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Über Ernst Bandel

Vortrag, gehalten bei der Feierstunde zur Schenkung von Jacob Wedels Bandel-Plastik an den Landesverband Lippe am 3.8.2010

von Joachim Eberhardt

Wenn ich auf Bandels Leben blicke, drängt sich mir unwillkürlich der Vergleich mit Sisyphos auf. Der Sisyphos-Mythos ist, für die alten Griechen, der Inbegriff der Vergeblichkeit: Sisyphos muss einen schweren Stein einen Berghang hinaufwälzen, und wenn es so aussieht, als habe er es geschafft, rollt der Stein wieder herunter, Sisyphos muss von vorn anfangen.

Bandel muss zwar nicht von vorn anfangen, aber wenn man sich sein Leben vor Augen hält, dann wirkt es, als habe er es ausschließlich damit verbracht, den schweren Stein Hermannsdenkmal zum Gipfel zu wälzen.

Bandel wurde im Jahr 1800 geboren. Schon in den 1820er Jahren, also zu Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit überhaupt, hat er sich mit der Idee eines Hermannsdenkmals beschäftigt. 1838 wird der Grundstein des Fundaments auf der Grotenburg gelegt. Erst am 16. August 1875 – also fast vierzig Jahre später – kann die Einweihung gefeiert werden. Und im Jahr darauf stirbt Bandel, ohne etwas Neues begonnen zu haben.

Hinzu kommt, dass Bandel auf diesem Weg zur Vollendung des Denkmals große persönliche Opfer zu bringen hatte: sein ganzes Vermögen steckt in dem Bau; entsprechend entbehrungsreich musste er zwischendurch leben. Und brachte ihm sein großer persönlicher Einsatz Anerkennung? Schaut man auf den Detmolder Förderverein, der eigentlich den Plan des Hermannsdenkmals, wie sein Name sagt, „fördern“ sollte, so musste Bandel zwischendurch oft erleben, dass man ihm dort Steine in den Weg legte; ja zwischendurch sogar versuchte, ihn auszubooten; ihm die künstlerische Leitung seines Projekts zu nehmen.

Vielleicht verstehen Sie nun, warum Bandel auf mich wie Sisyphos wirkt, der hartnäckig und unbeirrt seinen Stein den Berg hinaufrollt.

Die Ausgangsfrage

Albert Camus endet seinen berühmten Essay über den Mythos von Sisyphos mit der überraschenden Feststellung, man müsse sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Gilt dies auch für Bandel? Müssen wir uns diesen Joseph Ernst von Bandel als einen glücklichen Menschen vorstellen? Das ist die Frage, der ich im folgenden nachgehen möchte, und zwar will ich dies anhand von drei Lebensbereichen tun.

Der erste ist sein persönliches Umfeld: die Familie. Sie wissen selbst, dass das unmittelbare Miteinander mit uns lieben – oder eben weniger lieben – Menschen ein grundlegender Faktor unseres Wohlbefindens ist.
Der zweite ist Bandels Kunstwollen, denn man wird einen Künstler daran messen müssen, welche Ziele er sich setzt und was er erreicht.
Der dritte schließlich ist sein Tun, denn die eine Frage ist, was einer will; die andere, welchen Weg er dahin gehen muss oder kann.

Zur Familie

Hier konnte sich Bandel zeitlebens glücklich schätzen. Er wurde 1800 in Ansbach als zweiter Sohn einer ansbachischen Hofbedienstetentochter und eines preußischen Juristen geboren. Zu diesen Begriffen – Preußen, Jurist – assoziiere ich selbst Ideen wie „Disziplin“ und „Strenge“, aber die Eltern  verhielten sich nicht so; sie ließen ihrem Jungen viel Freiraum. In seinen Erinnerungen schreibt Bandel, dass er als 9jähriger kaum Lesen und Schreiben konnte, aber in der ganzen Stadt Ansbach die praktischen Tätigkeiten aller Gewerbetreibenden kannte und auszuführen wusste. Während der ältere Bruder Karl, seinen Neigungen entsprechend, die schulische Ausbildung eines späteren Verwaltungsbeamten bekam, durfte Ernst nach dem Gymnasium in Nürnberg eine „höhere Realschule“ besuchen. Diesen Begriff, „Realschule“, verstehen Sie bitte wie „Realgymnasium“, das heißt, es handelte sich um eine Schule, in der es um die Realien geht, die wirklichen Dinge; im Unterschied etwa zu einem altsprachlichen Gymnasium. Gelehrt wurden unter anderem Mathematik, Botanik, Astronomie, aber auch Italienisch und Zeichnen.

