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Gute Schachtradition

Lippe feiert Schachgenie Louis Paulsens 175. Geburtstag

von Horst Paulussen

Druckfassung in: Heimatland Lippe 101 (2008), S. 144.

→PDF-Fassung zum Download.

Louis Paulsen, 1865. Quelle: Sammlung des Verfassers.

Erst das Schachgenie Louis Paulsen (1833-1891) vom Gute Nassengrund bei Blomberg öffnete den Schachfreunden Lippes Tore in die internationale Schachwelt. Ein Schritt, der am 15. Januar 1833 bei der Geburt des kleinen Louis (nach der Geburtsurkunde Ludwig benannt) niemand ahnen konnte. Indes entstammt er wie seine Geschwister Wilfried (1828-1901), Ernst (1829-1899), Emilie (1835-?) und Amalie (1831 bis 1869) nicht nur einer Familie, der die damals lebensnotwendige . Veredelung und die Fäulnis beseitigende Kartoffelzüchtung zu verdanken ist, sondern stammt zudem von einem Schach begeisterten Vater, Dr. phil. Carl Wilhelm Johann (1791-1869), ab.

Aufgewachsen auf dem Hofe, als Buchhalter unterstellt dem Bruder Wilfried und geschätzt als „zuverlässiger, kleiner und kluger“ Bruder, wurden er und seine Geschwister in das Schachspiel eingewiesen. Hilfestellung lieferten die von den Schachmeistern von der Lasa und Bilguer sowie von Greco, Ruy Lopez und anderen alten Meistern vorhandenen Aufzeichnungen und Bücher über das „Königliche Spiel“.

Im Fürstentum Lippe gab es starke Schachfreude wie Eduard Fischer (1. e4 Sc6), Steuerrath Zumbusch (Lemgo) und einige wenige schachspielende Vertreter aus dem lippischen Fürstenhause nebst dem Militär, doch niemand war in der Lage, gegen einen der Paulsens oder gar Louis zu gewinnen.
Der Hof wurde für alle Paulsenkinder zu klein, mit dem Weserschiff „Germania“ reiste Ernst Paulsen 1849 heimlich von Erder über Bremerhaven in die Vereinigten Staaten, baute einen Tabakvertrieb in Dubuque (Iowa) auf und holte den vom Fernweh getriebenen Louis 1853 nach. „Selbstverständlich“ pflegten die Brüder das Schachspiel. Einer Empfehlung des amerikanischen Meisterspielers Allison aus Minnesota folgend, nahm Louis 1857 eine Einladung des Schachclubs in Chicago an, wo er alle Partien gewann. Im Herbst 1857 nahm er mit dem zum Freund gewordenen amerikanischen Schachgenie Paul Morphy am ersten internationalen amerikanischen Schachturnier teil, wurde Zweiter hinter Morphy und mit diesem Ereignis schon weltbekannt. Den eigentlichen Höhepunkt seiner Meisterschaft bewies er als erster Schachmeister auf dem Gebiet des so genannten Blindlingsspiels gegen fünf Gegner (Frere / Brooklyn, Dodge / New York, Dr. Hawes / Providence, Oscanyon / Konstantinopel und Heilbuth /New Orleans), ohne eine Partie zu verlieren; Paul Morphy überreichte ihm dafür eine Goldmedaille, die Irmgard und Helmut Hartmann-Paulsen der Lippischen Landesbibliothek als Dauerleihgabe übergaben. Louis Paulsen brachte es auf 15 Blindlingspartien, die Weltrekord bedeuteten. Das Blindlingsspiel war eine Anstrengung besonderer Art, da es galt, Schach ohne Ansicht des Brettes und der Figuren zu spielen. Der absehbare amerikanische Bürgerkrieg veranlasste die Brüder, wieder in die lippische Heimat zurückzukehren. Es folgten glänzende europäische und deutsche Turniere, die den Brüdern Louis und Wilfried Meistertitel aller Art, allerdings keinen Weltmeistertitel, einbrachten, dem begeisterten Tänzer Ernst jedoch den guten Ruf eines „stets schmunzelnden“ Zuschauers. Viel beachtet wurden die Zweikämpfe zwischen den ebenfalls zu Freunden gewordenen Adolph Anderssen und Louis, wobei Adolph Anderssen nicht einen Zweikampf für sich entscheiden konnte.

Wir wollen nun die weiteren Schritte unterlassen darzustellen und verweisen auf die vom Autor 1982 mit Hilfe des Lippischen Heimatbundes und des Landesverbandes Lippe herausgegebene lippische Schach-Chronik als Beitrag zur deutschen Schachgeschichte, die beim Lippischen Heimatbund zu erhalten ist. Der Autor nimmt mit diesem Beitrag die Gelegenheit wahr, sich für die großartige Unterstützung lippischer Schachfreunde und Buchliebhaber durch die Lippische Landesbibliothek mit ihrem hier sehr verdienten Leitenden Bibliotheksdirektor Detlev Hellfaier und seiner Mannschaft zu bedanken. Ohne das in der Bibliothek vorhandene Sammelgebiet mit dem Thema Schach wäre Schachlippe um ein Vieles ärmer.

Der Verfasser lebt als Kurdirektor a.D. in Horn-Bad Meinberg