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Regenschirm und Tiergerippe

Die Liste als Gegenstand kulturhistorischer Betrachtungen

von Joachim Eberhardt

Rezension zu: Eco, Umberto: Die unendliche Liste. – München : Hanser, 2009. – 407 S., überwiegend Illustrationen. – 39,90 €.
Druckfassung in: BuB 62 (2010), H. 5, S. 409-410.

Umberto Eco ist ein auf vielen Gebieten der Kulturgeschichte beschlagener Gelehrter, der geistreich zu schreiben versteht. In den letzten Jahren hatte er mit Werken über die „Geschichte der Hässlichkeit“ (2007) und die „Geschichte der Schönheit“ (2004) zwei Bücher vorgelegt, die dem jüngsten Buch in der Anlage vergleichbar sind: Sie zeigten eine beispielsatte und kulturgeschichtlich orientierte Auswahl von Beobachtungen zum jeweiligen Thema. Manche Rezensenten (wie z.B. Bazon Brock in der ‘Zeit’ über die „Geschichte der Schönheit“) vermissten dann die große einende Theorie und wollten sich mit der kommentierten, unvollständigen und relativierenden Liste von Erscheinungsformen nicht zufriedengeben.

Ecos neues Buch muss mit gleicher Kritik rechnen. Es geht auf die Einladung des Louvre-Museums an den Autor zurück, eine Reihe von Veranstaltungen zu einem freien Thema zu gestalten, und es wirkt darum selbst wie eine Ausstellung. Eco zeigt Kunstwerke (vor allem aus der bildenden Kunst) und Texte, gegliedert in 21 Kapitel. Seine Kommentare zum jeweiligen Kapitelthema umfassen insgesamt weniger als 1/4 der 400 Seiten, und sind auch noch großzügig gesetzt: die Kunstwerke, die zusammengestellten Texte sind die Hauptsache.

Alte Bekannte

Unzweifelhaft hat der Hanser-Verlag ein schönes Buch daraus gemacht, mit einer Fülle von sorgfältig gedruckten Abbildungen auf schwerem Papier, und man nimmt es gern in die Hand. Seine besondere Pointe liegt darin, dass es das auch zeigt, wovon es spricht: es ist eine Liste des Listenförmigen, eine Aufzählung von Möglichkeiten, Aufzählungen zu bilden. Darum teilt es einige der Eigenschaften, die Eco dem Listenartigen zuschreibt.

So werden Listen durch ihren Kontext bzw. ihren Zweck bestimmt (S. 116). Beispielsweise dürfen völlig disparate Dinge wie Regenschirm und Tiergerippe in einer Liste zusammentreten, die die Liste der Dinge auf dem Tisch des Sezierers ist. Entsprechend fällt die Liste der listenförmigen Eigenschaften aus, für die Eco sich interessiert.

Wer Ecos Werk ein bisschen kennt, findet auch alte Bekannte darin wieder, etwa das Schnabeltier („Kant und das Schnabeltier“, 2000; hier S. 218). Den Semiotiker Eco ahnt man in seinen Bemerkungen über Signifikant und Signifikat, der Mediävist schreibt über die antiken und mittelalterlichen Naturgeschichten (S. 153ff.), der Kuriositätensammler über die Wunder- und Schatzkammern der Frühen Neuzeit (S. 201ff., 165ff.). Der Romancier gibt Einblick in die Rhetorik der Liste (S. 133ff.) – „und so weiter“...

Echt und erfunden

Eine interessante Frage ist, ob Eco sein Listenlistenbuch als „poetische“ oder als „praktische“ Liste (S. 113) sieht. Diese Unterscheidung zieht sich durch das ganze Werk. Gemeint ist damit erst einmal nichts weiter, als dass es echte Listen gibt, die wirkliche Dinge aufzählen, und erfundene, die das nicht tun. Erfundenen Listen begegnet Eco vor allem in der Kunst und der Literatur, sein Buch bietet reiches Beispielmaterial.

Unausgesprochen muss man wohl eine dritte Art von Aufzählung hinzufügen, nämlich die Aufzählung durch Realien: dass die aufgezählten Dinge nicht durch Zeichen einer schriftlichen Liste vertreten werden, sondern dass, wie in den naturgeschichtlichen Kuriositätenkabinetten, die Vielfalt der Welt durch die Zusammenstellung von einzelnen Exemplaren aufgezählt wird. Abstrakter ausgedrückt ist eine Liste eine Art der Ordnung, und so entdeckt Eco dort, wo Ordnung herrscht, auch die Liste.

Praktische Listen sind also echte Listen, z.B. ein Einkaufszettel, ein Bibliothekskatalog, ein Museumsinventar oder eine Speisekarte (S. 113): Diese haben, nach Eco, drei Eigenschaften gemein:

  • Sie haben eine „referentielle Funktion“, das heißt, sie beziehen sich auf Dinge der äußeren Welt und benennen diese und zählen sie auf.
  • Sie sind endlich, eben weil sie sich auf Dinge (oder Personen etc.) in der Welt beziehen, die es wirklich gibt.
  • Sie sind „unveränderlich“ in dem Sinne, dass sie an das gebunden sind, worauf sie sich beziehen: es wäre zwecklos, „dem Katalog eines Museums ein Werk hinzuzufügen, das dort nicht auch aufbewahrt wird“ (ebd.).

