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Können Pflanzen wissen? Walther Umstätter streift in seinem „Rückblick“ viele Themen

von Joachim Eberhardt

Rezension zu: Walther Umstätter: Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum. Bibliotheken als Bildungs- und Machtfaktor der modernen Gesellschaft. Berlin: Simon-Verlag für Bibliothekswissen, 2009. 337 Seiten. Broschiert 28,50 €.

Druckfassung in: BuB 62 (2010) 2, 160-161.

Der Titel von Walther Umstätters jüngstem Buch verspricht erfahrungssatte Urteile: Er klingt nach einer Summe der wissenschaftlichen und praktischen Arbeit des ausgewiesenen Fachmannes. Bis 2006 lehrte der promovierte Biologe am Berliner Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, zuvor an der Fachhochschule für Dokumentations- und Bibliothekswesen in Köln und hatte 1975 bis 1982 an der UB Ulm die erste „Online Literaturdokumentation“ aufgebaut. Nun legt er seinen „Rückblick“ vor „auf eine Entwicklung, die ihre Schatten schon weit voraus geworfen hat und deren Erkenntnisse Licht in unsere Zukunft bringen“, wie der Klappentext mit einer schiefen Metapher ankündigt.

Intelligenz nicht trainierbar?

Tatsächlich bietet das Buch eine Fülle von Meinungen und Urteilen – recht selten ist ersichtlich, was diese mit dem vom Titel angekündigten Thema des Buches zu tun haben. Umstätter präsentiert autobiographisch-anekdotisch einige Lieblingsgedanken. Er bettet sie zudem in eine Fülle von Bemerkungen ein, die nur eins gemeinsam zu haben scheinen: Er wollte sie veröffentlichen. So streift er unter anderem auf den hier beispielhaft herausgegriffenen Seiten 50-100 (von etwa 300 Seiten) die Themen Vegetarismus (unrealistische Utopie!, S. 57), Amokläufe (schlechte Didaktik macht Schüler aggressiv!, S. 58), Willensfreiheit (ganz einfaches Problem!, S. 75), Atheismus (verantwortungslos!, S. 77), Bachelor-Abschluss (Etikettenschwindel!, S. 86), Sinn von Strafe (durch Massenmedien verzerrt!, S. 100), Nationalsozialismus (bornierte Dummköpfe!, passim).

Doch worum geht es im Ganzen? Dies festzustellen macht Umstätter seinen Lesern nicht leicht. Ich orientiere mich an ein paar Begriffen, die dadurch herausgehoben sind, dass sie im Buch häufiger begegnen: „Intelligenz“, „Wissen“, „Information“/ „Informationstheorie“. „Intelligenz“, schreibt Umstätter, „ist das ererbte Wissen von Lebewesen, im Gegensatz zu dem, das sie im Laufe ihres Lebens erwerben“ (S. 49 u.ö.). Dieser Satz mutet an wie eine Definition, und er erklärt dem verblüfften Leser zum Beispiel, warum Umstätter Intelligenz für nicht trainierbar hält (S. 45): Wissen lässt sich eben nicht trainieren. Wie kommt Umstätter darauf? Ist das eine in der Biologie übliche Definition, die er sich aus dem Studium bewahrt hat? Der Umgangssprache entspricht sie jedenfalls ebensowenig wie der Psychologie oder der Erziehungswissenschaft: Das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts gibt die Bedeutung von Intelligenz mit „geistige Fähigkeit, Klugheit“ an (ähnlich das deutsche Wiktionary und der Große Duden); die Psychologie benutzt „Intelligenz“ als Allgemeinbegriff für kognitive Fähigkeiten.

Andere Definition von Wissen

Es ist dem Rezensenten nicht gelungen, eine Quelle zu finden, die diese Definition mit Umstätter teilt, was auch dadurch erschwert wurde, dass er selbst keine angibt. Trotzdem genügt diese Definition ihm, um „unzählige Laien, aber auch Wissenschaftler“ dafür zu tadeln, dass sie das Wort Intelligenz falsch gebrauchen (S. 53).

