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Von London nach Bad Rippoldsau – Ferdinand Freiligrath im Sommer 1868

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Badische Heimat 89 (2009), 4, S. 233-237.

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Ein hübsches 12zeiliges Gedichtautograph Ferdinand Freiligraths auf einem Albumblatt gelangte unlängst über den österreichischen Autographenhandel in die Lippische Landesbibliothek in Detmold, die in ihrem Literaturarchiv eine der umfangreichsten Sammlungen zu diesem im Jahre 1810 in der lippischen Residenz geborenen Dichter bewahrt. Das Blatt trägt am Schluss in der markanten ausgeschriebenen Hand des Lyrikers eine dreizeilige Widmung, seine Unterschrift sowie Ort und Datum. Da das Gedicht keinen Titel aufweist, liegt die Zuordnung nicht unmittelbar auf der Hand. Bei näherem Hinsehen handelt es sich jedoch um die Übersetzung zweier Strophen des 18strophigen Gedichts „Epistle to William Simson“, das der schottische Dichter Robert Burns (1759-1796) im Mai 1785 verfasst hat. Schon als junger Mann von diesem fasziniert, hatte Freiligrath die Epistel übersetzt und ihr den unverfänglichen Titel „An einen Freund“ gegeben. Bevor einiges zum Entstehungsumfeld dieser poetischen Reminiszenz zu sagen ist, folgen zunächst die Verse:

Ferdinand Freiligrath, „An einen Freund, Mai 1785“ [Strophen 14-15] nach Robert Burns, eigenhänd. Gedichtautograph mit Unterschrift, dat. [Bad] Rippoldsau, 4. August 1868, 1 S. [Albumblatt m. Goldschnitt], 31 x 23 cm, Lippische Landesbibliothek Detmold, Fr S 583

In jeder Tracht voll Reizes nur
Bist du dem Herzen, o Natur, -
Ob licht und lachend nun die Flur
Der Lenz belaube,
Oder durch’s Land auf öder Spur
Der Winter schnaube!

Nie ließ die Muse sich gewinnen,
Trieb es den Dichter nicht, zu sinnen
Einsam, wo Bäche rieselnd rinnen,
Und rauscht das Ried;
O süß, zu schweifen u[nd] zu spinnen
Ein herzig Lied!

Zur freundlichen Erinnerung an die schönen
Sommertage unter den rauschenden Tannen
u[nd] Quellen von Rippoldsau
F[erdinand]Freiligrath

Rippoldsau,
4. August 1868.

