitten. Vielleicht ist das auch gar nicht erforderlich. Der ausgesprochen modern denkende Preuß hatte die Zeichen der Zeit erkannt und war bemüht, neben der universalen Ausrichtung der Bibliotheksbestände die Sammlung der regionalen Literatur zu intensivieren, diese zu dokumentieren und neben die Sammlung von Druckschriften eine solche von Autographen gleichsam als Zeugnisse des geistigen und kulturellen Profils des Landes anzulegen. In diesem Zusammenhang ist sein Bemühen um Freiligrath-Manuskripte zu sehen.

Bemerkenswert und wohl einmalig ist sicher eines: Der Dichter selbst legte den Grundstein zu einer Sammlung, die heute seinen Namen trägt und Bestandteil des Literaturarchivs der Lippischen Landesbibliothek ist. Dabei war Ferdinand Freiligrath, der im übrigen selbst Autographensammler war, ganz offensichtlich bewusst, dass er mit diesen „Brouillons“, also schriftlichen Entwürfen, kaum bibliophile Sammlerstücke, sondern vielmehr Zeugnisse für seinen dichterischen Schaffensprozess aus der Hand gab; er machte sie damit der sprach- und literaturwissenschaftlichen Forschung zugänglich, womit er genau den Sinn und Zweck von Literaturarchiven traf. Am Anfang dieser Entwicklung stehen in Detmold der hier geborene und aufgewachsene prominente Dichter Ferdinand Freiligrath und der vorausschauende gelehrte Bibliothekar Otto Preuß, der zu Recht als „Schöpfer der modernen Landesbibliothek“ in Detmold gilt. Dass er auch die Sammlungen des „Naturwissenschaftlichen Vereins für das Fürstentum Lippe“, Keimzelle des Lippischen Landesmuseums, mit Exponaten von London aus versorgt hat, brachte ihm die Ehrenmitgliedschaft ein und bekräftigte die herzliche Freundschaft, die ihn mit Carl Weerth, dem älteren Bruder Georgs, seit jeher verbunden hat.

Bei den Gedichtautographen, die 1862 aus Freiligraths Händen in die hiesige Bibliothek gelangten und die, jahrzehntelang sorgsam behütet, seine wechselnden Lebensstationen begleitet haben, handelt es sich ausnahmslos um lyrische Werke, die zu Beginn der 1830er Jahre entstanden waren; nimmt man die beiden Übersetzungen und das aktuellem Anlass verpflichtete Gedicht „Bei Grabbe’s Tod“ beiseite, so zählen die fünf anderen zu der vom Dichter später selbstkritisch so benannten „Wüsten- und Löwenpoesie“: das ausgesprochen populäre „Der Blumen Rache“, von dem allein 15 Vertonungen nachgewiesen werden können, erschien erstmals 1831 im Mindener „Sonntagsblatt“, einer „Zeitschrift zur Belehrung und Unterhaltung aus dem Gebiete des Schönen und Nützlichen mit populärer Hinweisung auf deutsche Literatur und Zeitgeschichte“, auch „Der Scheik am Sinai“ wurde dem Publikum zunächst in dem regionalen, in Rinteln 1834 gedruckten Almanach „Kränze“ vorgestellt, als dessen Herausgeber der Paderborner Justizrat, Lyriker, Novellist und Übersetzer Moritz Ludwig Bachmann († 1872) zeichnete. Nach diesem eher publizistisch-provinziellen Start, der allerdings in den einschlägigen Kreisen nicht ohne Gehör blieb, konnte Freiligrath dank namhafter Fürsprecher den „Alexandriner“, die Burns-Übersetzung „O, säh’ ich auf der Haide dort“ (Originaltitel „Oh, wert thou in the cauld blast“) und vor allem „Bei Grabbe’s Tod" in den Jahrgängen 1835 und 1836 des „Morgenblattes für die gebildeten Stände“, die führende feuilletonistische Kulturzeitung aus dem Cotta-Verlag in Stuttgart platzieren, während „Das Gesicht des Reisenden“ und „Der Tod des Führers“ 1836 in dem von Adelbert von Chamisso und Gustav Schwab redigierten „Deutschen Musen-Almanach“ eingerückt wurden. „Das Lever“, eine Übersetzung des gleichnamigen Gedichts Alfred de Mussets, eines Altersgenossen Freiligraths und zeitweilig zum Künstlerkreis um Victor Hugo gehörenden wichtigsten Vertreters der französischen Romantik, erschien im gleichen Jahr in den „Blättern zur Kunde der Literatur des Auslands“. Alle genannten Stücke fanden sodann Eingang in die so erfolgreiche Sammlung „Gedichte“, die 1838 bei Cotta erschienen war und bis zum Jahre 1905 stolze 53 Auflagen erlebt hat.