Das ist umso bemerkenswerter, als auch die Vorstellung, dass „Wissen“ angeboren sei, dem Alltagsgebrauch des Begriffs „Wissen“ widerspricht. „Wissen“, als Tätigkeitswort, meint „von etwas Kenntnis haben“, und das „Wissen“, als Substantiv, ist dann die Formulierung dieser Kenntnis. Für Umstätter ist Wissen schlicht etwas, was abrufbar ist: Eine Pflanze „weiß“, wie sie wachsen muss, ein Vogel „weiß“, wie er fliegen muss. „Der Grund dafür, dass die Erkenntnis, dass auch Pflanzen schon Wissen haben und nicht nur der Mensch, vielen Wissenschaftlern Schwierigkeiten bereitet[sic] ist einfach, die meisten Menschen verwechseln Wissen mit Bewusstsein“ (S. 171), schreibt Umstätter. „Die meisten Menschen“ liegen also falsch, aber Umstätter nicht! Solcherart definiert lässt sich der Begriff auf alles Mögliche anwenden. Konsequent wäre es, festzustellen, dass auch Pantoffeltierchen „ererbtes Wissen“ haben – und also „intelligent“ sind.

Unabhängig von solcher alltagsfernen Gebrauchsfestlegung bringt Umstätter eine andere Definition von Wissen. Diese leitet er aus dem ab, was er für „Informationstheorie“ hält, nämlich: „Wissen ist bei genauerer Betrachtung begründete Information [...], also eine Information, zu der eine Begründung ihrer Richtigkeit gehört. Diese Begründung ist aber im Prinzip nichts anderes als eine spezielle Form der Redundanz, aus der man auf die folgende Information schließen kann, eine a priori Redundanz“ (S. 82, vgl. S. 172, S. 224). Auch hier wüsste ich gerne, ob es für diese Definition eine andere Quelle als die Umstätterei gibt.

Umstätter erklärt die Idee der „a priori Redundanz“ an einem Beispiel, ich zitiere: „Wenn wir beispielsweise die Information haben, dass die Kirchturmuhr, die wir in einer schlaflosen Nacht hören, vor einer Stunde Elf geschlagen hat, wissen wir, sobald wir den ersten Schlag hören, dass nun noch elf weitere folgen werden.“ Man weiß, dass noch elf Schläge folgen werden, weil man die elf Schläge aus dem ersten vorhersagen kann, so Umstätters Überlegung. Aber ist die Zahl der Schläge das, was wir wissen wollen, wenn die Uhr schlägt? Oder geht es nicht vielmehr darum, dass wir wissen wollen, wieviel Uhr es ist? Schlagzahl und Uhrzeit sind durchaus verschiedene Dinge, und ihr Zusammenhang ist nicht etwa der der ‘Begründung’. Dass die Uhr zwölfmal schlägt, bedeutet, dass es zwölf Uhr ist; aber das Uhrenschlagen verursacht die Uhrzeit nicht. Umstätter jedoch denkt sich den Begründungszusammenhang tatsächlich kausal (wie man auf S. 169 sieht, wo er von der ‘kausalen Vernetzung’ der ‘Begründung’ mit dem Begründeten schreibt).

Feinheiten der Informationstheorie

Umstätter meint, sein esoterische Wissensbegriff habe die Folge, dass Wissen sich „messen“ ließe „wie Information“ in Bits und Bytes (S. 172). Wie genau das gehen soll, verraten aber auch andere Umstätter-Publikationen nicht; man erfährt dort nur, dass die vorhergesagte Information mit der eintreffenden „Bit für Bit“ verglichen werden müsse. Würde das bedeuten, ich habe ein Wissen von „2 Bit“, wenn die vorhergesagte Information von der eintreffenden um 2 Bit abweicht? Oder eines von 98 Bit, wenn 98 Bit zwischen beiden übereinstimmen? Aber nach Umstätter sind doch diese 98 Bit in der zweiten Information gerade redundant? Was fangen wir damit an, dass dieselben „Informationen“ (umgangssprachlich gesprochen) sich unterschiedlich codieren lassen, also in unterschiedliche Bitmengen gefasst werden können?

Der Rezensent will gerne einräumen, dass er als Geisteswissenschaftler die Feinheiten der Informationstheorie vielleicht einfach missversteht, deren Bedeutung Umstätter nicht müde wird zu betonen und in deren Gedankengebäude er sich wie zu Hause zu fühlen scheint. Allerdings hat er ein paar Zimmer eingebaut, die man in anderen Darstellungen nicht findet, so dass es nicht so erstaunlich ist, wenn sich der Leser nicht gleich zurechtfindet. So schreibt Umstätter z.B., „eine Information können wir nach der Informationstheorie von Shannon, Weaver, Wiener etc. nur als solche bezeichnen, wenn sie für uns neu ist. Wenn wir dagegen zum hundertsten mal[sic] lesen, dass wir unter einer Informationsflut leiden, ist das Redundanz“ (S. 107). Nach der Informationstheorie von Shannon/Weaver bezieht sich jedoch Redundanz auf die Übermittlung einer Nachricht. Sagt man, dass sich eine Nachricht zu einer andern „redundant“ verhält, dann benutzt man das Wort „Redundanz“ nicht fach- sondern alltagssprachlich.

