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Bummellied und Hymne – „Scheffels Teutoburger Schlacht“

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 103 (2009), H. 9/10, S. 254-256

Porträt Scheffels
Viktor von Scheffel

Als „Bummellied“ und „abnormes Epos“ charakterisierte der 22-jährige Joseph Victor (von) Scheffel seine Verse über die „Die Teutoburger Schlacht“, als er sie am 31. Oktober 1848 der Redaktion der „Fliegenden Blätter“ offerierte. Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass dieses Lied mit dem Eingangsvers „Als die Römer frech geworden“ bis heute zu einem seiner Erfolgsstücke werden sollte.

Der 1826 in Karlsruhe geborene spätere „Lieblingsdichter des deutschen Bildungsbürgertums“ Joseph Victor (von) Scheffel, Verfasser populärer Lieder, Versepen und historischer Romane, studierte nach dem Abitur Jura in München, Heidelberg und Berlin, brachte 1848 die Staatsprüfungen hinter sich und erwarb ein Jahr später den Doktorgrad. Zunächst trat er in den badischen Justizdienst ein, den er zu Gunsten seiner künstlerischen und literarischen Neigungen bald quittierte. Schon während dieser Zeit veröffentlichte er sein erstes Versepos „Der Trompeter von Säckingen“ (1854) und den historischen Roman „Ekkehard“ (1855); beide wurden allerdings erst zu Bestsellern, als ihn 1868 eine Gedicht- und Liedersammlung, die auch die „Teutoburger Schlacht“ enthielt, in ganz Deutschland bekannt gemacht hatte.

Ihren Ursprung haben die Verse des Schlachtenliedes zeitlich wahrscheinlich zwischen Scheffels Studentenleben und seiner Zeit als Rechtskandidat, denn diverse Erfahrungen und Einflüsse, darunter seine Abneigung gegen das römische Recht, die jugendliche Frivolität, aber auch populäre Ereignisse, wie die Fertigstellung des Sockels des Hermannsdenkmals, werden heiter-spritzig thematisiert. Die näheren Umstände, die den Verfasser veranlasst haben, sich mit dem Stoff der Schlacht im Teutoburger Wald zu befassen, kann man nur vermuten. Er selbst hat sich dazu nie geäußert. Es lag wohl an der allgemeinen Hermann-Begeisterung, die ihren Höhepunkt nicht erst im Denkmalsbau, sondern bereits zuvor in der weiten Verbreitung des Hermann-Motivs hatte, das in die dramatischen Bearbeitungen von Klopstock, Kleist oder Grabbe und in zahlreiche Opern, namentlich in Frankreich und Italien, eingeflossen war. Bei dem in der vaterländischen Geschichte bewanderten Scheffel regten sich dementsprechende lyrische Geister. Neben einigen gängigen Studentenliedern dürfte die unmittelbare Anregung zu seinem Bänkelgedicht von Heines „Deutschland, ein Wintermärchen“(1844), ausgegangen sein, dessen feinsinniger Spott an restaurativer Deutschtümelei sich bei den Studenten einer großen Popularität erfreute. Im sogenannten Arminius-Kapitel heißt es bekanntlich: „Das ist der Teutoburger Wald, / Den Tacitus beschrieben, / Das ist der klassische Morast, / Wo Varus stecken geblieben.“ Und die im „Drecke siegende deutsche Nationalität“ sowie der auf Spenden angewiesene Bau des Hermannsdenkmals dienten Heine als willkommene Zielscheiben seiner politischen Satire. Wenngleich Scheffel sicher Ähnliches fern lag, so nutzte er den vorgegebenen Stoff, um diesen für seine Humoreske auszuschlachten.

Erstmalig erschien die „Teutoburger Schlacht“ 1848 in den „Fliegenden Blättern“, die allgemeine Wertschätzung für ihre zielsichere satirische Charakterisierung des deutschen Bürgertums erfuhren und als Kompendium humoristischer Zeitkritik galten. In der Folgezeit wurden Scheffels Strophen in studentische Liedersammlungen und vor allem in die Kommersbücher aufgenommen; dort sind sie bis heute zu finden. Scheffels Anthologie „Gaudeamus! Lieder aus dem Engeren und Weiteren“ (die „Engeren“ waren ein Heildelberger Akademikerstammtisch) von 1868 brachte auch für die „Teutoburger Schlacht“ den Durchbruch und erlebte zahllose Auflagen, darunter auch zwei Ausgaben mit reichhaltigen Illustrationen des mit ihm befreundeten Historienmalers Anton von Werner (+ 1915); eine davon zeigt das nun fertig gestellte Hermannsdenkmal.

