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„Schloß Bracke“ – Kupferstich der Gebrüder van Lennep 1663/65

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 103 (2010), 8, 244-245.

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Schloss Brake, Kupferstich von Elias u. Heinrich van Lennep, 1663/65
LLB Detmold, 10 B 3

Das Schloss Brake vor den Toren der Stadt Lemgo zählt zu den eindrucksvollen Schlössern im Stil der Weserrenaissance und damit zugleich zu den herausragenden Architekturzeugnissen in Lippe. Selbst wenn sich noch manches Detail der Deutung entzieht, gilt die Baugeschichte des Schlosses mittlerweile als zufriedenstellend erforscht. Das liegt nicht allein an der guten archivalischen Überlieferung, sondern auch an der vergleichsweise günstigen bildlichen Dokumentation des Schlossareals vom Kupferstich des beginnenden 17. Jahrhunderts, über Zeichnungen und Lithographien des 18. und 19. Jahrhunderts bis hin zu Photographien aus jüngerer Vergangenheit. Ein Kupferstich der Gebrüder van Lennep von 1663/65 in den Maßen 22,5 x 16,5 cm bedeutet die zweitälteste bildliche Darstellung des Schlosses, das um 1600 nicht nur ein bemerkenswertes geistiges und kulturelles Leben beherbergte, sondern von dem aus über nahezu drei Jahrzehnte ein diplomatisches Netzwerk europäische Dimensionen gewann.

In den Jahren 1663 bis 1665 beauftragte Graf Hermann Adolph zur Lippe (1616-1666) die aus Borkeloh (Prov. Gelderland) in den Niederlanden stammenden Brüder Elias († 1692) und Heinrich van Lennep († 1720), Kupferstecher und Ingenieure, 27 Veduten der Grafschaft Lippe und neun Grafenporträts zu zeichnen und zu stechen. Wie zu vermuten ist, sollten diese als Illustrationen für eine konzipierte Landesbeschreibung dienen. Allerdings ist ein zugehöriges Manuskript für ein solches Werk bisher nicht bekannt und wohl auch nie verfasst worden, und man muss davon ausgehen, dass der frühe Tod des Auftraggebers die Vollendung einer „descriptio comitatus Lippiae“  verhindert hat.

Zur Ausführung gelangten Veduten der 12 lippischen Städte und Flecken, zweier Klöster sowie der 13 gräflichen Burgen und Schlösser. Zu letzteren zählt auch der besonders dekorative Stich des Schlosses Brake bei Lemgo, das Graf Simon VI. zur Lippe († 1613) seit 1584 auf dem Grund der mittelalterlichen Burg im Stil der Weserrenaissance ausbauen ließ und in das er wenig später seine Residenz von Detmold aus verlegt hat. Von 1614 bis 1709 diente das Schloss der Nebenlinie zur Lippe-Brake als ständiger Wohnsitz.

Der Stich zeigt eine Profilansicht des Schlosses von Norden, rechts liegen an den Umfluten des Flüsschens Bega drei Wassermühlen (Mahl- oder Schlossmühle, Ölmühle und Sägemühle), auf die ein baumbestandener Weg zuführt. Dahinter erkennt man auf dem Gelände der früheren Vorburg das mächtige, lang gestreckte Marstallgebäude, ferner die Schlossscheune und den Schafstall sowie die übrigen Wirtschaftsgebäude der herrschaftlichen Domäne; inmitten des Hofes erhebt sich ein Taubenturm. Die Verbindung zum Schloss bildet die Schlossbrücke. Ferner dokumentiert die Ansicht das Pforthaus, das mit einem äußeren Laufgang versehen ist, sowie den Westflügel des Schlosses. Beide markante Bauteile wurden 1811 abgerissen; nur noch Ansätze im Mauerverbund erinnern heute an diesen westlichen Abschluss einer einst großzügigen Vierflügelanlage. Den prächtigen Nordflügel betonen fünf Risalite mit Giebelabschlüssen in der Form der für die Renaissance im Weserraum stilbildenden Zwerchhäuser. Vom Untergeschoss führt ein Durchgang zum Garten, wo das Gärtnerhaus mit Treppengiebel und Gauben sowie ein weiteres Haus nicht näher bestimmbarer Funktion auszumachen sind. Der siebengeschossige Turm zeigt unterhalb der dreifach gegliederten Turmhaube den umlaufenden Gang, den der gelehrte gräfliche Erbauer zu astronomischen Beobachtungen genutzt hat. Zum Vorbild für diesen in der Weserrenaissance wohl einzigartigen Schlossturm mit Umgang dienten Simon VI. augenscheinlich die beiden Sternwarten-Altane des - 1811 abgebrannten - Landgrafenschlosses Wilhelms IV. von Hessen († 1592) in Kassel. Italienische Vorbilder oder Verbindungen zur Pfalz in Aachen, wie geäußert wurde, sind eher nicht anzunehmen.

Die ländliche Staffage bilden im Vordergrund ein Hirte mit Kühen und Ziegen auf der Weide, ein Mann mit beladenem Esel hinter einem Gatter, eine einzelne Person auf dem Weg und vorn rechts ein höfisches Paar mit Pagen, alle in barocker Garderobe. Vögel umfliegen den Schlossbezirk, darunter Reiher, die die adlige Jagd symbolisieren. Im Süden erstrecken sich die bewaldeten Rücken des Biesterberges und des Wiembecker Berges sowie weiter entfernter Höhenzüge.

Die Lippische Landesbibliothek und das Landesarchiv NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe, verfügen in ihren Sammlungen über Abzüge dieses seltenen Kupferstichs, der in besonderer Weise ein repräsentatives Ensemble landesherrlicher Architektur aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts dokumentiert.

Literatur

  1. D. Hellfaier, Geistiges und kulturelles Leben am Hofe Simons VI. zur Lippe, 2. Aufl., 1989.
  2. Renaissance im Weserraum, hg. von G. U. Grossmann, Bd. 1, 1989.
  3. B. Rinke, J. Kleinmanns, Elias und Heinrich van Lennep, 2001.
  4. Lippe, Westfalia picta, Bd. 10, hg. von M. Schmitt, P. Schuchert, 2007.