1816 erlaubten ihm seine Eltern in München den Besuch der Akademie der Bildenden Künste, obwohl er ursprünglich auf die Forstakademie hatte gehen wollen.

Aus Bandels weiterem Leben ist dann seine spätere Frau, Karoline von Kohlhagen, nicht wegzudenken. Er lernte sie 1822 in Nürnberg kennen, und das Paar durfte sich 1825 verloben, obwohl Karolines Vater sich schwer tat, einen Künstler als Schwiegersohn zu akzeptieren. 1827 konnte geheiratet werden. Die Ehe kann man nur harmonisch nennen, und das ist großenteils ein Verdienst Karolines, die dem mitunter aufbrausenden Temperament ihres Künstlerehemannes besänftigend entgegenkam. Sie trug auch seine Entscheidungen mit, selbst dort, wo sie gravierenden Einfluss auf die Familie hatten (denken Sie nur daran, was ich eben über Bandels Vermögen sagte). Zwischen 1829 und 1840 wurden dem Paar 7 Kinder geboren: 5 Söhne, zwei Töchter. An ihrem Lebensweg nahm er mit Liebe und Stolz anteil, und freute sich an ihren Erfolgen, wie aus seinen Briefen an Freunde bewegend deutlich wird. Zusammengefasst: Seine Familie dürfte für Bandel ein steter Kraftquell gewesen sein.

Zur Kunst

Ich komme zu meinem zweiten Punkt: Wie steht es nun um die Kunst?
Wofür ist Bandel heute noch bekannt, abgesehen vom Detmolder Hermannsdenkmal? In Nürnberg vollendete er 1822/23 den „Schönen Brunnen“ mit einigen Statuen, haben Sie das gewusst? Wussten Sie, dass er (1827) eine Büste des „Letzten Ritters“ Franz von Sickingen für die Regensburger Walhalla schuf? Wussten Sie, dass der Giebelfries der Aula der Göttinger Universität und das Wilhelmsdenkmal auf dem Platz davor von Bandel ist? Lipper kennen womöglich Bandels Thusnelda, die er während einer Italienreise 1838/39 als Modell schuf und dann für Leopold II. zur Lippe in Marmor ausführte. Das sind sicher alles bedeutsame Werke – aber würden wir uns ihretwegen an Bandel erinnern?

Ab den 1850er Jahren sind überhaupt keine großen Werke mehr zu nennen. Stattdessen ist die Liste derjenigen Werke, um deren Ausführung Bandel sich vergeblich bemühte, recht eindrucksvoll,
- das bei einem Brand 1842 zerstörte Hamburger Rathaus,
- das Portal der Marktkirche in Hannover
- die Votivkirche in Wien
- die Fassade des Florentiner Doms
- der Umbau des Fürstlichen Palais in Detmold.
Es gelang ihm ebenfalls nicht, an der Akademie der Bildenden Künste in München einen Lehrauftrag zu bekommen.

Ist Bandel also eigentlich ein gescheiterter Künstler? – Nein, das wird man so nicht sagen können. Das Leitmotiv von Bandels künstlerischer Arbeit ist vielmehr sein Beharren darauf, keine Kompromisse einzugehen. Dies fällt schon zu Beginn seiner künstlerischen Karriere auf, etwa wenn er in München in den 1820er Jahren darauf verzichtet, Aufträge Ludwigs I. anzunehmen, weil er nach Plänen eines andern hätte arbeiten sollen. Oder, mit einer berühmten Anekdote, wenn er seiner ersten Version der Sickingen-Büste die Nase abschlägt, als bemängelt wird, da sei ein dunkler Fleck am Hals der Figur. (Er schuf dann in Rekordzeit eine neue Büste und nutzte den verschandelten Stein für eine andere Arbeit.)

