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„Ein Freund des Lipperlandes“ – Adolf Keysser, Bibliothekar in Köln, Pensionär in Hiddesen

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 103 (2009), H. 7, S. 197-199.

Adolf Keysser, 1922, aus C. Nörrenberg, A. K., ein Nachruf, Leipzig 1933

Mit der Überschrift „Ein Freund des Lipperlandes“ betitelte die Lippische Landeszeitung vom 15. Mai 1930 einen Beitrag in ihrem Lokalteil unter den Personalia der Stadt Detmold. Gemeint war Prof. Dr. Adolf Keysser, der an diesem Tag in Hiddesen seinen 80. Geburtstag feierte. Unmittelbar nach seiner Pensionierung als langjähriger Direktor der wissenschaftlichen Stadtbibliothek in Köln, der heutigen Universitätsbibliothek, hatte der Jubilar im Jahre 1915 die rheinische Metropole gegen den beschaulichen Luftkurort im Fürstentum Lippe als Wohnsitz eingetauscht. Damit zählte er zu den zahlreichen Geistlichen, Offizieren, Beamten, Lehrern und Industriellen, die sich in Detmold oder den umliegenden Villenvororten niedergelassen hatten, um hier einen angenehmen Lebensabend zu verbringen. Diese schon damals umworbene Klientel bereicherte das kulturelle und geistige Leben in der lippischen Residenz, so dass es nahe liegt, den biographischen Spuren eines solchen „zugezogenen Pensionärs“ einmal nachzugehen.

Keysser war der hiesige Landstrich nicht fremd, 1850 wurde er in Rinteln geboren, wo sein Vater Karl Keysser, ein alt gedienter kurhessischer Offizier, die Stellung eines Rentmeisters und Domänenrates bekleidete; seine Mutter Clementine war eine geborene Freiin von Spiegel zu Peckelsheim. Nach der Bürgerschule besuchte Adolf Keysser das Gymnasium des Weserstädtchens und legte dort 1868 das Abitur ab. Dank seiner Autobiographie „Jugendtage eines Kleinstädters“, die er 1927 publiziert hat, sind wir über seine Jugend- und Schulzeit gut unterrichtet; das Büchlein ist zugleich eine liebenswerte Reminiszenz an seine Mitschüler und  Lehrer sowie eine aussagekräftige Quelle zur Alltagsgeschichte seiner Heimatstadt. Sicher unter dem Einfluss des Vaters entschied er sich nach dem Abitur für die militärische Laufbahn und trat in das Schlesische Füsilier-Regiment Nr. 38 in Schweidnitz ein. Den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erlebte er als aktiver Seconde-Leutnant. Die Erinnerungen an seine Kriegsteilnahme hat er 1897 in einer kleinen Schrift niedergelegt. Indem er sich in erster Linie auf das Etappenleben, die Einquartierungen und die Kontakte zur Zivilbevölkerung im besetzten Gebiet konzentriert, bemühte er sich, dem Krieg menschliche Züge abzugewinnen. Aus unbekannten Gründen nahm er 1873 seinen Abschied.