Von zweifellos ganz besonderem Wert ist für uns in Detmold die eigenhändige Niederschrift des ergreifenden, 15 Strophen umfassenden Gedichts „Bei Grabbe’s Tod“, das allseits erhebliches Echo erfuhr und auch im „Lippischen Magazin“, Nr. 33 vom 16. November 1836, abgedruckt worden war. Aufgrund des Altersunterschieds von nahezu neun Jahren hatten Freiligrath und Grabbe in Detmold kaum ernsthafte Berührungspunkte: Als der eine gerade von der Elementar- in die Bürgerschule aufrückte, war der andere bereits im Begriff, die Reifeprüfung abzulegen. Nach eigenem Bekunden lernte Freiligrath den Älteren erst 1830 bei einem Besuch in Detmold näher kennen. Respekt, unverhohlene Bewunderung und Werben um Anerkennung des eigenen lyrischen Talents kennzeichnen in der Folgezeit Freiligraths Haltung gegenüber dem Dramatiker, und folgt man den Aussagen Dritter, so war auch Grabbe dem jungen Lyriker ausgesprochen zugetan, und er beurteilte ihn wiederholt positiv. Als Grabbe am 12. September 1836 starb, weilte Freiligrath in Westfalen und war im Begriff, an einer militärischen Übung teilzunehmen. Im preußischen Manöverlager bei Salzkotten traf er am 20. September ehemalige Mitschüler aus Lippe, die ihm von Grabbes Ableben berichteten. Insbesondere die pietätlose Art mit der namentlich Friedrich (Fritz) Wilhelm von Meien, ältester Sohn des Regierungspräsidenten Christian von Meien, das traurige Geschehen kommentierte, erschütterte Freiligrath zutiefst. Angesichts des Todes des unglücklichen Landsmannes beschlichen ihn Zweifel an den eigenen Fähigkeiten:

„Allmächtiger Gott, was ist es denn am Ende mit Deiner Himmelsgabe, der Poesie, wenn sie einen Mann, dessen Name alle die fünfundzwanzig mal Tausend, die hier unter der Leinwand schlafen, überleben wird, so enden läßt!“,

schreibt er noch im September 1836 geradezu händeringend an den Jenaer Literaturprofessor Wolff und schickt bereits Versatzstücke des Gedichts, allerdings noch in Prosa, voraus, die annehmen lassen, dass er den lyrischen Nachruf noch unter dem Eindruck des unmittelbar Erlebten niedergelegt hat. Die Vermutung findet ihre Bestätigung, wenn er später Grabbes Witwe Louise Christiane wissen lässt:

„Der kalte, wegwerfende Ton, in dem mir die Nachricht gesagt wurde, empörte mich; äußerlich ein Eisklumpen, glühte ich von innen, und als am andern Morgen die Reveille durch’s Lager ging, war das Gedicht zum größern Theil im Kopfe schon fertig“.

Und an Hermann Kunibert Neumann, Offizier, Dichter und Freund Grabbes aus den letzten Wochen in Düsseldorf,  schreibt er Anfang 1837 die bewegenden Worte:

„Er ist nun todt! Die Schlacke ist der Erde zurückgegeben, sein Unsterbliches aber schüttelt jetzt die Schwingen, und lächelt über den Pöbel, der den Titanen mit Koth bewarf, weil er ihn nicht begriff!“

Ein großartiger Satz. Grabbe selbst hätte ihn kaum besser formulieren können.