Freiligrath schrieb diese Zeilen in dem damals kleinen Kurort Bad Rippoldsau im Herzen des Schwarzwaldes, etwa 15 Kilometer südwestlich Freudenstadt am Südabhang des Kniebis gelegen; das wildromantische Tal der Wolf rühmt sich noch heute, eines der schönsten Täler des Schwarzwalds zu sein. Das Jahr 1868 bedeutete für den Dichter eines der ereignisreichsten seines an Abwechslungen nicht bescheidenen Lebens. Denn die Rückkehr nach 17 Jahren des Exils in London nahm zu Beginn dieses Jahres feste Gestalt an. Freunde, zumeist Kaufleute aus Barmen und Schriftsteller aus Stuttgart, hatten im Jahr zuvor zu einer Nationaldotation für den „Größten der Poeten“ aufgerufen und damit in allen Volksschichten, gerade aber bei Handwerkern und Arbeitern, einen ungeahnten Erfolg erzielt: als zu Jahresbeginn 1869 Kassensturz gemacht wurde, zählte man knapp 60.000 Taler, die sich umgerechnet heute auf etwa 550.000 Euro belaufen würden. Damit war für ein abgesichertes Pensionärsdasein in einer ansprechenden Gegend Deutschlands gesorgt. Unklar blieb über lange Zeit, wohin sich der Heimkehrer wenden sollte. Preußen schied aus, dort wurde Freiligrath seit Sommer 1851, dem Erscheinen des zweiten Heftes seiner „Neueren politischen und sozialen Gedichte“, wegen revolutionärer Umtriebe im Zusammenhang mit der Mitgliedschaft in dem von Marx geleiteten „Bund der Kommunisten“ noch immer steckbrieflich gesucht. Wenn auch mit dem Vollzug des Steckbriefs nach gut anderthalb Jahrzehnten kaum mehr zu rechnen war, tat er sich mit der Vorstellung schwer, in Preußen als nur Geduldeter und nicht durch ein ordentliches Verfahren Begnadigter leben zu können. Noch im November 1867 schrieb er an den Kaufmann und Schriftsteller Emil Rittershaus, eine der treibenden Kräfte für die Nationaldotation, dass er über „das Wo meiner künftigen Niederlassung, ehrlich gestanden, augenblicklich selbst noch ganz und gar im Dunkeln“ sei; daran hatte sich auch vier Wochen später noch nichts geändert, wenngleich mit dem Rhein vage Vorstellungen verbunden wurden. Erst im Laufe des Frühjahrs hatte sich offenbar der deutsche Süden oder Südwesten herauskristallisiert, und Freiligrath äußerte am 12. Juni 1868 gegenüber Wilhelm Vollmer, Lektor in der Cottaschen Verlagshandlung und Herausgeber der Augsburger Allgemeinen Zeitung in Stuttgart, dass er sich „nach einer bleibenden Stätte in Süddeutschland umsehen werde“ und dabei „an die ländliche Umgebung Stuttgarts gedacht“ habe; selbst das Bodensee-Gebiet schloss er nicht aus. Dieser Brief ist aber auch in weiterer Hinsicht von Interesse, denn Freiligrath legt dem Schreiben zwei Gedichte „nach meinem alten Burns bei“ mit der Bitte, diese im Feuilleton der von Vollmer herausgegeben Zeitung zu bringen. Das ist tatsächlich geschehen, und so finden wir das Gedicht „An einen Freund“ von Robert Burns in der Übersetzung Freiligraths erstmals veröffentlicht am 26. Juni in der Wochenausgabe der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Da Freiligrath berichtet, dass dieses bisher in den Burns-Übersetzungen fehle, darf man davon ausgehen, dass er es sogar erst in jüngerer Vergangenheit übersetzt hat; da die Lippische Landesbibliothek ein weiteres Freiligrath-Autograph der 15. Strophe besitzt, das mit dem 2. Februar 1868 datiert ist, lag die Übertragung zumindest zu diesem Zeitpunkt bereits vor. Bei dem zweiten Gedicht nach Burns, das er dem Redakteur übersandt hat, handelte es sich um die Übersetzung von „Elegy on Captain Matthew Henderson“, der Freiligrath den Titel „Elegie auf den Tod eines Freundes“ gegeben hat; sie erschien eine Woche später im Feuilleton der Augsburger Allgemeinen. Von 1870 an haben beide Gedichte unter „Neueres und Neuestes“ Eingang in die einschlägigen Werkausgaben gefunden.

Die Übersiedlung nach Deutschland ging jedoch nicht so rasch vonstatten. Seit Februar 1868 war die Familie in der Londoner Great Winchester Street mit Umzugsvorbereitungen befasst. Namentlich Freiligraths umfangreiche Bibliothek bereitete erhebliche Probleme. Bei seinem Tode 1876 war die Büchersammlung auf rund 8.000 Bände angewachsen. Jetzt wurde sie in Kisten verpackt und befand sich spätestens im Mai mit anderem Hausrat unweit der bisherigen Wohnung eingelagert. Angesichts der immer noch unsicheren Bleibe wurde zeitweilig ein Verschiffen nach Düsseldorf oder Köln erwogen; dort sollte der Besitz erneut untergestellt werden. Nach einem kurzen – unbehelligten - Abstecher im Frühjahr 1868 an den Rhein nahmen die weiteren Schritte deutlichere Konturen an, denn Freiligrath ließ im Juni brieflich wissen, dass er „aus Gesundheitsrücksichten für eines meiner Kinder einen kurzen Aufenthalt in irgend einem kleinen Bade der Pfalz oder des Schwarzwaldes“ einplane. Die ganze Familie scheint erholungsbedürftig gewesen zu sein, denn „der Londoner Aufbruch hat uns mehr mitgenommen und mehr Zeit gekostet, als wir erwartet hatten, und jetzt bedürfen wir in jeder Weise der Ruhe, und Louise muß in’s Bad“, so charakterisierte er am 25. Juni 1868 gegenüber seinem Düsseldorfer Freund Theodor Eichmann von Rotterdam aus die Situation. Tags zuvor hatte man London verlassen und fuhr nun, unterbrochen von einem durch begeisterte Freunde am 27. Juni erzwungenen Aufenthalt in Köln, mit einem Dampfer den Rhein stromaufwärts bis Mannheim. Von dort benutzte die Reisegesellschaft, die neben der Tochter Louise aus dem Dichter und seiner Frau Ida, vielleicht noch aus deren unverheirateter Schwester Marie Melos und dem 17jährigen Sohn Otto bestand, vermutlich die Eisenbahn bis Hausach im Kinzigtal, um weiter mit der Fahrpost am 30. Juni Bad Rippoldsau zu erreichen. Es ist nicht bekannt, wie Freiligrath, der wenige Tage zuvor noch keine konkreten Vorstellungen vom Reiseziel vor Augen hatte, auf das Bad im Tal der Wolf gekommen ist. Man mag allenfalls mutmaßen, dass ihn in Köln, wo ihm zu Ehren im Gürzenich ein prächtiges Bankett mit über 200 Gästen ausgerichtet worden war, eine Empfehlung veranlasst hat, diesen angenehmen Kurort im Schwarzwald aufzusuchen.