Nach kurzem Interim als „Diätar“ beim Oberpräsidenten in Straßburg wurde er am 1. Mai 1874 als wissenschaftlicher Hilfsbibliothekar bei der Universitäts- und Landesbibliothek Straßburg angenommen, parallel dazu studierte er Rechts- und Staatswissenschaften und promovierte 1878 in Erlangen zum Dr. jur. Im gleichen Jahr wechselte er als Bibliothekar an die Kölner Stadtbibliothek und übernahm nach zwei Jahren deren Leitung; 1903 verlieh man ihm aufgrund seiner Verdienste den Professorentitel. Die bis dahin arg vernachlässigte Bibliothek baute er mit fachlicher Kompetenz und klaren konzeptionellen Vorstellungen zu einem anerkannten Bildungs- und Kulturinstitut aus. Dazu gehörten neben zeitgemäßen Organisationsformen, vor allem ein gesicherter Etat und ein fundiertes Erwerbungsprofil. Der Formal- und Sachkatalogisierung, der schon damals von ihm als unerlässlich erkannten bibliothekarischen Kooperation und Fragen des Berufsstandes sowie der Ausbildung widmete er vorrangiges Augenmerk. Die rheinische Regionalliteratur, und hier auch das so genannte Kleinschrifttum, lagen ihm besonders am Herzen. Noch heute lesenswert sind seine Überlegungen und Denkschriften zur regionalbibliographischen Theorie, gleiches gilt für seine sonstigen zahlreichen, von praktischen Gesichtspunkten geleiteten Veröffentlichungen. Als er Ende Mai 1915 aus dem Dienst schied, hatte die Stadtbibliothek nicht nur ein neues Gebäude erhalten, sondern war von ursprünglich 35.000 Bänden (1878) auf rund 250.000 Bände angewachsen, groß und bedeutsam genug, um die Grundlage für das bibliothekarische Zentrum der 1919 neu gegründeten Universität Köln zu bilden; diese Bibliothek trägt heute noch den Doppelnamen „Universitäts- und Stadtbibliothek“.

 Wir wissen nicht, was den Pensionär aus Köln veranlasst hat, sein Domizil an die Hänge des Teutoburger Waldes zu verlegen. Selbstverständlich war ihm diese Region bekannt, die Entfernung nach Rinteln beträgt allenfalls um die 50 Kilometer. Bereits als Schüler hatte er das Lipperland erwandert und die Externsteine sowie das Hermannsdenkmal besucht; noch an seinem 80. Geburtstag erinnerte sich der aufmerksame Waidmann daran, dass er vom Sockel des noch unfertigen Denkmals aus „ein gewaltig starkes Rudel Rotwild bergabwärts ziehen“ sah. Überhaupt gab es von Rinteln aus mannigfache freundschaftliche Beziehungen ins Lippische, und auch die Dienstmädchen der Familie kamen meist von dort; gleich wie sie auch hießen, stets wurden sie „Jette“ oder „Louise“ gerufen. Während seiner Kölner Zeit verlebte Keysser wesentliche Teile seines Urlaubs auf dem Gut Dudenhausen bei Alverdissen, um mit dem Gutsherrn Wilhelm Pape (1819-1899) auf die Jagd zu gehen, denn das Waidwerk hatte „den dummen Studiermachergesellen“, so der „alte Pape“, seit seiner Jugendzeit nicht mehr losgelassen. Manchen Spott musste der Junggeselle aus der rheinischen Großstadt über sich ergehen lassen, doch geizte der Jagdlehrmeister angesichts der waidmännischen Fortschritte seines Eleven nicht mit Lob. Mit der Sammlung und Herausgabe der Jagderzählungen, die Pape im Laufe der Jahrzehnte zum Besten gegeben hat, setzte Keysser im Jahre 1895 dem „lippischen Nimrod“ ein unvergleichliches Denkmal. Bei allem enthaltenen Jägerlatein bedeutet die Anthologie noch immer eine inhaltsreiche Quelle zur lippischen Jagdgeschichte und vermittelt manches vergessene Detail zeitgenössischen Landlebens. Das kleine Buch wurde 1924 noch einmal neu aufgelegt und war bald vergriffen, so dass sich eine Neuausgabe geradezu anbietet.

