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„Ein herzig Lied!“
Ein Albumblatt Ferdinand Freiligraths aus Bad Rippoldsau (1868)

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 102 (2009) H. 2, S. 48-50.

Ein hübsches 12zeiliges Gedichtautograph Ferdinand Freiligraths auf einem Albumblatt befindet sich seit Kurzem im Literaturarchiv der Lippische Landesbibliothek. Es trägt am Schluss eine dreizeilige Widmung, seine Unterschrift sowie Ort und Datum. Bei dem Gedichtfragment handelt es sich um die Übersetzung zweier Strophen des 18strophigen Gedichts „Epistle to William Simson“ aus der Feder des schottischen Dichters Robert Burns (1759-1796). Schon früh von diesem fasziniert, hatte Freiligrath die Epistel übersetzt und ihr den Titel „An einen Freund“ gegeben. Die hier niedergelegten Strophen 14 und 15 und der übrige Text lauten:

Signatur: FrS 583

In jeder Tracht voll Reizes nur
Bist du dem Herzen, o Natur, -
Ob licht und lachend nun die Flur
Der Lenz belaube,
Oder durch’s Land auf öder Spur
Der Winter schnaube!

Nie ließ die Muse sich gewinnen,
Trieb es den Dichter nicht, zu sinnen
Einsam, wo Bäche rieselnd rinnen,
Und rauscht das Ried;
O süß, zu schweifen u[nd] zu spinnen
Ein herzig Lied!

Zur freundlichen Erinnerung an die schönen Sommertage unter den rauschenden Tannen
u[nd] Quellen von Rippoldsau
F[erdinand]Freiligrath

Rippoldsau,
4. August 1868.

Der im Jahre 1810 in Detmold geborene Freiligrath schrieb diese Zeilen in dem kleinen Kurort Bad Rippoldsau im Herzen des Schwarzwaldes, etwa 15 Kilometer südwestlich Freudenstadt am Südabhang des Kniebis gelegen; das wildromantische Tal der Wolf rühmt sich noch heute, eines der schönsten Täler des Schwarzwalds zu sein.

Rippoldsau
Signatur: FrS B 106

1868 bedeutete für den Dichter ein ereignisreiches Jahr. Denn nach 17 Jahren des Exils in London bahnte sich zu Beginn des Jahres die Rückkehr nach Deutschland an. Eine Nationaldotation in Höhe von etwa 60.000 Talern (ca. 550.000 Euro), von Freunden aus Barmen und Stuttgart initiiert, sollte ihm und seiner Familie einen abgesicherten Lebensabend in einer schönen Gegend Deutschlands ermöglichen. Das Ziel blieb zunächst ungewiss. Preußen kam nicht in Frage, da Freiligrath dort seit Sommer 1851 wegen revolutionärer Umtriebe und Aufwiegelung steckbrieflich gesucht wurde. Wenn auch mit dem Vollzug des Steckbriefs kaum mehr zu rechnen war, mochte er sich dort ohne Begnadigung durch ein ordentliches Gericht nicht dauerhaft niederlassen. Noch im November 1867 teilte er einem Freund mit, dass er über „das Wo meiner künftigen Niederlassung (...) augenblicklich selbst noch ganz und gar im Dunkeln“ sei. Im Laufe des Frühjahrs 1868, nach einer – unbehelligten - Reise an den Rhein, hatte sich der deutsche Süden oder Südwesten herauskristallisiert, und Freiligrath äußerte am 12. Juni 1868 gegenüber Wilhelm Vollmer, Lektor in der Cottaschen Verlagshandlung und Herausgeber der Augsburger Allgemeinen Zeitung in Stuttgart, dass er neben Süddeutschland auch „an die ländliche Umgebung Stuttgarts gedacht“ habe; selbst das Bodensee-Gebiet würde ihm gefallen. Dieser Brief ist zudem für die Überlieferung der Burns-Übersetzung wichtig, denn Freiligrath legte zwei Gedichte „nach meinem alten Burns“ bei  und bat den Redakteur, diese im Feuilleton der genannten Zeitung zu veröffentlichen. Dieser folgte der Bitte, und es erschien die bisher nicht publizierte Übersetzung  „An einen Freund“ nach Robert Burns am 26. Juni in der Wochenausgabe der Augsburger Allgemeinen Zeitung; eine Woche später folgte mit der „Elegie auf den Tod eines Freundes“ auch das zweite übersetzte Gedicht. Es spricht einiges dafür, dass der Dichter beide Poems erst in jüngerer Zeit in London übertragen hatte. Die Lippische Landesbibliothek besitzt ein weiteres Freiligrath-Autograph der 15. Strophe von „An einen Freund“, das vom 2. Februar 1868 datiert, da lag die Übersetzung zumindest schon vor. Später erschienen beide Gedichte in den einschlägigen Werkausgaben.

