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Mathildes Stammbuch. Bisher unbekannte Portraits der Familie von Meien für die Landesbibliothek erworben

von Julia Freifrau Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: Heimatland Lippe 102 (2009), H. 4, S. 114-117.

Porträtzeichnung von Christian von Meien
Abb. 1: Christian von Meien
Album Nr 23, Blatt 13a

Die Lippische Landesbibliothek hat im April 2008 bei einer Auktion der Firma Reiß & Sohn in Königstein das Stammbuch der Mathilde von Meien erworben.

Mathilde von Meien war das jüngste von zehn Kindern des Detmolder Regierungsrates Christian von Meien (Abb. 1). Dieser stammte von der Domäne Hellinghausen im lippischen Norden, war nach dem Jurastudium in den lippischen Staatsdienst eingetreten und 1817 von Fürstin Pauline in die Staatsregierung berufen worden; 1853, im 73. Lebensjahr, wurde er zum Regierungspräsidenten ernannt.

Schulzeugnis der Mathilde von Meien
Abb. 2: Schulzeugnis
Album Nr 23 Blatt 48

Seine Tochter Mathilde erblickte am 13. Mai 1833 im Haus Hornsche Straße 1 das Licht der Welt. Das repräsentative Gebäude, heute Hotel Lippischer Hof, diente der Familie von Meien seit 1826 als Zuhause. Das Mädchen besuchte die 1830 gegründete Töchterschule, und wie ein Schulzeugnis aus dem Sommer 1847 erweist, das dem neuerworbenen Stammbuch beiliegt (Abb. 2), waren ihr Betragen, Aufmerksamkeit, Fleiß und Ordnung durchaus lobenswert. Nach Beendigung des Schulbesuchs lebte sie als höhere Tochter im Elternhaus. 1854 erlangte ihr Vater einen der begehrten Plätze im adeligen Damenstift Lippstadt für sie. Sie bekam fortan eine Präbenden-Revenue von jährlich 200 bis 250 Reichstalern; damit war ihre Versorgung gesichert. Mathilde von Meien lebte in Lippstadt, kümmerte sich aber häufig auch um die Haushaltsführung bei den Eltern oder Brüdern, wenn sie dort gebraucht wurde. Sie starb unverheiratet am 24. Mai 1898 in Minden.

Titelblatt des Albums mit Namen der Besitzerin in Schmuckschrift
Abb. 3: Titelblatt
Album Nr 23, Blatt 1

Das Stammbuch besteht aus 41 Blättern, die in einen Einband aus dunkelrotem Leder gebunden sind. Das Titelblatt (Abb. 3) vermerkt den 13. Mai 1846; dies ist das Datum ihres 13. Geburtstages.

Nur 13 Blätter sind mit den üblichen Stammbuchversen beschrieben, sie stammen aus den Jahren 1846-1853, als Beiträger finden sich unter anderem der Bruder Emil von Meien, der Freund Friedrich Wasserfall, später Landgerichtspräsident in Detmold, die Freundinnen Emma Droste, Bertha Borges und Johanne Dresel aus Detmold sowie Hermine Curtze aus Ballenstedt und Hermine Sengstak aus Bremen, die sich bei Besuchen in Detmold eintrugen.

Die Besitzerin nutzte das Album hauptsächlich als Bilderbuch; ein Stammbucheintrag wurde sogar mit einem Mehrfelder-Stahlstich von Detmold überklebt. Es finden sich darin Portraits ihrer Eltern und Brüder, künstlerische Produkte von Bekannten, aber auch mehrere Aquarelle und Lithographien mit Ansichten vom Mittelrhein aus den Jahren 1850 und 1853: in Koblenz lebte der ältere Bruder Julius von Meien mit seiner Familie. Außer Lithographien von Koblenz mit der Festung Ehrenbreitstein, von der Burg Stolzenfels, von Burg und Schloss Sayn am Rhein und von Bad Ems an der Lahn finden sich auch kolorierte Ansichten und Aquarelle von Ehrenbreitstein, Burg Rheinfels und der Insel Nonnenwerth mit dem Rolandsbogen und dem Drachenfels.