Haus Zwei Buchen in Hiddesen

Am Vorbruchweg in Hiddesen, heute Akazienstraße, hatte der Ruheständler ein Haus erworben, das er allerdings im Herbst 1919 an einen gleichfalls pensionierten Pastor veräußerte. Er selbst zog Mitte November in das nicht weit entfernte „Haus Zweibuchen“ im Vorbruch-Bent, heute Arminiusweg 26. Das alte Bauernhaus verdankte seinen Namen „einem Doppelposten in Gestalt zweier herrlicher Buchen“, wie Keysser an einen Freund schreibt. Dort mietete er bei der Rentnerin Emma Popp eine großzügige Wohnung mit  Einliegerapartment und einem Gästezimmer. Vormieter war der als Landschafts- und Architekturmaler bekannte Künstler Ernst Rötteken; dieser hatte sich kurz zuvor nach Detmold orientiert. Zu Keyssers Hausstand zählte noch seine Haushälterin Magdalene Pohlhaus, eine Witwe, und deren damals noch minderjähriger Sohn Gerhard; beide hatte er bereits aus Köln mitgebracht. Den leicht behinderten Gerhard bezeichnete der Senior gern als Pflegesohn und „Freude meines Alters“, ihm galt seine ganze Zuneigung.

Der Alltag eines Pensionärs verlief, sieht man einmal von den Annehmlichkeiten der Moderne ab, damals nicht wesentlich anders als heutzutage. Wie ein ihm Nahestehender später berichtet, „fand er Erholung in freundschaftlichem Familienverkehr und in der Natur“. Er wanderte und las viel, wenngleich er auf strapaziöse Touren aus Altersgründen bald verzichten musste. Kontakt pflegte er u. a. zu dem pensionierten Pastor Schmidt, dem er sein Haus verkauft hatte, und wohl auch zu einem ebenfalls aus Rinteln gebürtigen Kaufmann, der auf der Schanze eine prächtige Villa bewohnte. Mit seinem Berufskollegen Prof. Dr. Ernst Anemüller (1859-1943), bis 1924 Direktor der Lippischen Landesbibliothek, hatte er sich schnell überworfen, ohne dass man die Hintergründe erfährt. Aus der Korrespondenz mit dem ihm befreundeten Dr. Constantin Nörrenberg (1862-1937), der von 1904 bis 1928 die Landes- und Stadtbibliothek Düsseldorf geleitet hatte und nun seinen Lebensabend in München verbrachte, wissen wir, dass er täglich die Lippische Landeszeitung konsumierte und einen Lektürekanon von breit gestreuter Belletristik über Thomas Carlyles „Friedrich der Große“ zu „Volk ohne Raum“ des Nazi-Sympathisanten und tendenziösen Schriftstellers Hans Grimm pflegte. Seinen Literaturbedarf befriedigte er zum einen aus dem eigenen Bücherschrank, zum anderen benutzte er intensiv die Lippische Landesbibliothek. Hatte er diese anfangs gern selbst aufgesucht, ließ er sich mit zunehmendem Alter die Bücher gegen eine bescheidene Gebühr nach Hause liefern. Gelegentlich haderte er mit der schleppenden Anschaffungspolitik, musste aber einräumen, dass „die Detmolder Bibliothek mit den Konditionen sehr beschnitten sei“. Als die Landesbibliothek im November 1921 abgebrannt war und in der Folgezeit um ihren Wiederaufbau verhandelt wurde, schaltete sich Keysser in die Diskussion ein. In einem profunden Zeitungsartikel führte der erfahrene Bibliotheksdirektor der lippischen Bevölkerung und den maßgeblichen Regierungsstellen am 21. Januar 1922 die große Bedeutung der Bibliothek als Bildungs- und Forschungsstätte noch einmal eindringlich vor Augen und plädierte für einen innerstädtischen Neubau. Dazu ist es zwar nicht gekommen, doch wurde das klassizistische Palais an der Hornschen Straße wieder hergerichtet und nach damaligem Standard modernisiert.

