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„Dein aufrichtig Dir verpflichteter Freund“. Das Stammbuch des Christian Ferdinand Falkmann

von Lothar Weiß

Druckfassung in: Heimatland Lippe. - 102 (2009), S. 340 - 342.

Im Jahr 2008 bot sich der Lippischen Landesbibliothek Detmold die Gelegenheit, aus dem Handel ein für Lippe wichtiges Stammbuch in Loseblattform zu erwerben, das sich bei näherem Hinsehen als das von Christian Ferdinand Falkmann (1782-1844) erwies.

Er war Prinzenerzieher, Lehrer und Gymnasialdirektor in Detmold mit literarischem Einfluss auf seine Schüler Ferdinand Freiligrath und Christian Dietrich Grabbe, selbst auch Dichter und erfolgreicher sprachdidaktisch-pädagogischer Autor.

Übersicht

Abb. 1: Das liebevoll in drei Sprachen und drei Farben gestaltete Blatt des unbekannten Franzosen de la Ruelle stellt in dieser Zeichung den Trennungsschmerz bei einem Abschied dar.
Album Nr 24, Blatt 73r (Ausschnitt)

Es handelt sich bei dem Stammbuch um 77 Blätter mit 78 Einträgen aus der Zeit von 1800 bis 1814 (mit drei Ausnahmen).

Dieser Zeitraum umfasst Falkmanns letzte Monate als Schüler des Gymnasiums in Lemgo mit 28 Einträgen, die drei Jahre seines Studiums in Göttingen mit 42 Einträgen und fünf aus dem folgenden Jahrzehnt seiner Tätigkeit in Detmold als Prinzenerzieher und Lehrer am Gymnasium.

Die einzelnen Blätter haben meistens etwa die Größe einer Postkarte. Zehn Blätter tragen vorgedruckte Ansichten aus Göttingen und Umgebung, vier sind mit eigenhändigen Zeichnungen der Einträger geschmückt. Die Sprache der Texte ist überwiegend Deutsch, 24 sind völlig oder teilweise auf Latein, fünf sind vollständig oder teilweise auf Französisch, sechs enthalten etwas Griechisch; Hebräisch, Italienisch und Englisch sind auf je einem Blatt zu finden. Mehrfach findet man Gedichte oder Zitate aus der Literatur.

Bei etwa 20 Einträgen haben die Schreibenden einen zusätzlichen Sinnspruch angefügt. Etwa zehn Freunde aus der Göttinger Studentenzeit erinnern teilweise ausführlich an gemeinsame Erlebnisse. Ebenso häufig hat Falkmann selbst kurze Bemerkungen über den Einträger notiert.

Wohl ohne Ausnahme stammen die Einträge aus dem Familienkreis, von Freunden und Mitstudenten und anderen Bekannten. Fast immer sind sie anlässlich eines Abschieds geschrieben worden. Die freien Formulierungen mit den Beteuerungen der Verbundenheit und Freundschaft erscheinen heute recht überschwänglich – es ist ja die Zeit der Romantik.

Drei der Blätter können wegen des Eintragsjahres oder des Ortes nicht in einen Bezug zu Falkmann gebracht werden. Erstaunlicherweise enthält das Stammbuch im heute vorliegenden Umfang keine Einträge seiner Lemgoer Lehrer wie Mensching und Reinert oder seiner Göttinger Professoren wie Ammon und Staeudlin, wie man es eigentlich erwarten dürfte. Sie sind vermutlich in den vergangenen zwei Jahrhunderten verloren gegangen.

Dieses Stammbuch hat sich wohl in den letzten 50 Jahren im Besitz eines Sammlers von Stammbüchern befunden; das kann auch erklären, weshalb die Blätter heute in einer etwa zeitgenössischen Buchkassette aufbewahrt werden, die sicherlich nicht Falkmann gehörte.

Erschließung

Blatt 70 recto aus dem Stammbuch Nr 24
Abb. 2: Der gerade zwölfjährige Alexander von Blomberg aus Iggenhausen (später als romantischer Dichter bekanntgeworden und 1813 in den Befreiungskriegen gegen Napoleon gefallen) widmet am 1. März 1800 in Lemgo seinem Mitschüler Falkmann neben einer eigenhändigen Zeichnung ein Zitat des damals hochgeschätzten Nicolas Boileau – das man nämlich den Seelenfrieden in sich selbst suchen müsse.
Album Nr 24, Blatt 70r

Bei der Erschließung der Einträge sind einige Schwierigkeiten zu überwinden:

