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Ein Zug fährt ab
Kurt Müller zum 75. Geburtstag

von Julia Freifrau Hiller von Gaertringen

Druckfassung in: Heimatland Lippe 101 (2008), 7/8, S. 186-188.

In zwei deutschen Staaten
Dessauer Zirkel schreibender Arbeiter
Bücher voller Geschichten

Lesung in Bad Essen, 2007

Am 4. August 2008 feiert der Autor Kurt Müller aus Bad Salzuflen seinen 75. Geburtstag. Aus diesem Anlass lädt die Lippische Landesbibliothek zu einer Lesung ein. Kurt Müller liest aus seinem aktuellen Buch „Der Reiseantrag“, und die Landesbibliothek, die später einmal seinen Nachlass verwahren wird, eröffnet eine begleitende Ausstellung zu diesem Band, der sich mit dem wohl einschneidendsten und interessantesten Aspekt in Müllers Biographie befasst: seiner Übersiedlung in die DDR 1957 und den Jahren wachsender Unzufriedenheit mit dem politischen System bis hin zur Ausreise in die Bundesrepublik 1975. Kurt Müller wird dazu Rede und Antwort stehen und seinen Zuhörern das Ungewöhnliche seines Lebensweges begreiflich machen.

In zwei deutschen Staaten

Lesung im Dessauer Zirkel, 1965
Entlassungsurkunde aus der Staatsbürgerschaft der DDR, 1975

Geboren wurde Kurt Müller 1933 in Salzuflen. Der Vater, Kommunist, wurde nach der Machtergreifung im Frühjahr 1933 interniert, jedoch bald wieder freigelassen. Die ideologische Prägung im Elternhaus war nachhaltig. Als junger Mann engagierte sich Müller, der eine Tischlerlehre absolviert hatte, in der kommunistischen Partei, beteiligte sich an Plakat- und Flugblattaktionen, reiste 1951 über die grüne Grenze zu den Weltfestspielen der Jugend nach Ostberlin und verbrachte ausgerechnet den 17. Juni 1953 auf einem Lehrgang der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in Brandenburg. 1956 wurde die KPD in der Bundesrepublik verboten.

Im Frühjahr 1957 übersiedelte Müller als „überzeugter Kommunist“ in die DDR. Er war nicht der einzige, für den die DDR noch die Zukunftshoffnung von einer besseren Gesellschaft darstellte: auch die Schriftsteller Wolf Biermann, Peter Hacks und Adolf Endler vollzogen Mitte der fünfziger Jahre diesen Schritt. Über die Station Oranienbaum kam Müller nach Dessau, wo er als Hilfsarbeiter in der VEB Maschinenfabrik und Eisengießerei angestellt wurde. 1961 schloss er eine Fortbildung zum Dreher erfolgreich ab, 1962 bestand er eine Prüfung als Filmvorführer. Nach einem Lehrgang im Bauhaus Dessau qualifizierte er sich zum Heizungs- und Sanitärinstallateur und arbeitete ab 1965 in diesem Beruf.

Die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten. Eine Zeit lang entschuldigte Müller die Zustände als „Kinderkrankheiten des Sozialismus“. Doch spätestens mit dem Mauerbau 1961 wuchsen die Zweifel. Von der Willkür, den Bevormundungen, Demütigungen, Intrigen und Schikanen, die den Alltag der DDR bestimmten, berichten die Erzählungen in „Der Reiseantrag“. Übereifrige Bürokraten, Opportunisten, Denunzianten und Spitzel prägen den real existierenden Sozialismus. Wir lesen von Nazis, die als SED-Parteisekretäre das Sagen haben, von Funktionären, die in den Westen abhauen, von Provokateuren, die brave Staatsbürger zu staatsfeindlichen Äußerungen verleiten, von Faulenzern, die als „Held der Arbeit“ dekoriert werden, aber auch von Leuten, die sich nicht korrumpieren lassen. Zuletzt stellte Müller einen Ausreiseantrag. Die Urkunde über seine Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft datiert vom 20. November 1975. Nach der Ausreise lebte Müller zunächst in Herford, ab 1980 in Bielefeld und seit 2002 wieder in Salzuflen.

Dessauer Zirkel schreibender Arbeiter

Lesung im Dessauer Zirkel schreibender Arbeiter, 1964
Foto: Gerhard Kiesling
Treffen des Dessauer Zirkels schreibender Arbeiter in Aken, 1965.
Von links: Werner Steinberg, Ursula Hörig, Christa Borchert, Rudolf Osterndorff, Anneliese Kleinböhl, lesend: Kurt Müller

Anfang der sechziger Jahre entstanden in der DDR hunderte „Zirkel schreibender Arbeiter“. In ihnen wurde das „künstlerische Schaffen der Werktätigen“ auf literarischem Gebiet organisiert. Die Bildung dieser Zirkel war Folge der ersten Bitterfelder Autorenkonferenz des Jahres 1959, die die „Trennung von Kunst und Leben“ programmatisch überwinden und den aktiven Aufbau einer sozialistischen Literatur den „kulturschöpferischen Kräften“ der Arbeiterklasse anvertrauen wollte. Das Motto des Bitterfelder Weges hieß: „Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische deutsche Nationalkultur braucht dich!“ Schon auf dem 5. Parteitag der SED 1958 hatte Walter Ulbricht gefordert: „in Staat und Wirtschaft ist die Arbeiterklasse der DDR bereits jetzt Herr. Jetzt muss sie auch die Höhen der Kultur stürmen und von ihnen Besitz ergreifen.“

Die „Zirkel“ arbeiteten auf Betriebsebene oder auf der Ebene von Städten und Kreisen. Sie hatten einen künstlerischen Leiter, der die Treffen organisierte. Die Zusammenkünfte begannen zumeist mit einer Weiterbildung zur Theorie des sozialistischen Realismus oder allgemein zu literaturtheoretischen Grundlagen, also zum Handwerkszeug des kreativen Schreibens. Literarische Neuerscheinungen der DDR- oder Sowjetliteratur wurden besprochen. Dann lasen die Teilnehmer ihre eigenen Texte vor und diskutierten darüber. Die seit 1959 jährlich im Juni stattfindenden Arbeiterfestspiele gaben Gelegenheit zu öffentlichen Auftritten.