Porträtzeichung Julius Geissler
Abb. 4: Julius Geissler
HSA 22-32

Das größte Interesse dürfen die neun Portraits von Familienmitgliedern beanspruchen, die im Album enthalten sind. Sie stammen von Julius Geißler (Abb. 4), der von Februar 1845 bis Juni 1846 in Detmold wohnte und Bleistiftzeichnungen von nahezu allen Honoratioren der Residenz anfertigte – oft in mehreren Exemplaren, zum Sammeln bestimmt. Auf einem Bildnis des Hofmusikus August Kiel ist sogar notiert: „50 Stück“. Der Archivrat August Falkmann, selbst ein Portraitierter, sammelte speziell Bildnisse von Mitgliedern der 1825 gegründeten Ressource-Gesellschaft. Das Allgemeine Künstler-Lexikon weiß über Geißler mitzuteilen, er sei 1804 in Göttingen geboren, habe in Dresden Bildende Kunst studiert und sich nach Studienreisen durch Deutschland 1850 als Bildnismaler und Fotograf in Hamburg niedergelassen. Später sei er nach Nürnberg, dann nach Leipzig, Stolberg am Harz und zuletzt nach Hannover übergesiedelt, wo er 1904 starb. Es berichtet, Geißler „arbeitete hauptsächlich kleinformatige Bildnisse in Kreide, Aquarell, Öl oder als Kohlezeichnungen. Meist im Profil, vermitteln seine Portraits mit den sparsamen Bildmitteln und der flotten Strichführung einen präzisen, lebensnahen Eindruck.“

In der Lippe-Bildsammlung der Landesbibliothek befindet sich ein Album „Erinnerungen an Detmold“, das 1942 aus den Sammlungen des Leopoldinums übernommen wurde. Es enthält 90 Bleistift-Portraits von Geißlers Hand und zwei weniger gelungene Detmolder Ortsansichten. Auch einige separat überlieferte Bildnisse von Detmolder Persönlichkeiten sind Bestandteil der Bildsammlung. All diese Zeichnungen sind digitalisiert und in der Datenbank →Regionaldokumentation Lippe verfügbar.

Porträtzeichnung von Luise von Meien
Abb. 5: Louise von Meien
Album Nr 23 Blatt 4

Aquarellzeichnung des Gut Exten
Abb. 6: Gut Exten bei Rinteln
Album Nr 23 Blatt 38

Bislang völlig unbekannt waren Geißlers Portraits der Familie von Meien aus dem Jahr 1845/46. Im Album „Erinnerungen an Detmold" findet sich nur ein mit Namen bezeichnetes Bildnis des Juristen August von Meien, das dem in Mathilde von Meiens Stammbuch enthaltenen völlig entspricht. Die anderen Portraits im Stammbuch sind unbezeichnet und den Eltern und Brüdern der Besitzerin zugeschrieben. Norbert Hohaus, der 1991 das Anschreibebuch des Vaters Christian von Meien edierte, ist der Familiengeschichte dieser Generation akribisch und unter Nutzung sämtlicher verfügbarer Quellen nachgegangen, sein Buch bietet für alle hier Genannten ausführliche Biographien. Ihre Bildnisse allerdings kannte er nicht.

Drei der Geschwister Mathildes waren bereits in den zwanziger Jahren im Kindesalter verstorben. 1846 lebten im Haushalt des Christian von Meien außer ihm selbst noch seine Gattin Louise, seine Schwester Helene und seine jüngeren Kinder Emil, Wilhelm und Mathilde. Die älteren Söhne Friedrich, August und Theodor arbeiteten nach ihrer Ausbildung wieder in Lippe und konnten dem Portraitisten Modell sitzen; der Bruder Julius war wohl mit seiner vierköpfigen Familie zeitweise zu Besuch in Detmold.

