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„Letzte Aussicht Varus. Arbeiten von Rainer Nummer“

Rede zur Eröffnung von Mayarí Granados

Der Detmolder Künstler Rainer Nummer beschäftigt sich schon lange mit dem Thema der Varusschlacht und all seinen Facetten. Vor allem aber ist Rainer Nummer ein Zeichner, der seine Arbeiten als eine Hommage an Handzeichnungen des 19. Jahrhunderts sieht, die eine wichtige Inspirationsquelle für ihn darstellen. Die ausgestellten Werke – mit Ausnahme natürlich der Figuren -  sind alles Arbeiten auf Papier, und es gibt nur eine einzige farbige Arbeit.  Ansonsten beherrschen braun-schwarze Linien die Blätter. Die Linie und ihre kalligraphischen Eigenschaften sind wichtig, in dem Sinne haben  Zeichnungen auch einen Bezug zur Bibliothek. Schaut man sich die Arbeiten näher an, so fällt vor allem eines auf: Sie sind überwiegend auf Packpapier gezeichnet und ungerahmt aufgehängt. Das fragile Material behauptet sich als autonomes künstlerisches Mittel.  Dem Künstler liegt die Arte Povera nahe, dem will er mit seinem Material Packpapier entsprechen – die Armut, Direktheit des Materials fasziniert ihn.

Als Einstieg möchte ich näher auf eine Arbeit eingehen, die Sie hier über der Garderobe sehen. Es handelt sich um eine Situation im Unterholz. Zunächst ist der Blick des Betrachters durch die massiven, schwarzen Balken  blockiert, es ist ihm nicht möglich, daran vorbei zu schauen. Dann erkennt er, dass die Darstellung der Blick eines Beobachters einer Schlacht sein kann, der im Schutz der Bäume das Geschehen beobachtet, nahe dran ist aber zugleich eine gewisse Distanz wahrt. Dies ist ein gestalterisches Element, welches wir in allen Arbeiten finden: die Blätter zeigen alle den Blick von Beteiligten der Schlacht, oder zumindest von Beobachtern der Schlacht. Der Künstler zieht durch seine unmittelbare, emotionale Herangehensweise den Betrachter ins Getümmel hinein. Es ist fast unmöglich, sich dieser Wirkung zu entziehen, lässt man sich erst mal auf die Arbeiten ein. Das Thema ist durchweg emotional angegangen, an keiner Stelle distanziert sich der Künstler durch einen wissenschaftlichen Blickwinkel.

Um dies zu erreichen, hat der Künstler sich eine bestimmte Zeichentechnik angeeignet. In seiner Ausbildung in den 70er und 80er Jahren war die Zeichnung besonders wichtig, dahin kehrt er jetzt verstärkt zurück. Deshalb unterscheiden sich die Arbeiten auch deutlich von früheren Werken des Künstlers. Die Figuren und Zeichnungen entstehen schnell, spontan, aus dem Bauch heraus, ohne Vorplanung, die Struktur entsteht von selbst und überrascht manchmal auch den Künstler. Er beginnt irgendwo auf dem Blatt mit seiner Zeichnung, beispielsweise in der Mitte oder auch in einer Ecke, und „springt“ von Ort zu Ort, ohne ein bestimmtes System einzuhalten. Der schnelle, nervöse Strich ist ein neues Ausdrucksmittel Rainer Nummers. Mit diesen Linien und Zeichen, die mal nervös, mal bestimmt, selbstbewusst oder fragil sind, lässt der Künstler Szenerien entstehen, die eine bestimmte Atmosphäre ausdrücken. In der Verbindung Landschaft und Zeichen geht es vornehmlich um die Linie, die als autonomes gestalterisches Mittel zu sehen ist. Erst an zweiter Stelle kommt im Werk des Künstlers das Thema des Bildes zu seinem Recht. Dies liegt auch daran, dass es auf den Zeichnungen voll ist, dass es sozusagen „wimmelt“, so dass das Auge des Betrachters erst nach und nach  in der Lage ist, die vielen einzelnen Elemente zu erfassen.
Blickt man auf die großen Arbeiten auf Packpapier, sieht man erst mal so viel, dass man nichts sieht. Der Betrachter muss innerlich sortieren, das eigene Ortungssystem aktivieren, erst dann erkennt er in den zunächst wirr erscheinenden Linen und Strichen Elemente wie Wald und darin verschwindende menschliche Figuren. Hier passt das Sprichwort „Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht“ und man kann es erweitern hin zu: und das, was sich darin befindet, erst recht nicht. 

Neben den Arbeiten auf Packpapier gibt es auch noch andere Werke in dieser Ausstellung, zum Beispiel die Bildfahnen, die im Treppenhaus zu sehen sind. Diese sind auf zwei Seiten gestaltet, so wie das Leben auch immer zwei Seiten hat – im Falle einer Schlacht immer Sieg und Niederlage.