Ferdinand Freiligrath verlor Ende 1865 seine bis dahin gesicherte Position als Agent der „General Bank of Switzerland“; deren Filiale in London wurde geschlossen. Ohne feste Einkünfte, allenfalls geringe Tantiemen aus Veröffentlichungen und bescheidene Rücklagen waren vorhanden, sah er mit seiner siebenköpfigen Familie (drei Söhne, zwei Töchter) einer ungesicherten Zukunft entgegen. Da sprangen Freunde des Dichters aus Barmen ein; nahezu ausnahmslos Kaufleute und Unternehmer. Sie entwarfen den Plan einer Nationalstiftung, die dem Emigranten die Rückkehr nach Deutschland, ein dauerhaftes Auskommen und einen gesicherten Lebensabend garantieren sollte. Natürlich sollte damit zugleich der Boden für eine Amnestie des in Preußen noch immer steckbrieflich Gesuchten bereitet werden. Die Barmer Freunde unter der Führung des Kaufmanns und Schriftstellers Emil Rittershaus inszenierten im April 1867 eine publizistisch wirksame Spendenkampagne, die ihresgleichen suchte. Sie machten damit auf die problematische soziale Situation des Dichters aufmerksam und forderten inständig zu dessen Unterstützung auf. Mit gutem Beispiel war bereits die Schillerstiftung mit einer namhaften Überbrückungssumme eingesprungen.

Der ganz auf das Gemüt zielende Aufruf der „Freunde des Dichters aus dem Wupperthale“ in der „Gartenlaube“, der viel gelesenen illustrierten Familienzeitschrift (Auflage rund 350.000, geschätzte Leserschaft zwischen 2 und 4 Millionen) war betitelt mit „Auch eine Dotation. An alle Deutsche(n) im Vaterland und in der Ferne“ hatte einen unbeschreiblichen Erfolg. Große und kleine Geldsummen liefen beim Zentralbüro in Barmen ein. Gesang-, Turn-, Arbeiter- und Bürgervereine warben mit Konzerten, Theateraufführungen, Lesungen und Vorträgen Spenden ein. In 12 Städten wurden ähnliche Veranstaltungen meist von eigens ins Leben gerufenen „Comités“ initiiert. Bemerkt sei an dieser Stelle, dass man Detmold hier zunächst vergeblich sucht. Zu guter letzt kamen 60.000 Taler zusammen. Rainer Noltenius hat sich in den 1980er Jahren der Mühe unterzogen, diese Summe auf damaligen Geldwert umzurechnen. Er kam auf rund eine Million D-Mark. Ein beispielloser Vorgang, einzigartig in der Geschichte der Beziehungen zwischen einem Dichter und seinen Lesern.

Ferdinand Freiligrath kehrte im Juli 1868 im Triumph nach Deutschland zurück. Unbehelligt reiste er durch die preußische Rheinprovinz. Angesichts der ungeheuren Popularität des Dichters wagte niemand, auf einen Vollzug des Steckbriefes zu bestehen. Behördlicherseits tat man so, als existiere dieser gar nicht. Die Stadt Köln veranstaltete für ihn im Gürzenich ein Festbankett, der Oberbürgermeister begrüßte ihn in vollem Ornat mit Amtskette, die Stadtwache stand Spalier. Ungewiss blieb zunächst, wo Freiligrath sich dauerhaft niederlassen sollte. Er favorisierte das Rheinland: Unkel, St. Goar oder Assmannshausen, Orte, wo er zwischen 1839 und 1844 wohl die glücklichsten und unbeschwertesten Jahre seines Lebens genossen hatte. Dort hatte er 1840 seine Frau Ida Melos, die im Nachbarhaus als Gouvernante tätig war, kennen gelernt; sie stammte aus der Gegend von Weimar, war sieben Jahre jünger. 1841 heiratete man. Doch nun kam Preußen für ihn als dort nur Geduldeter ohne Begnadigung durch ein ordentliches Gericht nicht in Frage. Nach einigen Wochen der Erholung im Schwarzwald ließ er sich in Stuttgart, später im nahen Cannstatt nieder. Die Nähe zu seinen Verlegern Cotta, Göschen und Hallberger dürfte hier eine Rolle gespielt haben; auch ein schwäbischer Freundeskreis hat ihm die Entscheidung erleichtert. Das Fürstentum Lippe und Detmold haben nie eine Rolle gespielt. Es galten wohl die gleichen Vorbehalte wie 1839: eine Duodezresidenz eben.