Ebenso wie Scheffel Anregungen verarbeitet hatte, boten auch seine Strophen wiederum Anreiz für Zu- und Umdichtungen. Obwohl die Abweichungen in Stil und Diktion auffallen und die neuen Verse Scheffels sprachliche Gewandtheit in Witz und Pointe vermissen lassen, wurden ihm solche Erweiterungen gern zugeschrieben. Dies galt namentlich für zwei Verse, die bierselig die Trinkfestigkeit preisen. Kritiker nahmen solche Verse gern zum Anlass, ihn als Saufpoeten abzuqualifizieren, was um den guten Ruf der Familie fürchten ließ. Auch spätere Verse, die sich Ernst von Bandel, dem entsagungsvollen Schöpfer des Hermannsdenkmals verpflichtet fühlten, wurden von ihm zwar toleriert, aber nie autorisiert. Viele dieser Zudichtungen gerieten im Laufe der Zeit glücklicherweise in Vergessenheit.

Die einzige dauerhafte Änderung erfuhren die Verse der „Teutoburger Schlacht“ anlässlich der Einweihung des Hermannsdenkmals im Jahre 1875. Die ursprünglich 13. und letzte Strophe, die spöttisch vom unfertigen Denkmal handelt („Und zu Ehren der Geschichten / Will ein Denkmal man errichten, / Schon steht das Piedestal, / Doch wer die Statue bezahl / Weiß nur Gott im Himmel!“), hatte nun ihren Sinn verloren und wurde umgeschrieben. Allerdings war auch der Urheber nicht selbst am Werk, sondern reimfeste Männer aus Herford sorgten für die Aktualisierung; die fand auch Scheffels Beifall, so dass er sie in spätere Auflagen der Sammlung „Gaudeamus“ übernehmen konnte. Die Ausgangsstrophe lautet seither: „Und zu Ehren der Geschichte, / hat ein Denkmal man errichtet; / Deutschlands Kraft und Einigkeit / Verkündet es jetzt weit und breit: / Mögen sie nur kommen!“ Mit der Neufassung ist zugleich die zwischenzeitlich vollzogene Umwidmung des Denkmals vom Sinnbild deutscher Einigkeit und Freiheit zum Macht und Stärke verkörpernden Nationaldenkmal preußisch-deutscher Prägung mit eindeutiger Zielrichtung gegen das revanchelüsterne Frankreich verbalisiert worden.

Angesichts der Feierlichkeiten zur Denkmalseinweihung im August 1875 wurde jedoch nicht nur der Text der „Teutoburger Schlacht“ verändert, sondern auch die Singweise erhielt einen neuen Anstrich. Die bisher dem Lied zu Grunde liegende Melodie des Volksliedes „Die Hussiten zogen vor Naumburg“, der Scheffel von Anfang an das Versmaß seines Gedichtes angepasst hatte, wurde im Zuge der Suche nach einer Festtagshymne für die Einweihungsfeierlichkeiten des Hermannsdenkmals verworfen. Da es sich bei einer neuen Melodie aber ebenso um eine jedermann bekannte und eingängige Singweise handeln musste, griff man auf die populäre Melodie des „Liedes vom Bürgermeister Tschech“ zurück. Dieses Lied, ein wahrer Gassenhauer, thematisierte das misslungene Attentat auf König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (1844) und wurde nach der Melodie des seinerzeit beliebten Festmarsches „Kriegers-Lust“ von Joseph Gungl (+ 1889), einem österreichischen Militärkapellmeister, gesungen. In einer geschickten Variation dieses Marsches aus der Feder des Dortmunder Musikverlegers und Gelegenheitskomponisten Ludwig Teichgräber, der auch die beißend-schmissigen Kehrreime mit simserim und wauwauwau einstreute, hatte Scheffels Lied die bleibende musikalische Fassung gefunden; nachfolgende Vertonungen konnten sich nicht mehr durchsetzen. Am 16. August 1875 wurde in Anwesenheit Kaiser Wilhelms I. das Hermannsdenkmal eingeweiht und die beteiligten Militärkapellen intonierten Scheffels „Teutoburger Schlacht“ im neuen Gewand. Text und Noten waren zuvor auf Bilderbögen in hoher Stückzahl unter die Leute gebracht worden, so war sicher gestellt, dass der vielstimmige Chor der Festbesucher das Lied nun im Beisein des Monarchen zur Festtagshymne erheben konnte. Der Dichter selbst, der 1876 anlässlich seines 50. Geburtstages in den Adelsstand erhoben wurde und am 9. April 1886 in Karlsruhe starb, hat die deutschlandweite Beliebtheit seines „verbummelten Studentenliedes“ nur noch in ihren Anfängen erleben können.