Auch in Dessau entstand 1960 ein „Zirkel schreibender Arbeiter“. Kurt Müller war ab 1962 dabei. Der Zirkel hatte zwölf Mitglieder und tagte unter der Leitung von Werner Steinberg, der 1956 aus Düsseldorf nach Leipzig gezogen war und in der DDR hohe Wertschätzung genoss. Es war eine strenge Schule mit hohem Qualitätsanspruch. Steinberg vermittelte literaturtheoretische Kenntnisse und ließ sie auf dem Weg der Textanalyse einüben. Er ludt Gastdozenten ein, die den Zirkel in ein literaturwissenschaftliches Seminar verwandelten; Sprechübungen schulten die Vortragstechnik. Hier begegnete Müller auch bekannten Schriftstellern wie Erwin Strittmatter, Wieland Herzfelde oder Günter de Bruyn. Die Arbeiten der Mitglieder wurden vor den Treffen vervielfältigt und versandt und mussten an den Zirkelabenden von jedem Teilnehmer einzeln inhaltlich und stilistisch bewertet werden. „Auf Härte und Genauigkeit wird großer Wert gelegt, wobei gleichzeitig eingehende Begründungen gegeben und Vorschläge besprochen werden, wie es besser gemacht werden könnte.“ Zweifellos stärkte dies die aktive wie passive Kritikfähigkeit der Mitglieder.

Steinberg sorgte auch für die Publizität seines Zirkels, ohne die eine „gesellschaftliche Wirksamkeit“ nicht zu denken war. Im Oktoberheft 1965 der Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“, der wichtigsten literarischen Zeitschrift der DDR, erschien in der Rubrik „Neue Namen“ Lyrik und Prosa von neun Dessauer Autoren. Im selben Heft befand sich der Abdruck aus Werner Bräunigs Roman „Rummelplatz“, der diesen Autor aus politischen Gründen seine Zukunft kostete – ein Fall der DDR-Literaturge­schich­te, der kürzlich beim posthumen Erscheinen des Romanfragments für Furore sorgte. Kurt Müller war mit der Kurzgeschichte „Baumann ist tot“, einer Parabel vom blinden Gehorsam, vertreten. Sie erschien auch in der Sammlung „Bitterfelder Ernte“ mit Texten schreibender Arbeiter aus dem Bezirk Halle, die Rat und Gewerkschaftsbund des Bezirks anlässlich der 10. Arbeiterfestspiele 1968 herausgaben. Im selben Jahr veröffentlichte Steinberg als „Poetische Werkstatt“ eine Anthologie des Dessauer Zirkels, darin Müllers Texte „Baumann ist tot“ und „Mit Traven auf der Bank“.

Bücher voll Geschichten

Umschlagabbildung des Buches "Der Reiseantrag" von Kurt Müller

1970 löste sich der Dessauer Zirkel auf. Einige seiner Mitglieder profitierten sehr von der Zirkelarbeit und etablierten sich als freischaffende Schriftsteller. Nicht so Kurt Müller. Er gab nach seinen frühen Versuchen, mit denen er auch zwei Preise bei literarischen Wettbewerben errang, das Schreiben auf.

Erst 1980, zurück in der Bundesrepublik, in Zeiten unfreiwilliger Muße, fing er wieder an und hat seither, bestärkt durch den Erfolg, ein beachtliches Werk vorgelegt. Sein erster Band mit Erzählungen „Mit Traven auf einer Bank“ erschien 1984. In „Die Liebe hat bunte Flügel“ (1986) bietet Müller ein buntes Kaleidoskop menschlicher Bindungsmöglichkeiten; sein Sinn für die kleine Form offenbart sich auch in den Kurzgeschichten aus „Holprige Wege geht das Leben“ (1989). Seiner eigenen westfälisch-lippischen Heimat setzte er in „Das Kuckucksei“ (1993) und „Der Birkenbaum am Hellweg“ (1998) ein Denkmal, der masurischen Heimat seiner Frau in „Der Ochse im Schlepiener See“ (1996). Eine erste Rückschau bot der Band „Emmerichs Erben“ (2000). Die Erzählung „Im Wald bei Kleinenberg“ (2002) geht der Ermordung des sozialdemokratischen Detmolder Journalisten Felix Fechenbach im Jahr 1933 nach, auf das Material war Müller in der Lippischen Landesbibliothek gestoßen. „Die Mörder sitzen in der Oper“ (2004) behandelt bekannte und unbekannte Fälle von Verbrechen der NS-Zeit, auch aus Lippe.

Immer haben Müllers Geschichten einen authentischen Kern, vieles beruht auf seinem eigenen Erleben. Alltägliches wird zugespitzt und nicht ohne Humor präsentiert. Die, von denen erzählt wird, begleitet ihr Autor mit Sympathie und Einfühlungsvermögen. Wir gratulieren ihm zum Geburtstag und wünschen ihm noch viele Jahre voller Schaffensfreude.