Vom Vater Christian von Meien ist im Stammbuch eine Lithographie eingeklebt, die Eduard Ritmüller nach einem Bildnis Geißlers angefertigt hat (Abb. 1). Rechts daneben, auf dasselbe Blatt, hat Geißler die Mutter Louise portraitiert (Abb. 5). Sie war zu diesem Zeitpunkt 53 Jahre alt und ist im Kleid mit Spitzenkragen und Haube dargestellt. Louise von Meien verbrachte viel Zeit auf ihrem Erbgut Exten bei Rinteln, das der Familie als Sommerfrische und nach Auflösung des Haushalts in der Hornschen Straße 1858 als Treffpunkt diente. Es ist in einem kleinen Aquarell im Stammbuch abgebildet (Abb. 6).

Porträtzeichung von Friedrich von Meien
Abb. 7: Friedrich von Meien
Album Nr 23, Blatt 11

Ihr erster Sohn Friedrich von Meien (Abb. 7) war 23 Jahre älter als seine Schwester Mathilde. Er hatte Jura in Heidelberg studiert und bekleidete seit 1842 den Posten des Militär-Auditeurs in Detmold, den acht Jahre zuvor Christian Dietrich Grabbe quittiert hatte. Geißlers Portrait zeigt ihn im Alter von 36 Jahren in seiner Dienstuniform. Da stand er noch am Anfang seiner Beamtenlaufbahn, deren schimpfliches Ende nicht abzusehen war. Das Gehalt des Militär-Auditeurs reichte nämlich bei weitem nicht aus für den kostspieligen Lebensstil, den Friedrich von Meien glaubte pflegen zu müssen; über Jahrzehnte häufte er in Erwartung eines beträchtlichen Erbes immense Schulden auf. Als sich nach dem Tod des Vaters 1857 jedoch herausstellte, dass dessen ganzes Vermögen bereits verpfändet gewesen war, und nach dem Tod der Mutter 1862 auch von deren Erbe nichts an den ältesten Sohn ging, machte Friedrich von Meien Konkurs. Durch ein drohendes Disziplinarverfahren genötigt, verließ er den lippischen Staatsdienst. Die ihm verweigerte Pension konnte er auch gerichtlich nicht durchsetzen. Er zog mit der Familie nach Hamburg, dann weiter nach London, wo er 1877 starb.

Zeichnung von Julius von Meien mit Frau und zwei Töchtern auf den Schößen
Abb. 8: Julius von Meien mit Familie
Album Nr 23, Blatt 12

Der Zweitgeborene Julius von Meien (Abb. 8) hatte die Offizierslaufbahn eingeschlagen und stand in preußischem Dienst. Er hatte 1839 geheiratet und lebte mit seiner Familie in Koblenz. Von seinen vier Kindern waren 1845/46 erst zwei geboren: Minna Magdalene und Friedrich Wilhelm, die als Fünf- bzw. Dreijähriger auf dem Familienbild zu sehen sind. Es zeigt Julius im Alter von 34 Jahren in Zivil und seine Frau Therese, die 1851 starb. Mathilde von Meien hat den Bruder und seine Familie als junges Mädchen mindestens zweimal besucht und dort sicherlich im Haushalt unterstützt, auf ihre Aufenthalte dort weisen die Stammbucheintragungen aus Koblenz im September/Oktober 1950 und im Juni 1853 hin.

Porträtzeichung von August von Meien
Abb. 9: August von Meien
Album Nr 23, Blatt 7

Ebenfalls nach einem Jurastudium in den lippischen Staatsdienst eingetreten war Mathildes dritter Bruder August von Meien (Abb. 9), den Geißler als 32-Jährigen mit Vollbart wiedergab. Er wurde aufgrund der väterlichen Beziehungen im Januar 1846 als Amtsassessor in Schötmar angestellt, schon im Folgejahr nach Lage und 1853 nach Detmold versetzt, was seinen Ansprüchen auf Teilnahme am gesellschaftlichen Leben sehr entgegenkam. Später war er viele Jahre Amtsrat in Varenholz.

