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Ein fast Vergessener der Literaturgeschichte. Zum 200. Geburtstag von Ferdinand Freiligrath

von Detlev Hellfaier

Gedruckt in: Lippische Landeszeitung vom 17.6.2010.

Porträt Freiligraths
Ferdinand Freiligrath (*17.6.1810):
Seine Dichtung hat uns auch heute noch viel zu sagen
Signatur: FrS B 7

Heute vor 200 Jahren wurde der Dichter Ferdinand Freiligrath in Detmold geboren. Eine Plakette an seinem Geburtshaus Unter der Wehme erinnert daran.

Der Geburtstag gibt Anlass, über diesen weitgehend Vergessenen der deutschen Literaturgeschichte nachzudenken. Zu fragen ist nach den Gründen seiner Bedeutung zu Lebzeiten, aber auch nach den Ursachen, warum er heute der Vergessenheit anheim gefallen ist. Und vor allem lohnt die Frage, ob eine Wiederbelebung möglich erscheint.

1838 kam beim Cotta-Verlag seine Sammlung „Gedichte“ heraus, ein eher bescheidenes Buch. Doch es machte Freiligrath mit einem Schlag im deutschsprachigen Raum berühmt. Versehen mit einem Hauch später Romantik und strikter Hinwendung zum Realismus revolutionierte Freiligrath durch kraftvolle Sprache, variierende Versform und exotische Motive den Geschmack des Publikums. Selbst die ihm reserviert begegnende Annette von Droste-Hülshoff musste einräumen: „Hier in Norddeutschland sind die Leute ganz wie betrunken von seinen Gedichten; schön sind sie auch, aber wüst!“

Der unglaubliche literarische Erfolg veranlasste Freiligrath, den kaufmännischen Beruf zu quittieren und sich als freier Schriftstellers am Rhein niederzulassen: Sein poetisches Wort hatte nun Gewicht im restaurativen Deutschland. Das gilt in besonderem Maße für seine politische Dichtung. Angesichts des sozialen Elends, sich verschärfender politischer Unterdrückung, vor allem Bespitzelung und Pressezensur, hatte Freiligrath seine politische Neutralität aufgegeben. Sein „Glaubensbekenntniß“ von 1844, eine Sammlung von Zeitgedichten, setzte in dieser Hinsicht Maßstäbe. In ihrem Geist entstanden 1848 die Verse des Oratoriums „Die Todten an die Lebenden“, eine Mahnung der Märzgefallenen an die Lebenden, vom revolutionären Weg zu Freiheit und Selbstbestimmung nicht abzuweichen.

Wegen der aufrührerischen Verse vor Gericht gestellt, wagte man indes nicht, den populären Dichter zu verurteilen. Sein Gang durch Düsseldorf nach dem Freispruch glich einem Triumphzug, Tausende jubelten ihm zu. Und seine Leser waren es auch, die ihm später die größte Anerkennung als Dichter zuteil werden ließen: Eine Nationaldotation in Höhe von 60 000 Talern (heute wohl deutlich mehr als eine Million Euro), initiiert von Freunden aus Barmen, ermöglichte es ihm 1868, nach fast 20-jährigem Exil in England nach Deutschland zurückzukehren und seinen Lebensabend abzusichern. Ein beispielloser Vorgang in der Geschichte der Beziehungen zwischen einem Autor und seinem Publikum. Begeisterte Empfänge in ganz Deutschland, darunter im Sommer 1869 auch in Bielefeld und Detmold, zeigten ihn noch einmal auf der Höhe seines Ruhmes, und als er am 18. März 1876 in Cannstatt starb, trauerte nicht nur das literarische Deutschland.

Wenn Freiligrath in seiner späten Lyrik die nationale Einigung feierte, sorgte er sich doch vor dem drohenden Cäsarismus der Hohenzollern und sah im deutschen Kaiserreich kaum die ideale Staatsform, für die er Haft und jahrelanges Exil in Kauf genommen hatte. Die Republik, die er noch 1869 in seinem Gedicht „Im Teutoburger Walde“ eingefordert hatte, blieb zeitlebens sein erklärtes Ziel, aber er arrangierte sich mit den Verhältnissen und erkannte, dass zumindest derzeit der Einfluss des Literaten auf die politischen Verhältnisse nicht gegeben war.

Man darf auch nicht vergessen: die politische Lyrik lebt von der Aktualität, und manches, wofür 1848 gestritten wurde, war erreicht worden. Zunehmende Demokratisierung und der Rückbau neoabsolutistischer Fürstenmacht griffen unaufhaltsam Raum. Der Rückschritt im Zuge der Sozialistengesetze ab 1878 blieb Episode; Freiligrath sollte sie ohnehin nicht mehr erleben.

Als die heute noch maßgeblichen Werkausgaben von Schröder (1907) und Schwering (1909) erschienen, war das Bild Freiligraths im allgemeinen literarischen Bewusstsein bereits verblasst. Der Geschmack hatte sich gewandelt, der Dialog zwischen Dichter und Publikum war nicht mehr das marktbeherrschende Medium. Populäre Verse wie „Prinz Eugen, der edle Ritter“ sowie sozialkritische Gedichte wie „Aus dem schlesischen Gebirge“ bevölkerten noch lange Anthologien und Lesebücher, „Trotz alledem!“ wurde zum Kampflied der 68er. Ansonsten verfiel der poetische Herold der Republik weitgehend dem Vergessen.

Was bleibt? Drei ethische Grundsätze ziehen sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes dichterisches Œuvre: Freiheit, Brüderlichkeit und Menschlichkeit. Wichtiger als politische Systeme und Ideologien ist bei ihm der Mensch oder die leidende, sich nach Freiheit sehnende Kreatur.

Niemand kann bestreiten, dass heute immer noch nicht gelungen ist, menschenwürdige Lebensbedingungen für alle zu schaffen. In einer Welt globaler Dimensionen hat die soziale Kälte ebenso wie die kriegerische Gewalt katastrophal zugenommen und das Bild des Menschen bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

Freiligraths Dichtung ist deshalb nicht überflüssig geworden. Sie verdient, in den Chor derer aufgenommen zu werden, die nicht müde werden, Unterdrückung und Gewalt zu ächten und unerschrocken einzutreten für die Achtung des Menschen in Frieden und Freiheit.

Literatur

In Kürze erscheint unter dem Titel „Im Herzen trag’ ich Welten“ ein Band mit ausgewählten Gedichten Freiligraths, hg. von Detlev Hellfaier und Winfried Freund. (Preis ca. 25,- €. (Vor-)Bestellungen sind möglich unter 05231/92660-0)

Außerdem: Ernst Fleischhack: Bibliographie Ferdinand Freiligrath, 1829-1990. Bielefeld : Aisthesis, 1993.
Wilhelm Buchner: Ferdinand Freiligrath. Ein Dichterleben in Briefen. 2 Bde. Lahr 1882.
Ferdinand Freiligrath als deutscher Achtundvierziger und westfälischer Dichter, hg. von Erich Kittel. Lemgo 1960 (mit Gedichtauswahl).