Offene Fragen

Außer Umstätter käme wohl auch kein Informationstheoretiker auf die Idee, den Begriff ‘Wissen’ in seine Überlegungen einzubeziehen, da hier, selbst wenn man Umstätters eigenwilliges Verständnis von ‘Wissen’ zugrunde legt, der Begriff der ‘Bedeutung’ ins Spiel zu kommen droht: Nur die Bedeutung sagt einem, ob beim Bit-für-Bit-Vergleich zweier Zeichenstränge die Abweichung des zweiten überraschend ist, d.h. informativ (im alltagssprachlichen Sinne), oder ob ein Übermittlungsfehler vorliegt.

„Die Informationstheorie war im letzten Jahrhundert ohne Zweifel die größte Revolution“, (S. 34) meint Umstätter, trotz echter Revolutionen wie der friedlichen vom November 1989, sie „bildet seit 1963 (Weinberg Report) die Basis der Bibliothekswissenschaft“ (S. 166); daher seien die Begriffe Bibliothekswissenschaft und Informationswissenschaft „weitgehend tautologisch“ (ebenda). Trotzdem widmet er tatsächlich einige Gedanken auch noch echten Bibliotheken, schreibt über die Geschichte von IuD in Deutschland, über die „Online-Revolution“, über das Internet. Das geschieht jedoch so wenig zielbewusst, dass das Buch zu keiner These kondensiert, die sich hier wiedergeben ließe. Die Bedeutung der Informationstheorie für die praktische Arbeit der Bibliotheken blieb mir darum verborgen, und was Wissensmessung, so sie vorgenommen werden kann, austrägt für die Theorie der Wissensorganisation, für die Gestaltung von Katalogsbenutzeroberflächen, für die Lehre der Informationskompetenz oder für die ‘Macht’ in der Gesellschaft, um beim Buchtitel zu bleiben – das steht dahin.

Fazit

Das Buch ist 300 Seiten dick und doch sehr dünn. Bis zur letzten Seite müssen Leser rund 600 Kommafehler, 200 Druckfehler („Juriprodenz“, S. 311) und exzessive Selbstreferentialität des Autors ertragen (58 von 145 Titel im Literaturverzeichnis sind von ihm). Ganz ernsthaft schreibt er Sätze wie: „Durch die Massenmedien unserer Zeit,[sic] besteht schon seit längerem die große Gefahr, dass Kriminalität, Faustrecht, Pornographie etc. kultiviert und damit das Wort Kultur immer stärker verballhornt wird. Es war nicht zuletzt der Nationalsozialismus, der unter J. Goebbels die Massenmedien dazu missbrauchte, Gewalt und Betrug in Deutschland zur Durchsetzung eigener Interessen zu kultivieren.“ (S. 311)

Störend ist zudem die ständige „Die andern irren“-Attitüde angesichts der zahlreichen Irrtümer im Buch. Ein paar Beispiele:

  • Die Autorin der Harry-Potter-Romane heißt nicht „Rawlings“ (S. 146) und Kleists Heldin von Heilbronn nicht „Gretchen“ (S. 150).
  • ‘Naheliegend’ findet die Tatsache, dass eine „dichotome Verzweigung“ zwei Äste hat (S. 179), nur, wer nicht weiß, dass dichotom „zweiteilig“ bedeutet.
  • Goethe wollte mit den Versen „Wär nicht das Auge sonnenhaft, / die Sonne könnt es nie erblicken“ sicher nicht, wie Umstätter aber gönnerhaft feststellt, „sehr schön deutlich [machen], dass die Lebewesen dieser Erde die physikalischen Gesetzmäßigkeiten in sich inkorporiert haben“ (S. 76, Fn. 50) – das Sonnenhafte des Auges geht unmissverständlich über Physik hinaus.
  • Die „eigentliche Bedeutung des Wortes Psyche“ ist nicht „unsterbliche Seele“ (S. 257); die Vorstellung einer ‘unsterblichen Seele’ ist viel jünger als das Wort, das Umstätter gegen die Psychologie in Schutz nimmt.

Solcherlei dem Autor vorzuhalten, ist – das sei abschließend festgestellt – darum naheliegend, weil Umstätter jegliche Selbstreflektion fehlt. Wer im Glashaus sitzt, für den ist es womöglich unsichtbar.