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„Bitterster Hohn“ über den König. Zum Prozess gegen Freiligrath 1848

von Detlev Hellfaier

Gedruckt in: Heimatland Lippe 103 (2010) 4 (Juli), 202-204.

Bleistiftporträt von Freiligrath
Ferdinand Freiligrath, zeitgenössische Bleistiftzeichung von C. Hartmann, um 1848
Signatur: FrS B 1


„Du wirst in den Zeitungen gelesen haben, daß Freiligrath in Düsseldorf wegen eines sehr unpolitischen Gedichts verhaftet ist (…) Es spricht den bittersten Hohn über den König aus“, schreibt der Direktor der lippischen Justizkanzlei Friedrich Ernst Ballhorn-Rosen am 15. September 1848 an seinen Sohn Georg, Dolmetscher am Konsulat in Konstantinopel, und er fährt fort, „Mutter und Elise waren empört darüber, als sie ein paar Strophen daraus (…) in den ‚Vaterländischen’ fanden. Sie machten mich aufmerksam darauf und ich durchblickte die Stelle noch des Abends vor Schlafengehen. Ich ärgerte mich dergestalt, daß ich bis 3 Uhr Nachts nicht einschlafen konnte.“ Bei den Versen, die dem Kanzler in Detmold den Schlaf raubten, handelte es sich um das Oratorium „Die Todten an die Lebenden“, das Freiligrath im Juli des Jahres in Düsseldorf verfasst hatte. Darin lässt er die gefallenen Berliner Barrikadenkämpfer auferstehen, um die Lebenden zu mahnen, die erst halbfertige Revolution zu vollenden und dem Volk die uneingeschränkte Souveränität zu erkämpfen. Mit deutlichen Worten brandmarkt er den zurückgekehrten Prinzen Wilhelm, den späteren Kaiser, der den Befehl gegeben hatte, auf die Barrikadenkämpfer scharf zu schießen; das hatte diesem bekanntlich das Schimpfwort vom „Kartätschenprinzen“ eingetragen.

Im Fürstentum Lippe war die Revolutionshymne u.a. durch den Abdruck in der „Wage“ (Nr. 50 vom 13.9.), dem seit März 1848 in Lemgo zweimal wöchentlich erscheinenden publizistischen Organ der demokratischen Bewegung, bekannt geworden. Die bürgerlich-liberal ausgerichteten „Vaterländischen Blätter“, Nachfolger des „Lippischen Magazins für vaterländische Cultur und Gemeinwohl“, kamen nicht umhin und hatten ihrerseits zwei Strophen des Gedichts veröffentlicht (No. 46 vom 13.9., Sp. 252f.) und diese mit der zurückhaltenden Bemerkung kommentiert: „Auf eine ruhige, besonnene Besprechung dieser Verse hat Freiligrath sicher nicht gerechnet, wenigstes würde er seine Rechnung dabei nicht finden – auch wir wollen ihn mit Kritik verschonen“. Die „Vaterländischen“ wurden gewiss im Hause Ballhorn-Rosen gehalten, und es überrascht keineswegs, dass sie den Hausvater in Wallung brachten. Friedrich Ernst Ballhorn-Rosen war politisch konservativ ausgerichtet, der 48er Bewegung stand er ablehnend gegenüber; deren führende Köpfe bedachte er ebenso mit  vernichtendem Urteil wie die unteren Schichten des Volkes: die verstünden ohnehin nichts von bürgerlichen Freiheiten und hätten ihre politische Unfreiheit vorrangig der Faulheit, Völlerei und Kneipengängerei zu verdanken. Allerdings brachte er der „natürlichen Passion“ der Jugend zum Republikanismus ein gewisses Verständnis entgegen, hielt diese aber für eine vorübergehende Erscheinung. Und bei aller Sympathie für die Reaktion erwartete der gebildete Kopf von den Fürsten maßvolles und weitsichtiges politisches Handeln, das den „Constitutionalismus“ nicht unterdrückt.

Zurück zum Urheber des ganzen Ärgers. Ferdinand Freiligrath, dessen Geburtstag sich am 17. Juni 2010 zum 200. Male jährt, war im Mai 1848 aus seinem ersten Exil  in London zurückgekehrt. Im Zuge der Veröffentlichung seiner Sammlung politischer Zeitgedichte unter dem Titel „Ein Glaubensbekenntniß“ hatte er Deutschland im August 1844 verlassen, da er polizeiliche Verfolgung und Inhaftierung befürchten musste. Über Stationen in Belgien und in der Schweiz gelangte er 1846 nach London; als gelernter Kaufmann konnte er als Fremdsprachenkorrespondent Anstellung finden. Die sog. „Märzerrungenschaften“, wie Amnestie, Versammlungs- und Pressfreiheit, veranlassten ihn zur Rückkehr nach Düsseldorf; dort waren Freunde aus seiner Barmer Zeit tätig. Kaum angekommen, trat er dem republikanischen Volksklub bei. Nach glaubwürdiger Überlieferung soll die Entstehung des Gedichts „Die Todten an die Lebenden“ als Strafarbeit für fortgesetzte Unaufmerksamkeit in den Sitzungen entstanden sein; Einkünfte aus der Publikation sollten in die Klubkasse fließen. Freiligrath trug seine Verse am 1. August 1848 im Volksklub vor und erntete tosenden Beifall. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich der Inhalt der Hymne, und eine schnell in Druck gegebene Flugschrift in hoher Auflage steigerte umgehend den Bekanntheitsgrad. Schon wenige Tage später leitete die Staatsanwaltschaft erste Ermittlungen ein, doch ließ der Generalprokurator in Köln erst nach einiger Verzögerung Anklage erheben „wegen Aufreizung zu hochverrätherischen Unternehmungen durch das Gedicht: Die Todten an die Lebenden“ und den populären Dichter festsetzen. Der Fall wurde an den Assisenhof in Düsseldorf überwiesen, ein Schwurgericht, das Preußen aus der Zeit der französischen Besetzung des Rheinlandes beibehalten hatte; dort wurde der Prozess am 3. Oktober eröffnet.

