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Prof. Dr. Rainer Springhorn zum Abschied

von Detlev Hellfaier und Elke Treude

Druckfassung in: Museum, Region, Forschung : Festschrift für Rainer Springhorn / Landesverband Lippe. Hrsg. von Detlev Hellfaier und Elke Treude. Detmold, 2011. (Schriften des Lippischen Landesmuseums ; 7), 11-13.

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Prof. Dr. Rainer Springhorn
Direktor des Lippischen Landesmuseums
von 1986 bis 2011

Der langjährige Leitende Direktor des Lippischen Landesmuseums in Detmold, Prof. Dr. Rainer Springhorn, scheidet am 23. September 2011 aus dem aktiven Dienst aus; an diesem Tag feiert er zugleich seinen 63. Geburtstag. Diesen denkwürdigen Tag möchten der Landesverband Lippe, Kolleginnen und Kollegen, Weggefährten und Freunde zum Anlass nehmen, sich mit einem persönlichen Beitrag in einer ihm gewidmeten Festschrift von ihm zu verabschieden. Der Titel der Festschrift „Museum, Region, Forschung“ wurde bewusst gewählt, denn die Aufsätze spiegeln einerseits die Vielfalt und die Schwerpunkte des Tätigkeitsspektrums, andererseits die Stationen des wissenschaftlichen Lebens des hier Gefeierten wider.

Das gibt Gelegenheit, den wissenschaftlichen und beruflichen Werdegang Rainer Springhorns lexikalisch in Erinnerung zu rufen und zu würdigen. Nach dem Abitur am Staatlichen Max-Planck-Gymnasium in seiner Heimatstadt Düsseldorf und dem sich anschließenden 18monatigen Wehrdienst studierte er vom Sommersemester 1969 bis zum Sommersemester 1976 an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau die Fächer Geologie, Paläontologie, Zoologie und Paläoanthropologie. Das Studium schloss er im Jahre 1973 mit der Diplomprüfung in Geologie und Paläontologie ab. Mit einer Arbeit zur „Revision der alttertiären europäischen Amphicyonidae (Carnivora, Mammalia)“ wurde er am 24. Juni 1976 ebenfalls in Freiburg zum Dr. rer. nat. promoviert. Für diese hervorragende wissenschaftliche Leistung erhielt er im Dezember des gleichen Jahres den international renommierten Goedecke-Forschungspreis.

Nach einer Assistenten-Tätigkeit bei Prof. Dr. Günther Osche am Zoologischen Institut der Universität Freiburg wurde er am 2. Mai 1977 zum Kustos und stellvertretenden Direktor des Lippischen Landesmuseums in Detmold ernannt. Sein Interesse an der Nachwuchsförderung und seine Vertrautheit mit dem akademischen Lehrbetrieb veranlassten ihn, in den Jahren 1980/81 am Fachbereich Didaktik der Biologie der Universität Bielefeld einen Lehrauftrag wahrzunehmen.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit am Lippischen Landesmuseum habilitierte sich Rainer Springhorn am 23. Juni 1983 an der Geowissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg. Gleichzeitig wurde ihm die Venia legendi für das Fach Paläontologie erteilt. Seinen ersten Lehrauftrag als Privatdozent am Geologischen Institut der Universität Freiburg übernahm er im Wintersemester 1984/85. Bis zum heutigen Tage bietet er Lehrveranstaltungen an der Geowissenschaftlichen Fakultät an, wobei insbesondere die Kartierungsübungen im benachbarten Mittelgebirgsraum und in der Alpenregion sich bei den Studierenden großer Beliebtheit erfreuen. Hier vermittelt er nicht nur das notwendige Fachwissen, sondern darüber hinaus seine ungebrochene Begeisterung für die Fachdisziplin und die praktische Geländearbeit. 1990 erfolgte seine Ernennung zum außerplanmäßigen Professor am Institut für Geologie der Universität Freiburg durch den Minister für Wissenschaft und Kunst des Landes Baden-Württemberg. Wie seine Lehrtätigkeit und vor allem sein umfangreiches Schriftenverzeichnis belegen, blieb Rainer Springhorn der wissenschaftlichen Forschung stets verbunden und konnte gewonnene Erkenntnisse und Ergebnisse in die praktische Museumsarbeit einbringen.