Mit der Wahl dieses überschaubaren, aber traditionsreichen Heilbades lag er sicher nicht falsch. Die Quellen des Rippoldsauer Sauerbrunnens und ihre therapeutische Anwendung waren bereits im Mittelalter bekannt. Seit dem späten 16. Jahrhundert ist dank der Privilegierung und Förderung durch die Grafen von Fürstenberg zu Donaueschingen sowie in der Folgezeit günstiger medizinischer Gutachten von einem geregelten und wachsenden Badebetrieb die Rede. Als das Bad mit seinen Kureinrichtungen vom Ende des 18. Jahrhunderts an in fachkundige und ideenreiche Betreiberhände gelangte, war der Aufschwung nicht mehr aufzuhalten. Rippoldsau erfreute sich alsbald beim Adel, desgleichen bei Repräsentanten der wirtschaftlichen und politischen Elite aus dem In- und Ausland zunehmender Beliebtheit, ebenso suchten Gelehrte, Künstler und Literaten das Bad gern auf. Zu letzteren gehörten neben Freiligrath vor allem Nikolaus Lenau, Berthold Auerbach, Paul Heyse und der Stammgast Joseph Victor von Scheffel, der Verfasser des „Trompeters von Säckingen“ und des „Ekkehard“, in diesem Jahr aktuell durch den Text des Liedes „Als die Römer frech geworden“. Später trat Rainer Maria Rilke hinzu, während aus dem Bereich der Musik die Komponisten Johannes Brahms und Max Bruch sowie der Wiener Kapellmeister Nikolaus Simrock nicht fehlen dürfen.

Postkarte "Ansicht von Rippoldsau, von Kniebis kommend"
Ansicht von Rippoldsau
FrS B 107

Zur Zeit des Freiligrath-Aufenthalts von Juli bis Anfang August 1868 warb das Bad neben den Vorzügen eines Luftkurortes mit seinen „Mineralquellen, salinische Säuerlinge, reichhaltig an freier Kohlensäure, Eisen und Salzen“, die ihre Heilkraft besonders „bei Verdauungsstörungen, Blutarmuth, Nervenleiden und Unterleibs-Krankheiten“ entfalten; daneben wurden verschiedene Bäder, Milch- und Molkekuren sowie die Natronsäuerlinge empfohlen. Freiligrath war der Ruhe und Entspannung sowie der angegriffenen Gesundheit seiner Tochter wegen ins Bad gereist, hatte sich allerdings noch im Winter 1867/68 in London einer Banting-Kur, einer Methode zur Heilung übertriebener Wohlbeleibtheit und Fettsucht, unterzogen und in drei Monaten 40 Pfund abgenommen: „Ein vollständiger Abfall der Niederlande, - ich bin ordentlich schlank (…) und ein total anderer Mensch geworden“, schrieb er seinem Freund Eichmann noch im Februar. Ob er im Schwarzwald in dieser Hinsicht weiter an sich gearbeitet hat, mag man angesichts der stattlichen Leibesfülle, die alle Bilder bis zu seinem Tode dokumentieren, kaum annehmen. Der gefeierte und in diesen Tagen bekannteste deutsche Dichter stand in Bad Rippoldsau erwartungsgemäß im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses, so dass es mit der erhofften Ruhe nicht weit her gewesen sein dürfte. Dennoch fühlte er sich hier ausgesprochen wohl, und gegenüber seinem Freund, dem Publizisten Levin Schücking im fernen Westfalen, schwärmte er am 7. Juli von rauschenden Tannen und rieselnden Wassern: „Alles ist herrlich und schön, wenn auch etwas langweilig“, zumal es augenscheinlich an anspruchsvoller Lektüre mangelte. Um dem anzuhelfen, bat er den genannten Wilhelm Vollmer, ihm die letzten Ausgaben der Augsburger Allgemeinen mit den Wochenausgaben in den Schwarzwald nachzusenden. Auch beschäftigte ihn nach wie vor die Frage, wo er sich endgültig niederlassen solle, Stuttgart und Cannstatt galten als Favoriten, und von Schücking, der 1841/42 Bibliothekar des Grafen Laßberg auf der Meersburg war, erhoffte er sich Entscheidungshilfen für den Bodensee. Ein humoriges, teilweise in Versen niedergelegtes Landschafts- und Naturlob der Gegend um Rippoldsau erreichte seine älteste, in London verheiratete Tochter Katharine („Käthe“) Anfang August: „Wo ich heute die Feder führe, / Rauscht der Wald vor meiner Türe, / Rauschen hundert Wässerlein; / Rauschen, rinnen, rippeln, rieseln, / Bald auf Moos und bald auf Kieseln, / Und die Grillen zirpen drein“, dichtet er und fährt fort, „es ist wirklich sehr schön hier. Wald und Wasser, Bäume und Bäder – das ist die Losung im Tale von Rippoldsau“. Und als wenige Tage nach seiner Abreise ein Sommertheater mit einem eigens von dem dort zur Kur weilenden Dichter Hensel verfassten Stück „Die Gründung von Rippoldsau“ eröffnet wurde, ließ sich Freiligrath nicht lange bitten und verfasste einen launigen „Prolog“ in fünf Strophen, der die Schönheiten und die Heilkräfte des Bades pries; dieses Gedicht ist seit 1877 sogar in den gängigen Werkausgaben zu finden.