  • Die eigenhändigen Schriften sind z.T. recht wenig sorgfältig, sie tragen hin und wieder sehr individuelle Züge.
  • Der Name ist in der Unterschrift häufiger ohne Vornamen oder nur mit Initialen angegeben.
  • Die Identifizierung des Einträgers ist erforderlich, um genauer zu wissen, in welcher Beziehung Falkmann zum Einträger stand.
  • Die Lesung der Namen konnte durch Schulschriften des Lemgoer (18 Namen) und des Detmolder Gymnasiums (8 Namen), die Matrikel der Universität Göttingen, die genealogische Sammlung Brenker und die Kirchenbücher und Kirchenbuchkarteien im Landesarchiv Detmold gesichert werden. Dabei ergaben sich dann auch grundlegende biographische Daten der Einträger und die Verbindung zu Falkmann, über die eigenen Angaben hinaus.
  • Von den 77 Einträgern wurde den drei ohne erkennbare Beziehung zu Falkmann nicht nachgegangen, über zwei Franzosen in Lemgo konnte nichts ermittelt werden. Bei fünf Einträgern ist die Identifizierung nicht eindeutig, sondern es bieten sich verschiedene Möglichkeiten.
  • Bei den verbleibenden 67 Einträgern kann die Identifizierung als gesichert angesehen werden.

Es zeigt sich, dass das Stammbuch für Lippe von großem Interesse ist: Nach Herkunft oder Tätigkeit haben 46 Personen einen Bezug zu Lippe, 19 lippische Orte sind vertreten.

Diese lippischen Bezüge sollen im Folgenden etwas genauer dargestellt werden.

Vor dem Studium

Falkmann war Ostern 1797 von der Rektorschule in Schötmar an das Gymnasium in Lemgo gewechselt, um dort in den oberen Klassen die weitere Ausbildung für ein Studium zu erhalten. Angesichts des bevorstehenden Wegganges an die Universität sammelte er ab Januar 1800 seine Abschiedseinträge, insgesamt 28 sind erhalten.

Er begann mit seinen Mitschülern, neun trugen sich ein. Die meisten waren sicher aus seiner, der obersten Klasse und kamen aus unterschiedlichen lippischen Orten, aber auch zwei Nichtlipper sind darunter. Besonders bemerkenswert ist wohl das Blatt des erst 12jährigen Alexander von Blomberg, s. Abb. 2.

Zwei unbekannte Franzosen trugen sich ebenfalls ein, der eine ein protestantischer Geistlicher, der andere mit einem sehr liebevoll gestalteten Blatt, s. Abb. 1.

Aus Schwalenberg kommt ein Blatt der Luise Overbeck, Frau des dortigen Amtsrates. Weitere schrieben der Richter und Stiftssyndikus Gottlieb Adolph Topp aus Lemgo und seine Frau Friederike.

Im April verabschiedete Falkmann sich von seiner Familie. Sein Vater Christoph Henrich Ferdinand war in Blomberg geboren, hatte ebenfalls das Lemgoer Gymnasium besucht und war derzeit Amtsschreiber (später Amtmann) in Schötmar. Er ermahnte den Sohn, weiter fleißig zu sein und sich gut aufzuführen. Die Mutter Marianne Luise, geborene Köhler aus Detmold, forderte ihn auf, stets so zu leben, als ob die letzte Stunde bevorstände. Die Großmutter Henriette, geborene Curtius aus Blomberg, verwitwete Köhler und zuletzt Krecke in Salzuflen, wünschte ihm, neben Glückseligkeit auch Leid ertragen zu lernen.

Sein Halbbruder Friedrich Ernst (aus der ersten Ehe des Vaters) und sein Onkel Hermann Konrad in Horn gaben ihm ebenfalls Besinnliches und Zeichen ihrer Liebe mit auf den Weg.

Aus der entfernteren, angeheirateten Verwandtschaft, der Familie Seiff, erhielt er sechs Blätter. Die Seiffs lebten als Kaufleute, Weinhändler und Gastwirte in Detmold und Lemgo, wo ihnen um 1800 das Gasthaus „Zum goldnen Löwen“ in der Papenstraße gehörte.

In der Verwandtschaftsbezeichnung etwas großzügig, nannten sich deren Männer Vetter und die vier älteren und auch jüngeren Frauen Tante oder Nichte. In ihren besinnlichen Texten brachten sie dann meistens ihre Freundschaft zum Ausdruck.

Aus der Studienzeit

Blatt 2 recto des Albums Nr 24 mit handgeschriebenem Text und vorgedruckter Ansicht der Bibliothek der Uni Göttingen
Abb. 3: Das für viele studentische Stammbuchblätter typische Aussehen mit einer vorgedruckten Ansicht aus der Stadt oder der Umgebung – hier die Bibliothek (auch ihretwegen zählte Göttingen damals zu den bedeutendsten deutschen Universitäten). Zu ihrem gemeinsamen Abschied aus Göttingen schrieb im August Althaus (aus Falkenhagen, später für 37 Jahre Pfarrer in Heiligenkirchen) dieses Blatt. Wie andere auch erinnerte er dabei (auf der Rückseite) an eine Reihe gemeinsamer Erlebnisse aus der Studienzeit.
Album Nr 24, Blatt 2r

Am 29. April 1800 trug sich Falkmann als Student der Theologie in die Matrikel der Universität Göttingen ein, wo auch schon Vater und Onkel studiert hatten und später auch seine beiden Söhne studieren sollten. Aus dem dreijährigen Studium brachte er 42 Erinnerungsblätter zurück, etwa die Hälfte davon beim Abschied von Freunden, die anderen zum eigenen Weggang. Einige von ihnen scheinen durch die beigefügten „Verbindungszirkel“ ihre Mitgliedschaft in studentischen Orden oder Landsmannschaften anzudeuten.