Zwar überwog die Skepsis gegenüber dem Germanenforscher Wilhelm Teudt, dessen Lehren seiner Einschätzung nach „mit großer Vorsicht zu genießen“ seien, doch besuchte er regelmäßig die vom Keplerbund in Detmold angebotenen Vorträge und Exkursionen, und die von dieser Vereinigung, die eine naturwissenschaftliche Weltanschauung auf christlicher Basis propagierte, herausgegebene Zeitschrift „Unsere Welt“ las er „mit Leidenschaft“. Allenfalls Interesse, kaum nachhaltige ideologische Beeinflussung durch diesen Kreis sind bei ihm festzustellen. Als ehemaliger preußischer Offizier und durch die Hohenzollernmonarchie geprägter Beamter ist Adolf Keysser natürlich dem konservativen Lager zuzuordnen, und als solcher setzte er seine Hoffnungen auf Hindenburg. Hitler erteilte er eine klare Absage und es empörte ihn geradezu, als ein sonst „kultivierter Geschäftsmann“ aus Detmold diesem Positives abgewinnen konnte: „Dem habe ich grundsätzlich die Meinung gesagt“, ereiferte er sich. Mit  Gästen aus Köln besuchte er im Sommer 1929 das Heimatfest in der Künstlerstadt Schwalenberg, wo ihn besonders das Lohmeiersche Volksspiel „Grafenhuld und Bürgertreue“ begeisterte; sogar der anwesende Otto Gebühr, seinerzeit Paradeschauspieler für die Rolle Friedrichs des Großen und anderer Historienspektakel, soll sich beeindruckt zu der Laienaufführung geäußert haben. Gelegentliche Reisen in seine Heimatstadt Rinteln, nach Kassel und Köln brachten willkommene Unterbrechung in den geordneten Tageslauf des Pensionärs, dessen sehnlicher Wunsch, einmal die Stadt Weimar zu sehen, unerfüllt blieb. Darüber hinaus entfaltete der Senior in der Idylle am Fuße der Grotenburg eine beachtliche schriftstellerische Produktivität. Schon 1919 veröffentlichte er die zweibändige Sammlung „Recht und Juristen im Spiegel der Satire“, 1924 folgte die zweite Auflage der Jagdgeschichten des „alten Pape“ und 1927 kamen die eingangs zitierten „Jugenderinnerungen“ heraus.

Konnte der Jubilar seinen 80. Geburtstag noch im Beisein vieler Freunde und Nachbarn festlich begehen, so verschlechterte sich in der Folgezeit sein Gesundheitszustand zusehends. Nach Schwächeattacken im Frühjahr 1932 verließen ihn bald Energie und Lebensmut und nach einem schweren Schlaganfall starb er in den frühen Morgenstunden des 5. Juni 1932 in seiner Wohnung im „Haus Zweibuchen“. Die Wirtschafterin Maria Pütz, Nachfolgerin der bereits im Vorjahr verstorbenen Magdalene Pohlhaus, hatte an seinem Sterbebett gewacht; ihr oblag die traurige Pflicht, dem zuvor bestimmten Personenkreis die traurige Nachricht zu übermitteln. Aus Köln reiste der Oberstadtinspektor Josef Oebel an; er war ein früherer Mitarbeiter aus der Stadtbibliothek, Keysser hatte ihn früh zum Testamentsvollstrecker bestimmt. Er veranlasste das Nötige, und so erhielten die Leser der  Landeszeitung am 7. Juni Nachricht vom Ableben des „Bibliotheksdirektors a. D. und Veteranen von 1870/71“. Besonders in Hiddesen war die Trauer groß, denn der in die Dorfgemeinschaft integrierte Verstorbene galt dort als gütiger Wohltäter. Wunschgemäß erfolgte die Einäscherung im Krematorium zu Hannover, auf dem Johannisfriedhof in Osnabrück fand er seine letzte Ruhe; in dieser Stadt lebte eine Schwägerin der früheren Haushälterin. Der vertraute Freund und Kollege Constantin Nörrenberg verfasste für das Zentralblatt für Bibliothekswesen einen großartigen Nachruf, der auch als Sonderdruck Verbreitung fand. Der verstorbene Bibliotheksdirektor, dem hervorragendes berufliches Können, Pflichterfüllung, Vorbildcharakter und menschliche Wärme attestiert werden, verlebte nach eigenem Bekunden in Hiddesen die wohl glücklichsten Jahre seines Lebens. Für Lippe bedeutete seine integre Persönlichkeit zweifellos einen Gewinn.