Abb. 10: Theodor von Meien
Album Nr 23, Blatt 10

Wieviel Wert Theodor von Meien (Abb. 10), der vierte von Mathildes Brüdern, auf Epauletten legte, zeigt nicht nur sein von Norbert Hohaus zitiertes späteres Tagebuch – das zeigt auch Geißlers Portrait des damals 26-Jährigen in leger aufgeknöpfter Uniform mit sehr repräsentativen Schulterstücken. Theodor von Meien hatte die Königlich Preußische Divisionsschule in Münster besucht und diente seit 1841 im Bataillon Lippe. 1844-1847 absolvierte er in Berlin eine höhere militärische Ausbildung. 1846, als Geißlers Portrait entstand, hatte er den Dienstrang eines Seconde-Lieutenants, im Dezember dieses Jahres wurde er zum Premier-Lieutenant befördert. Er beendete seine Karriere im Rang eines Hauptmanns und lebte nach seiner Pensionierung bei seinem wie er selbst unverheirateten Bruder Emil auf Gut Exten.

Porträtzeichnung von Emil von Meien
Abb. 11: Emil von Meien
Album Nr 23, Blatt 2b

Dieser, Emil von Meien (Abb. 11), war 1844 aus der Sekunda des Gymnasiums Leopoldinum abgegangen und hatte eine landwirtschaftliche Ausbildung in Hausberge bei Minden begonnen. Im April 1846 war er nachweislich zu Besuch im Elternhaus, im Juni 1846 trug er sich in Mathildes Stammbuch ein; sicherlich ist bei einem dieser Besuche Geißlers auf 1846 datiertes Portrait entstanden. Später verwaltete er das Gut in Exten, dessen Eigentümer er nach dem Tod der Mutter wurde. Das Stammbuch enthält von ihm als einzigem Familienmitglied auch handschriftliche Verse: als geeignet für seine kleine Schwester erschienen ihm Schillers Hexameter von der „Macht des Weibes".

Abb. 12: Wilhelm von Meien
Album Nr 23, Blatt 2a

Erkennbar der jüngste der Portraitierten ist Wilhelm von Meien (Abb. 12), zu diesem Zeitpunkt noch Schüler am Leopoldinum, wo er 1846 das Abitur ablegte. Sein besonderes Zeichentalent wurde mehrfach lobend erwähnt. In Mathildes Stammbuch finden sich eine von ihm ausgeführte, sehr feine Federzeichnung der Flora, datiert 1846, und das Aquarell zweier Getreidehalme mit Efeuranke, namentlich gezeichnet. Wilhelm von Meien ging 1847 zum Studium an die Bauakademie in Berlin, kehrte dann nach Detmold zurück und arbeitete hier bis zu seinem frühen Tod 1875 als Architekt. Eine feste Anstellung im Staatsdienst erhielt er erst 1865 durch seine Ernennung zum Hofbaumeister, 1872 zum Hofbaurat.

Porträtzeichnung von Helene oder Louise von Meien
Abb. 13: Helene (?) von Meien
Album Nr 23, Blatt 4

Und dann ist noch jemand übrig. Das Stammbuch enthält ein weiteres Frauenportrait (Abb. 13), das – wenn nicht ebenfalls die Mutter Louise – nur die kränkliche Tante Helene darstellen kann, die im Haushalt ihres Bruders Christian von Meien lebte. Kein Bildnis ist enthalten von der Stammbuchhalterin Mathilde von Meien selbst. Es müsste sie zeigen als Teenager im Konfirmandenalter. Dass Julius Geißler die ganze Familie, nicht aber das Nesthäkchen portraitiert hat, ist nicht anzunehmen. Aber wir wissen es nicht.