Auch das Geschäftliche kam während des Aufenthalts in Rippoldsau nicht zu kurz. Freiligrath nutzte die Zeit zu Korrespondenzen mit seinem Verleger Eduard Hallberger und der Cottaschen Verlagshandlung in Stuttgart. Erfreut konnte er zur Kenntnis nehmen, dass der Verlag mittlerweile die 24. Auflage seiner „Gedichte“ herausgebracht hatte; das war jene Sammlung, die ihn vor genau 30 Jahren weltberühmt gemacht und ihn den Weg als freier Schriftsteller hatte einschlagen lassen. Die 800 Gulden Honorar für diese Auflage kamen angesichts noch nicht fließender Renditen aus dem Nationaldank wohl gerade recht, und er ließ sich das Geld ebenso wie einige Belegexemplare unmittelbar in den Kurort übersenden. Mit Bedauern musste er in diesen Tagen erfahren, dass ihn sein alter Freund, der amerikanische Schriftsteller Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882), auf dem Weg in die Schweiz und nach Italien verfehlt hatte und ein Wiedersehen nicht zustande kam, da dieser nicht wusste, wo Rippoldsau liegt. Freiligrath hatte den Amerikaner 1842 in Sankt Goar am Rhein kennen gelernt und später dessen Werk durch Übersetzungen in Deutschland bekannt gemacht. Einem Brief Freiligraths vom 3. August an Longfellow in Heidelberg verdanken wir konkrete Hinweise auf seine künftigen Pläne. Danach sah er vor, Rippoldsau am folgenden Tag zu verlassen, um sich in Cannstatt nach einer Wohnung umzusehen; bis diese gefunden war, beabsichtigte er, im dortigen Hotel „Hermann“ Logis zu nehmen. So ist es offenbar auch geschehen, und nach einigen Wochen fand die Familie ein passendes Domizil in Stuttgart; 1874 kehrte sie nach Cannstatt zurück, wo der Dichter am 18. März 1876.

Für die Überlieferung des Albumblattes, das nach nunmehr 140 Jahren den Weg in die Freiligrath-Sammlung der Lippischen Landesbibliothek gefunden hat, ist es interessant zu wissen, dass der Dichter die Verse und Gedenken noch an seinem Abreisetag aus Rippoldsau – am 4. August 1868 - in ein Freundschaftsalbum geschrieben hat. Er hat die Strophen eines erst jüngst übersetzten und publizierten Gedichts, die der anmutigen Situation im Schwarzwaldbad angemessenen waren, dazu ausgewählt. Wir wissen nicht, wer damals das schöne Album mit Goldschnitt besessen hat. Wie häufig geschehen, wurde es später zerlegt und Blätter mit Einträgen namhafter Persönlichkeiten gerieten in Sammlerhände und in den kommerziellen Handel.