In manchen der gezeigten Arbeiten tauchen Textfragmente auf, die sich auf die Gegend beziehen und die Nummer meist aus Zeitschriften hat, die etwas über die Varusschlacht schrieben, (z.B. National Geographic). Einzelne Textfragmente oder auch nur Wortfragmente faszinierten den Künstler so sehr, dass er sie in seine Arbeiten einbezog, wo sie zunächst in all den Linien und Strichen kaum auffallen.

Eine weitere Arbeit, die Sie im 1. Stock erwartet, besteht aus Figuren, die auf Plexiglasscheiben hoch über den Büchern stehen. Dies ist eine „Armee“ mit 100 Römern. Die Figuren sehen aus wie aus Stein, sind aber ganz leicht . Durch die Aufstellung auf Plexiglasplatten ist die Schlacht von überhall her zu sehen, aus allen Perspektiven. Man sieht „Drohgebärden“, die Verletzlichkeit der Truppen durch die Hinterlist Hermanns. Die römische Kampfmaschine galt als unüberwindbar, dies war nur möglich durch die Situation im Wald und das entstandene Chaos.

Nummer zeigt in dieser Ausstellung, wie er selbst sagt: „Lügen, Legenden, Mythen, Kindheitserinnerungen und Assoziationen“. Lügen, weil der Künstler viele Selbstverständlichkeiten in Frage stellt: das Papier erscheint alt, ist es aber nicht, die Figuren sehen schwer aus, sind es aber nicht. Die Selbstverständlichkeit des Materials wird hier auf den Kopf gestellt. In übertragenem Sinne ist auch der Ort der Schlacht eine Legende, ein Mythos, der eine wichtige Bedeutung hat, selbst wenn der wahre Ort der Schlacht noch nicht bekannt ist, bzw. in wissenschaftlichen Kreisen umstritten. Kindheitserinnerungen kommen hinzu, da der Künstler am Fuß des Hermannsdenkmals aufwuchs und immer wieder im Teutoburger Wald unterwegs war, dem Ort des Mythos. So ist auch die Affinität zum Wald zu erklären, die ja in den hier gezeigten Arbeiten deutlich wird. Assoziationen kommen an einem solchen Ort einem Künstler fast von selbst, und müssen dann nur noch „auf Papier gebannt werden“.

Das Thema der Varusschlacht beschäftigt den Künstler schon lange. Auch in seinem frühen Werk finden sich immer Anklänge daran, an den Wald, die Menschen, die er nun verstärkt wieder aufgreift. Der Künstler hat, wie er selbst sagt,  ein Heimatempfinden, jedoch besteht trotz seines Respekts vor dem Hermannsdenkmal in seiner Monumentalität immer eine kritische Distanz gegenüber dem in Richtung Frankreich gerichteten Schwertes. Um diese kritische Haltung zeichnerisch auszudrücken, beschleunigte Nummer seinen Duktus, um mit Körpern in Bewegung das Absurde der Ansammlungen, der Menschenansammlungen in einer Schlacht,  deutlich zu machen.

Neu in den hier gezeigten Werken und der Arbeitsweise Nummers ist eine Rückkehr zur Gegenständlichkeit, die der Künstler lange gemieden hatte. Er bewegt sich in diesen neuen Arbeiten weg von Zeichen, von Chiffren, von Gesten, die bislang seine Arbeit beherrschten. Diese Gegenständlichkeit drohte den Künstler während des Arbeitsprozesses zu überwältigen, so dass er sich an manchen Punkten wieder zur Distanz der Linie, des Zeichens zurückzog.

Ich hoffe, ich konnte ihnen einen Einblick in die Arbeiten Nummers geben, die Sie hier sehen können. Sicher ist der Künstler auch bereit, nachher einige Fragen zu beantworten. Ich möchte Sie auch noch darauf hinweisen, dass das Thema der Varusschlacht noch in einer weiteren Ausstellung von zeitgenössischen Künstlern aufgegriffen wird. Am 10. Juli eröffnet im Rahmen der Schwalenberger Kunstnacht die Ausstellung „Warum Varus? Künstlerische Annäherung an einen Mythos“ mit Arbeiten von Rainer Nummer, Axel Plöger und Ernst Thevis in der Städtischen Galerie in Schwalenberg. Dort wird die hier gezeigte Arbeit Nummers fortgesetzt und im Wechselspiel mit zwei anderen künstlerischen Medien – Malerei und Bildhauerei – gezeigt.

Die Autorin

Dr. Mayarí Granados ist Kunsthistorikerin und Mitarbeiterin der Lippischen Kulturagentur des Landesverbandes Lippe. Sie ist u.a. verantwortlich für das Programm rund um die Malerstadt Schwalenberg.