Titelblatt des gedruckten Prozessberichts
J. K .H., Erster politischer Prozeß ..., Düsseldorf 1848.
Signatur: KA 500 Nr. 18


Über die Gerichtsverhandlung und ihre Begleiterscheinungen informieren minutiös zwei stenographische Berichte, die von Augenzeugen aufgezeichnet und unmittelbar nach Prozessende publiziert worden waren. Danach waren der Prozess und sein Umfeld bemerkenswert. Bürgergardisten säumten die Straßen, um einerseits Unruhen zu vermeiden, andererseits Polizei und Militär gar nicht erst zum Zuge kommen zu lassen, „gedrängte Massen“ bekundeten Interesse und Betroffenheit. Freiligrath selbst brauchte nicht auf der Anklagebank zu sitzen, sondern nahm zwischen seinen beiden Verteidigern Platz. Als Assisen-Präsident leitete Appellations-Gerichtsrat Karl Anton Broicher aus Köln den Prozess, Staatsprokurator von Ammon vertrat die Anklage, die Anwälte Eduard Meyer aus Köln und G. V. Weiler aus Düsseldorf standen dem Angeklagten zur Seite. Die Genannten, die Zeugen und letzthin die 12 Geschworenen hatten über ein politisches Gedicht zu befinden; das war nicht an der Tagesordnung. Freiligrath selbst gelangte in die ungewöhnliche Situation, sein eigenes Werk interpretieren zu müssen. Er tat dies von der rein fiktionalen Seite her, indem er besonders die ihm zur Last gelegten Verse „O Volk, und immer Friede nur in deines Schurzfells Falten? / Sag’ an, birgt es nicht auch den Krieg? Den Krieg herausgeschüttelt! / Den zweiten Krieg, den letzten Krieg mit allem, was dich büttelt!“ als reines Bild verstanden wissen wollte; nicht der wirkliche Krieg, sondern nur der moralische Kampf sei gemeint. Und auch die drastischen Ausgangsverse riefen mitnichten zum Umsturz auf, sondern seien auf die Zukunft gerichtet: „So lange wartet, habe ich sagen wollen, bis die Stunde schlägt, bis die historische Nothwendigkeit ein Freiwerden herbeiführt.“ Schon eingangs seiner Vernehmung hatte er ausgeführt, dass das Gedicht „nur ein Schrei des Unwillens gegen die Reaktion“ sei, aber zugleich eingeräumt, dass ihm bisweilen „beim Niederschreiben desselben der Pegasus durchgegangen“ sein mochte. Auch die Vernehmung der Zeugen ergab nichts, was sich gegen Freiligrath verwenden ließ. Unisono sagten sie aus, dass man ihn zum Vortragen aufgefordert und das Gedicht allen gefallen habe, es ein „schönes Gedicht“ sei, ein „großes Geistesproduct“, das die Wahrheiten enthielte, die man auch täglich in den  Zeitungen lesen könne; weder seien die Anwesenden im Volksklub dadurch aufgereizt, geschweige denn bewogen worden, gewalttätig zu werden.