Diese Anekdote ist übrigens von Bandel selbst überliefert. Und so ist seine Kompromisslosigkeit und Ehrlichkeit in künstlerischen Dingen zwar einerseits ganz gut dokumentiert, es liegt aber auf der Hand, andererseits, dass Bandel dieses Bild von sich gern pflegt; dass er sich selbst auch so sehen möchte. Ob er ein erfolgreicherer Künstler geworden wäre, wenn er sich auf künstlerische Kompromisse eingelassen hätte, kann man nur mutmaßen; ich glaube es nicht. Stattdessen blieb er sich treu, und er konnte dies, weil er bereit war, alles Übrige seiner Kunst unterzuordnen. Wenn Sie die Bandelhütte kennen, wissen Sie: er brauchte keinen Luxus.

Zusammengefasst: Bandel „leistete“ es sich, keine Kompromisse einzugehen. Das ist der künstlerische Luxus, den er sich gönnte (und den seine Familie mittrug). Auch das Hermannsdenkmal konnte er so vollenden. Ein Lebenswerk in solcher Selbstbestimmung zu schaffen, darum wird ihn manch anderer Künstler beneiden.

Zum Tun

Ich komme zum dritten und letzten Punkt: Bandels Tun. Wie steht es damit?

Es sagt sich so leicht, Bandel habe das Hermannsdenkmal „erbaut“. Was bedeutet das? Schlagen Sie ein Lexikon auf, dann lesen Sie dort, Bandel sei Architekt und Bildhauer gewesen. (Die Architektur hatte er, wie die Bildhauerei, in der Münchener Akademie der Bildenden Künste gelernt.) In seinen Erinnerungen erwähnt Bandel auch, in Öl gemalt zu haben; die Landesbibliothek besitzt eine Reihe von Zeichnungen aus seiner Hand. Ist er also ein Universalkünstler, wie Michelangelo oder Raphael, in jeder Disziplin zu Hause?

Ich möchte sagen: Sogar mehr als das. Halten Sie sich nur vor Augen, dass Bandel die Innenkonstruktion der Hermannfigur geplant hat – eine Ingenieursleistung. Er hat den Bau des Sockels geplant und beaufsichtigt. Und, was ich eines der eindrucksvollsten Zeugnisse seiner Hartnäckigkeit ansehe: als Bandel fand, er könne mit den beauftragten Schmiedearbeiten nicht zufrieden sein, hat er das Kupferschmieden gelernt, um die Arbeiten selbst ausführen zu können; so zeigt ihn auch Herrn Wedels Porträt hier, auf dem Bandel mit dem Schmiedehammer an der Schwerthand Hermanns arbeitet.

Bandel war praktisch an jedem Aspekt des Denkmalbaus beteiligt, und hat bei vielem selbst Hand angelegt. Kein Wunder, dass der Bau und die Arbeit daran so viel Lebenszeit verschlungen hat. Aber auch dies will ich positiv verstanden wissen: nämlich so, dass das Hermannsdenkmal in einem Maße Bandels Werk ist, das sich heute, in der Zeit der Arbeitsteilung und Spezialisierung, kaum mehr ermessen lässt.

Schlussbemerkung

Ich fasse meine drei Punkte zusammen:
– Bandel entschied sich selbst für ein Leben im Dienst der Idee Hermannsdenkmal.
– Er hatte eine Familie, die ihn dabei unterstützte.
– Er leistete es sich, keine künstlerischen Kompromisse einzugehen.
– Und er war selbst fähig, alle Aspekte des gewaltigen Vorhabens zu durchdringen und zu bestimmen.

Müssen wir uns also diesen Ernst von Bandel als einen glücklichen Menschen vorstellen?

Ich meine: Ja. Gerade  darum kann er auch heute noch für einen Künstler eine Inspiration sein.