Sie befinden sich hier: Startseite » 


Vollständiger Überblick über Freiligraths Briefe
Die Datenbank „Ferdinand Freiligrath Briefrepertorium“ der Landesbibliothek

von Claudia Schneider und Joachim Eberhardt

Druckfassung in: Heimatland Lippe 103 (2010) 9/10, 282-283.

Abbildung der ersten Seite von Freiligraths Brief an Otto Preuß
Freiligraths Brief vom 30. Juli 1862, in dem er Preuß' Anfrage bestätigt: "Lieber alter Freund! Habe herzlichen Dank für die ehrenvolle Auszeichnung, deren du mich würdigen willst! Was könnte mir angenehmer u. willkommener sein"!
Signatur FrS 71

Ferdinand Freiligrath wurde vor 200 Jahren, am 17.6.1810, in Detmold geboren. Zu seiner Zeit war er ein lyrischer Bestsellerautor, der jedoch heute als Lyriker erst wieder zu entdecken ist. Will man mehr über sein Leben und sein Werk wissen, bietet es sich an, in seinem umfangreichen Nachlass zu
stöbern. Während der Hauptteil des Nachlasses in Weimar im Goethe- und Schillerarchiv liegt, fand auch ein Teil seinen Weg nach Detmold.Knapp 400 Briefe und weitere Dokumente zählen zum Bestand der Lippischen Landesbibliothek.

Das Besondere der Detmolder Sammlung ist, dass Freiligrath persönlich den Grundstock dafür legte. Schon zu Schulzeiten arbeitete er als Hilfskraft in der Bibliothek. 1862 folgte er einer Bitte des Bibliotheksleiters Otto Preuß und übersandte einige frühe Gedichtmanuskripte als Einblick in seine Dichterwerkstatt.

Über die Jahre wurde der Autographenbestand der Freiligrath-Sammlung durch Schenkungen und Ankäufe ausgebaut. Heute zählen dazu 60 Gedichthandschriften, 397 Briefe Freiligraths an andere und 110 Briefe an ihn. Dies ist allerdings nur ein kleiner Bestandteil des gesamten Briefwerks. Geschätzt wird, dass Freiligrath mehr als 6.000 Briefe schrieb. Veröffentlicht sind davon bisher nur ein kleiner Teil, vor allem in der Briefbiographie Buchners. Von 1998 bis 2000 machte sich der Literaturwissenschaftler Volker Giel daran, mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft die bis zu diesem Zeitpunkt bekannten Briefe in einer Webdatenbank zu erfassen und zu beschreiben. Das Ergebnis ist das Ferdinand-Freiligrath-Briefrepertorium, frei im Web zugänglich unter www.ferdinandfreiligrath.de.

Screenshot
Trefferanzeige des Briefrepertoriums
www.ferdinandfreiligrath.de

Die Datenbank sollte die Vorarbeit sein zu einer kritischen Edition der Briefe (auf die die Öffentlichkeit jedoch weiterhin warten muss.) Allerdings hatte Giel nicht die Mittel, nach Auslaufen der Förderung die Datenbank weiter zu betreuen, so dass ihr das Schicksal drohte, welches schon so manches schöne Projekt ereilt hat: nämlich schlicht auf dem einmal erreichten Stand stehenzubleiben und irgendwann wieder aus dem Web zu
verschwinden.

Damit dies nicht geschieht, erwarb die Lippische Landesbibliothek 2008 die Rechte an der Datenbank zusammen mit der Domain. Inzwischen konnte der Datenbestand auf den aktuellen Stand gebracht werden. Seit 2000 sind etwa 70 Briefe neu bekannt geworden oder haben den Besitzer gewechselt; auch alle Abdrucke in Büchern und Zeitschriften sind nun nachgetragen.

Das Briefrepertorium erfasst somit alle bekannten Briefe Freiligraths und einige weitere Lebensdokumente. Es bietet Suchmöglichkeiten zu Zeit, Ort und Empfänger sowie zur Aufbewahrung des Originals. Neben detaillierten Informationen zum Umfang eines Briefs, zum Papier, zum Erhaltungszustand etc. wurde auch jeweils eine Inhaltsangabe (ein „Regest“) mit aufgenommen. Das Repertorium erlaubt damit dem Stöbernden einen einmaligen Blick auf die Lebenslinien des Dichters, von den frühen Höhenflügen des ersten Gedichtbandes Gedichte, der 1838 bei Cotta erschien und bis zum Ende des Jahrhunderts über 50 Auflagen erlebte, über sein politisch-publizistisches Engagement der 40er Jahre, die Freundschaften mit Marx und Engels und das Londoner Exil, bis zur triumphalen Rückkehr nach Deutschland 1868 und dem Lebensabend in Cannstatt. Die Briefe schildern die persönlichen Umstände und Nöte und erzählen von den Freuden des Vaterseins, aber auch von den finanziellen Engpässen und Verbundenheiten. Der Leser gewinnt Einblick in den sich rasch verändernden Literaturmarkt des 19. Jahrhunderts und wie sich die wandelnden Produktionsbedingungen für den Schriftsteller darstellten: faszinierende Lektüren.

Das Ferdinand-Freiligrath-Briefrepertorium der Lippischen Landesbibliothek fasst virtuell das auf über 60 Standorte verstreute Briefkorpus zusammen und bildet damit ein einzigartiges, zum 200. Geburtstag des Dichters wieder aktuelles Hilfsmittel der biographischen und literaturwissenschaftlichen Forschung.

Zu den Autoren

Claudia Schneider studiert Literaturwissenschaft in Paderborn und hat im Rahmen eines Praktikums an der Lippischen Landesbibliothek das Briefrepertorium aktualisiert.

Dr. Joachim Eberhardt ist Leiter des Lippischen Literaturarchivs in der Lippischen Landesbibliothek Detmold.