Freiligrath, 1870
Signatur: FrS B 21

Seit Februar 1868 war die Familie in der Londoner City mit Umzugsvorbereitungen befasst. Erwartungsgemäß bereitete Freiligraths umfangreiche Bibliothek, die bei seinem Tode 8.000 Bände zählte, erhebliche Probleme. Sie wurde in Kisten verpackt und im Mai mit anderem Hausrat zunächst eingelagert. Im Juni wurden das weitere Vorhaben konkreter, denn Freiligrath ließ brieflich wissen, dass er „aus Gesundheitsrücksichten für eines meiner Kinder einen kurzen Aufenthalt in irgend einem kleinen Bade der Pfalz oder des Schwarzwaldes“ einplane, und „der Londoner Aufbruch hat uns mehr mitgenommen und mehr Zeit gekostet, als wir erwartet hatten, und jetzt bedürfen wir in jeder Weise der Ruhe, und Louise [Freiligraths jüngere Tochter] muß in’s Bad“. Am 24. Juni erfolgte der Aufbruch in London und über Rotterdam fuhr man, unterbrochen von einem durch begeisterte Freunde am 27. Juni erzwungenen Aufenthalt in Köln, mit einem Dampfer den Rhein stromaufwärts bis Mannheim. Von dort ging es vermutlich weiter mit der Eisenbahn nach Hausach im Kinzigtal und am 30. Juni erreichte die Reisegesellschaft Bad Rippoldsau. Welche Empfehlung Freiligrath veranlasst hat, das Bad im Tal der Wolf aufzusuchen, erfahren wir nicht.

Die Quellen und medizinischen Anwendungen des Rippoldsauer Sauerbrunnens waren neben der lieblichen Lage des traditionsreichen Heilbades seit langem bekannt und beliebt. Seit dem späten 16. Jahrhundert entwickelte sich dank der Privilegierung durch die Grafen von Fürstenberg zu Donaueschingen sowie im ausgehenden 18. Jahrhundert durch eine geschäftstüchtige und innovative Betreiberfamilie ein florierender Kur- und Badebetrieb. Zur Zeit Freiligraths warb das Bad mit seinen salinischen Säuerlingen, „reichhaltig an freier Kohlensäure, Eisen und Salzen“, die ihre Heilkräfte bei Verdauungsstörungen, Blutarmut, Nervenleiden und Krankheiten der Harnwege entfalten, ferner wurden verschiedene therapeutische Bäder sowie Milch- und Molkekuren sowie die Natronsäuerlinge empfohlen. Rippoldsau erfreute sich beim Adel und beim gehobenen Bürgertum des In- und Auslands zunehmender Beliebtheit. Gern besuchten Gelehrte, Künstler und Literaten das Bad. Zu letzteren gehörten neben Freiligrath vor allem Nikolaus Lenau, Berthold Auerbach, Paul Heyse und der Stammgast Joseph Victor von Scheffel aus Karlsruhe, der Verfasser des „Trompeters von Säckingen“ und des „Ekkehard“. Später trat Rainer Maria Rilke hinzu, auch die Komponisten Johannes Brahms und Max Bruch weilten bevorzugt am Hang des Kniebis.