Im Jahre 1986 trat er die Nachfolge von Dr. Friedrich Hohenschwert als Direktor des Lippischen Landesmuseums an; seine Ernennung zum Leitenden Museumsdirektor erfolgte 1999. Rainer Springhorn hat das Lippische Landesmuseum während seiner 34jährigen Amtszeit entscheidend geprägt und im Einklang mit den kultur- und bildungspolitischen Vorstellungen und gesetzlichen Aufgaben des Landesverbandes Lippe seine Ideen von einem modernen und publikumsorientierten Universalmuseum mit regionaler Ausrichtung umgesetzt. Während die ersten Jahre mit Konsolidierungsmaßnahmen, Planungsarbeiten, Umgestaltung und Erweiterung nahezu sämtlicher Abteilungen der Schausammlung sowie der Intensivierung des Ausstellungswesens gefüllt waren, wurde 1997 nach mehr als zweijähriger Bauzeit als zweifellos wichtigster Markstein der Neubau des Zwischentraktes innerhalb des historischen Gebäudeensembles eröffnet. Neben der großzügigen Eingangssituation mit Empfang und Museumsladen konnten im Untergeschoss neben dem pittoresken Museumsgraben die dringend erforderliche Sonderausstellungsflächen in angemessener Größe, ein Vortragsraum für gut 200 Zuhörer sowie die erforderlichen Infrastruktureinrichtungen (Arbeits- und Gruppenräume für die Museumpädagogik, Magazine u.ä.) geschaffen werden. Das Lippische Landesmuseum sah sich damit zum ersten Mal in seiner langen Geschichte in der glücklichen Lage, exponatintensive Ausstellungen von regionaler und überregionaler Bedeutung unter Zuhilfenahme zeitgemäßer Präsentationstechnik anzubieten und das Museum damit endgültig in das Bewusstsein traditioneller und neuer Zielgruppen zu rücken.

Hatte er sich bereits als Museumskustos seiner naturwissenschaftlichen Qualifikation gemäß der Sichtung, Neusystematisierung und vor allem Restaurierung der Museumsbestände der Naturkunde-Abteilung gewidmet, so mündete diese intensive Beschäftigung in der völligen Neukonzeptionierung dieser Sammlungen einschließlich des zwingend erforderlichen Umbaues des Naturkunde-Hauses in der ehemaligen Mittelmühle. Hier gelang es im Jahre 2008, ein historisches Gebäude nach den neuesten museumstechnischen Gesichtspunkten um- und auszubauen und eine zukunftsweisende Ausstellungspräsentation unter Einbeziehung multimedialer Sequenzen auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und didaktischer Ansätze zu konzipieren und umzusetzen.

Unter der Leitung Rainer Springhorns und in fruchtbarer Zusammenarbeit mit dem Technischen Immobilienmanagements des Landesverbandes Lippe erfolgte jüngst die völlige Umgestaltung der bis dahin recht konservativ und damit thematisch nur eingeschränkt genutzten Zehntscheune zu einem nach konservatorischen, klimatischen und sicherheitstechnischen Belangen auf dem neuesten Stand befindlichen Ausstellungsgebäude. Der überaus gelungene Umbau mit großzügiger Vertikalerschließung auf drei Ebenen ermöglichte die Aufnahme des anspruchsvollen Segmentes „Mythos“ im Rahmen des kooperativen nationalen Ausstellungsprojektes „2000 Jahre Varusschlacht“, der bisher größten und mit 100.000 Besuchern erfolgreichsten Sonderausstellung des Lippischen Landesmuseums überhaupt. In ihrer flexibel zu nutzenden neuen Gestalt bietet sich die Zehntscheune nunmehr für längerfristige Präsentationen ebenso an wie für episodische Nutzungen unterschiedlicher Formate und Inhalte. Dazu zählen die Ausstellung zur Arminiusrezeption im Gefolge der Mythos-Präsentation sowie die Ausstellung „Sitzkultur und Design“, ein Ergebnis der von Rainer Springhorn mit viel Engagement ins Leben gerufenen Kooperation zwischen dem Lippischen Landesmuseum und der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Den Grundstock zur Sammlung Möbel und Innenarchitektur wurde seit 1987 in enger Zusammenarbeit mit Prof. Felix Nitsch als Vertreter der Hochschule gelegt und sollte in den folgenden Jahrzehnten zahlreichen Studierenden Raum für Objektstudien in den Bereichen Holz- und Möbeltechnik sowie Innenarchitektur und Design bieten. Die Partnerschaft zur Hochschule zeigt in besonderem Maße das Anliegen des scheidenden Direktors, das Museum breit aufzustellen, Innovationen anzugehen und den Kontakt zu den Bildungseinrichtungen der Region zu suchen und auszubauen.