Angesichts der allgemeinen Stimmung für den Angeklagten bedeutete es für Staatsprokurator von Ammon zweifellos ein schwieriges Unterfangen, ein überzeugendes Anklageplädoyer aufzubauen. Indem er an die Würde des Geschworenengerichts appellierte, das Recht der freien Meinungsäußerung des Einzelnen außer Frage stellte und bestätigte, dass erst die Umsetzung der Meinung in die Tat mit gewaltsamen Mitteln unter Strafe zu stellen sei, bemühte er sich, Affekte und Emotionen nach Möglichkeit zu vermeiden. Um den vorliegenden Fall in den Griff zu bekommen, war ein argumentativer Spagat nötig: politische Meinungsäußerung und strafbare Gewalt bilden gemeinsam das politische Verbrechen, daraus wird abgeleitet, dass „diese Gewalt ein äußere sein kann oder auch eine geistige, durch Einwirkung auf die Willensbestimmung Anderer.“ Mithin sei auch die direkte Anreizung zu einem politischen Verbrechen strafbar, selbst wenn dieses gar nicht zur Ausführung gelange. Und genau diesen Sachverhalt erkannte die Anklage in den Versen Freiligraths. Aus dem Aufruf zum Umsturz der bestehenden Ordnung entwickelte von Ammon das Szenario des Bürgerkriegs, zu dem der Unruhestifter Freiligrath die Brandfackel geworfen habe. Dass gerade ein Poet und damit ein „Lehrer des Volkes“ sich dazu habe hinreißen lassen, sei hochgradig verwerflich. Damit ignorierte der Ankläger völlig das Allegorische der Dichtung und wertete den Text eher als agitatorische Rede.
Im Gegensatz zur betonten Sachlichkeit des Staatsprokurators war den beiden Verteidigern in ihren Plädoyers gerade an Affekt und emotionaler Wirkung gelegen. Freiligrath wurde als untadeliger Familienvater charakterisiert und die lyrische Dichtung mit ihren Allegorien, Metaphern und sonstigen Stilmitteln in den Vordergrund gerückt. Dabei rügte man, dass die Anklagepunkte auf einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen Versen fußten, statt das dichterische Gesamtkunstwerk zu würdigen. Und als geschicktes Ablenkungsmanöver deklamierte der Advokat Meyer publikumswirksam die Ode – unter kaum bemerkter Weglassung einiger Passagen, die besonders den König desavouierten. Den Verteidigern gelang es zweifellos, das Gedicht zu entpolitisieren und seinen poetischen Wert in den Vordergrund zu rücken. Mit zum Teil hanebüchenen Haarspaltereien wurden die brisanten Abschnitte der Revolutionshymne „Die Todten an die Lebenden“ verharmlost und ihrer politischen Aussage entkleidet. Die Verteidiger versäumten darüber hinaus nicht, auf aktuelle, zu Waffengewalt aufrufende Zeitungsartikel hinzuweisen, deren Redakteure nicht gerichtlich verfolgt würden, und namentlich der Advokat Weiler bewies seine Literaturkenntnis, indem er feststellte, dass auch Klopstock und Schiller trotz „oft keineswegs undeutlicher Ausfälle auf Personen und Zustände“ zu ihrer Zeit unbehelligt geblieben seien.

Der Scherenschnitt zeigt Freiligrath nach dem Freispruch im Triumph mit Soldaten und Menge auf der Straße
Freispruch Freiligraths in Düsseldorf, Scherenschnitt von W. Müller, 1848
Signatur: FrS B 30,3


Die Geschworenen benötigten nur eine Viertelstunde, um zu dem einstimmigen Votum eines „Nicht schuldig!“ zu gelangen. Lautstarker Jubel hatte Freiligrath, der zur Urteilsverkündung wieder in den Gerichtssaal geführt wurde, den Ausgang des Prozesses bereits wissen lassen. Die Bürgerwehr geleitete ihn nach draußen, wo ihn eine unübersehbare Menschenmenge mit Begeisterungsrufen empfing. Der Weg zu seiner Wohnung glich einem Triumphzug: Aus den Fenstern und von Balkonen wurden ihm von Damen Blumen zugeworfen, an die 15.000 Menschen sollen auf den Beinen gewesen sein. Auch in Detmold verfolgte man die Ereignisse um Freiligrath. Hatte der eingangs zitierte Kanzler Ballhorn-Rosen dessen Arretierung noch mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis genommen, so stieß der Freispruch auf Unverständnis. Peinlich berührt war der fürstliche Beamte zudem, dass sich der Dichter von der Düsseldorfer Damenwelt mit Blumen bekränzen ließ, und über den Ausgang des Prozesses hatte er seine eigene, gewiss nicht abwegige Meinung: „So urtheilen Geschworene, die sich dem Hasse ihrer Mitbürger ausgesetzt haben würden, wenn sie das ‚schuldig!’ ausgesprochen hätten!“, schrieb er am 25. Oktober 1848 an seinen Sohn.

Freiligrath zog am 21. Oktober 1848 nach Köln und trat in die von Karl Marx geleitete Redaktion der „Neuen Rheinischen Zeitung“ ein. Hier traf er auch Georg Weerth wieder, der dem Feuilleton vorstand. Nach dem Verbot der Zeitung im Mai 1849 und nach dem Erscheinen seiner „Neueren politischen und sozialen Gedichte“ war er im Frühsommer 1851 gezwungen, erneut ins Exil nach London zu gehen. Erst im Juni 1868 ermöglichte ihm eine Nationaldotation des deutschen Volkes die Rückkehr nach Deutschland. Die großzügige Dotation, einmalig in der Interaktion zwischen einem Dichter und seinem Publikum, und der begeisterte Empfang, der ihm allenthalben bereitet wurde, waren Beleg dafür, dass die Erinnerung an den Dichter der spätromantischen „Wüsten- und Löwenpoesie“ und der Revolutionshymne „Die Todten an die Lebenden“ auch nach 17 Jahren ungebrochen geblieben war.