Seine westfälisch-lippische Heimat, die er dennoch im Exil immer vor Augen gehabt hatte, bereiste er allerdings im darauf folgenden Sommer noch einmal. Zum 17./18. Juli 1869 hatte ihn die Sängergemeinschaft „Arion“ in Bielefeld, die von ihren Mitgliedern neben obligater Musikalität ausdrücklich eine demokratische Gesinnung forderte, zu ihrem zehnjährigen Stiftungsfest eingeladen. Der Vorsitzende namens Richard Wehn hatte bereits nach London zu Freiligrath Kontakt gesucht. 1867 hatte man, um Geld einzusammeln, in Bielefeld eine Freiligrath-Feier veranstaltet auf der auch Emil Rittershaus, einer der Initiatoren der Freiligrath-Dotation aufgetreten war. Der Gesangverein „Arion“ hatte zudem dafür gesorgt, dass an Freiligraths Geburtshaus in Detmold eine Erinnerungsplakette angebracht wurde; sie ist heute noch dort zu sehen. In Detmold selbst rührte sich bis dahin vergleichsweise wenig.
Freiligrath sagte zu, reiste von Stuttgart über Köln in Begleitung seines Sohnes Wolfgang am 17. Juli 1869 nach Bielefeld. Dort bereitete ihm die Bevölkerung einen überwältigenden Empfang, und auch im weiteren Verlauf des Wochenendes geriet das eigentliche Stiftungsfest der Sänger geradezu zur Nebensache. Aufgrund der enormen Presseresonanz sprach ganz Deutschland vom „Fest in Bielefeld“ und meinte damit das Jubelfest für den „Sänger der Freiheit.“ Zu den 270 auswärtigen Gästen aus Literaturszene, Wirtschaft und Politik zählten neben den Komiteemitgliedern Emil Rittershaus und Ludwig Elbern aus Barmen vor allem der mittlerweile betagte August Wilhelm Hoffmann von Fallersleben, Bibliothekar in Corvey; der war bekanntlich in den 1840er Jahren nicht ganz unbeteiligt an Freiligraths politischer Entwicklung, selbst wenn das beide später bestritten. Nach feucht-fröhlicher Runde in einem Lokal in Koblenz hatte Hoffmann ihm am 17. August 1843 auf die Rückseite des Etiketts einer Champagnerflasche geschrieben:

„Kein Österreich, kein Preußen mehr!
Ein einig Deutschland, groß und hehr.
Ein freies Deutschland, Gott bescheer’!
Wie seine Berge fest zu Trutz u[nd] Wehr.“ –

Freiligrath hat das Etikett mit den Versen anschließend in sein Stammbuch geklebt und die Situation in einem spontanen Gedicht „An Hoffmann von Fallersleben“ festgehalten; vor allem das Gedicht hat dem Verdacht politischer Einflussnahme immer wieder Nahrung gegeben.

Zurück nach Bielefeld: Nach den zahlreichen Grußadressen, lobpreisenden Versen in Text und Ton, Trinksprüchen und Reden an den hohen Ehrengast ergriff dieser selbst gerührt das Wort und kleidete seinen Dank in die elf Strophen des Gedichts „Im Teutoburger Walde“, die zweifellos zu den stimmungsvollsten seiner Gelegenheitsdichtung und „als eines der ergreifendsten literarischen Heimatbekenntnisse unserer Sprache überhaupt“ zu zählen sind.

