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Die Restaurierung von Briefen Ferdinand Freiligraths der Lippischen Landesbibliothek aus der Zeit der 1848er Revolution

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Substanzerhalt. Das Restaurierungsprogramm Bildende Kunst des Landes Nordrhein-Westfalen. Hg. vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 2010. S. 45-47.

Die komplette Broschüre ist hier online: https://services.nordrheinwestfalendirekt.de/broschuerenservice/commons/Download.php?artikel_id=70861&mlid=17

Abb. 1: Ferdinand Freiligrath, Bleistiftzeichnung von C. Hartmann, um 1848
Signatur: FrS B 1

Das Lippische Literaturarchiv, eine Abteilung der Lippischen Landesbibliothek Detmold, widmet sich vorrangig den aus Detmold gebürtigen Dichtern Christian Dietrich Grabbe (1801-1836), Ferdinand Freiligrath (1810-1876) und Georg Weerth (1822-1856), sammelt aber auch literarisch-wissenschaftliche Nachlässe und Autographen aus der Region Ostwestfalen-Lippe. Die Freiligrath-Sammlung, zu der der Lyriker (Abb. 1) im Jahre 1862 selbst durch Schenkung von acht Gedichtmanuskripten den Grundstein legte, umfasst gegenwärtig 61 Gedichtautographen, 402 Briefe von Freiligrath und 110 an ihn sowie Korrespondenzen aus dem Familien- und Freundeskreis, Stammbücher, Akten der Freiligrath-Dotation, Porträts und Ortsansichten sowie nahezu vollständig die gesamte Primär- und Sekundärliteratur einschließlich der Übersetzungen. Die Lippische Landesbibliothek ist heute die einzige Institution, die sich bemüht, möglichst alle noch erreichbaren Originaldokumente und Rezeptionszeugnisse dieses bedeutenden spätromantischen und politischen Lyrikers zu sammeln, zu dokumentieren und für die Forschung bereit zu stellen. In den vergangenen Jahren konnte die Bibliothek diese Sammlung mit Hilfe von Etat- und Sponsoringmitteln durch gezielte Antiquariatskäufe erheblich ergänzen.

Abb. 2: Ferdinand Freiligrath, eigenhändiger Brief an Wilhelm Otterberg in Barmen vor der Restaurierung, dat. Köln, 26.2.1850
Signatur: FrS 546, Bl. 1r

Im März 2006 gelang es, mit Unterstützung durch den Förderverein der Landesbibliothek, beim Auktionshaus Stargardt in Berlin ein stark restaurierungsbedürftiges Konvolut von bis dahin völlig unbekannten Freiligrath-Briefen aus Privatbesitz für die Detmolder Sammlung zu ersteigern. Es handelt sich um acht Briefe an den Barmer Kaufmann Wilhelm Otterberg aus der Zeit 1848-1850 sowie um einen Brief vom 31.5.1849 an Heinrich Zulauff, ebenfalls Kaufmann in Barmen und Elberfeld. In Letzterem berichtet Freiligrath von seiner Flucht nach Amsterdam, von der Ausweisung aus Holland und von seiner Rückkehr nach Köln. Der Brief enthält darüber hinaus die Finanzierung der „Neuen Rheinischen Zeitung“ mittels Bankkredit und Aktien-Anlagen. Überhaupt befassen sich alle Briefe mit Fragen zu Vertrieb und Finanzlage der „Neuen Rheinischen Zeitung“, dem führenden Organ der rheinischen Revolutionäre, als dessen Herausgeber Karl Marx und Friedrich Engels fungierten; Freiligrath war im Oktober 1848 in die Redaktion eingetreten. An der Unterstützung der Zeitung waren auch bürgerliche Liberale beteiligt. Die bisher ungedruckten Briefe sind von besonderem Interesse im Zusammenhang mit dem Problemkreis „Finanzierung von Agitation und Propaganda“ während der 1848er Revolution.

Alle Blätter dieser Provenienz waren aufgrund unsachgemäßer Aufbewahrung in Privatbesitz stark beschädigt (Abb. 2). Die Briefe wurden zu kleinen Päckchen gefaltet und unter unvorteilhaften klimatischen Bedingungen aufbewahrt. Dies hatte zur Folge, dass an den Falzungen und an den Rändern unzählige Risse, Knicke und aufgeplatzte Stellen entstanden. Die Außenränder zeigten sich abgerieben, zerknittert und eingerissen; an mehreren Stellen ist Textverlust eingetreten. Darüber hinaus lagen Verfärbungen aufgrund von Verschmutzung und Wasser vor. Die briefschließenden Siegel waren brüchig und meist nur noch fragmentarisch vorhanden. Da mit zunehmender Instabilität des Papiers gerechnet werden musste, war eine baldige Restaurierung dringend geboten. Mit der Restaurierung wurde das ausgewiesene Atelier für Papier- und Buchrestaurierung in Ratingen mit den beiden Diplom Restauratorinnen Gabriele Emonts-Holley und Katrin Bode beauftragt.

Abb. 3: Ferdinand Freiligrath, eigenhändiger Brief an Wilhelm Otterberg in Barmen, dat. Köln, 26.2.1850, vor der Restaurierung
Signatur: FrS 546, Bl. 2v

Die fachgerechte Konservierung und Restaurierung umfasste im Wesentlichen nachstehende Maßnahmen: Zur Stabilisierung des Papiers und zur Reduzierung der Schmutz- und Wasserflecken erfolgte eine Feuchtbehandlung. Dadurch wurden Säuren und andere Abbauprodukte heraus gespült und die Papierfasern wieder besser verbunden. Eine Nachleimung mit Gelatinelösung diente zur Festigung des dünnen und instabilen Materials. Im feuchten Zustand konnten alle umgeknickten Partien glatt gelegt werden, um die Risse anschließend mit einem hauchdünnen Japanpapier zu hinterkleben. Fehlstellen wurden ebenfalls mit dünnem Japanpapier ergänzt, vor Allem um die Handhabung der Blätter zu erleichtern. Die Trocknung der Briefe erfolgte zwischen Filzmatten. Die weichen Filze verhinderten, dass das Papier unnatürlich geglättet und die Siegel bzw. deren Reste verpresst wurden. Bei sehr starken Rissen und extrem dünnen Stellen im mittigen Bereich und an den gefalzten Stellen sowie an den Fehlstellen wurde das Papier angefasert. Die Autographen wurden nach der Restaurierung plan in säurefreie und alterungsbeständige Kartonagen und in Archivkartons gelegt. Die Unterbringung erfolgt nun im Sondermagazin der Lippischen Landesbibliothek in lichtlosen Schränken unter regelmäßiger Kontrolle der Temperatur und der relativen Luftfeuchtigkeit.

Die dringende bestandserhaltende Maßnahme wurde ermöglicht und finanziert durch das →Restaurierungsprogramm Bildende Kunst des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen (50 %), die →Gesellschaft der Freunde und Förderer der Lippischen Landesbibliothek e. V. (30 %) und Eigenmittel (20 %). Dank der umfassenden Konservierung und Restaurierung durch das qualifizierte Atelier ist die Benutzung der Briefe für Lehre und Forschung sowie für Präsentations- und Ausstellungszwecke in Zukunft gesichert. Die Publikation der bisher nicht edierten Quellen in einer einschlägigen Fachzeitschrift ist zeitnah vorgesehen.