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Per Mausklick ins 18. Jahrhundert. Die Lippische Landesbibliothek stellt „Intelligenzblätter“ online

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: BuB 61 (2009), S. 422-423.

Wenige zeitgeschichtliche Dokumente geben einen so authentischen Einblick in das kommunale Alltagsleben der Menschen des 18. und 19. Jahrhunderts wie die sogenannten „Intelligenzblätter“. Die in vielen ehemaligen deutschen politischen Territorien veröffentlichten Vorläufer heutiger Anzeigen- und Bekanntmachungszeitungen wurden bislang nur selten ausgewertet. Eine scantoweb-Lösung, die für die Lippische Landesbibliothek Detmold (LLB) konzipiert wurde, will das ändern.

Viele Tageszeitungen, so auch die heute in Detmold erscheinende Lippische Landeszeitung, gehen auf den in den 1720er Jahren erstmalig entstandenen Pressetypus der sogenannten „Intelligenzblätter“ zurück. Die häufig von der Obrigkeit geförderten lokalen „offiziösen“ Publikationen fungierten ausschließlich als Anzeigen- und Bekanntmachungsorgane. Der Leser wurde hierin beispielsweise über Getreide- und Brotpreise genauso informiert wie über die Urteile örtlicher Gerichte oder gesuchte Straftäter. Verordnungen und Erlässe, standesamtliche Bekanntmachungen und klassische Anzeigen rundeten das Inhaltsspektrum der Intelligenzblätter ab.

Nach Ansicht von Detlev Hellfaier, leitender Bibliotheksdirektor der Lippischen Landesbibliothek, stellen diese Publikationen einen bislang wenig beachteten Fundus dar. Im Sommer 2008 fiel deshalb bei der Abwägung, welche Bibliotheksbestände eine hohe Relevanz für einen möglichst breiten Kundenkreis der LLB haben und deshalb digitalisiert werden sollten, die Wahl auf die Lippischen Intelligenzblätter. „Nicht nur Historiker, auch ambitionierte Heimatkundler erhalten dadurch Zugriff auf zeitgeschichtliche Dokumente mit hohem Informationsgehalt“, so Hellfaier. Da die LLB seit Erscheinungsbeginn der Lippischen Intelligenzblätter im Jahr 1767 je ein Pflichtexemplar der meist wöchentlich erscheinenden Zeitschriften erhielt, umfasst die lückenlose Sammlung der bis 1843 publizierten Dokumente stolze 35.000 Seiten.

Externe Projektabwicklung

Obwohl die LLB über Erfahrung bei der Digitalisierung historischer Bestände verfügt, entschied Hellfaier, auf die Unterstützung kompetenter Dienstleister zurückzugreifen. „Zum einen übersteigt der Umfang der zu digitalisierenden Bestände unsere technologischen wie personellen Ressourcen, zum anderen zeigte eine Modellkalkulation, dass sich bei einer externen Projektabwicklung deutliche Kostenvorteile realisieren ließen.“ Den Zuschlag erhielt eine Anbietergemeinschaft bestehend aus dem Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein-Westfalen (hbz) sowie den scantoweb-Partnern Walter Nagel und semantics Kommunikationsmanagement GmbH. Während sich das Bielefelder Systemhaus Walter Nagel um die organisatorische Konzeptionierung und technische Implementierung des Digitalisierungs-Workflows kümmert, übernimmt das hbz im Rahmen seines scantoweb-Dienstleistungsangebots das Hosting der digitalen Bestände. Als Basis dient dem hbz dabei die von semantics entwickelte Software-Plattform Visual Library. Als Unterdienstleister für das Scannen der ausgehobenen Bestände wurde das Bielefelder Reprozentrum Rosenberger verpflichtet.
Gescannt werden die zu Büchern gebundenen Intelligenzblätter in einem Graustufen-Modus. Ein tragfähiger Kompromiss zwischen benötigtem digitalen Speicherplatz und geforderter Bildqualität. Das scantoweb-Verfahren sorgt bereits während der Digitalisierung für hohe Qualitätsstandards.

Automatische Prozesse

So wird beispielsweise die einheitliche Größe der Digitalisate mit der Scanvorgabe, das Höhe und Breite der Images eines Werkes nicht mehr als ein Prozent voneinander abweichen dürfen, sichergestellt. Neben den Informationen gemäß der TIFF-Spezifikation 6.0 werden die TIFF-Header zusätzlich mit Informationen über die verwendete Hardware und Software sowie die auftraggebende Institution befüllt.
Das hbz übernimmt die TIFF-Master des Mandanten und erzeugt hiermit die JPEG-Derivate für die spätere Web-Präsentation. Die Strukturierung und Paginierung geschieht durch spezialisierte Dienstleister. Die vom Digitalisierungsdienstleister gelieferten Digitalisate enthalten als Metadatum einen eindeutigen Identifier aus dem ALEPH-System, der in diesem Fall durch den jeweiligen Zeitschriftendatenbank-Identifier repräsentiert wird. Die einzelnen Images werden von Visual Library automatisch importiert und anhand des Identifiers mit dem Metainformationen aus den bereits bestehenden Katalogeinträgen verknüpft, die über die Z39.50-Schnittstelle der Visual Library importiert werden. Nachdem die Digitalisate bereitgestellt, die Katalogdaten aus dem Verbundkatalog gewonnen, die Uniform Resource Names (URNs) vergeben und die Webbilder erzeugt worden sind, stellt das hbz diese in ein Webportal. Dieses entspricht dem Design und Layout der Homepage der Lippischen Landesbibliothek.

Weitere Projekte in Planung

Bis Mitte des Jahres sollen alle beschriebenen Projektschritte abgeschlossen sein und das Webportal online gehen. Bereits jetzt zieht Detlev Hellfaier ein durchweg positives Zwischenresümee: „Die notwendigen Basisinvestitionen hielten sich in einem Rahmen, der es uns erlaubte, diese aus unserem zur Verfügung stehenden Budget zu bestreiten.“ Die bislang nicht genutzte Inanspruchnahme spezieller Förderungsmöglichkeiten, beispielsweise seitens der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), bietet nach Ansicht von Hellfaier vielfältige Möglichkeiten, gleichgelagerte Projekte in den kommenden Jahren weiter zu entwickeln. So können zukünftig selbstlernende OCR-Systeme, die unter anderem auch Frakturschriften erkennen und analysieren, eine Erschließung der Bestände bis auf Textebene ermöglichen.