Für Freiligrath hatte man ein kurzweiliges Rahmenprogramm zusammengestellt. Dazu gehörten kleinere Zusammenkünfte, eine Ausfahrt nach Bad Oeynhausen und der Besuch des Arbeiterbildungsvereins in Bielefeld. Man diskutierte dort intensiv über die soziale Frage und das, was Intellektuelle zu ihrer Lösung beizutragen vermögen. Das war wenig genug, und Freiligrath geriet eher in Verlegenheit. Am Morgen des folgenden Tages (20. Juli 1869) reiste der Dichter mit einer illustren Entourage über Asemissen und Lage nach Detmold, auf halber Strecke rastete man unter den Eichen des Scherenkrugs. Wie in Bielefeld wurde Freiligrath unterwegs enthusiastisch gefeiert, das galt besonders für die Stadt Lage. Aber auch seine Geburtsstadt Detmold kam nun endlich aus der Reserve: die Straßen waren mit Blumen, Girlanden und Fahnen geschmückt, die Menschen säumten die Straßen und Plätze. Bürgermeister Seiff, ein Rechtsanwalt, hieß den nach 30 Jahren Heimgekehrten im Namen der Stadt und ihrer Bürger willkommen. Freiligrath besuchte sein festlich geschmücktes Geburtshaus Unter der Wehme. Er sah seinen alten Freund Carl Weerth wieder und schloss seinen Jugendfreund Ludwig Merkel, Gutsbesitzersohn vom Rittergut Braunenbruch und nun Pfarrer, in die Arme. Er besuchte das Grab seiner Mutter und seiner beiden im Kindesalter gestorbenen Schwestern auf dem Weinbergfriedhof, lange soll er an Grabbes letzter Ruhestätte verweilt haben. Und er traf auch Otto Preuß, den Direktor der Fürstlichen Landesbibliothek, wieder, dem er 30 Jahre zuvor beinahe die berufliche Position streitig gemacht hätte und dem er wenige Jahre zuvor Autographen und  Druckschriften von London aus übermittelt hatte. Dem Bibliothekar oblag es, abends beim großen Bankett, das die Gesellschaft „Ressource“ dem Dichter gab und an dem alles, was in Detmold Rang und Namen hatte, teilnahm, die Festrede zu halten. Ihr Text ist nicht überliefert, „warm empfunden“ und „schön geformt“ soll sie gewesen sein. Auch andere Wortbeiträge und Toasts feierten den hohen Gast. Der Heidedichter Ludwig Altenbernd, von Beruf Kalkulator (=Rechnungsprüfer), hieß sein Idol in einem eigens verfassten „Gruß an Freiligrath“ willkommen. Freiligrath logierte im „Hotel Stadt Frankfurt“ und reiste am nächsten Tag mit seiner Begleitung wieder nach Bielefeld ab. Nach einigen Abstechern in Spenge, Iserlohn und Wuppertal kehrte er gegen Ende der Woche nach Stuttgart zurück. Seine tiefen Eindrücke geben am besten die Zeilen wieder, die er am 26. Juli 1869 an seinen Freund Emil Rittershaus, der ihn die ganze Zeit über begleitet hatte, richtete:

„Lieber Emilius, gestern Morgen bin ich wieder hier angelangt, fand alles in gesundem Schlafe, und erfreue mich jetzt, nach aller Aufregung der verflossenen Woche, der Stille des Hauses und der Studierstube. Penelope und die Sprossen kommen nicht aus dem Erstaunen heraus, was der alte Odysseus ihnen zu erzählen hat. Und in der Tat, wenn ich’s nicht erlebt hätte, ich glaubte es selbst kaum. Womit habe ich denn nur verdient, was man mir in so überreichem Maße entgegen getragen hat? Mein Leben ist durch diese westfälische Reise um Erinnerungen reicher geworden, um die Könige mich beneiden müssen!“

Mit gewisser Genugtuung konnte er konstatieren, dass die Stadt Detmold 1871 eine Straße, die über den Wallgraben in ein Neubaugebiet führt, nach ihm benannt hat; die Straße ist noch dieselbe wie heute. Detmold war die erste Stadt mit einer Freiligrath-Straße, und das immerhin noch zu seinen Lebzeiten!

