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Ein ungewöhnliches Zeitdokument

Das Geburtstagsalbum der Gräfin Karoline zur Lippe-Biesterfeld – eine Neuerwerbung der Lippischen Landesbibliothek

von Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Heimatland Lippe 104 (2011) 11, 318-319.

Abb. 1: Karoline Gräfin zur Lippe Biesterfeld. Bildquelle: Nachruf in der Lippischen Landeszeitung vom 11.7.1905

Als Karoline zur Lippe-Biesterfeld am 10. Juli 1905 starb, trauerte das ganze Fürstentum Lippe um die beliebte „Gräfin-Mutter“. Die geistlichen Grabreden sind voll des Lobpreises für die tätige Nächstenliebe Karolines, die stets den Bedürftigsten beigestanden habe. Ihr Mann, Ernst zur Lippe-Biesterfeld, war bereits im September 1904 verstorben; die Lippische Landeszeitung rühmte ihn als „hoheitsvollsten und gütigsten Regenten, den die Erde je getragen hat“ (Lippische Landeszeitung vom 11. Juli 1905). Die Nachwelt dürfte an die beiden aber vor allem wegen des „Lippischen Thronfolgestreits“ 1895-1898 denken, der Graf Ernst überhaupt erst auf den lippischen Thron brachte. Von den übrigen Lebensabschnitten ist nicht sehr viel bekannt. Daher ist es umso erfreulicher, dass die Lippische Landesbibliothek jüngst ein „Geburtstagsalbum“ (Signatur: Album Nr. 27) der Gräfin erwerben konnte, in dessen Eintragungen sich zumindest ein wenig Zeitkolorit ahnen lässt.

Abb. 2. Besitzeintrag Karolines auf dem Schmutztitel.
Lippische Landesbibliothek, Album Nr. 27

Karoline Friederike Cäcilie Klothilde wurde am 6.4.1844 in Mannheim geboren. Sie lernte ihren späteren Mann Ernst 1868 kennen; die beiden heirateten „auf dem Schlosse zu Neudorf“ in der preußischen Provinz Posen mit dem – erforderlichen – Einverständnis des Familienvorstandes derer zur Lippe, des regierenden Fürsten Leopold III., am 16.9.1869.

Zwischen 1870 und 1875 wurden dem Paar sechs Kinder geboren. In seiner Grabrede auf Karoline erinnert „Pastor Lappe“ aus Bielefeld sich an die „innige[ ] Herzensverbundenheit“ der beiden und meinte, er habe in ihrem Zusammenleben „ein Stück Paradies gesehen“. In den Grabreden wie im Nachruf ist dann allerdings auch von den Sorgen und „leidvollen Tagen“ die Rede, die Karoline habe durchleben müssen. Damit ist jener Thronfolgestreit gemeint, der 1895 nach dem Tode des Fürsten Woldemar zur Lippe-Detmold entbrannte.

Abb. 3: Grafregent Ernst zur Lippe-Biesterfeld.
Lippische Landesbibliothek, BA FP-S-7

Fürst Woldemar zur Lippe-Detmold (1824-1895) – in dessen „Prinzenpalais“ ja nun die Landesbibliothek untergebracht ist – war in seiner Ehe mit Sophie von Baden (1834-1904) kinderlos geblieben, von seinen Brüdern lebte nur noch der geisteskranke und entmündigte Karl Alexander. Der wurde nominell „Fürst zur Lippe“ nach Woldemars Tod, noch zu Lebzeiten hatte Woldemar allerdings in einem Geheimvertrag Adolf zu Schaumburg-Lippe zum „Regenten“ bestimmt. Er tat dies bewusst, um die Ansprüche der Linie Lippe-Biesterfeld im Vorwege abzuweisen, und wohl auch darum, weil diese schon zu seinem Regierungsantritt 1875 ein Rechtsgutachten zur lippischen Erbfolge in Auftrag gegeben hatte. Seitdem war die Stimmung zwischen den beiden Linien verdorben. Woldemars Geheimvertrag führte dazu, dass Adolf das Detmolder Schloss bezog, bevor die Nachricht vom Tod des Fürsten veröffentlicht wurde – manche Lipper nahmen dies als „Staatsstreich“ wahr. Ganz Deutschland sah auf einmal auf das kleine Fürstentum, auch Reichskanzler und Kaiser nahmen Anteil. Der Kaiser mag dabei nicht nur politisch gedacht haben, da seine Schwester Viktoria mit Fürst Adolf verheiratet war; entsprechend stand er auf der Seite der Schaumburger und verweigerte sich dem Hilfeersuchen des Grafen Ernst. Der war darum gezwungen, den Rechtsweg zu gehen. Das einberufene Schiedsgericht unter Albert von Sachsen sprach in einem ersten Urteil 1897 Graf Ernst das Regierungsrecht zu. Bei ihrem Einzug in Detmold wurden Karoline und Ernst mit „unendlichem Jubel“ – wie es in einem Nachruf auf Graf Ernst heißt – empfangen.

Abb. 4: Das zum Einzug geschmückte Rathaus in Detmold, 1897.
Lippische Landesbibliothek, BA DT-30-36

Das Geburtstagsalbum der Gräfin Karoline legt von diesen bewegten Zeiten nur indirekt Zeugnis ab. Es handelt sich um einen handlichen (11,5 x 15,5 cm) ledergebundenen Tageskalender, mit – inzwischen fehlender – metallener Schließe. Jedem Tag ist eine Seite gewidmet, die bis auf einen „Denkspruch“ und ein Ereignis oder ein Lebensdatum eines Prominenten frei für Eintragungen ist (siehe Abbildung 5). Karoline nutzte diese freien Blätter offenbar als Geburtstags-Erinnerungsbuch, indem sie es Verwandten und Bekannten vorlegte. Diese trugen ihren Namen dann eigenhändig auf dem Blatt ihres Geburtstages ein.