„Universum des Diskurses“

Wenn man dies weiterdenkt, ergibt sich daraus die These, dass praktische Listen richtig oder falsch sein können, z.B. weil etwas Aufgezähltes falsch benannt wurde, oder weil etwas in der Aufzählung vergessen wurde. Eco entscheidet sich hingegen für die Interpretation, dass praktische Listen „nicht widersprüchlich“ sein könnten, womit er meint, dass jede Liste einen Sinn hat, ganz gleich, was für Aufzählungsglieder sie enthält. Regenschirm und Tiergerippe...

Poetische (= künstlerische) Listen, möchte man ableiten, sind also nicht referentiell, veränderlich und (potentiell) unendlich. Was das bedeutet, lässt sich ganz gut zeigen an Ecos Beispiel, der „Registerarie“ des Leporello in Mozarts Don Giovanni (S. 116). Die bezieht sich nicht auf die Wirklichkeit, sondern auf die fiktiven Frauen, die der fiktive Don Giovanni verführt hat.

Die Liste ist „veränderlich“ in dem Sinne, dass es für die Geschlossenheit des Kunstwerkes keine Rolle spielt, welche Frauennamen darin vorkommen, und sie ist in gleichem Sinne unendlich. Dass Eco selbst irritierenderweise die Registerarie als Beispiel für eine praktische Liste anführt, vermag ich mir nur so zu erklären, dass er sie auf das „Universum des Diskurses“ des Don Giovanni bezogen wissen will; an dieser Stelle merkt man deutlich, dass manche Kategorien des Buches nicht gründlich genug durchdacht wurden.

Moment der Unendlichkeit

Wichtig ist Eco vor allem die letzte der drei Eigenschaften, sie erklärt den Buchtitel von der „Unendlichen Liste“. Eco meint, dass poetische, das heißt: künstlerische Listen immer ein Moment der Unendlichkeit haben. Sie bieten damit dem Künstler eine Möglichkeit, mit dem Inhalt seines Werks die Grenze seiner Form (S. 6) zu überschreiten. Paradoxerweise geschieht dies dadurch, dass Listen selbst ihre Glieder in eine Form bringen: dies bietet Raum zum Spiel mit den Formen, zur ästhetischen Verfremdung (S. 131).

Einige Möglichkeiten nennt Eco im Kapitel über die „Rhetorik der Aufzählung“ mit Hinweis auf Aufzählungen, Steigerungen, Häufungen oder Übertreibungen (S. 133ff.). Wenig überraschend kommt Eco zu dem Schluss, dass es in poetischen Listen seltener auf die Signifikate (die Bedeutungen) als auf die Signifikanten (die Zeichen) ankommt.  So könne eine Marienlitanei durch den reinen Klang der Folge der Eigenschaften Marias ‘berauschend’ wirken, gleichgültig, welche Eigenschaften tatsächlich genannt würden.

Ecos Beispiele sind großenteils historisch. Nur am Rand streift er die „Listen der Massenmedien“ und die „Große Mutter aller Listen“ (S. 360), das „unendliche“ World Wide Web. Obwohl er über das WWW nichts weiter sagt, als dass die Überfülle der enthaltenen Informationen ‘uns’ die Entscheidung unmöglich macht, „welches seiner Elemente sich auf die reale Welt bezieht“, erlaubt diese These doch noch eine aufschlussreiche Einsicht in Ecos Konzeption des Listenartigen: sie zeigt nämlich, dass die Beziehungen zwischen den Eigenschaften umkehrbar sind.

Kein Systementwurf

Eine unendliche Liste ist poetisch, weil sie unendlich ist.  Eine unendliche Liste kann sich nicht (nur) auf die Welt beziehen, weil die Dinge in der Welt prinzipiell endlich und damit zählbar sind. Aber wenn man die Begriffe der Endlichkeit und Unendlichkeit wie Eco hier bei der Bemerkung zum WWW an das menschliche Fassungsvermögen knüpft, dann sind auch endliche Dinge im poetischen Sinne „unendlich“, wie im Kinderlied: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“

Ecos Buch bietet eine Fülle solcher Anregungen, über das Poetische, über Ordnung und Form nachzudenken. Natürlich drängt sich der Eindruck auf, dass das Buch eine stärkere Ordnung hätte haben sollen, dass Eco sich noch ein bisschen mehr Arbeit hätte machen müssen, um seine Beobachtungen zu hierarchisieren und in eine deutlichere Form zu bringen.

Aber dann hätte das Buch nicht mehr gezeigt, wovon es spricht. Es will kein Systementwurf sein, der alles enthält, sondern nur eine Aufzählung, die mit einem „undsoweiter“ (S. 7) unabgeschlossen und veränderlich bleibt.