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Ambitioniert und innovationsfreudig
Leiter der Lippischen Landesbibliothek feierte 25-jähriges Dienstjubiläum

von Julia Freifrau Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: ProLibris 13 (2008) H. 4, S. 134-135.

Hellfaier vor Regal mit Altbestand
Detlev Hellfaier, Direktor der Landesbibliothek seit 1983

Am 15. August 2008 begeht Ltd. Bibliotheksdirektor Detlev Hellfaier M.A. sein 25jähriges Dienstjubiläum als Direktor der Lippischen Landesbibliothek Detmold – ein seltenes Jubiläum, zumal wenn dem Jubilar noch einige arbeitsreiche Jahre bevorstehen. Im August 1983 wurde Hellfaier, zuvor Referent an der Bibliothek der Freien Universität Berlin, im Alter von 35 Jahren in das Amt berufen. Er fand eine Bibliothek vor, die baulich und organisatorisch kaum noch funktionsgerecht und wettbewerbsfähig war. Obwohl er in den Anfangsjahren in der Leitung des Hauses fast ganz auf sich allein gestellt war, erarbeitete Hellfaier ein umfassendes Modernisierungs- und Entwicklungskonzept und packte die Neustrukturierung sogleich beherzt an. In den letzten 25 Jahren hat er die Landesbibliothek ambitioniert und innovationsfreudig geführt und ihr Profil als attraktive Dienstleistungseinrichtung ganz entscheidend geprägt. Kundenfreundliche Öffnungszeiten, die passgenaue Orientierung des Literatur- und Medienangebots an den Kundeninteressen, die Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit der elektronischen Dienstleistungen und die weltweite Vernetzung sind sein Verdienst. Der Rang der Lippischen Landesbibliothek als moderne Forschungs- und Gebrauchsbibliothek in der Region Ostwestfalen-Lippe ist unbestritten.

Das wichtigste Vorhaben Hellfaiers war der vollständige Umbau des 1843 als Privathaus errichteten Bibliotheksgebäudes an der Hornschen Straße. Erst durch diesen Umbau wurden die Voraussetzungen für durchgreifende infrastrukturelle Verbesserungen geschaffen. Ab Mitte der achtziger Jahre vorbereitet, wurde die Baumaßnahme in den Jahren 1992/93 durchgeführt. Das bis dahin düster und kalt wirkende Haus wurde weitgehend entkernt und durch Verwendung von Glas überall transparent gemacht; die historische Gebäudestruktur wurde akzentuiert, der Raum durch Einzug von Emporen optimal ausgenutzt. Seither präsentiert sich die Landesbibliothek in hellen und ansprechenden Räumen als ein zeitgemäßes und zukunftsorientiertes Dienstleistungszentrum. Die aktuellen Buch- und Medienbestände aller Fachgebiete sind in großzügiger Freihandaufstellung für jedermann schnell greifbar, für die Kunden bestehen in anregender Atmosphäre hervorragende Arbeitsmöglichkeiten.

Parallel zur Planung des Bibliotheksumbaus betrieb Hellfaier im Rahmen seines Entwicklungskonzepts ein zweites Bauvorhaben, um dem Lippischen Literaturarchiv eine repräsentative und seiner Bedeutung angemessene Behausung zu verschaffen und gleichzeitig im Hauptgebäude mehr Platz für die aktuellen Bestände zu gewinnen. Das Literaturarchiv mit weltbedeutenden Handschriften-, Graphik- und Druckschriftenbeständen zu den lippischen Autoren Grabbe, Freiligrath und Weerth sowie mittlerweile sechzig weiteren Autoren der Region zog 1990 in Christian Dietrich Grabbes Geburtshaus in der Detmolder Bruchstraße. Hellfaiers Vorstellung eines Literaturhauses in Hausgemeinschaft mit der Grabbe-Gesellschaft, dem Landestheater und dem Café im Erdgeschoss haben sich jedoch nicht verwirklichen lassen. 2001 musste der Standort aus betrieblichen Gründen wieder aufgegeben werden. Auch solche Rückschritte gehören zu den Erfahrungen eines langjährigen Direktorats.

Unermüdlich betreibt Hellfaier allerdings den weiteren Ausbau dieser bedeutenden Sondersammlung. Auf Auktionen, aus Antiquariaten und Privatbesitz erwirbt er laufend Werkmanuskripte und Briefe. Spektakulär war gleich 1983 der Kauf der 58 Stücke umfassenden Korrespondenz Ferdinand Freiligraths mit dem Schriftsteller Levin Schücking oder 2001 die Berliner Auktion, bei der Hellfaier mit Hilfe von Spendengeldern 90.000 DM für bis dahin unbekannte Grabbe-Handschriften aufwenden konnte. Zuletzt hat der Bibliotheksdirektor im April 2008 zwei Stammbücher von Detmolder Bürgerinnen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts für die Sammlung erworben. Die Aufgabe, solche Neuerwerbungen seines Hauses publik zu machen, übernimmt Hellfaier immer gern. Wissenschaftlich fundierte Beiträge zu den Beständen aus seiner Feder sind ebenso zahlreich wie seine Aufsätze zur Geschichte des Hauses, seine Abhandlungen zu Landesbibliotheksfragen und Praxisberichte zur Weiterentwicklung der Lippischen Landesbibliothek.