Stich auf einer Ansichtspostkarte
Rippoldsau, von Kniebis kommend
FrS B 107

Freiligrath war der Ruhe und Entspannung sowie der angegriffenen Gesundheit seiner Tochter wegen ins Bad gereist; er hatte sich selbst noch im Winter 1867/68 in London einer Diät-Kur unterzogen, die ihn innerhalb von drei Monaten 20 kg abnehmen ließ. „Ich bin ordentlich schlank (…) und ein total anderer Mensch geworden“, schrieb er im Februar 1868 an einen Vertrauten in Düsseldorf. Ob er diese Kur nun im Schwarzwald fortgesetzt hat, ist nicht bekannt; angesichts seiner photographisch dokumentierten stattlichen Leibesfülle sind Zweifel angebracht. Der gefeierte und in diesen Tagen bekannteste deutsche Dichter stand in Bad Rippoldsau erwartungsgemäß im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses, so dass es mit der erhofften Ruhe nicht weit her gewesen sein dürfte. Dennoch fühlte er sich hier ausgesprochen wohl. Gegenüber seinem Freund Levin Schücking schwärmte er am 7. Juli von rauschenden Tannen und rieselnden Wassern: „Alles ist herrlich und schön, wenn auch etwas langweilig“. Das lag nicht nur am schlechten Wetter, sondern es fehlte an Lektüre, so dass er den genannten Wilhelm Vollmer bitten musste, ihm die letzten Ausgaben der Augsburger Allgemeinen mit ihren Wochenausgaben in den Schwarzwald nachzusenden. In einem gereimten Stimmungsbild der Gegend um Rippoldsau bekundete er seiner ältesten Tochter Katharine in London Anfang August sein Wohlgefühl: „Wo ich heute die Feder führe, / Rauscht der Wald vor meiner Türe, / Rauschen hundert Wässerlein; /  Rauschen, rinnen, rippeln, rieseln, / Bald auf Moos und bald auf Kieseln, / Und die Grillen zirpen drein“, dichtet er und fährt fort, „es ist wirklich sehr schön hier. Wald und Wasser, Bäume und Bäder – das ist die Losung im Tale von Rippoldsau“. Und als wenige Tage nach seiner Abreise ein Sommertheater mit dem Bühnenstück „Die Gründung von Rippoldsau“ eröffnet wurde, ließ er sich nicht lange bitten und verfasste einen launigen „Prolog“ in fünf Strophen, der die Schönheiten und die Heilkräfte des Bades preist.

Auch das Geschäftliche kam während des Aufenthalts in Rippoldsau nicht zu kurz. Freiligrath nutzte die Zeit zu Korrespondenzen mit seinem Verleger Eduard Hallberger und der Cottaschen Verlagshandlung in Stuttgart. Mittlerweile war bei Cotta die 24. Auflage seiner „Gedichte“ herausgekommen, das war jene Sammlung, die ihn vor 30 Jahren weltberühmt gemacht hatte. 800 Gulden Honorar und einige Belegexemplare der Neuauflage ließ er sich in den Kurort übersenden. Die Freude wurde allerdings getrübt durch die ständige Frage, wo er sich endgültig niederlassen solle. Stuttgart und Cannstatt, wohl aufgrund der Nähe zu den Verlegern, galten nach wie vor als Favoriten. Aufschluss über die dann doch kurzfristig getroffene Entscheidung über den künftigen Wohnsitz vermittelt ein Brief vom 3. August 1868 an seinen Freund Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882), einen amerikanischen Schriftsteller, den er seit 1842 kannte und dessen Werke er ins Deutsche übertragen hatte. Danach sah er vor, Bad Rippoldsau am folgenden Tag zu verlassen, um sich in Cannstatt nach einer Wohnung umzusehen; bis diese gefunden war, wollte man im dortigen Hotel „Hermann“ Logis zu nehmen. So ist es offenbar auch geschehen, und nach einigen Wochen fand die Familie ein passendes Domizil in Stuttgart; 1874 kehrte sie nach Cannstatt zurück, wo der Dichter am 18. März 1876 starb.

Für die Überlieferung des Albumblattes, das nach 140 Jahren den Weg in die Freiligrath-Sammlung der Lippischen Landesbibliothek gefunden hat, ist es interessant zu wissen, dass der Dichter Verse und Gedenken noch an seinem Abreisetag aus Bad Rippoldsau – am 4. August 1868 –  in ein Freundschaftsalbum geschrieben hat. Er hat die Strophen eines erst jüngst übersetzten und publizierten Gedichts, die der anmutigen Situation im Schwarzwaldbad angemessenen waren, dazu ausgewählt. Wir wissen nicht, wer damals der Besitzer oder die Besitzerin des schönen Albums mit Goldschnitt gewesen ist. Wie häufig geschehen, wurde es später zerlegt und Blätter mit Einträgen namhafter Persönlichkeiten gerieten in Sammlerhände und in den kommerziellen Handel.