Abb. 5: Seite vom 2.9. mit Einträgen von „Carola“ und „Julius Ernst“.
Lippische Landesbibliothek, Album Nr 27

170 Eintragungen enthält der Kalender, manche Seiten sind leer, manche tragen mehrere Namen. Die Minimalform der Eintragung ist die bloße Aufführung des Vornamens ohne irgendeine weitere Angabe: ein Eintrag auf dem Blatt vom 2.9. zeigt lediglich den Namen „Carola“, darüber gut lesbar in anderer Schrift „Julius Ernst. 1873“. Bei der besagten Carola handelt es sich um Karolines Tochter, die zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Julius Ernst am 2. September 1873 in Oberkassel geboren wurde.

Identifizieren lassen sich also manche Beiträger selbst dann, wenn sie nur ihren Vornamen nannten, durch ihren Geburtstag und die gezielte Suche nach passenden Personen in der Verwandtschaft Karolines und Ernsts. Wer sich als „Old ʻLittle oneʼ“, geboren am 23.6.1837, eintrug, ließ sich allerdings bisher noch nicht ermitteln.

Abb. 6: Eintrag „old Little One“.
Lippische Landesbibliothek, Album Nr 27.

Interessanter sind allerdings noch Einträge, die mehr Informationen enthalten, z.B. den Tag der Eintragung und / oder ihren Ort. Die erste datierte Eintragung beispielsweise stammt vom „Dein Fritz“ am 13.11.1888; das ist Friedrich von Sachsen-Meiningen, der Ehemann von Karolines Tochter Adelheid; diese hat sich als „Dein Adalein“ ebenfalls eingetragen. Sein Eintrag zeigt, wann Karoline spätestens in den Besitz des Kalenders gekommen ist. Das Impressum des Kalenders nennt nämlich keine Jahreszahl, sondern teilt nur mit, er sei in Leipzig im Verlag Sehl in der 4. Auflage gedruckt. (Die 6. Auflage wird von einem Antiquar auf „um 1900“ datiert). Um 1888 bedeutet also, dass Ernst und Karoline noch in Oberkassel und Neudorf lebten. Nach der Heirat der beiden hatte Ernst das Familiengut Oberkassel bei Bonn bezogen und nach dem Tod des Vaters 1884 den Wohnsitz der Familie nach Schloss Neudorf bei Bentschen in der preußischen Provinz Posen verlegt, wo sie bis zum Ende des Thronfolgestreites lebten.

Bei fast 50 Eintragungen ist auch der Eintragungsort vermerkt. Offenbar hat Karoline das Album nicht nur während ihrer Aufenthalte in Obercassel und Neudorf gepflegt, sondern auch mit auf Reisen genommen: zu Verwandten (nach Wildenfels oder Rotenburg), in den Urlaub (ins niederländische Seebad Domburg oder in das bayerische Bad Kissingen, wo Otto von Bismarck sich eintrug), auf medizinische Reisen (Eintragungen von prominenten Ärzten in Würzburg 1902). Wenig erstaunlich, dass sich unter den zahlreichen Namen der adeligen Verwandtschaft kein einziger aus dem Familienzweig von Schaumburg-Lippe findet, weder vor noch nach der heißen Phase des Thronfolgestreits. Dafür ist eine auf den 6. Juli 1895 datierte Eintragung sprechend, sie lautet: „Lengerke-Steinbeck Präsident des Lipp. Landtags“ (am 9.1.).

Abb. 7: Seite vom 9.1. mit Eintrag des Präsidenten des Lippischen Landtags Johann Heinrich von Lengerke vom 6. Juli 1895.
Lippische Landesbibliothek, Album Nr. 27

Johann Heinrich von Lengerke, seit 1870 Präsident des Lippischen Landtags, scheint also Ernst und Karoline nach dem Tod Woldemars aufgesucht zu haben. Man kann spekulieren, dass er sie der Unterstützung des Landtags versichern wollte. Der Landtag nämlich sah sich durch Woldemars eigenmächtiges Bemühen um seine Nachfolge übergangen; dass er die Ansprüche des Grafen Ernst für berechtigt hielt, ist überliefert. Die Eintragung belegt die persönliche Begegnung zwischen Landtagsvertreter und der gräflichen Familie.
Offensichtlich hat Karoline ihren Geburtstagskalender zu mehreren Zwecken genutzt: erstens als Erinnerungshilfe für die termingebundene Geburtstagskorrespondenz: dafür spricht die strenge kalendarische Ordnung der Einträge und ihre Fülle aus der Verwandtschaft. Zweitens als eine Art Stammbuch, d.h. als Freundschaftsalbum: dafür spricht die Eigenhändigkeit der 170 Einträge. Und drittens wird man hinter den Eintragungen von Prominenten wie Reichskanzler von Bismarck oder Kaiserin Auguste Viktoria auch die reine Sammellust vermuten dürfen.

Der Geburtstagskalender der Gräfin Karoline ist also ein ungewöhnliches Zeitdokument: er gewährt Einblicke in die private Sphäre des adeligen Alltags während einer der spannendsten Phasen der jüngeren lippischen Geschichte.