Die Mehrzahl der Einträger waren Theologiestudenten wie er, sieben wurden später Pfarrer im Lippischen. Und insgesamt 19 hatten einen Bezug zu Lippe.

Aus den Blättern wird ersichtlich, dass er u.a. bei den Professoren Staeudlin und Ammon studierte, die als Vertreter des theologischen Rationalismus Bedeutung erlangten.

Falkmann besuchte einmal den Bruder Wilhelm Ludwig in Braunschweig; mindestens eine Heimreise machte er gemeinsam mit einem Freund aus Bielefeld.

Die Blätter aus der Göttinger Zeit sind in ihrer Art sehr unterschiedlich. Mehrmals sind eigene Gedichte zu finden, die Tonlage ist meistens sehr gefühlvoll, s. Abb 3. Häufiger wird ewige Freundschaft geschworen.

Nach dem Studium

Blatt 53 recto des Albums Nr 24 mit Eintrag des Prinzen Friedrich zur Lippe.
Abb. 4: Falkmann war ab 1803 für zehn Jahre der Erzieher und Lehrer der beiden Söhne der Fürstin Pauline gewesen, der Prinzen Leopold und Friedrich. Als diese im Oktober 1814 zum Studium nach Göttingen gingen, erhielt er von beiden Stammbuch-Einträge. Besonders die Zeilen des gerade 17jährigen Friedrich Prinz zur Lippe wird Falkmann mit großen Interesse zur Kenntnis genommen haben, er hatte ihn zu schreiben und stilvolles Deutsch gelehrt: „Was mein liebendes Herz für Dich empfindet, kann ich Dir nicht mit Worten sagen. Dir verdanke ich die Bildung meines Geistes und meines Herzens ...“
Album Nr 24, Blatt 53r

Im Frühjahr 1803 kehrte Falkmann aus Göttingen zurück und wurde bald von der Fürstin Pauline zum Erzieher und Lehrer ihrer beiden Söhne Leopold und Friedrich berufen.

Ab 1813 wurde er als Lehrer am Detmolder Gymnasiums tätig, als dessen Direktor starb er 1844.

Bis 1814 erhielt er fünf weitere Stammbuchblätter. Der lippische Hofmedikus und Hofrat Johann Christian Friedrich Scherf widmete ihrer Freundschaft ein passendes Goethe-Zitat. Friedrich Heinrich Jakob Kellner, lippischer Landrezeptor, trug zwölf lyrische Zeilen des Adolph von Knigge ein, wie man das Leben einrichten und empfinden solle – acht Jahre später heiratete Falkmann 1813 Kellners Tochter Dorothea Justine.

Die beiden zeitlich letzten Blätter stammen aus der vierten Oktoberwoche des Jahres 1814 – ein paar Tage bevor sich die beiden lippischen Prinzen Leopold und Friedrich an der Universität Göttingen zum Studium der „Schönen Wissenschaften“ eintrugen. Leopold, der ältere der beiden, dankte Falkmann in vertrautem Ton für alles Gute, „[…] es Dir wie ich wünschte vergelten“. Als regierender Fürst ließ er nach Falkmanns Tod dessen Pension aus der Tätigkeit als Prinzenerzieher an zwei der Kinder ohne eigenes Einkommen weiterzahlen. Die unverheiratete Tochter Emma Luise erhielt ihren Anteil bis zu ihrem Tode, 53 Jahre lang.

Das Verhältnis zwischen Falkmann und Prinz Friedrich scheint noch enger gewesen zu sein, was auch spätere Briefe belegen. Der Text seiner Widmung zeigt die persönliche Nähe, s. Abb. 4.

Zugang

Die vollständige Liste der Namen der Einträger findet man im Internet auf den Seiten der Lippischen Landesbibliothek im Überblick ihrer Sammlungen unter: http://www.llb-detmold.de/sammlungen/literaturarchiv/stammbuecher.html. Das Stammbuch selbst kann dann wie die anderen Kostbarkeiten der Bibliothek nach Voranmeldung im Lesesaal eingesehen werden.

 

Der Autor: Dr. Lothar Weiß, Oberstudienrat i.R., lebt in Detmold; früher am Engelbert-Kaempfer-Gymnasium Lemgo. 
Kontakt: Lothar.Weiss.Detmold(at)t-online.de