Sehr früh schon interessierte sich Hellfaier für die Automatisierung der Geschäftsgänge seines Hauses. Es gelang ihm, die Bibliothek immer im engen Anschluss an die informationstechnische Entwicklung zu halten und die Betriebsorganisation auf die technische Infrastruktur abgestimmt zu optimieren. Für die elektronische Verwaltung sämtlicher Buch- und Mediendaten sowie der Kunden- und Ausleihdaten führte Hellfaier 1992 das integrierte Bibliothekssystem SISIS ein – eine kluge Entscheidung, denn dieses System hat sich über die Jahre bewährt, wird ständig weiterentwickelt und integriert inzwischen zahlreiche weitere Dienstleistungen, darunter die Zugänglichkeit der Katalogdaten und Benutzerkonten via Internet und die Möglichkeit der Online-Bestellung von Beständen anderer Bibliotheken weltweit im auswärtigen Leihverkehr. Über Internet und Intranet verfügt die Landesbibliothek seit 1996. Datenbank- und Online-Dienste werden bedarfsorientiert immer weiter ausgebaut.

Seit Januar 1993 arbeitet die Landesbibliothek im Nordrhein-Westfälischen Katalogverbund mit. Sie katalogisiert ihre Neuerwerbungen in einer kooperativen Datenbank der wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes, profitiert dabei von anderwärts geleisteter Vorarbeit und unterstützt ihrerseits die Arbeit der anderen Bibliotheken durch ihre Leistung. Nach Abschluss der Datenerfassung für sämtliche im Freihandbereich aufgestellten aktuellen Bestände ließ Hellfaier im Jahr 2000 mit der elektronischen Erfassung der im Magazin aufgestellten Altbestände ab Erscheinungsjahr 1501 beginnen, die überregional bis dahin nicht recherchierbar waren. Eine Vorreiterrolle übernahm die Lippische Landesbibliothek gleichzeitig mit der Erfassung von Provenienzen: Die Vorbesitzer- und Widmungseinträge der vorhandenen Bücher werden miterfasst und ermöglichen die Beantwortung auch weitergehender Fragen zur Herkunft der Bände und zu ehemals fürstlichem oder privatem Buchbesitz. Dank eines von Hellfaier aus Rücklagen initiierten Projekts „Retrokatalogisierung“ hat der immer dringlicher gewordene elektronische Nachweis der Altbestände im Herbst 2007 endlich Fahrt aufgenommen.

Ein besonderes Anliegen war und ist für Hellfaier, der schon 1979 seine Assessorarbeit einem regionalbibliographischen Thema widmete, die spezifisch landesbibliothekarische Aufgabe der Dokumentation des regionalen Schrifttums und des regionalen Quellenmaterials. Für die Literatur über Lippe, die bis dahin in gedruckten Jahresbibliographien erschlossen wurde, führte er schon 1987 die elektronische Erfassung ein. 1998 präsentierte sich die Lippische Bibliographie als erste Regionalbibliographie bundesweit auf CD-ROM. Seit 2002 ist die Datenbank, ständig wachsend, mit tagesaktuellem Datenstand im Internet frei verfügbar. Auch hier wird das ältere Titelmaterial der gedruckten Bibliographie sukzessive elektronisch nacherfasst. Doch nicht nur Literatur will Hellfaier in diesem Online-Portal nachgewiesen wissen – seit 2004 werden elektronische Volltexte, biographische Nachschlagewerke, aber in großem Umfang auch in der Landesbibliothek befindliche Bildmaterialien zu lippischen Motiven in der Datenbank digital erschlossen. Rund 14.000 Fotos, Graphiken und Plakate sind derzeit in der Lippischen Bibliographie als Image verfügbar.

Als leidenschaftlicher Regionalbibliothekar und erfahrener Kollege wird Hellfaier in Fachkreisen überregional hochgeschätzt. Weil seine bibliothekarisch-fachliche Arbeit in der eigenen Bibliothek unverzichtbar ist, hat er seine Aktivität in Fachgremien stets zurückgestellt, aber in der wichtigsten Vertretung landesbibliothekarischer Interessen, der Arbeitsgemeinschaft der Regionalbibliotheken im Deutschen Bibliotheksverband, engagiert er sich seit Jahren an führender Stelle. Seit 1997 arbeitete er im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft mit, in den Jahren 1999/2000 hatte er den Vorsitz inne, und seit seinem turnusmäßigen Ausscheiden aus dem Vorstand 2003 übt er ununterbrochen das Amt des Schriftführers aus.

Nicht nur unter Kollegen werden Hellfaiers besonnene und diplomatische Art, sein Überblick und seine Effizienz geschätzt. Der Landesverband Lippe hat seinen dienstältesten Abteilungsleiter 2004 zum Ressortleiter Kultur ernannt und ihm die Koordination seiner Kulturdienstleistungen übertragen. Im eigenen Haus genießt der Bibliotheksdirektor, der seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in eigenverantwortlichen Teams arbeiten lässt, auch wegen seiner großen Offenheit in allen Belangen hohes Ansehen. In den nächsten Jahren stehen ihm noch große Anstrengungen bevor. Nicht nur die Digitalisierung der Bestände und die globale Bereitstellung regionaler Ressourcen in digitalisierter Form steckt noch in den Anfängen. Auch ein neues Bauvorhaben hat der darin erprobte Direktor noch selbst zu stemmen: den dringend erforderlichen und für 2009/10 geplanten Magazinneubau, der den erschöpften Stellplatzkapazitäten Abhilfe schaffen und den kostbaren Altbeständen durch Klimatisierung erstmals konservatorisch einwandfreie Aufbewahrungsbedingungen schaffen soll. Möge Detlev Hellfaier auch diese Aufgaben mit Schwung meistern und die Existenz seiner Bibliothek für die Zukunft sichern.