Wenn Freiligrath auch in der Folgezeit in seiner späten Lyrik die nationale Einigung feierte, so sorgte er sich doch vor dem drohenden Cäsarismus der Hohenzollern und er sah im deutschen Kaiserreich kaum die ideale Staatsform, für die er Haft und jahrelanges Exil in Kauf genommen hatte. Die Republik, die er noch in seinem Gedicht „Im Teutoburger Walde“ eingefordert hatte, blieb zeitlebens sein erklärtes Ziel, aber er arrangierte sich mit den Verhältnissen und erkannte, dass zumindest derzeit der Einfluss des Literaten auf die politische Situation nicht gegeben war. Man darf auch nicht vergessen: Vieles, wofür die 48er gekämpft hatten, war erreicht worden, zunehmende Demokratisierung und der Rückbau neoabsolutistischer Fürstenmacht deutete sich vielerorts an. Den Rückschritt im Zuge der Sozialistengesetze mit Bespitzelung, Zensur und willkürlichen Verhaftungen ab 1878 sollte er ohnehin nicht mehr erleben.

Drei ethische Grundsätze ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Schaffensperioden (Löwen- und Wüstenpoesie und Seefahrerdichtung, politische Dichtung, Landschafts-, Gelegenheits- und patriotische Dichtung um 1870/71) und damit durch sein gesamtes dichterische Werk: das sind Freiheit, Brüderlichkeit und Menschlichkeit. Natürlich gibt es auch bei ihm Ausrutscher oder Peinlichkeiten, die kann man getrost vernachlässigen. Entscheidend ist: Wichtiger als politische Systeme und Ideologien ist bei ihm immer der Mensch, oder wo der nicht unmittelbar Gegenstand ist, die leidende, sich nach Freiheit sehnende Kreatur. Freiligrath war zweifellos bewusst, dass ein Gedicht die Welt nicht verändern, vielleicht aber den Einzelnen erreichen und ihn anstoßen kann, sich einzusetzen für die Gesellschaft. Niemand kann bestreiten, dass es dem Menschen wie zur Zeit Freiligraths noch immer nicht gelungen ist, menschenwürdige Lebensbedingungen für alle zu schaffen. Freiligraths Dichtung ist deshalb nicht überflüssig geworden. Sie verdient, in den Chor derer aufgenommen zu werden, die nicht müde werden, Unterdrückung und Gewalt zu ächten und unerschrocken einzutreten für die Achtung des Menschen in Frieden und Freiheit.

Freiligrath starb am 18. März 1876 in seiner Wahlheimat Cannstatt, nicht ganz 66 Jahre alt. Eine Ehrengrabstätte auf der Grotenburg, die die Stadt Detmold angeboten hatte, lehnte die Familie ab. Auf dem Uffkirchhof in Cannstatt fand er seine letzte Ruhestätte. Seit 1878 schmückt ein stattliches Grabdenkmal mit seiner Büste, geschaffen von dem Bildhauer Adolf (von) Donndorf, den Platz, wo der „Sänger der Freiheit“ oder der „Trompeter der Revolution“ gebürtig aus Detmold, begraben liegt.

Das Lippische Literaturarchiv der Lippischen Landesbibliothek, zu dem er 1862 den Grundstein gelegt hatte, beherbergt heute in seiner Freiligrath-Sammlung 60 Werkautographen, über 400 Briefe des Dichters, 110 Briefe an ihn, Korrespondenzen aus dem Familien- und Freundeskreis, Stammbücher, Porträts, Stiche, Fotos, die Dotationsakten und darüber hinaus nahezu vollständig die gesamte Freiligrath-Literatur. Die Lippische Landesbibliothek betreut, pflegt und erweitert ständig das „Freiligrath-Briefrepertorium“ (www.ferdinandfreiligrath.de), das ca. 5.400 Briefe des Dichters in formalisierter Beschreibung im Regest nachweist, und veröffentlicht darüber hinaus seit 1983 jährlich im Grabbe-Jahrbuch die Freiligrath-Bibliographie; auch diese ist seit einem guten Jahrzehnt online zugänglich und leicht über die Homepage der Lippischen Landesbibliothek zu erreichen (www.llb-detmold.de).