Zahlreiche Ausstellungen und vor allem Sonderausstellungen, die sich einerseits mit Themen der Region befassen, andererseits erheblich darüber hinaus gehen und weithin Interesse, Anerkennung und nachhaltige Wirkung gezeigt haben, sind von Rainer Springhorn initiiert worden oder tragen seine unverwechselbare Handschrift. Hier sind vorrangig zu nennen: die Ausstellungen zum 100. Geburtstag des Künstlers Joachim Utech (1989), zu „Handarbeiten als Dokumente aus dem Leben lippischer Frauen“ (1991), zum 125. Jubiläum der Firma Klingenberg („Von der Zigarrenbanderole bis zur Phototapete“) (1992), die große Eröffnungsschau nach dem Um- und Erweiterungsbau mit dem zukunftsweisenden Titel „Anbruch neuer Zeiten“ (1997) sowie die über die Region hinaus rezipierten Sonderausstellungen „Afrika – Kult und Vision“ (1999), „Ozeanien – Kult und Vision“ (2004) und die bereits gewürdigte Ausstellung „Mythos – 2000 Jahre Varusschlacht“ (2009). Mit besonderer Freude und Genugtuung konnte er mit zahlreichen Gästen am 17. Juni 2010 den 175. Geburtstag des Lippischen Landesmuseums begehen und die zu diesem Anlass erarbeitete Jubiläumsausstellung „175 Jahre in 175 Tagen“ der Öffentlichkeit übergeben. Und gleichsam als Reminiszenz zur eigenen wissenschaftlichen Ausrichtung blieb es ihm vorbehalten, die langjährige und erfolgreiche museale Tätigkeit mit der bis vor wenigen Wochen gezeigten Sonderausstellung „Ursaurier, Riesenskorpione & Co.“ zu beschließen. Zu den hier genannten und zahlreichen weiteren Ausstellungen sind umfangreiche Kataloge erschienen, von denen manche bereits vergriffen sind; die Kataloge dokumentieren dauerhaft die geleistete wissenschaftliche Museumsarbeit im Kontext der Übermittlung und Erhaltung des kulturellen Erbes in ausgesprochen signifikanter Weise.

Aber nicht nur in den Bereichen von Ausstellung, Präsentation und Dokumentation, sondern vor allem auch in der Vermittlung der Museumsbestände und in der gezielten Ansprache der Museumsbesucher ging Rainer Springhorn neue Wege. Er setzte frühzeitig Akzente im Bereich Museumspädagogik und Öffentlichkeitsarbeit. Veranstaltungen wie die „Lange Nacht der Poesie“ oder die erfolgreichen Abendrunden „Bei Kerzenschein und Wein“ erkannte er als Chancen, neue Zielgruppen für das Museum zu erschließen und dauerhaft zu gewinnen. Mit der Gründung der „Lippischen Museumsgesellschaft“ im Herbst 1987 mit heute 320 Mitgliedern ist es ihm gelungen, eine Partnerin zu etablieren, die dem Lippischen Landesmuseum bei Sammlungsankäufen, Restaurierungsmaßnahmen, wissenschaftlichen Projekten und Veranstaltungen tatkräftig zur Seite steht. Der Förderverein hat manches zusätzliche Projekt ermöglicht.

Rainer Springhorn hat sich in zahlreichen wissenschaftlichen und museumsspezifischen Gesellschaften, Vereinen und Verbänden national und international eingebracht. Auch die Region profitierte durch seine aktive Mitarbeit im Naturwissenschaftlichen und Historischen Verein für das
Land Lippe, im Lippischen Heimatbund und in regionalen und kommunalen Gremien. Sein profundes Fachwissen und das Gewicht seiner Stimme haben ihn über die Fachkreise hinaus zum einem wichtigen Partner und Intervenienten in kultur- und gesellschaftspolitischen Fragen werden lassen. Bekannt und geschätzt ist sein ehrenamtliches Engagement in Natur- und Artenschutz. Der Landesverband Lippe, Kolleginnen und Kollegen, Weggefährten und Freunde sowie die Menschen in Detmold und in Lippe kennen und schätzen Rainer Springhorn als integren, geradlinigen und herzlichen Menschen, der es schätzt, offen und uneigennützig aufeinander zuzugehen, der aber auch dann eine Streitkultur pflegen kann, wenn er – bisweilen auch gegen den herrschenden Mainstream – von der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges überzeugt ist. Sein der rheinischen Herkunft geschuldeter feiner Witz und seine verblüffende Schlagfertigkeit haben für über 30 Jahre Farbe in diese Region gebracht, aber nicht nur deshalb wird er uns fehlen!

Die Herausgeber sind allen, die zum Gelingen dieser Festschrift beigetragen haben, zu herzlichem Dank verpflichtet. Dies gilt in erster Linie den Autorinnen und Autoren, dem Landesverband Lippe als Träger des Lippischen Landesmuseums, den Sponsoren und den hilfreichen Damen
und Herren, die für Redaktion, Layout und Drucklegung fachkompetent Sorge getragen haben. [Link zum Inhaltsverzeichnis der Festschrift (pdf).]